BISS-Ausgabe November 2020 | Glück in schweren Zeiten

Cover des BISS-Magazins November 2020

Thema | Abschied nehmen| Einen geliebten Menschen zu verlieren – entweder schleichend durch eine Krankheit oder durch Tod – wirft viele existenzielle Fragen auf | 6 Urlaub trotz Demenz: Pause vom Alltag in der Langau| 10: Hinterblieben: Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist | 16 Was von einem Menschen übrig bleibt: Was passiert, wenn Menschen, die keine Angehörigen haben, sterben| 18 Epilepsie: Wenn das Gehirn plötzlich aussetzt | 22 Der Weg durch die Krise: BISS-Anzeigenkunden erzählen, wie es ihnen durch Corona ergangen ist | 24 Rückblick & Ausblick | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben.

DER KAFFEE AM BAHNHOF

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

ALEXANDER FUCHS: Seit 30 Jahren bin ich bei der Polizei, davon 24 Jahre am Hauptbahnhof. Mein Job ist es, Kontakt zu allen Menschen zu halten, die regelmäßig hier sind: zu fragen, wie die Lage ist, wo es Schwierigkeiten gibt, was den Gästen auffällt. So habe ich auch Toni Menacher kennengelernt.

TONI MENACHER: Das war 2015, da habe ich noch hier im Zwischengeschoss verkauft. 

Toni Menacher, BISS-Verkäufer, früher am Hauptbahnhof, jetzt am Stachus und Alexander Fuchs, Kontaktbeamter der Münchner Polizei am Hauptbahnhof

AF: Meist ergibt sich so eine Bekanntschaft mit der Zeit. Erst sagt man sich regelmäßig „Guten Morgen“, dann fragt man auch mal „Wie geht’s?“ Und mittlerweile trinken wir zusammen Kaffee und plaudern über den Urlaub.

TM: Auch seine Frau hab ich schon kennengelernt und seine Tochter. Natürlich kenne ich hier viele Leute, aber mit dem Alexander war es immer besonders nett. Und es war gut, zu wissen, dass ich ihm erzählen konnte, wenn mir was aufgefallen ist, was komisch war. Das fällt einem leichter, als Anzeige zu erstatten. Auch wenn es mit Kunden Probleme gab, konnte ich zu ihm.

AF: Genau auf so was bin ich auch angewiesen – Menschen, die hier, wie Toni oder andere Verkäufer, lange stehen, sehen mehr und andere Dinge als ich. Es gibt viele Menschen, die sich schwertun mit dem Kontakt zur Polizei, zum Beispiel, weil sie aus Ländern kommen, wo man die Polizei meidet. Die müssen erst lernen, dass ich ihnen nichts Böses will. 

TM: Seit ich 2017/2018 an den Stachus gewechselt bin und dort verkaufe, sehen wir uns nicht mehr so oft.

AF: Stimmt, eher durch Zufall. Aber wenn ich mal am Stachus bin, schau ich immer auch, ob der Toni da ist. 

Freiheit in Geborgenheit

Von Gabriele Winter

Südlich von München, nicht weit entfernt von der Wieskirche, können Menschen mit ihren an Demenz erkrankten Angehörigen Urlaub machen. Wir haben ein Paar in der Langau begleitet.

Foto: Bethel Fath

Ehepaar Becker

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten …“, singt Renate Becker voller Inbrunst. Für sie haben diese Worte eine ganz eigene Bedeutung, denn seit fünf Jahren pflegt die 82-Jährige ihren demenzkranken Mann Claus. Die Gedanken ihres Mannes bleiben für Renate Becker zunehmend ein Geheimnis, denn ihr früher so kommunikativer Partner kann keine komplexen Unterhaltungen mehr führen. Doch beim Singen fällt ihm der Text noch ein: „… sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten …“, stimmt Claus mit ein. Die Beckers sitzen mit zwei anderen Paaren, bei denen ein Partner den anderen pflegt, auf der Gartenterrasse der Bildungs- und Erholungsstätte Langau in Steingaden, auf dem Schoß eine Mappe mit Liedern. Die weitläufige Terrasse ist mit Büschen begrenzt und gehört zum Demenzbereich, was aber nur Eingeweihte wissen. Niemand fühlt sich hier eingesperrt und stigmatisiert – gelebte Inklusion also. Mitarbeiterin Lisa Wohlfrom betreut das Singen und bewundert die Textsicherheit, vor allem der dementen Sänger*innen. Wohlfrom kümmert sich in der Langau um Entlastungsangebote für  Angehörige von Menschen  mit Demenz. Dort, im Pfaffenwinkel unweit der Wieskirche, können Demenzkranke und Menschen mit Behinderung mit ihren pflegenden Angehörigen so Urlaub machen, dass es sich auch wie Urlaub anfühlt.

Weiterlesen „Freiheit in Geborgenheit“

Pause für die Kultur

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang Räuschl

Normalerweise würde ich jetzt sehr gerne von meiner alljährlichen Reise nach Verona berichten, aber wie so vieles ist auch sie wegen Corona abgesagt worden. Keine Kulturveranstaltungen von März an, ob Gasteig oder anderswo. Natürlich bin ich sehr traurig, aber man muss der Gesundheit und der Vernunft nun mal den Vortritt lassen. Hoffentlich beginnt mit der neuen Saison ab Herbst in München wieder das kulturelle Leben: Denn es wird für mehrere Jahre die letzte Spielzeit am Gasteig sein, danach geht es nach Sendling ins Ausweichquartier. Viele meiner Stammkunden haben mir erzählt, dass sie vielleicht in den Ersatzsaal gehen werden und sich freuen würden, wenn wir uns dort treffen. Andere wiederum wollen aussetzen und warten auf das neue Konzerthaus am Ostbahnhof. Ich möchte all die Jahre, in denen ich am Gasteig meine Zeitung verkauft habe, egal bei welchem Wetter, nicht vergessen. Es waren immer schöne Tage und Nächte, und so mancher Stammkunde kam mit mir ins Gespräch, erzählte mir vom Konzert, dem Orchester, das spielte, und ob der Dirigent gut oder schlecht war. In dieser Zeit lernte ich auch sehr viele Menschen kennen, die am Gasteig arbeiten: von Herrn Wagner, dem Chef des Hauses, bis zur Garderobenfrau. Manchmal kam es mir wie eine kleine Familie vor, die alles für ihre Gäste tut. Nun ist das Haus seit März geschlossen, nur die Stadtbücherei ist geöffnet. In den vergangenen Monaten ging ich öfter dran vorbei, um mich zu erkundigen, ob vielleicht doch die ein oder andere Veranstaltung stattfindet. Aber ich kam mir vor wie in einer Geisterstadt, in der alles verschlossen ist. Ich blicke nach vorn und stehe bereits in den Startlöchern, die Gäste und meine Stammkunden wiederzusehen und die BISS wieder vor dem Gasteig zu verkaufen. Mit Mundschutz natürlich. Und ich träume vom nächsten Jahr, wenn ich dann hoffentlich wieder ein paar Tage in meiner Lieblingsstadt Verona sein und einen schönen Opernabend erleben kann. Auf eine tolle Spielzeit! Bleiben Sie gesund und möge Corona verschwinden.

Neulich in Hamburg

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Vor ein paar Wochen fuhr ich mit der Bahn zu einem Treffen mit Kollegen anderer Straßenzeitungen nach Hamburg. Ich reiste schon am Vorabend an, denn wir hatten uns früh am nächsten Morgen verabredet. Als ich an der Rezeption des reservierten Hotels einchecken wollte, teilte mir der Empfangsmitarbeiter freundlich, aber unmissverständlich mit, dass man mich auf gar keinen Fall beherbergen dürfe, denn ich käme aus dem Corona-Hotspot München. Die entsprechende Verordnung des Hamburger Senats war just an dem Tag erlassen worden, was ich auf der Bahnfahrt gar nicht mitbekommen hatte. Zwar verstand ich in dem Moment, dass sich das Hotel nicht einfach über die Anordnung hinwegsetzen konnte. Allerdings vertrat ich die Meinung, man hätte mich unterwegs, spätestens beim Online-Check-in, per E-Mail darüber informieren müssen. Außerdem könne man in einem guten Hotel einen Gast nicht einfach abweisen, man müsse ihm eine Alternative anbieten. Es ging dann ein bisschen hin und her, stets verbindlich im Ton, aber halt in der Sache weit auseinander. Trotzdem war ich zu keinem Zeitpunkt richtig in Sorge. Nachdem ich selbst eine Ausbildung im Hotelfach gemacht und viele Jahre in der Branche gearbeitet habe, war ich mir sicher, dass sich eine praktikable Lösung finden wird. So war es, wie sich beim genauen Lesen der Anordnung letztendlich herausstellte: Untersagt waren Übernachtungen aus „touristischen Zwecken“, nicht jedoch die von Geschäftsreisenden. So bekam ich das reservierte Zimmer und die scheinbar unüberwindbare Hürde löste sich in allgemeines Wohlgefallen auf.

An diese Gegebenheit im Hotel habe ich mich vor Kurzem bei einem Treffen des Bündnis München Sozial, in dem 66 sozialpolitisch aktive Organisationen der Stadt zusammengeschlossen sind, erinnert. Dort wurde darüber geklagt, wie extrem schwierig es aktuell für hilfebedürftige Menschen ist, einen Zugang zu Beratung und Hilfe zu bekommen. Der direkte Kontakt ist, wenn überhaupt, oft nur eingeschränkt oder nach telefonischer bzw. per Online-Voranmeldung möglich. Wer jemals einen Antrag für Arbeitslosengeld oder eine geförderte Wohnung ausgefüllt hat, weiß, wie schwierig das ist. Für jemanden in besonderen sozialen Schwierigkeiten, von Armut und Obdachlosigkeit bedroht oder betroffen, ist es ohne Hilfe nahezu unmöglich. In guten Hotels gilt das Motto „Der Gast ist König“, ohne Gäste gäbe es keine Hotels. Für soziale Dienstleistungen gilt das ebenfalls, der hilfebedürftige Mensch steht im Mittelpunkt, er legitimiert die Existenz von Hilfsangeboten, Diensten und Behörden. Man kann seinem Gegenüber, egal ob Gast, Kunde oder Klient, zwar nicht immer die perfekte Lösung anbieten, aber ohne ein Angebot, das ihm weiterhilft, sollte man ihn nicht gehen lassen.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin