BISS-Ausgabe September 2020 | (Alb)träume

Cover des BISS-Magazins September 2020

Thema | Träume und Albträume | Für die einen werden Träume trotz Handicap wahr, andere erleben einen Albtraum, der nicht enden will | 6 Gärtnern in der Stadt: Der ideale Rückzugsort in bedrängenden Zeiten | 12 Luisa Wöllisch im Interview: Bühnenstar trotz Handicap | 18 Gedächtnisambulanz: Schusselig oder bald dement?  | 22 Bildungsschere: Corona nimmt vielen Kindern die Bildungschancen | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben.

Illustration: Martin Fengel

DIE BISS- BETRIEBSRENTE

Protokoll FELICITAS WILKE

FRED DE MARCO: Ich habe seit 2008 eine Versicherungsagentur, die Geld nach ethischen, sozialen und christlichen Kriterien anlegt. Dabei organisiere ich auch die BISS-Betriebsrente. Herrn Mathe und viele andere Verkäufer kenne ich, weil ich regelmäßig in der Geschäftsstelle vorbeischaue.

FERENC MATHE: Ich bin jetzt im vierten Jahr BISS-Verkäufer. Ursprünglich komme ich aus Rumänien, wo ich als Mechaniker tätig war. Doch meine Rentenansprüche sind mager. In Ungarn habe ich schwarz gearbeitet und deshalb in keine Rentenkasse eingezahlt.

Ferenc Mathe, BISS-Verkäufer und Fred de Marco, Versicherungs- und Finanzkaufmann

FDM: Viele BISS-Verkäufer haben in ihrem früheren Erwerbsleben am System vorbeigearbeitet und sind von Altersarmut bedroht. Deshalb ist das Konzept, das BISS zur betrieblichen Vorsorge aufgelegt hat, so wertvoll. Jede Summe bis 130 Euro, die ein Verkäufer zur Seite legt, wird von BISS verdoppelt. So profitieren auch Menschen, die vorher nicht so viel fürs Alter sparen konnten.

FM: Bei mir sind es 120 Euro pro Monat, die BISS auf 240 Euro erhöht.

FDM: Wenn die Verkäufer in den Ruhestand gehen, entscheiden sie selbst, ob sie sich die Rente monatlich oder als Einmalzahlung auszahlen lassen möchten. Viele entscheiden sich für die Einmalzahlung, um dann eine größere Anschaffung tätigen zu können.

FM: Ich bin jetzt 63 und weiß noch nicht genau, wann ich in den Ruhestand gehe und wo ich ihn verbringe. Aber wenigstens mache ich mir keine großen Sorgen ums Geld.

Ene, mene, muh und raus bist du!

Text CLAUDIA STEINER Fotos BENJAMIN SCHMIDT

Für Familien mit Kindern war das Homeschooling während der Corona-Krise eine Herausforderung. Für bildungsferne und sozial schwache Familien oder Familien ohne ausreichende Deutschkenntnisse waren die Schulschließungen viel mehr: eine Katastrophe. Viele Schüler wurden abgehängt.

Marinella übt mit ihrer Mutter

Das ist schwer“, jammert Katinka und sieht Claudia Kindler frustriert an. „Kuck doch – tausend Sätze“. Stockend liest die Elfjährige aus einem Kinderbuch vor: „Be-so-r-gt“. „Weißt du, was ‚besorgt‘ heißt?“, fragt Claudia Kindler. Katinka schüttelt wortlos den Kopf. „Wenn jemand Angst vor etwas hat, sich Sorgen macht, dann ist er besorgt.“ Auch Claudia Kindler schaut besorgt. Die Corona-Krise hat Katinka und ihre Schwester Klara schulisch ein ganzes Stück zurückgeworfen. Katinka, die Lernschwächen und soziale Anpassungsschwierigkeiten hat, geht in eine heilpädagogische Einrichtung. Ihre acht Jahre alte Schwester Klara, eine sehr motivierte und aufgeweckte Schülerin, ist in der zweiten Klasse. Normalerweise geht Klara nach dem Unterricht in den Hort, Katinka bekommt Unterstützung von Pädagogen und Therapeuten. Doch während des Corona-Lockdowns war alles anders: keine Schule, kein Hort, keine Hausaufgabenbetreuung, keine Therapien. Die beiden Mädchen aus Pasing waren zu Hause – wie Tausende andere Kinder –, nur dass ihre aus Rumänien stammenden Eltern, die als BISS-Verkäufer und Küchenhilfe arbeiten und nur wenig Deutsch sprechen, ihnen beim Homeschooling nicht helfen konnten.

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Venedig und Corona

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Die Corona-Zeit ist für uns alle nicht einfach, auch für uns BISS-Verkäufer nicht. Trotz allem gibt es auch Positives zu berichten, zum Beispiel weniger Umweltverschmutzung. Ich persönlich merke das, wo ich wohne, in Obermenzing. So eine reine Luft wie im April habe ich dort noch nie erlebt. Und auch jetzt, wo wieder mehr Menschen unterwegs sind, ist sie immer noch besser als vor Corona. Ich denke, dass das auch mit dem Flugverkehr zusammenhängt, der stark zurückgegangen ist. Am meisten freue ich mich aber für Venedig. In diesem Fall muss ich ganz ehrlich sagen: Danke, Corona. Ich bin mit dem Auto 20 Minuten entfernt von dort geboren und aufgewachsen. Viele Erinnerungen sind mir heute noch präsent. Ich denke an eine Zeit, wo keine „Monster-Kreuzfahrtschiffe“ auf dem Canal Grande zu sehen waren. Dank Corona ist Venedig zurzeit monsterfrei. Alle Venezianer hoffen, dass es so bleibt. Ich auch. Venedig ist ein fragiles Kunstwerk und diese unästhetischen Kreuzfahrtschiffe passen einfach nicht ins Stadtbild. Sie sind wie Hooligans im Louvre-Museum in Paris: Das passt auch nicht.

Auf dem Weg zur UN

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Neulich kam Shalimar, Münchnerin, 18 Jahre alt, mit ihrem Schulzeugnis in die BISS-Redaktion. Mit Mund-Nasen-Schutz und in bester Stimmung präsentierte sie ihr Zeugnis, das ihr schwarz auf weiß die Fachhochschulreife bescheinigt. Sie meinte, ihre Noten wären sicher besser gewesen, wenn im zweiten Halbjahr 2020 ausreichend Unterricht stattgefunden hätte. Worauf es aber letztendlich ankommt, wusste Shalimar sehr genau: Mit dem Zeugnis hat sie die Möglichkeit zu wählen, zwischen einer Berufsausbildung und einem Studium oder wofür auch immer sie sich entscheidet. Dabei standen für Shalimar, statistisch gesehen, die Chancen auf einen höheren Schulabschluss eher schlecht – bildungsferner Haushalt mit niedrigem Einkommen, alleinerziehende Mutter, beengte Wohnverhältnisse und das noch in Bayern! Wie extrem schwierig die schulische Situation für Kinder aus benachteiligten Familien in der Corona-Zeit ist, ist auch Thema im Heft (Seite 22 bis 25). Diese Kinder haben das enorme Glück, bei liebevollen und fürsorglichen Eltern aufzuwachsen, die ihnen aber beim Lernen zu Hause trotzdem nicht helfen können. Über den Politikstil des bayerischen Ministerpräsidenten in der Corona-Krise hört man manch Positives. Söder wirkt entschlossen und umtriebig. Das Thema Schulunterricht scheint jedoch nicht ganz oben auf seiner Prioritätenliste zu stehen. Würde ich an allmächtige Chefinnen und Chefs glauben, müsste man fordern, Bildung endlich zur Chefsache zu machen. In praktisches Handeln umgesetzt, müsste Söder die klügsten und besten Leute darauf ansetzen, die er auftreiben kann. Und die bayerische Regierung muss Geld, richtig viel Geld bereitstellen. Nur so könnten endlich Schulzimmer renoviert, Lehrer*innen eingestellt und Material angeschafft werden. An den betroffenen Kindern rächen sich die Versäumnisse der bayerischen Politik. So haben mehr als zwei Drittel aller Schulen in Bayern kein ausreichendes Internet. Andere Länder in der Europäischen Union sind hier besser aufgestellt. Vielleicht kann es im Herbst nur mit halbierten Klassen im Präsenzunterricht wieder losgehen. Das funktioniert aber nur mit einer ordentlichen Ausstattung, offline und online! Die kluge Shalimar würde am liebsten für eine internationale Organisation wie die United Nations arbeiten. Welcher Studiengang sich für dieses Vorhaben besonders eignet, versucht sie gerade herauszufinden. Wir haben ihr aus vollem Herzen und mit einem Fahrrad als Geschenk gratuliert. Damit kann Shalimar durch die Stadt, vielleicht sogar bis zur UN flitzen.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin