BISS-Ausgabe März 2020 | Rassismus

Cover des BISS-Magazins März 2020

Thema | Rassismus im Alltag | Von kleinen Sticheleien bis zu offenen Übergriffen: Kaum ein Tag vergeht, an dem Betroffene nicht mit ihrem Anderssein konfrontiert werden |6 Alltagsrassismus: Betroffene erzählen von ihren Erlebnissen? | 12 Altersarmut von Frauen: Interview mit Prof. Dr. Irene Götz | 16 Was denken junge Menschen? Einblicke in die aktuelle Shell Jugendstudie | 20 Internationale Wochen gegen Rassismus: Interview mit BISS-Mitbegründer Dr. Jürgen Micksch| Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

NACHBARSCHAFT

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

WALTRAUD RÖVEKAMP: Wir beide haben jahrelang in demselben Hochhaus im Norden von Schwabing gewohnt. Kennengelernt haben wir uns bei einem Sommerfest in unserem Hof.

HANS PÜTZ: Wir sind beide „Zugezogene“. Ich komme ursprünglich aus Düsseldorf. Als ich in den Achtzigern nach München gezogen bin, war mir die Münchner Schickeria erst einmal fremd. Aber nach ein paar Monaten habe ich mich eingelebt.

Hans Pütz, ehemaliger BISSVerkäufer und Waltraud Rövekamp, Rentnerin

WR: Ihr Rheinländer geht auf Menschen zu! Ich bin in Münster geboren und 1977 nach München gekommen. Auch ich fühlte mich hier nicht sofort zu Hause, doch nach circa zwei Jahren lernte ich meinen späteren Mann und über ihn viele Freunde und Bekannte kennen. Später kam auch Hans dazu. Als wir noch Nachbarn waren, sind mein Mann und ich mit Hans öfter mal ein Bier trinken oder essen gegangen.

HP: Dann bin ich krank geworden. Meine Augen verschlechterten sich, vor  gut  einem Jahr wurde zudem Krebs diagnostiziert, und ich konnte nicht mehr arbeiten. Waltraud hat mich sehr unterstützt, war für mich einkaufen, hat mir beim Papierkram geholfen und mich in verschiedenen Krankenhäusern besucht.

WR: Ich mache das gern. Nächstenliebe  kann jeder,  man  muss nicht unbedingt  ein Christ sein. Heute lebt Hans im Münchenstift, ganz in der Nähe unserer alten Wohnung. Ich besuche ihn  mehrmals  die Woche, dann gehen wir gemeinsam spazieren oder machen Arztbesuche. Eigentlich sind wir immer noch wie Nachbarn!

„Wir können alle zu einem menschenfreundlichen Land beitragen“

In einem unscheinbaren Verwaltungsgebäude in der Nähe des Darmstädter Hauptbahnhofs hat die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus ihren Sitz. Von hier aus organisiert Jürgen Micksch mit seinem Team jedes Jahr die gleichnamigen Aktionswochen, die in diesem März zum 25. Mal in Deutschland stattfinden und vom 16. bis zum 29. März 2020 unter dem Motto „Gesicht zeigen – Stimme erheben“ stehen. Micksch, 79, setzt sich seit Jahrzehnten für benachteiligte Menschen in der Bevölkerung ein. Er gehört auch zu den Gründern der BISS und hat Pro Asyl ins Leben gerufen. Ein Gespräch über Rassismus früher und heute, über verletzende Sprache und seine eigene Biografie als Flüchtlingskind.

Von FELICITAS WILKE

DR. JÜRGEN MICKSCH wurde 1941 in Breslau geboren und wuchs nach der Flucht in Niederbayern auf. Als Jugendlicher spielte er am Residenztheater und an den Kammerspielen. Anschließend studierte er Theologie, Philosophie und Soziologie. Zwischen 1984 und 1993 war er stellvertretender Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing. Dort trafen sich im Jahr 1991 auf der Tagung „Obdachlosigkeit – ein Skandal und seine Folgen“ Medienleute, Sozialarbeiter, Obdachlose, kirchlich und sozial Engagierte. Dr. Jürgen Miksch regte das Projekt an, nach amerikanischem Vorbild ein Münchner Straßenmagazin herauszugeben. Aufgrund des Einsatzes vieler Engagierter konnte im Oktober 1993 die erste BISS-Ausgabe realisiert werden. Dr. Jürgen Miksch gründete zahlreiche Projekte und Organisationen, darunter Pro Asyl, den Interkulturellen Rat, das Deutsche Islamforum und die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus.

Herr Micksch, gehen die Menschen hierzulande heute anders mit dem Thema Rassismus um als vor 25 Jahren?

Auf jeden Fall. Heute würde kein vernünftiger Mensch mehr bestreiten, dass Rassismus in unserer Gesellschaft existiert – wahrscheinlich nicht mal die Menschen mit rassistischen Einstellungen selbst. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Vor 25 Jahren war es in Deutschland noch die landläufige Meinung, es gebe hierzulande seit Ende des Zweiten Weltkriegs keinen Rassismus mehr.

Ein Trugschluss.

Natürlich. Der Rassismus ist nie ausgestorben. Das haben die offenkundig rassistisch motivierten Gewalttaten gezeigt, die Neonazis Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland verübten. In Hoyerswerda, in Solingen oder Mölln, um nur ein paar zu nennen.

Auch als Reaktion darauf riefen Sie im Jahr 1995 die Wochen gegen Rassismus ins Leben.

Ich bin ein etwas sturer Mensch (lacht). Es irritierte mich, wie wenig Aufmerksamkeit der Internationale Tag gegen Rassismus in Deutschland erfuhr, den es ja schon viel länger gibt. Also habe ich einfach mal angefangen und weitergemacht, auch als die Aktionswochen anfangs auf wenig Interesse stießen. In den ersten Jahren haben wir nur eine Handvoll Veranstaltungen organisiert. Doch nach sechs, sieben Jahren wurden es immer mehr.

Wie erklären Sie sich, dass wir als Gesellschaft heute anders auf die Problematik blicken als damals?

Dazu haben leider viele furchtbare Dinge beigetragen. Die NSU-Morde, zuletzt auch die Ereignisse in Halle, die uns vor Augen führten, dass es heute genau wie damals gewalttätige Rassisten in unserem Land gibt. Andererseits setzen sich aber auch viel mehr Menschen als früher gegen Rassismus ein. Das ist eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung, zu der viele beigetragen haben: die Vereine, die Kirchen, die Flüchtlingshelfer – und sicherlich auch unsere Stiftung.

Weiterlesen „„Wir können alle zu einem menschenfreundlichen Land beitragen““

Das Grundbedürfnis Wohnen

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ercan Uzun

Der Mensch hat laut Maslowscher Bedürfnispyramide Essen, Trinken und Schlafen als Grundbedürfnisse. Danach kommen erst Luxusbedürfnisse wie Alkohol oder Zigaretten. Als Allererstes braucht der Mensch also ein Dach über dem Kopf. Während ich in der Psychiatrie war, habe ich gemerkt, wie wichtig der Schlaf für den Menschen ist. Immer wenn ich schlecht geschlafen habe, fiel es mir schwer, mich zu konzentrieren und das Therapieprogramm durchzuziehen. Als Kind ging mir das noch anders: Unser Vater schickte uns früh ins Bett, auch wenn wir noch nicht müde waren. Meine Familie hatte zwar immer ein Dach über dem Kopf, aber wir sind als Hausmeisterfamilie x-mal umgezogen. Erst als Baby nahe dem Sendlinger Tor, dann in Solln in die eine Wohnung, später ein paar Häuser weiter in die andere. Ich entwickelte in meiner Kindheit einen regelrechten Horror vor dem Umziehen. Mit jedem Wechsel musste man sich an ein anderes Umfeld gewöhnen. Meine erste eigene Wohnung hatte ich mit Mitte 20 in Mittersendling. Zu dem Zeitpunkt ging es aufwärts mit mir. Ich gründete eine Reinigungsfirma. Nach ein oder zwei Jahren sind wir in die Parkstadt Solln gezogen – wir, das waren zu dem Zeitpunkt schon meine Frau, ich und unser erster Sohn. Allerdings wurde die Wohnung immer teurer und wir hatten ständig Probleme, die Miete zu bezahlen. Von den 20 Jahren, die wir in der Parkstadt Solln lebten, warteten wir rund 15 Jahre lang auf eine günstigere Wohnung. Vor ungefähr drei Jahren haben wir dann endlich eine Sozialwohnung in der Nähe des Westparks zugewiesen bekommen. Daran sieht man, dass es selbst als BISS-Verkäufer schwer ist, eine Sozialwohnung in München zu bekommen. Mein Dank gilt der Stadt München, die es nach so vielen Jahren doch noch geschafft hat, uns als Familie glücklich zu machen.

Wählen? Unbedingt!

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Zuerst hab ich es gar nicht glauben wollen, dass nur 42 Prozent der Münchner Wahlberechtigten bei der letzten Kommunalwahl, 2014, ihre Stimme abgegeben haben! Schließlich dürfen alle Personen wählen, die die deutsche oder eine andere EU-Staatsangehörigkeit haben, am Wahltag 18 Jahre alt sind und seit mindestens zwei Monaten ihren Hauptwohnsitz in München haben oder sich mit dem Schwerpunkt ihrer Lebensbeziehungen in München aufhalten. Von den BISS-Verkäufern erfüllen fast alle diese Voraussetzungen, trotzdem liegen für sie, wie für viele andere Menschen, die im Leben Armut und Benachteiligung erfahren haben, die Hürden, sich zu beteiligen, besonders hoch. Manchmal liegt das an fehlenden Deutsch- und Ortskenntnissen. Noch stärker wiegt, dass benachteiligte Menschen es nicht wagen, ihnen zustehende Rechte einzufordern und wahrzunehmen. Wir BISSler haben uns für die kommende Kommunalwahl am 15. März zum Ziel gesetzt, so viele Verkäufer wie möglich zu motivieren, zur Wahl zu gehen. Von der Europawahl wissen wir, dass das nicht mit einem Aufruf allein getan ist, sondern dass man das mit langem Vorlauf anschaulich gestalten muss. So ist im Büro in der Metzstraße eine Tafel mit den wichtigsten Informationen und Musterdokumenten aufgestellt, mit deren Hilfe man alle Verkäufer, die ins Büro kommen, direkt ansprechen kann. Und wir wollen natürlich gute Stimmung machen und zeigen, dass Wählen keine schwere Last ist, sondern Spaß machen kann. Wir haben für die Verkäufer, die glaubwürdig versichern, dass sie am 15. März bei der Kommunalwahl mit abgestimmt haben, einen Preis ausgelobt: eine Reise für zwei Personen in einen bayerischen Ort der Wahl, An- und Abreise mit der Bahn sowie zwei Übernachtungen mit Frühstück in einem schönen Hotel. Ich bin schon gespannt darauf, wer gewinnt und wohin die Reise geht – vielleicht nach Aschaffenburg, oder gar nach Zwiesel? Welcher Partei und welchem Kandidaten jemand seine Stimme gibt, bleibt selbstverständlich ihm überlassen. Wir BISSler setzen darauf, dass die Wähler eine Vorstellung davon haben, welche demokratischen Parteien für eine Gesellschaft eintreten, in der auch die Schwächeren einen lebenswerten Platz finden. Und dass sie diejenigen Politikerinnen und Politiker wählen, die sich dafür einsetzen, dass wieder mehr kluge Kinder aus einfachen Verhältnissen auf höhere Schulen gehen. Eine Politik, die natürlich das Eigentum der Menschen schützt und trotzdem verhindert, dass Spekulanten sich auf Kosten der Schwächeren bereichern. Ich bin da zuversichtlich, dass die Münchner Stadtgesellschaft und auch die anderen Bayern am 15. März eine gute Wahl treffen werden!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin