Zeit statt Geld

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Anlässlich einer Veranstaltung zum Thema Zeit und Nachhaltigkeit ging es auch um die Frage, ob arme Menschen generell mehr Zeit als wohlhabende Menschen haben, was wiederum in Zeiten des allgemein beklagten Zeitmangels allen Anwesenden von Vorteil schien. Schon aus dem Bauch heraus habe ich diese Annahme kategorisch abgelehnt. Ich kenne keine armen Menschen, die Zeit und Muße haben, sondern eher solche, denen es an fast allem mangelt und die genau aus diesem Grund den ganzen Tag damit beschäftigt sind, um ihr Überleben zu kämpfen. Insbesondere obdachlose Menschen müssen sich jeden Tag aufs Neue um das Allernötigste bemühen: Hygiene, Essen, Medikamente und einen sicheren Schlafplatz für die Nacht. Selbst diejenigen, denen im System der sozialen Sicherung ein bisschen mehr zur Verfügung steht, beispielsweise eine Unterkunft oder Grundsicherung, müssen warten und sich in Geduld üben, bis von anderen über ihre Anliegen entschieden wird. Besonders eindrucksvoll beschreibt das der amerikanische Soziologe Matthew Desmond in seinem Buch „Zwangsgeräumt“. Er hat über längere Zeit in Milwaukee bitterarme Menschen und ihre Familien begleitet. Die vielen Menschen, die dort in Wohnwagenparks und Ghettos leben, sind, so scheint es, fast ausschließlich damit beschäftigt, Geld entweder für die Miete ihrer erbärmlichen Unterkünfte oder für die Kosten einer Zwangsräumung, wie die Einlagerung ihrer Möbel, beizubringen. Dort hat niemand mehr die Kraft, sich für die Erziehung und Schulbildung seiner Kinder oder gesellschaftliche Themen wie den Umweltschutz einzusetzen. Es ist darum notwendig, dass sich durch die Politik die Verhältnisse für die Menschen verbessern, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. Damit die Interessen der Schwachen nicht untergehen, braucht es unsere solidarische Unterstützung. Das haben schon die Revolutionäre um Kurt Eisner vor hundert Jahren gewusst, die 1918/1919 den Freistaat Bayern gründeten. Sie haben an der Seite der Schwächeren für Frieden und Wohnraum gekämpft und nicht aufgegeben. Bleiben wir also gemeinsam dran!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin


PS: Sollte Sie jemand in einem Restaurant, einer Bar oder auf einem Wochenmarkt mit einer Unterschriftenliste ansprechen und um eine Spende für BISS bitten, verständigen Sie die Polizei. Das sind Betrüger, denn BISS sammelt keine Spenden auf der Straße.