Was uns verbindet

DER ZWEITE ARBEITSMARKT

 

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN. MICHAEL PANAITESCU, 37, VERWALTUNGSANGESTELLTER BEI BISS UND ULRIKE MASCHER, 79, PRÄSIDENTIN DES SOZIALVERBANDES VDK DEUTSCHLAND


Protokoll CHRISTOPH GURK

Michael Panaitescu: Ich habe heute ein neues Leben. Denn nach langer Arbeitslosigkeit habe ich wieder eine feste Stelle. Dabei hatte ich einen guten Realschulabschluss, und damals, Mitte der 90er, gab es viele Jobs. Dann aber wurde meine Oma krank, und ich dachte: Die Ausbildung kann warten.

Ulrike Mascher: Als Kind habe ich das vom Krieg zerbombte München gesehen. Ich dachte: So etwas darf nie wieder passieren. Also bin ich noch während meines Jurastudiums in die SPD eingetreten.

MP: Als ich eine Ausbildung anfangen wollte, hatte sich die Situation verschlechtert. Ich musste ungelernt im Baumarkt arbeiten. Irgendwann hatte ich endlich eine Lehrstelle, aber kaum war ich fertig, war ich wieder arbeitslos.

UM: Mitte der 80er gab es erste Ansätze, Arbeitslose wieder in die Berufswelt zu integrieren. Ich saß für die SPD im Stadtrat, und wir wollten das auch in München probieren. Mit Erfolg. Viele Projekte gibt es immer noch, zum Beispiel den Dynamo Fahrradservice.

MP: Irgendwann erzählte mir jemand von Dynamo. Mir gefielen das Umfeld und die Arbeit und ich fasste wieder Mut. über Dynamo habe ich eine feste Stelle bei der BISS bekommen. Und bei einer Veranstaltung habe ich Frau Mascher kennengelernt. Davor war ich sehr skeptisch gegenüber Politikern, aber jetzt weiß ich, was Politik bewegen kann. Ich habe bei der Bundestagswahl sogar seit Langem wieder gewählt.

UM: Was in der Zeitung steht, ist immer nur ein kleiner Teil der Politik. In Wirklichkeit bestimmt sie unser Leben, darum ist Politik auch so wichtig.

Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN. UWE HINSCHE, 62, BISS-INNENDIENST UND VERTRIEBSASSISTENT, KOMMT AUF WUNSCH IN FIRMEN UND SCHULEN UND ERZÄHLT AUS SEINEM LEBEN

Protokoll: Christoph Gurk

Foto: Barbara Donaubauer

 

DIE LEBERKÄS-SEMMEL

UWE HINSCHE: Qualität ist mir wichtig, vielleicht, weil ich selbst ein Handwerk gelernt habe. Ich bin im Heim aufgewachsen, es gab strenge Regeln und Schläge, aber immerhin hat mir die Leiterin eine Lehre beim Schreiner verschafft.

IGNAZ VOGL: Schule mochte ich nicht und meine Eltern hatten eine Metzgerei, so hab ich auch Metzger gelernt. Nach der Lehre hab ich in verschiedenen Metzgereien gearbeitet, auch in einer bayerischen Metzgerei in Togo. Weißwürste und Leberkäs am Äquator. Eine tolle Zeit.

UH: Ich war schon immer sportlich. Tagsüber war ich in der Schreinerei, danach beim Training. Irgendwann meinte meine Frau: Entweder dein Kind und ich – oder der Sport. Also hörte ich auf zu trainieren – und fing das Saufen an.

IV: Als ich das Geschäft meiner Eltern übernommen habe, gab es im Viertel über ein Dutzend Metzgereien. Dann wurden die Wohnungen immer teurer und der Geruch von Leberkäs hat auf einmal gestört. Viele Metzger mussten schließen.

UH: Meine Frau wollte die Scheidung. Der Richter verbot mir, unsere Wohnung zu betreten. Ich wurde obdachlos und soff weiter, 13 Jahre lang. 1992 kam ich zur BISS als einer der ersten Mitarbeiter. Die erste Wohnung war um die Ecke von der Metzgerei Vogl.

IV: Uwe ist natürlich ein Glücksfall! Der hat immer Hunger und kommt jeden Tag für seine Leberkässemmel und zum Ratschen.

UH: Bei Ignaz und mir stimmt die Wellenlänge. Und dann ist da noch die Leberkässemmel: Zu der braucht man keinen Senf, so gut ist die. Qualität ist eben einfach wichtig.

Was uns verbindet

SOZIALE GERECHTIGKEIT

Protokoll CHRISTOPH GURK

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖNLICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN … UND DR. HANS JOCHEN VOGEL, 91, ALT-OB VON MÜNCHEN UND SPD-POLITIKER HILDEGARD DENNINGER, 69, VORSTANDS- VORSITZENDE DER STIFTUNG BISS …

 

DR. HANS-JOCHEN VOGEL: Vor 20 Jahren bin ich zum ersten Mal in das Büro der BISS gekommen. Mir hat imponiert, dass sich hier Menschen zusammengefunden hatten, die anderen nicht nur mit Spenden helfen wollten, sondern mit einem festen Arbeitsverhältnis.

HILDEGARD DENNINGER:
Von da an kamen Sie einmal im Jahr vorbei. Wir haben schnell Gemeinsamkeiten entdeckt. Sie hatten zum Beispiel immer eine Liste mit Fragen dabei, die Sie abgehakt haben. Als gelernte Bilanzbuchhalterin gefällt mir so etwas natürlich!

VOGEL: Es gab auch gemeinsame Anliegen, das Hotel BISS zum Beispiel. Dafür habe ich mich sehr engagiert – letztlich ist das Projekt aber an der CSU-Landtagsfraktion gescheitert, der finanzielle Aspekt war leider wichtiger als ein soziales Projekt.

DENNINGER: Was wir immer noch gemeinsam haben, ist der Wunsch nach mehr sozialer Gerechtigkeit.

VOGEL: Dabei leben wir ja in einer Zeit des Wohlstands! Trotzdem geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.

DENNINGER: Da ist aber auch die Politik gefragt. Es muss mehr getan werden gegen Steuerflucht. Der Reichtum der Gutverdiener muss wieder zurück an die Gesellschaft gehen und zum Beispiel in Bildung und Wohnungsbau investiert werden.

VOGEL: Das stimmt. Gesetze und Strukturen müssen verändert werden, damit es mehr Gerechtigkeit gibt. Es müssen aber auch mehr Menschen zusammenkommen, um ihren Mitmenschen zu helfen – und was gäbe es da für ein besseres Beispiel als die BISS!

«12