Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll: Christoph Gurk; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

 

Die Post

CHRISTA SCHNITZENBAUMER: Schon als Kind wollte ich zur Post. Nach der Schule hab ich dann trotzdem erst mal eine Lehre bei Edeka gemacht, aber glücklich war ich da nie. Dann meinte eine Freundin: Geh zur Post, da gehörst du hin. Und so bin ich Postbotin geworden.

WOLFGANG ETTLICH: Dass ich zur Post gekommen bin, lag vor allem an den Händen meines Vaters. Die waren immer dreckig, weil er Autoschlosser war. Bei der Post, dachte ich, passiert mir das nicht. Also habe ich dort gleich mit 14 nach der Schule eine Lehre angefangen. Das war oft hart, aber ich habe viel über die Menschen gelernt.

Christa Schnitzenbaumer, 52, Postbotin …  und Wolfgang Ettlich, 71, Filmemacher und Regisseur von „BISS und die Angst vorm Fliegen“

CS: 1.634 Haushalte gehören zu meiner Strecke, sie ist fünf Kilometer lang, und viele der Menschen, denen ich ihre Post bringe, kennen mich. Ich rede mit ihnen, sie erzählen mir aus ihrem Leben.

WE: Wenn man Briefe austrägt, sieht man Arm und Reich, Alte und Junge, die ganze Gesellschaft. Ich habe später Kneipen gehabt, eine Kleinkunstbühne geführt und Dokumentarfilme gemacht. Meine Erfahrung bei der Post mit den verschiedensten Menschen hat mir bei alldem immer geholfen.

CS: Ich mag meine Arbeit, auch wenn sie manchmal schwer ist und ich mittlerweile zwei kaputte Hüften habe. Manchmal werde ich auf meiner Tour aber auch richtig sauer. Denn selbst in einer so reichen Stadt wie München sieht man so viel Armut. Darum bin ich froh, dass auch BISS auf meiner Strecke liegt.

 

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll CHRISTINE AUERBACH & CHRISTOPH GURK

 

NACHHILFE

 

SINZIANA DRAGAN: Wir kommen aus Rumänien, Sarah ist dort geboren. Aber seit sie ein kleines Kind ist, leben wir in Deutschland. In der Schule hatte sie Probleme, vor allem in Deutsch und Mathe, und so kam Franziska zu uns.

FRANZISKA ASCHL, ABITURIENTIN, SARAH DRAGAN, SCHÜLERIN, MIT IHRER MUTTER SINZIANA DRAGAN, BISS-VERKÄUFERIN

SARAH DRAGAN: Jeden Mittwoch gibt Franziska mir Nachhilfe. Ich mag, dass sie nur ein paar Jahre älter ist als ich. Wir verstehen uns gut und sie hilft mir.

FRANZISKA ASCHL: Ein guter Freund von mir kannte Sarahs Bruder, so kam der Kontakt
zustande. Ich werde für die Nachhilfe bezahlt, mir macht die Arbeit aber auch sehr viel Spaß. Wir reden auch so viel miteinander, nicht nur über die Schule.

SARAH: Franziska kommt immer zu uns nach Hause, wir sitzen meistens auf dem Boden, manchmal auch auf dem Bett.

FRANZISKA: Für mich ist das komisch, ich bin mit einem Schreibtisch aufgewachsen, das ist zum Beispiel schon ganz anders für mich. Rumänisch spreche ich leider nicht, ich hatte aber Latein in der Schule, da kann man sich einiges ableiten. Und Sarahs Deutsch ist mittlerweile ohnehin sehr gut!

SINZIANA: Seit Franziska zu uns kommt, sind die Noten von Sarah viel besser geworden. Für mich ist das wichtig, ich will schließlich, dass meine Kinder eine gute Zukunft haben.

SARAH: Was ich später mal werden will, weiß ich noch nicht. Ärztin vielleicht. Und dafür braucht man auf jeden Fall gute Noten!

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

THOMAS DUSCHINGER, 64, SOZIALPÄDAGOGE IM RUHESTAND … UND SANDA BOCA, 38, BISSVERKÄUFERIN

Protokoll Christine Auerbach; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

 

Rechnungen

SANDA BOCA: Ich bin in Rumänien in einem Kinderheim aufgewachsen unter dem Regime von Ceausescu. Eine schreckliche Zeit. In Deutschland habe ich auf der Straße gelebt, denn ohne Arbeit findest du keine Wohnung. Jetzt habe ich dank BISS eine Wohnung.

THOMAS DUSCHINGER: Wenn man nie eine eigene Wohnung hatte, ist es oft schwer, den Überblick zu behalten bei all den Rechnungen und Überweisungen. Wir treffen uns deshalb circa zweimal im Monat, und ich helfe Frau Boca ehrenamtlich damit.

BOCA: Ein, zwei Wochen auf der Straße zu leben ist in Ordnung, aber dann bist du schmutzig und kaputt. In einer Wohnung kannst du sauber bleiben, schlafen, früh aufstehen für die Arbeit.

DUSCHINGER: Klar braucht es Geduld, jemanden langfristig zu unterstützen, und es gibt nicht nur Erfolge. Aber man muss dranbleiben. Frau Boca hat schon viel erlebt und freut sich auch, dass sie mit jemandem darüber sprechen kann.

BOCA: Ich habe einen Sohn, er ist 16. Er ist auch in einem Kinderheim, aber sie leben dort wie eine kleine Familie. Ich möchte ihn gern herholen. Herr Duschinger ist wie ein Papa für mich. So ein herzlicher Mann, er ist echt „Bombe“. Überhaupt ist BISS wie eine Familie, ich vermisse nichts, ich mag die Arbeit.

DUSCHINGER: Respekt, wie sie sich um ihren Sohn kümmert. Aber auch ich nehme von unseren Treffen etwas mit: Sich immer wieder auf Neues einzulassen, kulturelle Unterschiede anzuerkennen und eine Person so direkt zu unterstützen, macht Spaß.

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll CHRISTOPH GURK

Gardinen

 

ION PLESA (55), BISS-VERKÄUFER

EVA TRIPP, INNENEINRICHTERIN

EVA TRIPP: Seit Jahren arbeite ich mit der BISS und statte Wohnungen mit Gardinen aus. So habe ich Herrn Plesa kennengelernt. Wir haben uns sofort verstanden, Herr Plesa hat von seinem Leben erzählt, ich von meinem.

ION PLESA: Ich bin in einem Kinderheim in Rumänien aufgewachsen. Einer meiner Lehrer hat mir beigebracht, wie man singt und Gitarre spielt. Später war ich Seemann. Musik habe ich aber weiter gemacht. Und als ich auf der Straße lebte, konnte ich mit der Musik Geld verdienen.

ET: Gardinen sind nicht nur ein Stück Stoff. Sie schaffen Privatsphäre, das ist wichtig, besonders für Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben. Schon meine Großeltern haben Gardinen verkauft, meine Eltern haben das Geschäft übernommen, dann ich.

IP: Keine Ahnung mehr, wie ich nach München gekommen bin. Ich habe Arbeit gesucht und bin dann nach Deutschland gefahren. Ein Bekannter hat mich zur BISS geschickt. Heute habe ich eine Festanstellung und dank der BISS auch eine Wohnung.

ET: München ist eine teure Stadt. Viele Geschäfte in Haidhausen mussten schließen wegen der Mieten. Auch ich habe verkauft, Gardinen Schmittner war 92 Jahre in Familienbesitz. Meine Kinder wollen den Laden nicht weiterführen, ein Kollege machte mir ein Angebot. Ich arbeite trotzdem weiter, weil man
tolle Menschen kennenlernt, zum Beispiel Herrn Plesa.

IP: Ich möchte mich noch einmal bei Frau Tripp bedanken. Sie war so nett und hat meine Wohnung so schön gemacht. Es fühlt sich toll an, eigene vier Wände zu haben. Das Einzige, was ich vermisse, ist Musik. Ich spiele nicht Gitarre in der Wohnung, ich möchte die Nachbarn nicht stören.