Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll: Christoph Gurk; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

SCHULDEN

PETER PESCHEL, 58, SCHULDNERBERATER UND GESCHÄFTSFÜHRER BEIM H-TEAM (links) …
… UND NICOLAE-SURAS BUNGARDI, 40, BISS-VERKÄUFER

NICOLAE-SURAS BUNGARDI: Ich komme aus Rumänien, seit 2008 leben wir in Deutschland. Ich hatte hier am Anfang keinen Job, kein Geld, wir schliefen auf der Straße. Damals wurde ich oft beim Schwarzfahren erwischt, und wenn wir Hunger hatten, kaufte ich mit der EC-Karte ein, ohne dass genügend Geld auf dem Konto war. So kam es zu den ersten Schulden.

PETER PESCHEL: Zu uns kommen viele Menschen, die nichts haben und nichts hatten. Seit 2009 bieten wir beim H-TEAM Schuldnerberatung an und sehen immer wieder, dass nur eine kleine Geld strafe oder eine Nachzahlung kommen muss – und schon steckt jemand in den Schulden.

NB: Ich habe den Überblick verloren, ständig standen Gerichtsvollzieher bei mir vor der Tür. Ich hatte Angst, auf die Straße zu gehen, weil ich dachte, die Polizei verhaftet mich und pfändet all meine Sachen. Irgendwann bin ich depressiv geworden.

PP: Schulden machen oft krank, sie drücken auf die Psyche. Damit wir den Menschen helfen können, müssen wir oft erst mal ein Bewusstsein für Geld schaffen, dafür, was sie sich leisten können und was nicht. Der Konsum auf Kredit wird von der Wirtschaft angekurbelt. „Kaufe gleich, zahle später“ – darauf fallen viele rein. Der Einstieg in die Schulden ist für viele das Handy, das angeblich nur einen Euro kostet, aber an einen teuren Vertrag gebunden ist.

NB: Es ist schwierig, aus den Schulden herauszukommen. Die BISS hat mich zu Herrn Peschel geschickt. Jeden Monat zahle ich Geld zurück an Banken und Supermärkte. Ich bemühe mich, keine neuen Schulden mehr zu machen.

 

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll: Christoph Gurk; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

ZÄHNE

DR. ANDREA STORCK (52), ZAHNÄRZTIN BEI DRES. HELLHAKE UND STORCK …
… UND GERALD CONSTANTIN PANCESCU (41), BISS-VERKÄUFER AM ODEONSPLATZ

GERALD PANCESCU: Meine Eltern waren sehr arm. Ich komme aus Rumänien, dort hat mein Vater in einer Traubenzuckerfabrik gearbeitet. Damit wir Kinder keinen Hunger hatten, brachte er welchen mit nach Hause. So habe ich schlimme Karies bekommen und Zähne verloren.

ANDREA STORCK: In unserer Praxis behandeln wir seit Jahren BISS-Verkäufer. In den meisten Fällen geht es dabei erst mal darum, Mundhygiene zu optimieren, kariöse Zähne zu versorgen und fehlende Zähne zu ersetzen. Denn wenn jemandem ein Zahn fehlt, dann schlägt sich das auch auf das Selbstvertrauen nieder.

GP: In Rumänien habe ich Polsterer gelernt, Jobs gab es aber keine, also bin ich als Maurer nach Italien, dann als Tellerwäscher nach Innsbruck, am Ende bin ich in München gelandet und zur BISS gekommen. Sie hat mich zu Frau Dr. Storck geschickt.

AS: Ich selbst habe lange unter einer Zahnspange gelitten und dachte immer, dass man das doch anders machen könnte. Ich wollte dann Kieferorthopädin werden; während des Studiums merkte ich aber: Zahnmedizin gefällt mir besser. Man hat mit unterschiedlicheren Leuten zu tun. Klar, viele haben Angst, die kann man ihnen aber nehmen, durch kleine Schritte und Erklärungen. Am Ende sollen alle hier zufrieden herausgehen.

GP: Seit zwei Jahren bin ich bei der BISS. Ein Jahr davon war ich immer wieder in Zahnbehandlung. Manchmal war es schwer, aber wenn jetzt Kunden zu mir kommen, kann ich sie anlächeln.

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll CHRISTOPH GURK

DANIEL FISCHER, 38, ZWEIRADMECHANIKER BEI DYNAMO

ROSAMUNDE BAUER (36), NÄHERIN BEI PULPO

SAM MONTAG (41), MITARBEITERIN BEI PULPO, DOLMETSCHTE GEBÄRDENSPRACHE

DANIEL FISCHER: Ich fahre gerne Rad. Noch lieber repariere ich sie aber. Nach der Gehörlosenschule habe ich trotzdem Schuhmacher gelernt. Auf der Berufsschule habe ich Rosi kennengelernt: Sie ist auch gehörlos und bald waren wir ein Paar.

ROSAMUNDE BAUER: Ich habe damals eine Ausbildung zur Täschnerin gemacht. Dann kam unser Sohn zur Welt, und danach war es schwer, eine feste Anstellung zu finden. Als es mit Pulpo losging, hat mir mein Mann davon erzählt.

DF: Pulpo kannte ich durch meine Arbeit. Nach meiner Ausbildung fand ich eine Stelle, nach ein paar Jahren schloss der Betrieb aber. Durch die Arbeitsagentur kam ich zum Dynamo Fahrradservice: Gefördert von der Stadt München, arbeiten hier Menschen, die langzeitarbeitslos und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Wir reparieren und richten Fahrräder. Und statt die alten Schläuche wegzuschmeißen, kommen sie zu Pulpo.

RB: Wir gehören zum Netzwerk Geburt und Familie und sind wie Dynamo ein sozialer Betrieb. Wir nähen Taschen und Accessoires aus recycelten Fahrradschläuchen. BISS hat für mich eine Patenschaft übernommen, das gefällt mir!

DF: Ich bin jetzt schon fast zwölf Jahre bei Dynamo, wie die Zeit vergeht. Rosi und ich haben immer mal wieder überlegt, nach Thüringen zurückzugehen, aber da gibt es kein Dynamo und kein Pulpo. Was ich am liebsten mache? Alles! Denn Fahrräder habe ich ja schon immer gern repariert. Und jetzt ist mein Hobby eben mein Beruf.

Was uns verbindet

DER ZWEITE ARBEITSMARKT

 

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN. MICHAEL PANAITESCU, 37, VERWALTUNGSANGESTELLTER BEI BISS UND ULRIKE MASCHER, 79, PRÄSIDENTIN DES SOZIALVERBANDES VDK DEUTSCHLAND


Protokoll CHRISTOPH GURK

Michael Panaitescu: Ich habe heute ein neues Leben. Denn nach langer Arbeitslosigkeit habe ich wieder eine feste Stelle. Dabei hatte ich einen guten Realschulabschluss, und damals, Mitte der 90er, gab es viele Jobs. Dann aber wurde meine Oma krank, und ich dachte: Die Ausbildung kann warten.

Ulrike Mascher: Als Kind habe ich das vom Krieg zerbombte München gesehen. Ich dachte: So etwas darf nie wieder passieren. Also bin ich noch während meines Jurastudiums in die SPD eingetreten.

MP: Als ich eine Ausbildung anfangen wollte, hatte sich die Situation verschlechtert. Ich musste ungelernt im Baumarkt arbeiten. Irgendwann hatte ich endlich eine Lehrstelle, aber kaum war ich fertig, war ich wieder arbeitslos.

UM: Mitte der 80er gab es erste Ansätze, Arbeitslose wieder in die Berufswelt zu integrieren. Ich saß für die SPD im Stadtrat, und wir wollten das auch in München probieren. Mit Erfolg. Viele Projekte gibt es immer noch, zum Beispiel den Dynamo Fahrradservice.

MP: Irgendwann erzählte mir jemand von Dynamo. Mir gefielen das Umfeld und die Arbeit und ich fasste wieder Mut. über Dynamo habe ich eine feste Stelle bei der BISS bekommen. Und bei einer Veranstaltung habe ich Frau Mascher kennengelernt. Davor war ich sehr skeptisch gegenüber Politikern, aber jetzt weiß ich, was Politik bewegen kann. Ich habe bei der Bundestagswahl sogar seit Langem wieder gewählt.

UM: Was in der Zeitung steht, ist immer nur ein kleiner Teil der Politik. In Wirklichkeit bestimmt sie unser Leben, darum ist Politik auch so wichtig.

Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

12»