Sozialer Trainingskurs

Zu Dominik Karpf und Dieter Oelhaf kommen Jugendliche und junge Männer, die keine andere Wahl haben. Sie haben sich nicht selbst ausgesucht, sich Rat bei den Sozialarbeitern der Jugendgerichtshilfe des Stadtjugendamts München zu holen, sondern haben vom Gericht die Auflage bekommen, an einem Sozialen Trainingskurs teilzunehmen. Sie wurden wegen Körperverletzung oder gefährlicher Körperverletzung verurteilt. „Da sind schlimme Sachen dabei, zum Beispiel U-Bahn-Schlägereien, wo mehrere Leute auf einen anderen losgehen“, sagt Karpf. Wegen ihrer Taten saßen sie teilweise im Arrest, manche nur über das Wochenende, manche auch für mehrere Wochen. Und: Viele haben jetzt auch noch Schulden, denn oft bekommen ihre schwer verletzten Opfer Schmerzensgeld.


WANN IST EIN MANN EIN MANN?


An acht Gruppenabenden, zwei Samstagen und in drei Einzelgesprächen mit den Sozialarbeitern müssen sich die jungen Männer mit ihren Taten auseinandersetzen. Karpf: „Wir versuchen herauszufinden, warum sie immer gleich auf 180 sind. Und wir spielen auch Situationen durch, wie sie sonst reagieren könnten und Ärger aus dem Weg gehen.“ In dem Kurs reden sie auch darüber, wann ein Mann ein Mann ist. Sie schauen sich Fotos an von Sänger Conchita Wurst, Fußballer Thomas Hitzlsperger, der sich als schwul geoutet hat, einem Erzieher oder einem Muskelprotz. Sie reden darüber, warum sie sich rausnehmen, mit anderen Mädchen zu flirten, aber ausflippen, wenn ihre Freundin dasselbe macht. „Manche haben ein sehr konservatives Wertebild“, meint Oelhaf.

DIE SOZIALARBEITER ZEIGEN WEGE AUF

Die beiden Sozialarbeiter versuchen, Nähe zu den Jugendlichen aufzubauen. „Wir sehen sie als Menschen, die Humor haben, die Stärken haben, die auch nett sind, und zeigen ihnen, dass wir sie mögen. Aber wir verurteilen ihre Straftaten“, betont Karpf. Die Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe sind gut vernetzt. So vermitteln sie auch andere Hilfsangebote, wenn die Jugendlichen zum Beispiel keine Ausbildung, keine Wohnung oder ein Drogenproblem haben. „Wir können Angebote machen und Wege aufzeigen“, berichtet Karpf. „Es wird aber natürlich nicht immer angenommen.“ 15-jährige Teilnehmer bräuchten oft mehrere Anläufe. Wenn die Klienten dagegen 19 oder 20 Jahre alt seien, dann „macht es oft Klick“, sagt Oelhof. BISS-Autorin Claudia Steiner hat mit drei Teilnehmern aus dem Sozialen Trainingskurs gesprochen:

Kai (16) GRIFF IM RAUSCH EINEN ANDEREN JUGENDLICHEN AN


Es war ein Grillabend an der Isar. Der damals 15 Jahre alte Kai* war mit Freunden unterwegs. Sie tranken Bier und Wodka, ziemlich viel Bier und Wodka. „Meine Freunde trinken alle.“ Was dann genau passiert ist, weiß der heute 16-Jährige angeblich nicht mehr. „Ich war betrunken“, erzählt er und lächelt verlegen. Wahrscheinlich war es ein dummer Spruch. Eine dumme Antwort. Und dann zwei Schläge. Der drahtige Jugendliche trainiert Mixed Martial Arts. Sein Gegenüber erlitt einen zweifachen Kieferbruch. Das 17 Jahre alte Opfer lag im Krankenhaus, musste operiert werden. „Ich habe ihm einen Brief geschrieben und mich entschuldigt“, erzählt Kai. Kai ist intelligent, wortgewandt, sympathisch. Aber irgendwann hat er die Kontrolle verloren. Früher war er auf dem Gymnasium. Mit 14 Jahren begann er zu kiffen. „Ich hab bis vor Kurzem wahnsinnig viel gekifft, drei, vier Gramm am Tag“, erzählt er. Um seine Sucht zu finanzieren, dealte er. Er schwänzte den Unterricht, seine Noten wurden immer schlechter. „Seine Mutter macht sich Sorgen, aber sie hat die Kontrolle über ihn verloren“, sagt Sozialarbeiter Karpf von der Jugendgerichtshilfe. Das bayerische Schulsystem ist durchlässig – nach oben, aber auch nach unten. Kai erlebte den freien Fall, inzwischen geht er auf den M-Zweig der Mittelschule, macht in Kürze seinen Realschulabschluss. Er rechnet mit einer Zwei vor dem Komma. Das Gericht verurteilte den Jugendlichen zu drei Wochen Arrest. „Das war sehr lang. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken und auch viel Zeit zum Lernen. Wahnsinnig langweilig“, erinnert er sich. Außerdem musste er zu einer Alkoholberatung gehen und den Sozialen Trainingskurs machen. „Früher dachte ich: Mir passiert nichts, jetzt weiß ich: Ein Schlag und der andere kann schwer verletzt sein“, sagt Kai. „Wenn ich so was noch mal mache, dann komme ich ins Gefängnis. Das würde ich nicht aushalten.“ Ein Funken Einsicht ist da, aber wenn Kai mit seinen Freunden um die Häuser zieht, trinkt er noch immer exzessiv. Kai: „Das ist die totale Suchtverlagerung. Ich kiffe nicht mehr, dafür trinke ich.“ Warum? Er zuckt verlegen, fast schon hilflos mit den Schultern. Aber: Er hat seit einigen Monaten eine Freundin, die ihm Ärger macht, wenn er trinkt und die Kontrolle verliert. Und er hat ein Ziel: Er möchte auf die FOS und Soziale Arbeit studieren. „Er könnte das schaffen und ich könnte mir vorstellen, dass er in dem Job gut wäre“, sagt Sozialarbeiter Karpf. „Aber das mit dem Trinken ist ein echtes Problem.“

Emre (19) VERPRÜGELTE NACH EINEM CLUBBESUCH EINEN JUNGEN MANN

Es war eine lange Nacht. Emre* und seine Freunde kamen aus einem Club. „Wir waren feiern. Ich hab mir die Kante gegeben, dann hab ich jemanden nach einer Zigarette gefragt. Und die haben mich blöd angeredet: ‚Bist du ein Penner?‘ und so ein Zeug. Ich hab Schmarrn zurückgeredet.“ Er und seine Freunde seien auf die Jungs aus der anderen Gruppe losgegangen, einer bekam ein blaues Auge ab. „Nichts Großes“, meint Emre. Die Polizei schickte die beiden Gruppen in unterschiedliche Richtungen, aber kurze Zeit später trafen sie wieder aufeinander und der Streit begann von Neuem. „Dann waren ganz schnell zehn, 20 Polizisten da.“ Emre wurde wegen Körperverletzung verurteilt. „Die Richterin war krass drauf“, sagt Emre. „Es ist blöd gelaufen, ich hab halt die Kontrolle verloren wegen dem Alkohol“, sagt der gelernte Mechaniker. Das Urteil: vier Tage Jugendarrest. Emre stand nicht das erste Mal vor Gericht. Er war schon wegen einer anderen Schlägerei und auch wegen Sachbeschädigung angeklagt, zuvor aber immer freigesprochen worden. „Der Arrest war hart. Ich kann nicht still sitzen, deshalb habe ich ja auch einen handwerklichen Beruf gelernt. Ich kann nicht eingesperrt sein.“ Gerecht findet er sein Urteil nicht. „Jeder hat sich doch schon mal gehauen.“ Aber zumindest hat er sich vorgenommen, etwas zu ändern. „Ich will nicht mehr zuschlagen. Ich will nicht, dass jemand stirbt oder behindert ist wegen mir.“ Auch hat er sich vorgenommen, sich „nicht mehr jedes Wochenende vollzusaufen“. Der Soziale Trainingskurs sei anstrengend, aber okay. „Wir verstehen uns gut“, erzählt Emre. Die Sozialarbeiter seien alle älter: „Sie sprechen aus Erfahrung und helfen uns, wenn wir Probleme haben.“

Sven (21) WAR GENERVT UND VERLETZTE SEINE FREUNDIN

Sven* hatte Stress. Seine Freundin nervte ihn. Sie sei grundlos eifersüchtig gewesen, ließ ihn einfach stehen. „Das hat mich aufgeregt, ich hab sie festgehalten“, erzählt er. Sven wollte die Sache klären, „aber es hat sich hochgeschaukelt“. Der Streit eskalierte. „Ich hab meine Freundin falsch angepackt. Das ist zweimal passiert.“ Seine Freundin sei nicht schwer verletzt gewesen, sie habe „nur Rötungen“ gehabt, aber „das geht nicht, das ist Scheiße, so was macht man nicht“. Der gelernte Einzelhandelskaufmann wurde wegen Körperverletzung verurteilt, musste von Freitag bis Montag in den Arrest. „Die drei Tage waren hart, man ist eingeschlossen, darf tagsüber nicht schlafen oder rumliegen, man hat nur eine Stunde Ausgang.“ Auch Sven geht jede Woche in den Sozialen Trainingskurs. „Ich bin zu Recht hier, so was macht man einfach nicht“, sagt er ruhig.
„Man hört hier auch die Geschichten der anderen Jungs und sieht mögliche Folgen.“ Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm der Vortrag einer Gerichtsmedizinerin. „Die Ärztin hat uns Bilder gezeigt: Opfer von stumpfer Gewalt, auch von Leuten, die gestorben sind. Das war erschreckend.“ Über seine Tat sei er selbst erschrocken. „Ich bin sonst eigentlich eher ein ruhiger Typ.“ Als er seine Freundin angriff, sei er gestresst gewesen, versucht er seinen Ausraster zu erklären. Er habe Stress in der Arbeit gehabt, sei verletzt gewesen, musste operiert werden und konnte nicht Fußball spielen – er spielt in der A-Jugend. Inzwischen gehe es ihm besser. „Ich bin wieder ruhiger, hab alles gut im Griff. In der Arbeit läuft es gut, mit meiner jetzigen Freundin bin ich glücklich und beim Fußball passt auch alles.“ Sein nächstes Ziel ist der Handelsfachwirt, später will er noch einen Bachelor draufsetzen.

DIE SITUATION IN MÜNCHEN
Rund 700 Jugendliche und knapp 1.400 Heranwachsende sind nach Angaben des Justizministeriums 2017 in München verurteilt worden. Unter Jugend lichen werden im Strafrecht Personen verstanden, die zum Zeitpunkt der Tat zwischen 14 und 17 Jahre alt sind. Heranwachsende sind volljährige Personen, die zum Tatzeitpunkt das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Es geht um Taten wie Diebstahl und Unterschlagung, Körperverletzung, Straftaten nach dem Betäubungsmittelgesetz, Betrug und Untreue sowie Straftaten im Straßenverkehr.