Theorie und Praxis

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang Urban

Nach meiner Überzeugung habe ich im Falle einer Krankheit – wenn ich nicht mehr in der Lage bin, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – das Recht, meinen Tod herbeizuführen oder einen Freund dazu zu ermächtigen, mir dabei zu helfen. So weit die Theorie. Als mein Lebenspartner nach langer Krankheit sterben wollte, bat er mich darum, ihm beim Sterben zu helfen beziehungsweise seinen Tod nicht zu verhindern. Er war damals dreimal in der Woche auf Dialyse angewiesen. Als er eines Tages in der Wohnung stürzte und nicht mehr aufstehen konnte, rief er mich bei der Arbeit an, damit ich schnell nach Hause komme und ihm helfe. Ich fuhr natürlich sofort heim und brachte ihn mit Mühe aufs Bett. Er bat mich inständig darum, nicht den Notarzt zu holen. Innerhalb von einem Tag wäre er so bestimmt gestorben. Ich rief den Krankenwagen aber trotzdem. Weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, ihn sterben zu sehen – obwohl ich wusste, dass es das war, was er wollte, und es eigentlich besser für ihn wäre. Die Dialyse half ihm weiterzuleben – aber er hatte Krebs, und es war klar, dass der Tod unausweichlich war. Als der Krankenwagen kam, nahm er meinen Freund mit ins Krankenhaus, und von dort kam er nicht mehr nach Hause. Ich glaubte immer noch, dass er nicht sterben würde, aber ich wusste auch, dass er nicht wieder gesund wird. Darum besorgte ich mir eine Patientenverfügung, die wir beide ausfüllten. Ein Formular also, das regelt, was passiert, wenn man selbst nicht mehr entscheiden kann, ob man leben oder sterben will. Ich war nun zuständig dafür, dass sein Wille umgesetzt würde, wenn er nicht mehr in der Lage wäre, dies selbst zu tun. Ich hatte also die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sein Leben nicht unnötig verlängert wird – ich hatte aber auch immer noch die Hoffnung, dass mein Partner nicht stirbt. Doch im Krankenhaus brach er sich dann den Arm, die Metastasen hatten schon die Knochen angegriffen. Es wurde nicht mehr operiert. Eines Tages, als ich ihn besuchen wollte, war sein Bett leer. Ein Patient sagte mir, dass er auf ein Einzelzimmer verlegt worden wäre. Das ist schon ein Zeichen gewesen für mich. Ich eilte natürlich sofort auf sein neues Zimmer und war erleichtert, dass er noch am Leben war. Es war der Zeitpunkt, als wir mit der BISS unseren Jahresausflug machten, von Freitag auf Sonntag. Als ich meinem Freund davon erzählte, sagte er, dass ich ruhig mitfahren könne. Ich glaube, dass mein Freund damals wollte, dass ich etwas Abstand gewinnen kann. Vielleicht wollte er mir auch die Entscheidung über seinen Tod abnehmen. Als ich am Montag zurückkam, war er bereits nicht mehr in der Lage, seinen Willen zu äußern. Und die Ärzte hatten schon die Dialyse eingestellt. Mein Freund lebte noch, war aber nicht mehr ansprechbar. Ich besuchte ihn von nun an jeden Tag, und er wurde immer schwächer und schwächer. Ich hatte für meinen Partner schon ein Zimmer in der Palliativmedizin ausgesucht, doch ein Arzt meinte, dass er nicht glaube, dass mein Freund dies noch erlebe. Am nächsten Tag packte ich meine Tasche, um einige Zeit im Krankenhaus bei ihm zu übernachten. Doch als ich auf der Palliativstation ankam, war zu meinem Erstaunen mein Freund nicht dort. Es wurde dann in der Station, wo er zuvor gelegen hatte, angerufen, und man sagte mir kurz und knapp, dass mein Partner tot sei. Ich ging also rauf, öffnete die Tür von seinem alten Zimmer und mehrere Ärzte standen herum. Ich machte die Tür wieder zu, aber ein Arzt sagte, ich solle wieder hereinkommen: „Nehmen Sie von Ihrem Freund Abschied.“ Da hatten sie gerade den Tod festgestellt. Oft höre ich, dass Ärzte den Willen des Patienten nicht durchführen, aber hier haben sie alles gemacht, was in der Patientenverfügung meines Freundes stand. Sie hatten die Dialyse eingestellt. Ich wusste, dass mein Freund nicht weiterleben wollte, es war also richtig, die Dialyse einzustellen. Einerseits bin ich froh, dass er tot ist, weil er erlöst ist und es egoistisch gewesen wäre, ihn weiterleben zu lassen. Auf der anderen Seite vermisse ich ihn.