Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Meine Kindheit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Dirk Schuchardt

Am 23.9.1968 erblickte ich in der Stadt Werne bei Unna das Licht der Welt. Mehr oder weniger behütet, wuchs ich in Bergkamen die ersten sieben Jahre meiner Kindheit auf. Bis eines Tages mein zukünftiger Stiefvater auf der Bildfläche erschien. Angeschleppt von meinem eigenen Vater, der sich, kurz nachdem die beiden angekommen waren, vollkommen besoffen ins Bett legte. Nur wenige Wochen später zogen meine Mutter, mein Bruder und ich mit diesem uns bis dahin fast völlig unbekannten Mann in eine eigens dafür gesuchte gemeinsame Wohnung nach Hamm. Von diesem Tag an begann – insbesondere für mich – die Hölle auf Erden. Sowohl körperliche Gewalt als auch seelische Grausamkeiten waren fortan an der Tagesordnung. Zum Beispiel mussten wir „bitte, bitte“ machen, wenn wir uns Obst aus der Obstschale nehmen wollten – und bei Nichtbeachtung dieser Regeln setzte es sofort Schläge. Anderes Beispiel: Als Nachspeise nach dem Mittagessen gab es oft Pudding oder Götterspeise. Für uns Kinder jeweils einen kleinen Klecks, für unseren Stiefvater aber die große Schüssel. Wie mussten dann zusehen, wie er sich einen Esslöffel nach dem anderen laut schmatzend und gelegentlich rülpsend in seinen gierigen Schlund schob. Wenn er dann irgendwann genug in sich hineingeschaufelt hatte, bekamen wir die Reste zugeschoben. Wenn meine Mutter mal wieder im Krankenhaus lag, was in etwa ein- bis zweimal im Jahr wegen ihrer Bauchspeicheldrüse für jeweils einige Wochen der Fall war, war für uns die Hölle umso intensiver, weil nun niemand mehr da war, der uns in Schutz nahm. Wie ich aus diesem Leidensweg dennoch zum Glück fand, das erzähle ich Ihnen das nächste Mal.

Meine Zeit in der Türkei

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Ich komme aus Bagdad, wo die Situation irgendwann so schlimm wurde, dass ich mit meiner Familie fliehen musste. Über Kurdistan sind wir in die Türkei gekommen. Dort bekamen wir ein Visum, aber nur für 15 Tage. Wir hätten wieder in den Irak gemusst, doch zurück konnten wir nicht, also blieben wir. Illegal. Weil ich keine Arbeitserlaubnis hatte, habe ich Telefonkarten verkauft. Das Geschäft war gut, aber das Leben in der Türkei schwierig. Menschen haben versucht, uns zu bestehlen oder zu betrügen. Weil wir illegal waren, konnten wir nicht die Polizei rufen. Über eine Bekannte habe ich eine Wohnung gefunden, 200 Dollar im Monat, keine Küche, nur vier Matratzen und ein kleiner Gaskocher. Die Vermieterin mochte uns nicht, sie war Muslimin, wir sind Christen. Sie hat uns um Geld betrogen. Dann kam ein Mann zu mir und sagte, er könne mich über Bulgarien nach Deutschland bringen. Ich gab ihm meinen Pass, doch als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er, er habe ihn verloren. Natürlich wusste ich, dass er nur Geld von mir wollte. Ich gab ihm 300 Dollar, und tatsächlich brachte der Mann mir bald meinen Pass wieder. Was blieb mir übrig? Ohne Pass war ich verloren. Ein anderes Mal sagte ein Mann vor einem Café zu mir: „Gib mir 100 Euro! Sonst rufe ich die Polizei und du musst zurück in den Irak!“ Ich dachte: Was Gott will, passiert ohnehin. Und wenn ich zurück in den Irak soll, dann ist es so. Also sagte ich dem Mann, dass ich ihm nichts geben werde. Doch dann erklärte er mir, dass er krank sei, halbseitig gelähmt, und dass er Geld brauche. Und so beschloss ich, ihm zu helfen. Nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte und weil ich Christ bin. Ich gab ihm 100 Euro und schickte ihn ins Krankenhaus.

Momentaufnahme

von Ercan Uzun

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Diesmal habe ich ziemlich viel zu berichten. Ich und meine Familie haben einige schwierige Monate hinter uns. Im Sommer gingen hintereinander Spülmaschine, Gefrierschrank und Trockner kaputt, und das kurz vor dem Urlaub und teilweise nach der Gewährleistungsfrist. Als ob das nicht genug wäre, kam noch ein Uralt-Gläubiger mit einer Forderung auf uns zu. Im September kam unser jüngster Sohn dann in die vierte Klasse. Er tut sich schwer, auch mit der Frage, ob er nach der Grundschule eine weiterführende Schule besuchen kann oder nicht. Auch beim zweitältesten Sohn wird sich dieses Jahr entscheiden, ob er die Wirtschaftsschule erfolgreich absolvieren kann. Vermutlich wird er danach die Fachoberschule besuchen. Leider schaut es beim Ältesten nicht so toll aus, ihm wurde von der Lehrstelle gekündigt, weil er die Berufsschulbesuche teilweise versäumt hat. Er will sich im September um einen neuen Anlauf in puncto Ausbildung bemühen. Nur meine Tochter geht weiter zielstrebig ihren Weg in der 9. Klasse zum Qualifizierten Hauptschulabschluss hin, hat aber noch keine konkrete Vorstellung, wie es danach weitergehen soll. Nebenbei kann man erwähnen, dass sie Schülersprecherin von drei benachbarten Mittelschulen ist. Nach einem Unfall bei uns zu Hause wurde meine Frau an der Achillessehne operiert und fiel für uns zwei Monate aus, sie konnte nicht kochen, waschen, bügeln und sich kaum bewegen. Für uns als Familie war das eine Prüfung. Jeder musste seinen Beitrag leisten, am meisten litt meine Tochter unter ihrem Ausfall, sie musste viele Aufgaben ihrer Mutter übernehmen. Dass meine Frau über einen längeren Zeitraum ausfiel, kannten wir nicht, davor hatte ich immer Angst. Meine psychischen Störungen sind nach wie vor vorhanden, Stimmungsschwankungen, Panikattacken, Angstzustände halten weiterhin an. So bin ich auch jedes Mal nervös vor der Schreibwerkstatt – und wenn ich den Text abgegeben habe, fällt mir ein Stein vom Herzen. Im Übrigen hatte ich einen einwöchigen Krankenhausaufenthalt wegen Thrombose – und Thrombose vergeht eben nicht von einer Woche auf die andere. Ich muss Blutverdünner nehmen und sollte das Rauchen einstellen. Was mir leider nicht gelingt. Erfreulich ist, dass ich in diesem Monat meine zehn Jahre in der Festanstellung zu jubilieren habe. BISS hat mich in vielen Lebenslagen, in guten wie in schlechteren Zeiten, stets begleitet. Es war schon die zweite Chance von der BISS aus. Anfänglich wurde meine zweite Festanstellung etwas skeptisch betrachtet, aber mit der Zeit, denke ich, wuchs die Zufriedenheit über meine Tätigkeit, und ich kann eher optimistisch in die Zukunft blicken. Auch wenn die Zukunft mit vielen Herausforderungen aufwarten wird. Vielleicht mit noch größeren als denen, die wir bisher hatten.

Loibedoach, Oachkatzalschwoaf

Hans-Jürgen Mayers () letzter Text aus der Schreibwerkstatt

Mia han die lustigen Holzhacker-Buam,
Schimmel hoit stad, weil I Hafer bauen tad.
Mia han mia, mia han stärker wie die Stier,
mia han stärker wie die Baam.
Mia raffa mit dem Tatzelwurm, des bei jedem Sturm.
Mia han mia, mia han die lustigen Holzhacker.
Ja unser Madl kimmt zum Musikantenstadl
Summe, summe, Zeit is umme.
Wirt schenk ei, unser Frust is glei vorbei,
Mia han die lustigen Holzhacker.
Lene, wend Ant um, brats End a, Weil des unser
Ultimatum war. Ja mia han die lustigen
Holzhacker-Buam. Schimme hoit stad,
weil I Hafer bauen muss. Ich schau
z’rück übers steinerne Meer. Überall sig I
auf der Hirschwiesen den Oachibär.