Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Isarmüll

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang Räuschl

Ich wohne an einem der schönsten Plätze der Stadt München, in Thalkirchen, circa 300 Meter neben dem Isarstrand Flaucher. Jedes Jahr freue ich mich auf den Sommer. Wenn es die Zeit erlaubt, gehe ich dann mit Decke, Picknickkorb und Lektüre an die Isar. Das ist für mich Urlaubsfeeling pur! Doch leider wird ein Problem seit Jahren immer schlimmer: der Müll. An manchen Tagen, speziell an den Wochenenden, ist der Müll vom Vorabend so schlimm, dass ich wieder gehen muss. Es geht nicht um die Pfandflaschen, sondern um den Dreck, den die Leute liegen lassen oder einfach in den Büschen entsorgen. Von Pappe bis zu Gläsern und kaputten Klappstühlen plus Sitzpolster ist alles dabei. Und dazu kommen viele Lebensmittelreste, teilweise ganze Steaks, noch original eingeschweißt, einfach so weggeworfen. Das Grillen am Isarstrand ist eine wunderbare Sache und macht auch mir Spaß, aber die Leute lassen danach einfach ihre Kohle und sogar den Grill liegen im Glauben, dass schon jemand kommen und ihren Müll beseitigen wird. Doch bis dahin kommen Ungeziefer und Ratten und lassen sich am Flaucher nieder. Schuld haben auch die Supermärkte. In unmittelbarer Nähe des Flauchers befinden sich drei Discounter, sie starten im Sommer öfter Aktionen, bei denen der Einweggrill keine fünf Euro kostet. Die Leute lassen diese einfach nach dem Grillen liegen. Ich finde, man müsste da gleich ein Pfand einführen, um so vielleicht das Müllproblem ein bisschen einzudämmen. Man könnte auch noch viel weitergehen. In Wien zum Beispiel gibt es die Donauinsel. Sie ist circa 20 Kilometer lang und somit eines der größten Freizeit- und Erholungsgebiete in Europa. Ich habe gelesen und auch immer wieder erzählt bekommen, dass dort mehrmals am Tag die Müllbehälter entleert werden und der Müll fachgerecht entsorgt. Die sogenannte Müllpolizei soll ebenfalls mehrmals täglich mit dem Fahrrad auf Streife gehen und für eine saubere Donauinsel sorgen. Und: Es sind anscheinend auch Studenten oder Pensionäre, die kontrollieren gehen. Dafür gibt es zum Dank angeblich ein Monatsticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel gratis von der Stadt Wien. Wenn das stimmt, finde ich es eine tolle Idee. Ich glaube, dass so etwas auch eine gute Lösung für München wäre. Wir leben in einer der schönsten Städte der Welt, und es muss und darf nicht sein, dass wir dieses Privileg mutwillig zerstören. Ich entsorge meinen Müll immer selber, sodass ich – wenn ich wiederkomme – einen schönen Sommertag genießen kann.

Theorie und Praxis

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang Urban

Nach meiner Überzeugung habe ich im Falle einer Krankheit – wenn ich nicht mehr in der Lage bin, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – das Recht, meinen Tod herbeizuführen oder einen Freund dazu zu ermächtigen, mir dabei zu helfen. So weit die Theorie. Als mein Lebenspartner nach langer Krankheit sterben wollte, bat er mich darum, ihm beim Sterben zu helfen beziehungsweise seinen Tod nicht zu verhindern. Er war damals dreimal in der Woche auf Dialyse angewiesen. Als er eines Tages in der Wohnung stürzte und nicht mehr aufstehen konnte, rief er mich bei der Arbeit an, damit ich schnell nach Hause komme und ihm helfe. Ich fuhr natürlich sofort heim und brachte ihn mit Mühe aufs Bett. Er bat mich inständig darum, nicht den Notarzt zu holen. Innerhalb von einem Tag wäre er so bestimmt gestorben. Ich rief den Krankenwagen aber trotzdem. Weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, ihn sterben zu sehen – obwohl ich wusste, dass es das war, was er wollte, und es eigentlich besser für ihn wäre. Die Dialyse half ihm weiterzuleben – aber er hatte Krebs, und es war klar, dass der Tod unausweichlich war. Als der Krankenwagen kam, nahm er meinen Freund mit ins Krankenhaus, und von dort kam er nicht mehr nach Hause. Ich glaubte immer noch, dass er nicht sterben würde, aber ich wusste auch, dass er nicht wieder gesund wird. Darum besorgte ich mir eine Patientenverfügung, die wir beide ausfüllten. Ein Formular also, das regelt, was passiert, wenn man selbst nicht mehr entscheiden kann, ob man leben oder sterben will. Ich war nun zuständig dafür, dass sein Wille umgesetzt würde, wenn er nicht mehr in der Lage wäre, dies selbst zu tun. Ich hatte also die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sein Leben nicht unnötig verlängert wird – ich hatte aber auch immer noch die Hoffnung, dass mein Partner nicht stirbt. Doch im Krankenhaus brach er sich dann den Arm, die Metastasen hatten schon die Knochen angegriffen. Es wurde nicht mehr operiert. Eines Tages, als ich ihn besuchen wollte, war sein Bett leer. Ein Patient sagte mir, dass er auf ein Einzelzimmer verlegt worden wäre. Das ist schon ein Zeichen gewesen für mich. Ich eilte natürlich sofort auf sein neues Zimmer und war erleichtert, dass er noch am Leben war. Es war der Zeitpunkt, als wir mit der BISS unseren Jahresausflug machten, von Freitag auf Sonntag. Als ich meinem Freund davon erzählte, sagte er, dass ich ruhig mitfahren könne. Ich glaube, dass mein Freund damals wollte, dass ich etwas Abstand gewinnen kann. Vielleicht wollte er mir auch die Entscheidung über seinen Tod abnehmen. Als ich am Montag zurückkam, war er bereits nicht mehr in der Lage, seinen Willen zu äußern. Und die Ärzte hatten schon die Dialyse eingestellt. Mein Freund lebte noch, war aber nicht mehr ansprechbar. Ich besuchte ihn von nun an jeden Tag, und er wurde immer schwächer und schwächer. Ich hatte für meinen Partner schon ein Zimmer in der Palliativmedizin ausgesucht, doch ein Arzt meinte, dass er nicht glaube, dass mein Freund dies noch erlebe. Am nächsten Tag packte ich meine Tasche, um einige Zeit im Krankenhaus bei ihm zu übernachten. Doch als ich auf der Palliativstation ankam, war zu meinem Erstaunen mein Freund nicht dort. Es wurde dann in der Station, wo er zuvor gelegen hatte, angerufen, und man sagte mir kurz und knapp, dass mein Partner tot sei. Ich ging also rauf, öffnete die Tür von seinem alten Zimmer und mehrere Ärzte standen herum. Ich machte die Tür wieder zu, aber ein Arzt sagte, ich solle wieder hereinkommen: „Nehmen Sie von Ihrem Freund Abschied.“ Da hatten sie gerade den Tod festgestellt. Oft höre ich, dass Ärzte den Willen des Patienten nicht durchführen, aber hier haben sie alles gemacht, was in der Patientenverfügung meines Freundes stand. Sie hatten die Dialyse eingestellt. Ich wusste, dass mein Freund nicht weiterleben wollte, es war also richtig, die Dialyse einzustellen. Einerseits bin ich froh, dass er tot ist, weil er erlöst ist und es egoistisch gewesen wäre, ihn weiterleben zu lassen. Auf der anderen Seite vermisse ich ihn.

Meine Kindheit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Dirk Schuchardt

Am 23.9.1968 erblickte ich in der Stadt Werne bei Unna das Licht der Welt. Mehr oder weniger behütet, wuchs ich in Bergkamen die ersten sieben Jahre meiner Kindheit auf. Bis eines Tages mein zukünftiger Stiefvater auf der Bildfläche erschien. Angeschleppt von meinem eigenen Vater, der sich, kurz nachdem die beiden angekommen waren, vollkommen besoffen ins Bett legte. Nur wenige Wochen später zogen meine Mutter, mein Bruder und ich mit diesem uns bis dahin fast völlig unbekannten Mann in eine eigens dafür gesuchte gemeinsame Wohnung nach Hamm. Von diesem Tag an begann – insbesondere für mich – die Hölle auf Erden. Sowohl körperliche Gewalt als auch seelische Grausamkeiten waren fortan an der Tagesordnung. Zum Beispiel mussten wir „bitte, bitte“ machen, wenn wir uns Obst aus der Obstschale nehmen wollten – und bei Nichtbeachtung dieser Regeln setzte es sofort Schläge. Anderes Beispiel: Als Nachspeise nach dem Mittagessen gab es oft Pudding oder Götterspeise. Für uns Kinder jeweils einen kleinen Klecks, für unseren Stiefvater aber die große Schüssel. Wie mussten dann zusehen, wie er sich einen Esslöffel nach dem anderen laut schmatzend und gelegentlich rülpsend in seinen gierigen Schlund schob. Wenn er dann irgendwann genug in sich hineingeschaufelt hatte, bekamen wir die Reste zugeschoben. Wenn meine Mutter mal wieder im Krankenhaus lag, was in etwa ein- bis zweimal im Jahr wegen ihrer Bauchspeicheldrüse für jeweils einige Wochen der Fall war, war für uns die Hölle umso intensiver, weil nun niemand mehr da war, der uns in Schutz nahm. Wie ich aus diesem Leidensweg dennoch zum Glück fand, das erzähle ich Ihnen das nächste Mal.

Meine Zeit in der Türkei

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Ich komme aus Bagdad, wo die Situation irgendwann so schlimm wurde, dass ich mit meiner Familie fliehen musste. Über Kurdistan sind wir in die Türkei gekommen. Dort bekamen wir ein Visum, aber nur für 15 Tage. Wir hätten wieder in den Irak gemusst, doch zurück konnten wir nicht, also blieben wir. Illegal. Weil ich keine Arbeitserlaubnis hatte, habe ich Telefonkarten verkauft. Das Geschäft war gut, aber das Leben in der Türkei schwierig. Menschen haben versucht, uns zu bestehlen oder zu betrügen. Weil wir illegal waren, konnten wir nicht die Polizei rufen. Über eine Bekannte habe ich eine Wohnung gefunden, 200 Dollar im Monat, keine Küche, nur vier Matratzen und ein kleiner Gaskocher. Die Vermieterin mochte uns nicht, sie war Muslimin, wir sind Christen. Sie hat uns um Geld betrogen. Dann kam ein Mann zu mir und sagte, er könne mich über Bulgarien nach Deutschland bringen. Ich gab ihm meinen Pass, doch als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er, er habe ihn verloren. Natürlich wusste ich, dass er nur Geld von mir wollte. Ich gab ihm 300 Dollar, und tatsächlich brachte der Mann mir bald meinen Pass wieder. Was blieb mir übrig? Ohne Pass war ich verloren. Ein anderes Mal sagte ein Mann vor einem Café zu mir: „Gib mir 100 Euro! Sonst rufe ich die Polizei und du musst zurück in den Irak!“ Ich dachte: Was Gott will, passiert ohnehin. Und wenn ich zurück in den Irak soll, dann ist es so. Also sagte ich dem Mann, dass ich ihm nichts geben werde. Doch dann erklärte er mir, dass er krank sei, halbseitig gelähmt, und dass er Geld brauche. Und so beschloss ich, ihm zu helfen. Nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte und weil ich Christ bin. Ich gab ihm 100 Euro und schickte ihn ins Krankenhaus.