Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Hund aktuell

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang „Butzi“ Kurz

Ich finde Hunde toll. Als Kind hatten wir mal kurz einen Hund, aber weil es Probleme gab, mussten wir das Tier bald wieder weggeben. Wenn ich mir heute einen kaufen würde, dann wäre das kein kleiner Kläffer, sondern ein richtig großer Hund, denn die großen Hunde mag ich gerne. Aber um so ein Tier gut unterbringen zu können, braucht man mindestens ein Haus, noch besser mit einem Grundstück. Das habe ich nicht, also habe ich auch keinen Hund. Aber es gibt da zum Glück den Nachbarn meiner Lebensgefährtin. Wir sehen uns fast jeden Tag, er ist mein Freund geworden, zurzeit ist er sogar der einzige Freund, den ich habe. Mein Freund hat also einen Hund, er heißt Jäcki. Jäcki ist ein Rüde, ein Mischling, genauer gesagt ein rumänischer Hirtenhund. Er ist circa zwölf Jahre alt und sein Fell ist ganz schwarz. Sein Nacken ist sehr empfindlich – wahrscheinlich wurde er misshandelt, bevor er zu meinem Freund gekommen ist. Sein Revier markiert Jäcki sehr ordentlich: Er bellt sehr viel, wenn andere Rüden vorbeikommen. Ob sie nun groß sind oder klein, er ist seinen Artgenossen gegenüber immer sehr kampflustig! Seine weiblichen Artgenossen begattet Jäcki sehr gerne. Um Futter bettelt er so lange, bis er etwas bekommt. Und dann frisst er so gierig, als ob ihm jemand etwas wegnehmen würde. Und das Begrüßen macht er intensiv mit lautem Gebell. Auch das Autofahren macht Jäcki Spaß. Er schaut genau die Landschaft an und ist dabei sehr ruhig. Nur wenn jemand raucht, da nimmt er Reißaus, das mag er gar nicht! Fast jeden Tag gehe ich mit Jäcki und meinem Freund spazieren. Aber ich möchte mich nicht zu sehr in den Hund verlieben. Denn sollte ihm etwas passieren, würde mir das sehr wehtun. Deshalb genieße ich jeden Tag mit ihm beim Gassigehen. Gerne würde ich noch einige Jahre mit ihm verbringen.

Streich mit Schaf und Frau

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Manchmal muss man in der Liebe eine List anwenden. Ich weiß das, weil ich ein gutes Beispiel dafür aus dem Irak kenne. Dort heiratete eine Frau einmal und zog mit ihrem Mann in sein Haus. Sie waren sehr verliebt, doch eines Tages stritten sie sich und die Frau zog aus und ging zurück zu ihrer Familie. Der Mann bat sie, zurückzukommen, einmal, zweimal, dreimal. Vergeblich. Da beschloss der Mann, eine List anzuwenden. Er kaufte auf dem Markt ein Schaf, nahm es mit zu sich nach Hause und zog ihm dort Holzschuhe an und brachte es in den ersten Stock seiner Wohnung. Kurz darauf lud er seine Frau zu sich ein und erklärte ihr, dass er wieder geheiratet habe. Als seine Frau ihm nicht glaubte, erklärte er, dass die Schritte, die man aus dem ersten Stock hörte, von seiner neuen Liebe stammen würden. Seine Frau wurde erst blass und dann sehr eifersüchtig, denn eigentlich liebte sie ihren Mann immer noch. So bat sie ihn, sich scheiden zu lassen von der neuen Frau und wieder zu ihr zurückzukommen. Und tatsächlich: Der Mann willigte sofort ein. „Und was ist mit der anderen?“, fragte die Frau daraufhin. „Komm mit“, sagte der Mann, „ich zeige sie dir.“ Und so führte er sie in den ersten Stock, wo das Schaf immer noch auf Holzschuhen durch die Zimmer lief. „Warum hast du das gemacht?“, wollte seine Frau wissen. „Weil ich wollte, dass du zu mir zurückkommst“, sagte der Mann. „Und jetzt bist du wieder da.“ Von da an ging die Frau nicht mehr weg, und das Ehepaar lebte noch viele Jahre glücklich und zufrieden zusammen. Das Schaf aber, das haben sie gegessen.

Umzug

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ernst Köppel

Meine lieben Kundinnen und Kunden, wie Sie wissen, wollte ich ja nach sieben Jahren den Stachus verlassen, weil es mir an meinem Platz zu laut, dreckig und zu kalt geworden ist. Jetzt hat sich eine neue Situation ergeben: Der Marco Veneruso, einer unserer Verkäufer im Rollstuhl, hat aufgehört und ich darf jetzt an seinem Platz verkaufen. Deshalb werde ich von nun an vermehrt an meinem neuen Platz am Vinzenzmurr stehen. Falls Sie mich suchen sollten, wird Toni, der neue Verkäufer an meinem alten Platz, Ihnen gern sagen, wo ich stecke. Ich hoffe, dass Sie mir weiter treu bleiben. Mal sehen, ob ich auf dem neuen Platz genauso viel erlebe wie vor der Stadtsparkasse! Ein kleiner Tapetenwechsel innerhalb des Stachus tut jedenfalls gut. Und Gott sei Dank muss ich auch an meinem neuen Platz nicht draußen stehen. Wenn ich mich eingearbeitet habe, werde ich wieder mehr Artikel schreiben. Viele von Ihnen hatten mich darum gebeten. Jetzt gilt es erst mal, mich vor dem Vinzenzmurr zu etablieren, und ich hoffe auf einen baldigen Ratsch mit Ihnen!

Die erste Wohnung

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Sanda Boca

Vor zwei Wochen hat die BISS mir dabei geholfen, eine Wohnung zu finden. Es ist meine erste eigene Wohnung überhaupt. Davor habe ich immer auf der Straße gelebt, erst in Rumänien, dann hier in Deutschland, im Winter in der Notaufnahme, im Sommer immer draußen, so ging das jahrelang. Immer musste ich Angst haben, dass die Polizei kommt und mich vertreibt. Und wenn ich in der Notunterkunft geschlafen habe, musste ich mir immer ein Zimmer mit anderen teilen. Es hat gestunken, die Leute haben gepfurzt und geschnarcht. Aber jetzt habe ich ja eine eigene Wohnung! Als ich eingezogen bin, hatte ich nur einen Koffer dabei, mehr habe ich ja nicht, zum Glück hat die BISS mir auch ein paar Möbel besorgt. Sogar Cora, meine liebe Hündin, hat ein eigenes kleines Bettchen bekommen. Nach der Arbeit komme ich jetzt nach Hause, in mein Zuhause, dann schaue ich ein bisschen fern, ich entspanne mich oder ich schlafe. Am meisten freue ich mich aber über die Dusche. Die benutze nämlich nur ich allein.