Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Alles ist gut

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Ich habe im Kuweit-Krieg meine rechte Hand verloren. Lange war ich deswegen unglücklich und gereizt. Weil mir eine Hand fehlte, konnte ich keine Arbeit finden, meine Familie musste aber essen und die Miete bezahlen – diese Zeit war sehr schwer. Damals fuhr ich eines Tages mit einem Bus von Bagdad nach Mossul. Ein Mann saß neben mir. Er sah, dass es mir nicht gut ging. Er fragte, was mit mir los sei und wo ich hinfahre. Ich antwortete ihm nicht, ich war zu gereizt. Er fragte mich ein zweites Mal, diesmal fragte er mich aber auch, warum ich so gereizt sei. Ich sagte ihm, dass ich meine Hand verloren habe, und der Mann erzählte mir daraufhin eine Geschichte: Ein König hatte einen Minister. Dieser Minister sagte immer, dass alles gut sei. Nach ein paar Monaten verlor der König bei einem Unfall einen Finger. Der Minister sagte zum König: „Alles ist gut.“ Der König wurde daraufhin sehr böse. Was erlaubte sich dieser Minister? Erbost ließ der König ihn ins Gefängnis stecken. Jeden Freitag aber ging der König auf Reisen. Und so kam er einmal in ein Dorf, auf dessen Platz die Menschen einen Götzen anbeteten. Als sie den König sahen, wollten sie ihn ihrem Gott opfern. Doch dann merkten sie, dass dem König ein Finger fehlte. Um ihrem Gott nichts Unperfektes zu schenken, ließen sie wieder von dem König ab. Als er wieder in seinem Palast war, erinnerte der König sich daran, was sein Minister gesagt hatte: Alles ist gut. Am Ende hatte der Minister recht gehabt, der fehlende Finger hatte sein Leben gerettet. Und so holte der König den Minister wieder aus dem Gefängnis. Er fragte den Mann, was er Gutes darin gesehen habe, dass er im Gefängnis war, und der Minister sagte: „Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, wäre ich mit Ihnen zusammen gereist, und dann wäre ich geopfert worden. Alles ist also gut.“

Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, sagte der Mann im Bus zu mir: „Gott hat Ihnen zwei Hände gegeben. Sie können auch mit einer Hand Arbeit finden, denn wo man nicht zwei Hände braucht, braucht man den Kopf. Danken Sie Gott für seine Güte.“ Ich dankte Gott für den Verstand, den er mir gegeben hat. Für die beiden Augen und Ohren und für die zwei Füße und zwei Hände. Eine hatte ich verloren, aber die andere habe ich noch. Und dank Gott habe ich hier in Deutschland auch eine gute Arbeit gefunden. Wenn ich also darüber nachdenke, dass ich meine Hand verloren habe, dann denke ich, dass es Gottes Wille war. Wenn schlechtes Wetter ist, sage ich: Alles gut. Wenn gutes ist, sage ich: Alles gut. Wenn ich verkaufe, sage ich: Alles gut. Wenn ich nicht verkaufe, sage ich: Alles gut.

Willy, du warst mein Idol

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Toni Menacher

Schon in meiner Schulzeit war ich sehr politisch und geschichtlich interessiert. Meine erste größere politische Erfahrung war die Überreichung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt 1971. Damals war ich zehn Jahre alt und verfolgte die Verleihung im Fernsehen. Ich informierte mich dann in Geschichtsbüchern meines Bruders über Brandts Lebenswerk und war beeindruckt. Viele Erwachsene in meiner Umgebung waren aus der Kriegsgeneration und sprachen entweder nicht über die Nazizeit und den Krieg, oder aber sie verharmlosten dieses Thema und sagten, sie hätten von der Judenverfolgung nie etwas gewusst. Willy Brandt hat aber sein Leben, seine Freiheit und seine Gesundheit riskiert und im Untergrund gegen die Nazis gekämpft. Ich hätte bestimmt nicht den Mut dazu gehabt. Für mich ist es darum vorbildlich, dass Brandt immer seinen Weg ging. Was mich bis heute stört, ist, dass er sich während der 68er-Bewegung nicht auf die Seite der Demonstranten stellte. Im Gegenteil: Er unterstützte die Notstandsgesetze der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger. Wie kann ein Mann wie Willy Brandt es zulassen, dass Methoden wie in einem Polizeistaat herrschen? Ich selbst, Jahrgang 1961, erlebte dies während der Anti-Atomkraft-Demonstrationen ab Ende der 70er-Jahre. Ich wohnte damals etwa 10 bis 15 Kilometer entfernt von den Atomkraftwerken Ohu 1 und 2 und war mehrmals auf Anti-Atom-Demos. Als Demonstranten auf diesen Demos von der Polizei mit Wasserwerfern und Knüppeln traktiert wurden, hat Willy Brandt nichts dagegen gemacht. Das habe ich ihm übel genommen. Denn er war zwar ab 1974 nicht mehr Bundeskanzler, als SPD-Vorsitzender aber einer der einflussreichsten Politiker. Ich bin immer schon SPD-Sympathisant, aber deshalb fand oder finde ich bei Weitem nicht alles gut, was die Partei macht. Aber es macht mir heute noch Spaß, mit politisch andersdenkenden Menschen zu diskutieren. Aber nur Demokraten! Die Diskussion mit Ewiggestrigen finde ich unnötig. Und ich er- lebe es mit Schrecken, dass heute alte Parolen wie „Ausländer raus“ oder „Asylbewerber sind alles Schmarotzer und Verbrecher“ wieder Zuspruch erhalten. Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt? Auch am Stammtisch unterlasse ich solche Gespräche, weil Bier und Politik, da kommt nichts Gutes raus!

Ich werde fünfzig!

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Ercan Uzun

Vom Horoskop her bin ich Stier (erste Dekade), von Astrologie und Hellseherei aber halte ich nichts, allein daran zu glauben wäre eine Sünde. 50 Jahre sind ein Einschnitt, ein halbes Leben ist sicher vorbei, denn wer wird schon älter als 100 Jahre? Die nächsten Zeilen werde ich aber nicht dafür verschwenden, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Das Getane kann man ohnehin nicht rückgängig machen, und die Missetaten von früher kann man nur bereuen und Allah um Vergebung bitten. Deswegen gehe ich seit geraumer Zeit jeden Freitag zum Gebet in die Moschee. Arbeiten kann ich nur an der Gegenwart und an der Zukunft. Als Ehemann und Vater will ich meine Fehler von früher nicht wiederholen. Beispielsweise will ich mein schlechtes Befinden nicht mehr an Familienmitglieder oder Kunden weitergeben. Wenn jemand fragt, geht es mir deswegen immer gut. Traurig zu sein, weil ich es im Leben zu nichts Prestigeträchtigem gebracht habe, beispielsweise einem Eigenheim, bringt auch nichts. Kein Abitur geschafft zu haben oder dergleichen, allein darüber zu sinnieren ist Schwachsinn. Ich mache meine Arbeit gut, meine Beiträge in der Schreibwerkstatt verfasse ich weiterhin, meine Frau und mein Chef sind mit mir zufrieden, das zählt. Mit meiner Frau bin ich seit über 23 Jahren verheiratet, und wir haben vier Kinder. Sie sind am glücklichsten, wenn ihr Vater nicht ständig deprimiert ist, sondern ihnen im Fall des Falles zur Seite steht. In meinen Augen ist meine Sucht zu rauchen ohnehin die größte Sünde, unter der ich auch weiterhin leide. Ich rauche nunmehr seit 25 bis 30 Jahren, und mein Tod wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Folge meines Tabakkonsums sein. Gerade eben zünde ich mir wieder eine Zigarette an. Ich kann nur hoffen, dass mich irgendwann irgendetwas dazu bringt, aufzuhören. Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, wie viele Nöte andere Menschen auf der Welt erleiden, sei es im Krieg, auf der Flucht, oder körperliche Einschränkungen, weil sie auf den Rollstuhl angewiesen sind oder nicht sehen können. Aber wie heißt es? Die meisten Menschen sind nicht glücklich mit dem, was sie haben, sondern sie schielen immer nach dem, was sie nicht haben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein schönes Frühjahr, und ich hoffe, dass Sie auch weiterhin meine Beiträge lesen.

Meine Zeit in Portugal

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Vladimir Odeljan

In der Abtei Sankt Bonifaz gibt es eine Obdachlosenhilfe und Essensausgabe. Dort habe ich vor etwa vier Jahren Sarah aus Saarbrücken getroffen. Sie war Vegetarierin so wie ich damals auch. So sind wir ins Gespräch gekommen. Sarah hat mir erzählt, dass sie mit ihrem Freund etwas aufbaut in Portugal, eine Ziegenfarm, um Bio käse zu machen. Und ich war ohne Arbeit, ohne Wohnung und dachte gleich: Das ist etwas für mich! Sarah fragte, ob ich fahren will. Sie gab mir ein Ticket für den Bus. Sie selbst trampte bis Portugal, ganz schön verrückt. Die Farm lag in der Mitte von Portugal, in Seia. Ihr Freund holte mich an der Busstation ab. Als er die Tür seines Autos aufmachte, kam ein riesiger Rottweiler herausgesprungen. Na schön, dachte ich, das wird spannend. Auf der Farm wartete schon ein Zelt für mich, und ich konnte es aufbauen, wo ich wollte. Sarah und ihr Freund wohnten in einem alten Militärwagen. Am nächsten Morgen war die erste Arbeit, die Ziegen zu füttern. Dann sollten die Hunde Essen bekommen. Und dann war da noch ein Esel, ich musste ihm Wasser bringen. Eines Morgens hatte er den Strick durchgebissen und unsere Orangen und Kürbisse gefressen. Wir waren Vegetarier, sogenannte Eco­Zone, keine Zigaretten, kein Alkohol. Es gab eine Solaranlage, wir hatten also ein bisschen Strom. Wir verstanden uns gut, jeden Morgen verteilten wir die Arbeit. Tagsüber waren es 40 Grad im Schatten, wir fingen darum um drei Uhr in der Früh an, arbeiteten bis Mittag, dann kam Siesta. Wir bauten einen Stall, einen Schuppen, eine Küche aus Holz und einen Garten. Ein Jahr war ich auf der Farm, dann mussten wir aufgeben. Die portugiesischen Behörden machten uns Probleme, wir konnten den Käse nicht verkaufen, bekamen keine Baugenehmigungen für neue Ställe, und wir konnten nur wenig Portugiesisch. Also landete ich wieder in München, ohne Arbeit, ohne Wohnung. Nach ein paar Monaten traf ich Sarah wieder. Sie sagte zu mir: Geh zur BISS, die helfen dir. Das hat geklappt. Jetzt bin ich bei BISS. Ich würde gern zurück nach Portugal gehen. Aber nicht mehr zum Arbeiten, sondern nur noch als Tourist.