Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Ich werde fünfzig!

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Ercan Uzun

Vom Horoskop her bin ich Stier (erste Dekade), von Astrologie und Hellseherei aber halte ich nichts, allein daran zu glauben wäre eine Sünde. 50 Jahre sind ein Einschnitt, ein halbes Leben ist sicher vorbei, denn wer wird schon älter als 100 Jahre? Die nächsten Zeilen werde ich aber nicht dafür verschwenden, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Das Getane kann man ohnehin nicht rückgängig machen, und die Missetaten von früher kann man nur bereuen und Allah um Vergebung bitten. Deswegen gehe ich seit geraumer Zeit jeden Freitag zum Gebet in die Moschee. Arbeiten kann ich nur an der Gegenwart und an der Zukunft. Als Ehemann und Vater will ich meine Fehler von früher nicht wiederholen. Beispielsweise will ich mein schlechtes Befinden nicht mehr an Familienmitglieder oder Kunden weitergeben. Wenn jemand fragt, geht es mir deswegen immer gut. Traurig zu sein, weil ich es im Leben zu nichts Prestigeträchtigem gebracht habe, beispielsweise einem Eigenheim, bringt auch nichts. Kein Abitur geschafft zu haben oder dergleichen, allein darüber zu sinnieren ist Schwachsinn. Ich mache meine Arbeit gut, meine Beiträge in der Schreibwerkstatt verfasse ich weiterhin, meine Frau und mein Chef sind mit mir zufrieden, das zählt. Mit meiner Frau bin ich seit über 23 Jahren verheiratet, und wir haben vier Kinder. Sie sind am glücklichsten, wenn ihr Vater nicht ständig deprimiert ist, sondern ihnen im Fall des Falles zur Seite steht. In meinen Augen ist meine Sucht zu rauchen ohnehin die größte Sünde, unter der ich auch weiterhin leide. Ich rauche nunmehr seit 25 bis 30 Jahren, und mein Tod wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Folge meines Tabakkonsums sein. Gerade eben zünde ich mir wieder eine Zigarette an. Ich kann nur hoffen, dass mich irgendwann irgendetwas dazu bringt, aufzuhören. Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, wie viele Nöte andere Menschen auf der Welt erleiden, sei es im Krieg, auf der Flucht, oder körperliche Einschränkungen, weil sie auf den Rollstuhl angewiesen sind oder nicht sehen können. Aber wie heißt es? Die meisten Menschen sind nicht glücklich mit dem, was sie haben, sondern sie schielen immer nach dem, was sie nicht haben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein schönes Frühjahr, und ich hoffe, dass Sie auch weiterhin meine Beiträge lesen.

Meine Zeit in Portugal

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Vladimir Odeljan

In der Abtei Sankt Bonifaz gibt es eine Obdachlosenhilfe und Essensausgabe. Dort habe ich vor etwa vier Jahren Sarah aus Saarbrücken getroffen. Sie war Vegetarierin so wie ich damals auch. So sind wir ins Gespräch gekommen. Sarah hat mir erzählt, dass sie mit ihrem Freund etwas aufbaut in Portugal, eine Ziegenfarm, um Bio käse zu machen. Und ich war ohne Arbeit, ohne Wohnung und dachte gleich: Das ist etwas für mich! Sarah fragte, ob ich fahren will. Sie gab mir ein Ticket für den Bus. Sie selbst trampte bis Portugal, ganz schön verrückt. Die Farm lag in der Mitte von Portugal, in Seia. Ihr Freund holte mich an der Busstation ab. Als er die Tür seines Autos aufmachte, kam ein riesiger Rottweiler herausgesprungen. Na schön, dachte ich, das wird spannend. Auf der Farm wartete schon ein Zelt für mich, und ich konnte es aufbauen, wo ich wollte. Sarah und ihr Freund wohnten in einem alten Militärwagen. Am nächsten Morgen war die erste Arbeit, die Ziegen zu füttern. Dann sollten die Hunde Essen bekommen. Und dann war da noch ein Esel, ich musste ihm Wasser bringen. Eines Morgens hatte er den Strick durchgebissen und unsere Orangen und Kürbisse gefressen. Wir waren Vegetarier, sogenannte Eco­Zone, keine Zigaretten, kein Alkohol. Es gab eine Solaranlage, wir hatten also ein bisschen Strom. Wir verstanden uns gut, jeden Morgen verteilten wir die Arbeit. Tagsüber waren es 40 Grad im Schatten, wir fingen darum um drei Uhr in der Früh an, arbeiteten bis Mittag, dann kam Siesta. Wir bauten einen Stall, einen Schuppen, eine Küche aus Holz und einen Garten. Ein Jahr war ich auf der Farm, dann mussten wir aufgeben. Die portugiesischen Behörden machten uns Probleme, wir konnten den Käse nicht verkaufen, bekamen keine Baugenehmigungen für neue Ställe, und wir konnten nur wenig Portugiesisch. Also landete ich wieder in München, ohne Arbeit, ohne Wohnung. Nach ein paar Monaten traf ich Sarah wieder. Sie sagte zu mir: Geh zur BISS, die helfen dir. Das hat geklappt. Jetzt bin ich bei BISS. Ich würde gern zurück nach Portugal gehen. Aber nicht mehr zum Arbeiten, sondern nur noch als Tourist.

Skipiste

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Wolfgang Räuschl

Meine Kindheit im Winter war immer ein tolles Erlebnis, da es vor unserem Haus immer sehr viel Schnee gab und die Winter richtig hart waren. Noch bevor ich in die erste Klasse kam, konnte ich schon etwas Skifahren, und wir Dorfkinder freuten uns auch sehr darauf. In Österreich sagt man, dass Skifahren noch vor der Schule kommt, und man lernte es noch vor dem Lesen und Schreiben; und das ist auch wahr. Später durften wir auch immer wieder an Schulskirennen teilnehmen und hatten auch immer wieder Siegläufer dabei. Als Jugendliche durften wir dann allein mit dem Skilift und auch in der Gruppe Ski fahren. Es war eine schöne Zeit: keine Touristen, kein Anstellen am Lift, und das ein oder andere Mal kehrten wir auch in einer Hütte ein, die meinem Onkel gehörte. Wir waren meist fünf bis sechs Jugendliche und genossen so die kalten Wintertage auf der Skipiste, und das Schönste daran war der „Einkehrschwung“. Es war noch die gute alte Zeit, wo es auf manchen Hütten noch keinen Strom gab und wir teilweise auch noch alles vom Tal bergauf mitnehmen mussten. Ein offener Kamin, ein kleines Feuer, über dem der Teekessel hing, und wir machten es uns gemütlich bis spät am Abend, um dann mit Fackeln ins Tal zu fahren. Leider hatten wir auch mal einen riesigen Schneesturm, sodass wir übernachten mussten auf der Hütte, aber es gab ja genug „Jagatee“, sodass wir einige Stunden schlafen konnten und erst in der Früh munter wurden. Heute ist das alles anders, in der Welt von Schicki micki, Pistenpromis und Skihaserl: alle paar hundert Meter ein moderner Skilift und beheizbare Gondeln, ab dem Vormittag schon Ballermann­Musik, Champagner aus der Flasche, und das alles für ein wildes Partyvolk hoch oben in den Bergen. Überall nur noch die Schneekanonen, alles muss schnell gehen, denn die Touristen haben ja keine Zeit mehr, da sie alle Hütten besuchen müssen. Das liebe Geld spielt natürlich auch eine große Rolle, denn ein paar schöne Skitage in Österreich kosten sehr viel Geld. Auch das Problem mit den Lawinen wird immer ernster, weil halt die Versuchung, auf der abgesperrten Strecke zu fahren, zu Leichtsinn führt. Heute bin ich froh, nicht mehr Ski zu fahren, weil ich Angst vor Unfällen habe. Und so denke ich heute an so manchen kalten Wintertag zurück und eine schöne Zeit, wo das Skifahren noch Spaß machte. Manchmal träume ich noch vom selbst gemachten Jagatee und von Schmalzbrot und so manchem Schneesturm, bei dem wir es uns in der Hütte gemütlich machten. In diesem Sinne ein verletzungsfreies Skifahren und ein großes „Ski heil“ an alle Pistenfreunde.

Das Leiden eines (werdenden) Blinden

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Hans Pütz

Ich habe früher auch viel in der Schreibwerkstatt geschrieben, und immer wieder fragen mich Kunden, warum ich das nicht mehr tue. Ich will es Ihnen erklären: Vor eineinhalb Jahren haben die Ärzte bei mir Makulophatie entdeckt. Ich bin Diabetiker, und das hat dazu geführt, dass meine Augen so schlecht geworden sind. Ich sehe auf beiden Augen nur noch 20 Prozent. Alles ist verschwommen, wie wenn die Welt hinter Nebel liegen würde. Zu Hause habe ich eine gute Bekannte, die mir im Alltag hilft, wenn ich Briefe bekomme oder wenn ich Anträge ausfüllen muss. Sie hat mir auch geholfen, den Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Den Rest bekomme ich alleine hin, es gibt Tricks: Wenn man zum Beispiel ein Glas Wasser füllt, dann hält man einen Finger an den Rand des Glases und spürt, wenn es voll ist. Ich habe zu Hause mindestens zehn Lupen liegen, und meinen Fernseher muss ich ganz nah ans Bett rücken, damit ich etwas sehe. Beim Verkaufen habe ich manchmal Probleme, das Kleingeld auseinanderzuhalten. Aber mit der Zeit weiß man, wie groß die Münzen sind und wie sie sich anfühlen. Es ist anstrengend für mich, die Leute zu erkennen, auch wenn sie schon seit Jahren zu mir kommen. Ich bin ja schon seit über 20 Jahren bei der BISS, doch viele Kunden wissen nicht, das ich fast blind bin. Wenn ich es ihnen dann sage, sind sie überrascht und wollen mir helfen. Manche Leute wundern sich, dass ich öfter nicht an meinem Standplatz bin. Das liegt an meinen Terminen beim Augenarzt. Zu Weihnachten und für das nächste Jahr wünsche ich mir, dass ich besser sehen kann, und ein paar neue Augen.