Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Weihnachtszeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang Räuschl

In meiner Kindheit war die Advents-­ und Weihnachtszeit etwas Besonderes. Nicht, weil wir viel Schnee hatten, sondern, weil es auch etwas Familiäres hatte. Am Land, wo ich aufgewachsen bin, gab es an Adventssonntagen nachmittags immer ein Treffen meiner Verwandtschaft, und wir haben in der Stube zusammengesessen und bei Bäckerei, Kuchen und Kaffee auch sehr schöne Weihnachtslieder gesungen. Mein Großvater erzählte uns auch immer wieder Weihnachtsgeschichten. Meine Lieblingsgeschichte war die von der Kirche in Oberndorf bei Salzburg, als die Leute ein Weihnachtslied suchten, um es in der Heiligen Nacht aufzuführen. Die beiden Volksschullehrer Franz Mohr und Xaver Gruber haben ein Weihnachtslied geschrieben und es zur Christmette 1816 uraufgeführt. Dass es aber das vielleicht schönste und berühmteste werden würde, haben sie damals nicht gedacht. So wird das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ heuer 200 Jahre alt und auf der ganzen Welt gesungen. Zu diesem Anlass mache ich einen Tagesausflug und besuche nicht nur den Christkindlmarkt, sondern auch die Ortskirche von Oberndorf, um an dem Ursprung des berühmtesten Weihnachtsliedes zu stehen. Heute hat fast keiner mehr Zeit, eine ruhige Adventszeit zu erleben. Die Konsumgesellschaft, der Stress und die Hektik einer Großstadt lassen das alles nicht mehr zu. Vielleicht würde man sich dann wieder an Weihnachten freuen, wenn jeder von uns ein bisschen nachdenkt und in sich geht, um an die Weihnachtszeit von früher zu denken. Bei uns zu Hause gab es immer auch Geschenke: Winterbekleidung bekam ich und ein Paar Ski, auch das ein oder andere Buch. Aber am besten waren diverse selbst gemachte Weihnachtsbäckereien von Tanten und der Großmutter. Und heute sieht man die Lebkuchen und Adventskalender schon ab September in den Regalen von Supermärkten stehen. Die Auslagen großer Kaufhäuser werden schon im Oktober für das große Weihnachtsgeschäft dekoriert, und auch die Weihnachtslieder auf Englisch werden ab November aus den Lautsprecherboxen rauf­ und runtergespielt. Da fällt mir eine berühmte Aussage von Franz Beckenbauer ein: Ja, ist denn heut scho Weihnachten? Da denke ich gern an meine Kindheit zurück. Manchmal habe ich noch den Duft in der Nase vom frisch geschlagenen Tannenbaum. Ich wünsche mir ein friedliches und ruhiges Fest. Denn Weihnachten ist für mich immer noch ein Fest der Familie und des Friedens.

Meine Familie hält zusammen

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Toni Menacher

1993 begann mein Neffe Bernhard mit nur 20 Jahren mit dem Hausbau. Es war selbstverständlich, dass wir ihm alle dabei halfen. Sein Bruder kam jeden Tag zu ihm zum Mauern oder um den Boden zu betonieren. Meine Schwester und meine Nichte halfen beim Abtransport des Bauschutts. Meine Mutter kochte für alle, obwohl sie schon über 70 Jahre alt war und gesundheitlich angeschlagen. Ich selbst opferte zwei Wochen Urlaub und half an den Wochenenden. Ich sagte, dass ich niemals einen Stein mauern würde, dazu fehlt mir das Talent – aber dass ich gerne Steine tragen und Mörtel mischen würde. Dazu sagte der beste Freund von Bernhard: Der beste Maurer ist nichts, wenn er keinen Mörtel, Beton oder Steine hat! Und so war ich genauso wichtig wie ein Maurer. Während der zwei Jahre des Neubaus hielten wir wie Pech und Schwefel zusammen. Seit zwei Jahren fahre ich wieder in unregelmäßigen Abständen zu meiner Familie nach Hause. Zuvor hatte ich nur sporadischen Kontakt. Das lag einzig und alleine an mir, ich schämte mich dafür, dass ich sozial abgestürzt war (ab 1998), mit Obdachlosigkeit, wenig Geld und totaler Einsamkeit. Ich war so blöde, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass meine Familie immer zu mir hält. Nach dem Tod meiner Freundin rief ich vor Weihnachten zu Hause an, um ein frohes Fest zu wünschen. Spontan wurde ich eingeladen zu kommen, und ich nahm kurzentschlossen die Einladung an und verbrachte ein sehr schönes Weihnachtsfest. Ab diesem Zeitpunkt brach der Kontakt nicht mehr ab. Mein Fazit ist: Nie wieder werde ich den Kontakt zu meiner Familie abbrechen. Ich bin dankbar dafür, dass wir in guten und schlechten Zeiten zusammenhalten.

Interview mit der Bavaria und wie es dazu kam

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Georg Sperl

Siloah ist eine Begegnungsstätte für Behinderte und Nichtbehinderte, jeder ist herzlich willkommen. Ich gehe dort manchmal hin, weil ich ehrenamtlich Rollstuhl-Begleitung mache, als Ausgleich zur BISS. Dienstags und freitags gibt es immer Programm, Vorträge, Filme und so weiter. An einem Freitag nach den Weihnachtsferien kamen zwei Damen und hielten einen Vortrag über das Stadtmuseum. Eine hatte dann die Idee, ein Audioguide-Programm mit uns zu machen. Viele waren sofort begeistert, darunter ich. Es war etwas Neues, das Stadtmuseum kannte ich noch nicht, und wir wussten nicht, was auf uns zukam. Der erste Termin war an einem Freitag, alle, die sich angemeldet hatten, waren gekommen, 15 Behinderte und Nichtbehinderte. Gemeinsam produzierten wir sechs Kurzgeschichten, zum Beispiel über die Isar oder die Trambahn. Gleich kam mir der Gedanke, die Bavaria zu interviewen. Aber wie soll das gehen? Ich sammelte Material, schrieb einen fiktiven Text und sprach ihn am Ende beim Bayerischen Rundfunk selber ein, als Außenreporter Georg Sperl. Eine Kollegin aus dem Team gab sich als Bavaria aus. So entstand ein Hörspiel. Drei Monate dauerte die Zusammenarbeit, alle hielten durch, und wir hatten viel Freude. Es war eine wunderbare gemeinschaftliche Produktion. Zu hören ist sie heute im Stadtmuseum in der Ausstellung „Typisch München“.

Meine Kindheit mit Tieren

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

VON

Anton „Toni“ Menacher

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Landshut aufgewachsen. Meine Eltern besaßen eine kleine Landwirtschaft. Wir hatten Schweine, Kühe und Hühner. Für uns Kinder war der Umgang mit Tieren darum eine Selbstverständlichkeit. Morgens wurden die Kühe auf die Weide getrieben und abends wieder zurück zum Hof. Es machte mir viel Spaß, dabei zu helfen. Es war für mich ein wunderbares Gefühl, den Kühen dabei zuzusehen, wie sie auf der Weide grasten, oder den Hühnern, wenn sie Körner pickten. Weil sie frei herumliefen, mussten wir später die Eier suchen. Eines meiner schönsten Erlebnisse war für mich die Geburt von Ferkeln. Meine Mutter half ihnen dabei, die Zitzen der Mutter zu finden. Auf unserem Bauernhof lebten auch immer Hunde und Katzen, die auch frei herumliefen und auch mal Ausflüge zu den Nachbarn machten. Das störte niemanden. Es machte mir unwahrscheinlich viel Spaß, mit den Hunden zu spielen, Stöcke zu werfen, die der Hund dann zurückbrachte. Wir hatten einen ganz lieben Mischlingshund namens Maxl, der nach dem Prinzip lebte: Wenn ich Lust habe, höre ich auf eure Befehle – wenn nicht, dann könnt ihr mich mal. Aber keiner konnte ihm lange böse sein. Als meine Großnichte etwa zwei Jahre alt war, spielten sie viel zusammen. Wenn es Maxl zu bunt wurde, lief er einfach davon und meine Nichte mit ihren kurzen Beinchen hinterher. Natürlich wusste ich, dass unsere Schweine und Hühner geschlachtet werden. Das gehörte eben einfach dazu. Aber ich hätte nie dabei zusehen können. Wenn ich heute im Fernsehen Bilder von eingepferchten Hühnern, Schweinen oder Rindern in engen Boxen sehe, kommt mir die blanke Wut. Für mich ist es eine Tierquälerei, wenn Hühner auf engstem Raum zusammengepfercht leben müssen und keinerlei Freiraum für sich haben und nur existieren, um Eier zu legen. Was wird aus der Schöpfung Gottes, wenn nur noch Profitsucht zählt? Ich selbst hatte nie eigene Haustiere, da mir einfach der Platz fehlt und die Zeit, die man für ein Tier braucht. Aber ich genieße es heute noch, im Wald spazieren zu gehen oder im Tierpark Tiere zu beobachten. Auch in der Westernstadt „Fred Rai“ konnte ich stundenlang den Pferden zusehen, wie sie frei über die Wiese galoppierten. Obwohl ich eine schwere Kindheit hatte, weil mein Vater starb, als ich zehn Jahre alt war, und wir kaum Geld hatten, war es für mich auch eine unvergessliche Zeit in der freien Natur mit den wunderbaren Geschöpfen Gottes.