Das Leiden eines (werdenden) Blinden

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Hans Pütz

Ich habe früher auch viel in der Schreibwerkstatt geschrieben, und immer wieder fragen mich Kunden, warum ich das nicht mehr tue. Ich will es Ihnen erklären: Vor eineinhalb Jahren haben die Ärzte bei mir Makulophatie entdeckt. Ich bin Diabetiker, und das hat dazu geführt, dass meine Augen so schlecht geworden sind. Ich sehe auf beiden Augen nur noch 20 Prozent. Alles ist verschwommen, wie wenn die Welt hinter Nebel liegen würde. Zu Hause habe ich eine gute Bekannte, die mir im Alltag hilft, wenn ich Briefe bekomme oder wenn ich Anträge ausfüllen muss. Sie hat mir auch geholfen, den Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Den Rest bekomme ich alleine hin, es gibt Tricks: Wenn man zum Beispiel ein Glas Wasser füllt, dann hält man einen Finger an den Rand des Glases und spürt, wenn es voll ist. Ich habe zu Hause mindestens zehn Lupen liegen, und meinen Fernseher muss ich ganz nah ans Bett rücken, damit ich etwas sehe. Beim Verkaufen habe ich manchmal Probleme, das Kleingeld auseinanderzuhalten. Aber mit der Zeit weiß man, wie groß die Münzen sind und wie sie sich anfühlen. Es ist anstrengend für mich, die Leute zu erkennen, auch wenn sie schon seit Jahren zu mir kommen. Ich bin ja schon seit über 20 Jahren bei der BISS, doch viele Kunden wissen nicht, das ich fast blind bin. Wenn ich es ihnen dann sage, sind sie überrascht und wollen mir helfen. Manche Leute wundern sich, dass ich öfter nicht an meinem Standplatz bin. Das liegt an meinen Terminen beim Augenarzt. Zu Weihnachten und für das nächste Jahr wünsche ich mir, dass ich besser sehen kann, und ein paar neue Augen.