Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Miet-Spiegel

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Ich bin immer sehr verärgert, wenn ich von den teuren Mieten höre, die es gerade in vielen Städten wie München, Frankfurt oder Hamburg gibt. Denn ich kann es gut nachvollziehen, was es bedeutet, in Wohnungsnot zu sein oder kurz davor, aus den eigenen vier Wänden herausgeschmissen zu werden. Betroffen sind ja leider vor allem auch alleinerziehende Eltern oder Familien, die nicht so viel Geld haben und sich eben keine teure Miete leisten können. Die Situation wird jedenfalls immer schlimmer und über die Jahre hinweg auch immer dramatischer. Warum? Ich weiß, dass dieses Thema natürlich sehr komplex ist. Aber ich glaube, es liegt auch daran, dass sich einige wenige gierige Spekulanten an den Immobilien in den Städten bereichern wollen und können. Und ich würde mir wünschen, dass diese Art von Spekulation in Zukunft verboten wird und das Recht auf Wohnraum stattdessen ein Grundrecht für alle Menschen wird. Für allzu gierige Spekulanten hätte ich dann noch eine Idee: Ihr könnt von mir aus reich bleiben, weiter spekulieren und sogar auch noch reicher werden! Kauft euch aber doch statt Wohnungen lieber Spiegel, die ihr an eure Wände hängen könnt, außen herum sind sie vielleicht noch verschönert mit Diamanten. In ihnen könntet ihr euch dann betrachten. Und wenn ihr glaubt, es lohnt sich, könntet ihr die Spiegel auch wieder verkaufen, um dann einen anderen, noch größeren, noch schöneren und noch teureren Spiegel zu erstehen. So würde das immer weitergehen. Und während ihr euch in euren Spiegeln bewundert und eure Geschäfte macht, freuen wir uns über unsere günstigen Wohnungen.

Neue Tassen

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Sandra Boca

Im Oktober habe ich mithilfe der BISS eine Wohnung bekommen. Es ist meine erste Wohnung überhaupt. Als ich den Schlüssel bekam und das erste Mal über die Türschwelle ging, konnte ich nicht glauben, dass ich jetzt endlich ein Dach über dem Kopf habe, dass ich nicht mehr auf der Straße schlafen muss. Ich habe jetzt eine Schlafcouch, eine Küche, eine Waschmaschine und eine Dusche. Wenn ich abends nach der Arbeit nach Hause komme, bade ich mich, dann sehe ich ein bisschen rumänisches Fernsehen und meistens schlafe ich dann sofort dabei ein. Am nächsten Morgen stehe ich auf und koche Kaffee. Meine einzige Tasse war aber schon fast kaputt, darum habe ich mich sehr gefreut, als eine Kundin mir vor Kurzem einen Karton gebracht hat. Darauf hatte sie mein Foto geklebt, und in der Schachtel waren neue Tassen, groß und weiß mit Blumen darauf. Sie sind wunderschön, genauso wie meine Wohnung!

Erinnerungen an die Obdachlosigkeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Ich bin seit 2005 bei der BISS. Davor habe ich lange auf der Straße gelebt, von Mitte der 1990er-Jahre bis fast 2000. Wenn ich nun zur Abtei St. Bonifaz gehe, um dort meine BISS-Hefte abzuholen, dann kommen immer wieder Erinnerungen an diese Zeit hoch. Denn dort sehe ich immer viele bedürftige Menschen, die auf eine warme Suppe warten. Ich weiß ganz genau, wie das ist. Ich war selbst mit einiger Regelmäßigkeit bei der Essensausgabe. Was sich heute verändert hat: Ich sehe viel mehr Leute und auch viel mehr Frauen, die regelmäßig nach St. Bonifaz kommen. Woher das kommt, weiß ich nicht. Ich sehe auch viele Italiener, meine Landsleute, darunter viele junge Menschen. Das macht mich sehr traurig. Ich hoffe, dass sie alle ihren Weg ins Leben wiederfinden können. Ich habe ihn gefunden dank BISS, und heute lebe ich in einer eigenen Wohnung mit meinen zwei Freundinnen, die immer für mich da sind (manche Stammkunden kennen sie schon: Die Freundinnen heißen „Carmensita“ und „Contessa“ und sind zwei Café-Mokka- Maschinen, eine für ein bis zwei Tassen, die andere für vier bis fünf).

Hund aktuell

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang „Butzi“ Kurz

Ich finde Hunde toll. Als Kind hatten wir mal kurz einen Hund, aber weil es Probleme gab, mussten wir das Tier bald wieder weggeben. Wenn ich mir heute einen kaufen würde, dann wäre das kein kleiner Kläffer, sondern ein richtig großer Hund, denn die großen Hunde mag ich gerne. Aber um so ein Tier gut unterbringen zu können, braucht man mindestens ein Haus, noch besser mit einem Grundstück. Das habe ich nicht, also habe ich auch keinen Hund. Aber es gibt da zum Glück den Nachbarn meiner Lebensgefährtin. Wir sehen uns fast jeden Tag, er ist mein Freund geworden, zurzeit ist er sogar der einzige Freund, den ich habe. Mein Freund hat also einen Hund, er heißt Jäcki. Jäcki ist ein Rüde, ein Mischling, genauer gesagt ein rumänischer Hirtenhund. Er ist circa zwölf Jahre alt und sein Fell ist ganz schwarz. Sein Nacken ist sehr empfindlich – wahrscheinlich wurde er misshandelt, bevor er zu meinem Freund gekommen ist. Sein Revier markiert Jäcki sehr ordentlich: Er bellt sehr viel, wenn andere Rüden vorbeikommen. Ob sie nun groß sind oder klein, er ist seinen Artgenossen gegenüber immer sehr kampflustig! Seine weiblichen Artgenossen begattet Jäcki sehr gerne. Um Futter bettelt er so lange, bis er etwas bekommt. Und dann frisst er so gierig, als ob ihm jemand etwas wegnehmen würde. Und das Begrüßen macht er intensiv mit lautem Gebell. Auch das Autofahren macht Jäcki Spaß. Er schaut genau die Landschaft an und ist dabei sehr ruhig. Nur wenn jemand raucht, da nimmt er Reißaus, das mag er gar nicht! Fast jeden Tag gehe ich mit Jäcki und meinem Freund spazieren. Aber ich möchte mich nicht zu sehr in den Hund verlieben. Denn sollte ihm etwas passieren, würde mir das sehr wehtun. Deshalb genieße ich jeden Tag mit ihm beim Gassigehen. Gerne würde ich noch einige Jahre mit ihm verbringen.

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