Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Mein Anfang bei der BISS

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Suresh Kumar

2014 bin ich zur BISS gekommen. Ich habe Leute mit der Zeitschrift in der Stadt gesehen und habe einen Verkäufer gefragt, wo ich hingehen muss. Er hat mir die Telefonnummer und Adresse der BISS gegeben. Ich durfte hier anfangen, weil ich eine Krankheit habe und nicht normal arbeiten kann. In Deutschland bin ich seit 14 Jahren. Bevor ich hier angefangen habe, habe ich in Leipzig Lagerarbeit gemacht. Dann war ich in der Küche mehrerer Restaurants. Heute stehe ich in Gröbenzell, Großhadern und an anderen S-Bahn-Orten und verkaufe die BISS. Ich entscheide immer morgens, an welche Station ich an dem jeweiligen Tag fahre. Ich habe viele Stammkunden, aber es kommen immer auch neue Kunden. Aber vor allem mit den Stammkunden spreche ich viel – über mein Leben, ihre Sorgen und Indien. Mal dauert es zehn Minuten, mal eine halbe Stunde, manchmal trinken wir Kaffee zusammen. Meine Ex-Frau und meine Tochter wohnen in Görlitz, ich besuche die beiden alle paar Monate. Seit ich hier bin, war ich schon einmal in meiner Heimat Indien – wie laut und ungeordnet mir dort alles vorkommt. Leben möchte ich dort nicht mehr, aber Urlaub machen sehr gern.

Schreibwerkstatt – eine Nachlese

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ercan Uzun

Was mir in meinen 15 Jahren Schreibwerkstatt immer am schwersten gefallen ist, waren die Einleitung und das Thema. Bei diesem Text hier ist das ausnahmsweise einmal nicht so. Die BISS feiert 25-jähriges Jubiläum und ich ziehe Bilanz über all die Zeit, in der ich Texte für die Rubrik Schreibwerkstatt verfasste. Nach sicher mehr als 100 Texten bekommt man doch eine gewisse Sicherheit und ist vor dem Schreiben nicht mehr ganz so aufgeregt. Größtenteils entstanden meine Zeilen in der Redaktion – entweder früher in der Königinstraße oder jetzt in der Metzstraße. Meine „Lehrer“ waren immer wieder andere. Meist lieferte meine Familie Ideen, worüber ich schreiben könnte. Mit Frau und vier Kindern tut sich doch so einiges. Am meisten wurde ich früher kritisiert, als ich über meine Krankheit schrieb, und daher habe ich auch versucht, meine Schwermut nicht zu sehr in meinen Beiträgen wiederzugeben. So verfasste ich Geschichten über Klassentreffen, Ausflüge und Themen, die weder mit meiner Psyche noch mit meiner Familie zu tun hatten. Einmal schrieb ich darüber, wie mir in meiner Kindheit und Jugend und später die Mädchen und Frauen „ein dutzend Körbe“ gegeben haben. Was bei der Entstehung meiner Artikel immer eine Rolle spielte, waren die Jahreszeit, das Wetter und die Stimmung, in der ich mich in dem Moment befand. Dieser Text ist beispielsweise im Hochsommer entstanden und Sie lesen ihn im Herbst, wenn potenziell die ersten Schneeflocken fallen könnten. Mehrmals meldeten sich Leser meiner Schriftstücke per Brief oder E-Mail und äußerten ihre Gedanken oder Anregungen. Im Laufe der Zeit mehrten sich diejenigen, die äußern, sehr gerne zu lesen, was ich in der Rubrik fabriziere. Solange ich für meine Texte ein Echo bekomme, wird mir der Antrieb fürs Schreiben nicht versiegen.

Der SalzAlpenSteig

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Uwe Hinsche

Ich gehe gern wandern und in die Berge. Dieses Jahr wurde ich zu einer Pressereise auf den „SalzAlpenSteig“ eingeladen. Er soll Wanderern den historischen Weg des Salzes zwischen Bayern und Österreich nahebringen. Es gibt mehrere Wanderwege, und ich habe mich für die „Bad Reichenhaller Panoramatour“ entschieden. An einem Sonntag ging es ab München Ost mit dem Zug pünktlich los in Richtung Berchtesgaden. Dort angekommen, habe ich meinen ersten Irrtum begangen: Ich hatte nur die Adresse der Leiterin in Berchtesgaden gelesen, dabei musste ich doch nach Bad Reichenhall. Also fuhr ich wieder zurück, fand aber dann auf Anhieb mein Hotel. Die Hotelleute waren sehr freundlich und sagten mir gleich, wie ich zu dem Treffpunkt für den nächsten Tag kommen kann. Da es früher Nachmittag war, latschte ich gleich dorthin, ein zweiter Irrtum, denn der Hinweg dauerte über eine Stunde, und zurück musste ich ja auch noch. Wieder im Hotel, fragte ich, ob ein Bus zum Treffpunkt fahren würde, da erklärte der Mann von der Besitzerin, er könne mich sogar mit dem Auto fahren. Abends ging ich essen und schlenderte noch durch die Stadt mit ihrer riesigen Fußgängerzone und den vielen Kurgästen. Am nächsten Tag nach einem reichhaltigen Frühstück sind wir zum Wandertreffpunkt gefahren. Es gab ein großes Hallo, dann ging es auch schon bald los. Wir hatten dann aber schnell einen Ausfall: Es war eigentlich keine sehr schwere Tour, aber die Luftfeuchtigkeit mit 60 Prozent sehr hoch, und sie machte auch mir zusehends zu schaffen. Bis zur Baumgrenze hatte ich auf 700 Höhenmeter ungefähr drei Liter Wasser verbraucht. Ich war ziemlich fertig, und 100 Meter vor dem Ziel habe ich dann einem der Führer gesagt, er solle allein zur Hütte gehen und mich am Rückweg wieder aufgabeln. Ich machte dann eine größere Pause, bevor es dann wieder abwärtsging. Ich hatte jetzt fast keine Probleme mehr, und die Leiterin des Vereins teilte uns per Handy mit, dass sie uns unterwegs auflesen wollte. Ich war froh, als ich im Auto saß und Richtung Hotel fuhr. Die Tour hat mir dennoch gut gefallen. Sie war nicht allzu schwer, landschaftlich abwechslungsreich, und ich habe viel Hintergrundinformation und Anekdoten zu Bad Reichenhall und dem Salz bekommen.

Miet-Spiegel

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Ich bin immer sehr verärgert, wenn ich von den teuren Mieten höre, die es gerade in vielen Städten wie München, Frankfurt oder Hamburg gibt. Denn ich kann es gut nachvollziehen, was es bedeutet, in Wohnungsnot zu sein oder kurz davor, aus den eigenen vier Wänden herausgeschmissen zu werden. Betroffen sind ja leider vor allem auch alleinerziehende Eltern oder Familien, die nicht so viel Geld haben und sich eben keine teure Miete leisten können. Die Situation wird jedenfalls immer schlimmer und über die Jahre hinweg auch immer dramatischer. Warum? Ich weiß, dass dieses Thema natürlich sehr komplex ist. Aber ich glaube, es liegt auch daran, dass sich einige wenige gierige Spekulanten an den Immobilien in den Städten bereichern wollen und können. Und ich würde mir wünschen, dass diese Art von Spekulation in Zukunft verboten wird und das Recht auf Wohnraum stattdessen ein Grundrecht für alle Menschen wird. Für allzu gierige Spekulanten hätte ich dann noch eine Idee: Ihr könnt von mir aus reich bleiben, weiter spekulieren und sogar auch noch reicher werden! Kauft euch aber doch statt Wohnungen lieber Spiegel, die ihr an eure Wände hängen könnt, außen herum sind sie vielleicht noch verschönert mit Diamanten. In ihnen könntet ihr euch dann betrachten. Und wenn ihr glaubt, es lohnt sich, könntet ihr die Spiegel auch wieder verkaufen, um dann einen anderen, noch größeren, noch schöneren und noch teureren Spiegel zu erstehen. So würde das immer weitergehen. Und während ihr euch in euren Spiegeln bewundert und eure Geschäfte macht, freuen wir uns über unsere günstigen Wohnungen.

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