Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Neue Tassen

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Sandra Boca

Im Oktober habe ich mithilfe der BISS eine Wohnung bekommen. Es ist meine erste Wohnung überhaupt. Als ich den Schlüssel bekam und das erste Mal über die Türschwelle ging, konnte ich nicht glauben, dass ich jetzt endlich ein Dach über dem Kopf habe, dass ich nicht mehr auf der Straße schlafen muss. Ich habe jetzt eine Schlafcouch, eine Küche, eine Waschmaschine und eine Dusche. Wenn ich abends nach der Arbeit nach Hause komme, bade ich mich, dann sehe ich ein bisschen rumänisches Fernsehen und meistens schlafe ich dann sofort dabei ein. Am nächsten Morgen stehe ich auf und koche Kaffee. Meine einzige Tasse war aber schon fast kaputt, darum habe ich mich sehr gefreut, als eine Kundin mir vor Kurzem einen Karton gebracht hat. Darauf hatte sie mein Foto geklebt, und in der Schachtel waren neue Tassen, groß und weiß mit Blumen darauf. Sie sind wunderschön, genauso wie meine Wohnung!

Erinnerungen an die Obdachlosigkeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Ich bin seit 2005 bei der BISS. Davor habe ich lange auf der Straße gelebt, von Mitte der 1990er-Jahre bis fast 2000. Wenn ich nun zur Abtei St. Bonifaz gehe, um dort meine BISS-Hefte abzuholen, dann kommen immer wieder Erinnerungen an diese Zeit hoch. Denn dort sehe ich immer viele bedürftige Menschen, die auf eine warme Suppe warten. Ich weiß ganz genau, wie das ist. Ich war selbst mit einiger Regelmäßigkeit bei der Essensausgabe. Was sich heute verändert hat: Ich sehe viel mehr Leute und auch viel mehr Frauen, die regelmäßig nach St. Bonifaz kommen. Woher das kommt, weiß ich nicht. Ich sehe auch viele Italiener, meine Landsleute, darunter viele junge Menschen. Das macht mich sehr traurig. Ich hoffe, dass sie alle ihren Weg ins Leben wiederfinden können. Ich habe ihn gefunden dank BISS, und heute lebe ich in einer eigenen Wohnung mit meinen zwei Freundinnen, die immer für mich da sind (manche Stammkunden kennen sie schon: Die Freundinnen heißen „Carmensita“ und „Contessa“ und sind zwei Café-Mokka- Maschinen, eine für ein bis zwei Tassen, die andere für vier bis fünf).

Hund aktuell

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang „Butzi“ Kurz

Ich finde Hunde toll. Als Kind hatten wir mal kurz einen Hund, aber weil es Probleme gab, mussten wir das Tier bald wieder weggeben. Wenn ich mir heute einen kaufen würde, dann wäre das kein kleiner Kläffer, sondern ein richtig großer Hund, denn die großen Hunde mag ich gerne. Aber um so ein Tier gut unterbringen zu können, braucht man mindestens ein Haus, noch besser mit einem Grundstück. Das habe ich nicht, also habe ich auch keinen Hund. Aber es gibt da zum Glück den Nachbarn meiner Lebensgefährtin. Wir sehen uns fast jeden Tag, er ist mein Freund geworden, zurzeit ist er sogar der einzige Freund, den ich habe. Mein Freund hat also einen Hund, er heißt Jäcki. Jäcki ist ein Rüde, ein Mischling, genauer gesagt ein rumänischer Hirtenhund. Er ist circa zwölf Jahre alt und sein Fell ist ganz schwarz. Sein Nacken ist sehr empfindlich – wahrscheinlich wurde er misshandelt, bevor er zu meinem Freund gekommen ist. Sein Revier markiert Jäcki sehr ordentlich: Er bellt sehr viel, wenn andere Rüden vorbeikommen. Ob sie nun groß sind oder klein, er ist seinen Artgenossen gegenüber immer sehr kampflustig! Seine weiblichen Artgenossen begattet Jäcki sehr gerne. Um Futter bettelt er so lange, bis er etwas bekommt. Und dann frisst er so gierig, als ob ihm jemand etwas wegnehmen würde. Und das Begrüßen macht er intensiv mit lautem Gebell. Auch das Autofahren macht Jäcki Spaß. Er schaut genau die Landschaft an und ist dabei sehr ruhig. Nur wenn jemand raucht, da nimmt er Reißaus, das mag er gar nicht! Fast jeden Tag gehe ich mit Jäcki und meinem Freund spazieren. Aber ich möchte mich nicht zu sehr in den Hund verlieben. Denn sollte ihm etwas passieren, würde mir das sehr wehtun. Deshalb genieße ich jeden Tag mit ihm beim Gassigehen. Gerne würde ich noch einige Jahre mit ihm verbringen.

Streich mit Schaf und Frau

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Manchmal muss man in der Liebe eine List anwenden. Ich weiß das, weil ich ein gutes Beispiel dafür aus dem Irak kenne. Dort heiratete eine Frau einmal und zog mit ihrem Mann in sein Haus. Sie waren sehr verliebt, doch eines Tages stritten sie sich und die Frau zog aus und ging zurück zu ihrer Familie. Der Mann bat sie, zurückzukommen, einmal, zweimal, dreimal. Vergeblich. Da beschloss der Mann, eine List anzuwenden. Er kaufte auf dem Markt ein Schaf, nahm es mit zu sich nach Hause und zog ihm dort Holzschuhe an und brachte es in den ersten Stock seiner Wohnung. Kurz darauf lud er seine Frau zu sich ein und erklärte ihr, dass er wieder geheiratet habe. Als seine Frau ihm nicht glaubte, erklärte er, dass die Schritte, die man aus dem ersten Stock hörte, von seiner neuen Liebe stammen würden. Seine Frau wurde erst blass und dann sehr eifersüchtig, denn eigentlich liebte sie ihren Mann immer noch. So bat sie ihn, sich scheiden zu lassen von der neuen Frau und wieder zu ihr zurückzukommen. Und tatsächlich: Der Mann willigte sofort ein. „Und was ist mit der anderen?“, fragte die Frau daraufhin. „Komm mit“, sagte der Mann, „ich zeige sie dir.“ Und so führte er sie in den ersten Stock, wo das Schaf immer noch auf Holzschuhen durch die Zimmer lief. „Warum hast du das gemacht?“, wollte seine Frau wissen. „Weil ich wollte, dass du zu mir zurückkommst“, sagte der Mann. „Und jetzt bist du wieder da.“ Von da an ging die Frau nicht mehr weg, und das Ehepaar lebte noch viele Jahre glücklich und zufrieden zusammen. Das Schaf aber, das haben sie gegessen.

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