Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Weihnachten

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Wolfgang Räuschl

Wieder geht ein Jahr vorbei und für viele von uns ist die Weihnachtszeit die schönste Zeit im Jahr. Das Fest der Liebe ist für uns Christen etwas ganz Besonderes, besonders wenn die Kinder mit funkelnden Augen unter dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum stehen. Da ich alleine lebe, hat Weihnachten den Glanz verloren. Ich ärgere mich eher, wenn ich sehe, wie gestresst die Leute sind oder dass Discounter ab Anfang September schon Weihnachtsgebäck verkaufen. Wie ich aber noch ein Kind war, liebte ich die Adventszeit. Im ganzen Haus roch es nach Selbstgebackenem, Weihnachtsmusik erklang. Doch ich denke auch jedes Jahr – und dieses Jahr ganz besonders! – an ein besonderes Ereignis zurück. Wir machten damals mit der Schule einen Ausflug nach Oberndorf bei Salzburg. Hier entstand das berühmteste Weihnachtslied der Welt, „Stille Nacht, heilige Nacht“, das der Dorfschullehrer Franz Xaver Gruber und der Hilfspfarrer Joseph Mohr am Heiligabend 1818 in einer kleinen Kapelle zum ersten Mal aufführten. Es feiert also heuer sein 200-jähriges Jubiläum. Wenn ich in diesen Wochen das Lied höre, dann denke ich gerne an diesen Ausflug zurück und bin stolz, dass es in meiner Heimat entstanden ist. Leider aber hört man im Radio oft nur noch amerikanische Weihnachtslieder. Viele Leute kennen gar keine alten Weihnachtslieder mehr, und sie geraten in Vergessenheit. Wenn mir Zeit bleibt, dann fahre ich wieder zum Christkindlmarkt nach Salzburg, für mich einer der schönsten, die es gibt. Ich werde auch versuchen, die Kapelle zu besuchen, und mich an meine Kindheit erinnern, in der Weihnachten die schönste Zeit des Jahres war. Für meine Kunden und Kollegen wünsche ich mir ein frohes und friedvolles Fest.

Mein Anfang bei der BISS

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Suresh Kumar

2014 bin ich zur BISS gekommen. Ich habe Leute mit der Zeitschrift in der Stadt gesehen und habe einen Verkäufer gefragt, wo ich hingehen muss. Er hat mir die Telefonnummer und Adresse der BISS gegeben. Ich durfte hier anfangen, weil ich eine Krankheit habe und nicht normal arbeiten kann. In Deutschland bin ich seit 14 Jahren. Bevor ich hier angefangen habe, habe ich in Leipzig Lagerarbeit gemacht. Dann war ich in der Küche mehrerer Restaurants. Heute stehe ich in Gröbenzell, Großhadern und an anderen S-Bahn-Orten und verkaufe die BISS. Ich entscheide immer morgens, an welche Station ich an dem jeweiligen Tag fahre. Ich habe viele Stammkunden, aber es kommen immer auch neue Kunden. Aber vor allem mit den Stammkunden spreche ich viel – über mein Leben, ihre Sorgen und Indien. Mal dauert es zehn Minuten, mal eine halbe Stunde, manchmal trinken wir Kaffee zusammen. Meine Ex-Frau und meine Tochter wohnen in Görlitz, ich besuche die beiden alle paar Monate. Seit ich hier bin, war ich schon einmal in meiner Heimat Indien – wie laut und ungeordnet mir dort alles vorkommt. Leben möchte ich dort nicht mehr, aber Urlaub machen sehr gern.

Schreibwerkstatt – eine Nachlese

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ercan Uzun

Was mir in meinen 15 Jahren Schreibwerkstatt immer am schwersten gefallen ist, waren die Einleitung und das Thema. Bei diesem Text hier ist das ausnahmsweise einmal nicht so. Die BISS feiert 25-jähriges Jubiläum und ich ziehe Bilanz über all die Zeit, in der ich Texte für die Rubrik Schreibwerkstatt verfasste. Nach sicher mehr als 100 Texten bekommt man doch eine gewisse Sicherheit und ist vor dem Schreiben nicht mehr ganz so aufgeregt. Größtenteils entstanden meine Zeilen in der Redaktion – entweder früher in der Königinstraße oder jetzt in der Metzstraße. Meine „Lehrer“ waren immer wieder andere. Meist lieferte meine Familie Ideen, worüber ich schreiben könnte. Mit Frau und vier Kindern tut sich doch so einiges. Am meisten wurde ich früher kritisiert, als ich über meine Krankheit schrieb, und daher habe ich auch versucht, meine Schwermut nicht zu sehr in meinen Beiträgen wiederzugeben. So verfasste ich Geschichten über Klassentreffen, Ausflüge und Themen, die weder mit meiner Psyche noch mit meiner Familie zu tun hatten. Einmal schrieb ich darüber, wie mir in meiner Kindheit und Jugend und später die Mädchen und Frauen „ein dutzend Körbe“ gegeben haben. Was bei der Entstehung meiner Artikel immer eine Rolle spielte, waren die Jahreszeit, das Wetter und die Stimmung, in der ich mich in dem Moment befand. Dieser Text ist beispielsweise im Hochsommer entstanden und Sie lesen ihn im Herbst, wenn potenziell die ersten Schneeflocken fallen könnten. Mehrmals meldeten sich Leser meiner Schriftstücke per Brief oder E-Mail und äußerten ihre Gedanken oder Anregungen. Im Laufe der Zeit mehrten sich diejenigen, die äußern, sehr gerne zu lesen, was ich in der Rubrik fabriziere. Solange ich für meine Texte ein Echo bekomme, wird mir der Antrieb fürs Schreiben nicht versiegen.

Der SalzAlpenSteig

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Uwe Hinsche

Ich gehe gern wandern und in die Berge. Dieses Jahr wurde ich zu einer Pressereise auf den „SalzAlpenSteig“ eingeladen. Er soll Wanderern den historischen Weg des Salzes zwischen Bayern und Österreich nahebringen. Es gibt mehrere Wanderwege, und ich habe mich für die „Bad Reichenhaller Panoramatour“ entschieden. An einem Sonntag ging es ab München Ost mit dem Zug pünktlich los in Richtung Berchtesgaden. Dort angekommen, habe ich meinen ersten Irrtum begangen: Ich hatte nur die Adresse der Leiterin in Berchtesgaden gelesen, dabei musste ich doch nach Bad Reichenhall. Also fuhr ich wieder zurück, fand aber dann auf Anhieb mein Hotel. Die Hotelleute waren sehr freundlich und sagten mir gleich, wie ich zu dem Treffpunkt für den nächsten Tag kommen kann. Da es früher Nachmittag war, latschte ich gleich dorthin, ein zweiter Irrtum, denn der Hinweg dauerte über eine Stunde, und zurück musste ich ja auch noch. Wieder im Hotel, fragte ich, ob ein Bus zum Treffpunkt fahren würde, da erklärte der Mann von der Besitzerin, er könne mich sogar mit dem Auto fahren. Abends ging ich essen und schlenderte noch durch die Stadt mit ihrer riesigen Fußgängerzone und den vielen Kurgästen. Am nächsten Tag nach einem reichhaltigen Frühstück sind wir zum Wandertreffpunkt gefahren. Es gab ein großes Hallo, dann ging es auch schon bald los. Wir hatten dann aber schnell einen Ausfall: Es war eigentlich keine sehr schwere Tour, aber die Luftfeuchtigkeit mit 60 Prozent sehr hoch, und sie machte auch mir zusehends zu schaffen. Bis zur Baumgrenze hatte ich auf 700 Höhenmeter ungefähr drei Liter Wasser verbraucht. Ich war ziemlich fertig, und 100 Meter vor dem Ziel habe ich dann einem der Führer gesagt, er solle allein zur Hütte gehen und mich am Rückweg wieder aufgabeln. Ich machte dann eine größere Pause, bevor es dann wieder abwärtsging. Ich hatte jetzt fast keine Probleme mehr, und die Leiterin des Vereins teilte uns per Handy mit, dass sie uns unterwegs auflesen wollte. Ich war froh, als ich im Auto saß und Richtung Hotel fuhr. Die Tour hat mir dennoch gut gefallen. Sie war nicht allzu schwer, landschaftlich abwechslungsreich, und ich habe viel Hintergrundinformation und Anekdoten zu Bad Reichenhall und dem Salz bekommen.

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