Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Meine Frau

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Vor 33 Jahren habe ich mich mit meiner Frau verlobt. Ich lebte damals in Bagdad, sie in Kirkuk. Ich hielt um ihre Hand an und fuhr sie dann jeden Monat einmal besuchen. Meine zukünftige Frau schimpfte immer und wollte, dass ich ihr Geschenke mache. Zurück in Bagdad, war ich froh, meine Ruhe zu haben. Heute weiß ich, dass meine Frau mich nicht heiraten wollte. Ihre Eltern sagten aber, sie müsse. Auch ich wollte die Verlobung wieder lösen, aber im Irak geht das nicht. Also haben wir geheiratet und vier Kinder bekommen. Meine Frau arbeitet heute jeden Tag zwei Stunden, dann kommt sie nach Hause, sie kocht, putzt, wäscht und geht einkaufen. Wenn ich nach Hause komme, ist meine Frau immer genervt und müde. Wir essen nicht mehr zusammen und sehen uns jeden Tag vielleicht eine Stunde. Einmal dachte ich, dass ich mich gern verlieben würde. Ich habe eine Frau kennengelernt, die auch Bücher liebt. Wir sind nur platonisch befreundet, ich fragte sie aber eines Tages, ob sie verheiratet sei. Sie sagte, ja, aber Kinder habe sie keine. Da dankte ich Gott für meine Frau, die mir vier Kinder geschenkt hat. Ein anderes Mal dachte ich, dass ich eine hübsche Frau finden will, so schön wie die eines Freundes. Doch eines Tages kam dieser Freund zu mir. Er war genervt und müde und erklärte mir, dass seine Frau ständig neue Kleider wolle. Da dachte ich: Auch diese Frau wäre nicht die richtige für mich. Da beschloss ich, meiner Frau einen goldenen Ring als Geschenk zu kaufen. Meine Frau war überrascht. „Ich danke dir, Habibi, mein Schatz“, sagte sie zu mir. „Habibi“, dieses Wort habe ich seit 33 Jahren nicht von ihr gehört.

Alles ist gut

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Ich habe im Kuweit-Krieg meine rechte Hand verloren. Lange war ich deswegen unglücklich und gereizt. Weil mir eine Hand fehlte, konnte ich keine Arbeit finden, meine Familie musste aber essen und die Miete bezahlen – diese Zeit war sehr schwer. Damals fuhr ich eines Tages mit einem Bus von Bagdad nach Mossul. Ein Mann saß neben mir. Er sah, dass es mir nicht gut ging. Er fragte, was mit mir los sei und wo ich hinfahre. Ich antwortete ihm nicht, ich war zu gereizt. Er fragte mich ein zweites Mal, diesmal fragte er mich aber auch, warum ich so gereizt sei. Ich sagte ihm, dass ich meine Hand verloren habe, und der Mann erzählte mir daraufhin eine Geschichte: Ein König hatte einen Minister. Dieser Minister sagte immer, dass alles gut sei. Nach ein paar Monaten verlor der König bei einem Unfall einen Finger. Der Minister sagte zum König: „Alles ist gut.“ Der König wurde daraufhin sehr böse. Was erlaubte sich dieser Minister? Erbost ließ der König ihn ins Gefängnis stecken. Jeden Freitag aber ging der König auf Reisen. Und so kam er einmal in ein Dorf, auf dessen Platz die Menschen einen Götzen anbeteten. Als sie den König sahen, wollten sie ihn ihrem Gott opfern. Doch dann merkten sie, dass dem König ein Finger fehlte. Um ihrem Gott nichts Unperfektes zu schenken, ließen sie wieder von dem König ab. Als er wieder in seinem Palast war, erinnerte der König sich daran, was sein Minister gesagt hatte: Alles ist gut. Am Ende hatte der Minister recht gehabt, der fehlende Finger hatte sein Leben gerettet. Und so holte der König den Minister wieder aus dem Gefängnis. Er fragte den Mann, was er Gutes darin gesehen habe, dass er im Gefängnis war, und der Minister sagte: „Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, wäre ich mit Ihnen zusammen gereist, und dann wäre ich geopfert worden. Alles ist also gut.“

Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, sagte der Mann im Bus zu mir: „Gott hat Ihnen zwei Hände gegeben. Sie können auch mit einer Hand Arbeit finden, denn wo man nicht zwei Hände braucht, braucht man den Kopf. Danken Sie Gott für seine Güte.“ Ich dankte Gott für den Verstand, den er mir gegeben hat. Für die beiden Augen und Ohren und für die zwei Füße und zwei Hände. Eine hatte ich verloren, aber die andere habe ich noch. Und dank Gott habe ich hier in Deutschland auch eine gute Arbeit gefunden. Wenn ich also darüber nachdenke, dass ich meine Hand verloren habe, dann denke ich, dass es Gottes Wille war. Wenn schlechtes Wetter ist, sage ich: Alles gut. Wenn gutes ist, sage ich: Alles gut. Wenn ich verkaufe, sage ich: Alles gut. Wenn ich nicht verkaufe, sage ich: Alles gut.

Willy, du warst mein Idol

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Toni Menacher

Schon in meiner Schulzeit war ich sehr politisch und geschichtlich interessiert. Meine erste größere politische Erfahrung war die Überreichung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt 1971. Damals war ich zehn Jahre alt und verfolgte die Verleihung im Fernsehen. Ich informierte mich dann in Geschichtsbüchern meines Bruders über Brandts Lebenswerk und war beeindruckt. Viele Erwachsene in meiner Umgebung waren aus der Kriegsgeneration und sprachen entweder nicht über die Nazizeit und den Krieg, oder aber sie verharmlosten dieses Thema und sagten, sie hätten von der Judenverfolgung nie etwas gewusst. Willy Brandt hat aber sein Leben, seine Freiheit und seine Gesundheit riskiert und im Untergrund gegen die Nazis gekämpft. Ich hätte bestimmt nicht den Mut dazu gehabt. Für mich ist es darum vorbildlich, dass Brandt immer seinen Weg ging. Was mich bis heute stört, ist, dass er sich während der 68er-Bewegung nicht auf die Seite der Demonstranten stellte. Im Gegenteil: Er unterstützte die Notstandsgesetze der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger. Wie kann ein Mann wie Willy Brandt es zulassen, dass Methoden wie in einem Polizeistaat herrschen? Ich selbst, Jahrgang 1961, erlebte dies während der Anti-Atomkraft-Demonstrationen ab Ende der 70er-Jahre. Ich wohnte damals etwa 10 bis 15 Kilometer entfernt von den Atomkraftwerken Ohu 1 und 2 und war mehrmals auf Anti-Atom-Demos. Als Demonstranten auf diesen Demos von der Polizei mit Wasserwerfern und Knüppeln traktiert wurden, hat Willy Brandt nichts dagegen gemacht. Das habe ich ihm übel genommen. Denn er war zwar ab 1974 nicht mehr Bundeskanzler, als SPD-Vorsitzender aber einer der einflussreichsten Politiker. Ich bin immer schon SPD-Sympathisant, aber deshalb fand oder finde ich bei Weitem nicht alles gut, was die Partei macht. Aber es macht mir heute noch Spaß, mit politisch andersdenkenden Menschen zu diskutieren. Aber nur Demokraten! Die Diskussion mit Ewiggestrigen finde ich unnötig. Und ich er- lebe es mit Schrecken, dass heute alte Parolen wie „Ausländer raus“ oder „Asylbewerber sind alles Schmarotzer und Verbrecher“ wieder Zuspruch erhalten. Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt? Auch am Stammtisch unterlasse ich solche Gespräche, weil Bier und Politik, da kommt nichts Gutes raus!

Ich werde fünfzig!

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Ercan Uzun

Vom Horoskop her bin ich Stier (erste Dekade), von Astrologie und Hellseherei aber halte ich nichts, allein daran zu glauben wäre eine Sünde. 50 Jahre sind ein Einschnitt, ein halbes Leben ist sicher vorbei, denn wer wird schon älter als 100 Jahre? Die nächsten Zeilen werde ich aber nicht dafür verschwenden, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Das Getane kann man ohnehin nicht rückgängig machen, und die Missetaten von früher kann man nur bereuen und Allah um Vergebung bitten. Deswegen gehe ich seit geraumer Zeit jeden Freitag zum Gebet in die Moschee. Arbeiten kann ich nur an der Gegenwart und an der Zukunft. Als Ehemann und Vater will ich meine Fehler von früher nicht wiederholen. Beispielsweise will ich mein schlechtes Befinden nicht mehr an Familienmitglieder oder Kunden weitergeben. Wenn jemand fragt, geht es mir deswegen immer gut. Traurig zu sein, weil ich es im Leben zu nichts Prestigeträchtigem gebracht habe, beispielsweise einem Eigenheim, bringt auch nichts. Kein Abitur geschafft zu haben oder dergleichen, allein darüber zu sinnieren ist Schwachsinn. Ich mache meine Arbeit gut, meine Beiträge in der Schreibwerkstatt verfasse ich weiterhin, meine Frau und mein Chef sind mit mir zufrieden, das zählt. Mit meiner Frau bin ich seit über 23 Jahren verheiratet, und wir haben vier Kinder. Sie sind am glücklichsten, wenn ihr Vater nicht ständig deprimiert ist, sondern ihnen im Fall des Falles zur Seite steht. In meinen Augen ist meine Sucht zu rauchen ohnehin die größte Sünde, unter der ich auch weiterhin leide. Ich rauche nunmehr seit 25 bis 30 Jahren, und mein Tod wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Folge meines Tabakkonsums sein. Gerade eben zünde ich mir wieder eine Zigarette an. Ich kann nur hoffen, dass mich irgendwann irgendetwas dazu bringt, aufzuhören. Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, wie viele Nöte andere Menschen auf der Welt erleiden, sei es im Krieg, auf der Flucht, oder körperliche Einschränkungen, weil sie auf den Rollstuhl angewiesen sind oder nicht sehen können. Aber wie heißt es? Die meisten Menschen sind nicht glücklich mit dem, was sie haben, sondern sie schielen immer nach dem, was sie nicht haben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein schönes Frühjahr, und ich hoffe, dass Sie auch weiterhin meine Beiträge lesen.

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