Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Herbst

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Uschi Grassl

Nun ist er da, der Herbst, feuchte Kühle umgibt uns frühmorgens, graue Nebelschwaden durchziehen das Land. Die Felder sind abgeerntet, und die letzten Sommerblumen verblühen. Herbstzeitlosestrahlen mit ihren zarten violetten Blüten. Wir freuen uns an den Hagebutten und sammeln Eicheln und Kastanien, aus denen wir kleine Tiere basteln können an den lang werdenden Winterabenden. In München findet das Oktoberfest statt. Fesch brezeln sich Mädchen und Frauen noch einmal auf mit ihren Zopffrisuren und den prachtvollen Dirndln. Und die Männer ziehen noch einmal ihre Lederhosen und ihre Janker an. Auf den Wiesen auf dem Land sehe ich Kinder, die ihre Drachen steigen lassen. Das erinnert mich an meine Kindheit, heute kann man die Drachen fertig kaufen, wir haben sie noch selbst gebaut. Spaß hat das gemacht, und stolz ließen wir sie dann in den Himmel steigen. Ich sehe die abgeernteten Obstbäume und habe wehmütige Gedanken. War es nicht erst gestern, als sie blühten? Die Blätter der Laubbäume sind bunt, welch Farbenspiel, doch bald werden sie ihre Pracht verlieren, dort, wo ich gehe, wird sich bald der Schnee ausbreiten. Und so freue ich mich schon jetzt, dass nach dem Winter der Frühling kommt.

Meine Hunde und ich

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Eberhard Stephan

Ich wollte schon seit langer Zeit einen Hund haben, damit ich nicht mehr so allein bin. Also habe ich mir Windsor gekauft. Den Namen hatte ihm die Züchterin gegeben. Windsor war ein Shih Tzu, ein tibetischer Tempelhund. Mir gefiel diese Rasse, sie sind nicht zu groß und nicht zu klein und haben einen guten Charakter. Windsor und ich verstanden uns gut, und als er vor ein paar Jahren starb, kam Sherry zu mir, wieder ein Shih Tzu, wieder von der gleichen Züchterin, die ihm auch seinen Namen gegeben hat. Sherry ist ein guter Zuhörer, ich spreche viel mit ihm und habe ihn auch immer dabei. Wenn wir an meinem Standplatz sind, dann liegt Sherry ruhig auf seiner Decke. Manchmal schaut er sich die Passanten an, manchmal isst er, manchmal schläft er. Sherry spielt gern Fußball, ich muss ihm dann den Ball hinschießen und er jagt ihn. Ansonsten ist er aber ein ruhiger Typ, und nur wenn ich „Platz“ sage oder „Sitz“, wird er ärgerlich. Er lässt sich eben nicht gern herumkommandieren. Aber das ist in Ordnung. Ich mag das schließlich auch nicht.

Meine Frau

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Vor 33 Jahren habe ich mich mit meiner Frau verlobt. Ich lebte damals in Bagdad, sie in Kirkuk. Ich hielt um ihre Hand an und fuhr sie dann jeden Monat einmal besuchen. Meine zukünftige Frau schimpfte immer und wollte, dass ich ihr Geschenke mache. Zurück in Bagdad, war ich froh, meine Ruhe zu haben. Heute weiß ich, dass meine Frau mich nicht heiraten wollte. Ihre Eltern sagten aber, sie müsse. Auch ich wollte die Verlobung wieder lösen, aber im Irak geht das nicht. Also haben wir geheiratet und vier Kinder bekommen. Meine Frau arbeitet heute jeden Tag zwei Stunden, dann kommt sie nach Hause, sie kocht, putzt, wäscht und geht einkaufen. Wenn ich nach Hause komme, ist meine Frau immer genervt und müde. Wir essen nicht mehr zusammen und sehen uns jeden Tag vielleicht eine Stunde. Einmal dachte ich, dass ich mich gern verlieben würde. Ich habe eine Frau kennengelernt, die auch Bücher liebt. Wir sind nur platonisch befreundet, ich fragte sie aber eines Tages, ob sie verheiratet sei. Sie sagte, ja, aber Kinder habe sie keine. Da dankte ich Gott für meine Frau, die mir vier Kinder geschenkt hat. Ein anderes Mal dachte ich, dass ich eine hübsche Frau finden will, so schön wie die eines Freundes. Doch eines Tages kam dieser Freund zu mir. Er war genervt und müde und erklärte mir, dass seine Frau ständig neue Kleider wolle. Da dachte ich: Auch diese Frau wäre nicht die richtige für mich. Da beschloss ich, meiner Frau einen goldenen Ring als Geschenk zu kaufen. Meine Frau war überrascht. „Ich danke dir, Habibi, mein Schatz“, sagte sie zu mir. „Habibi“, dieses Wort habe ich seit 33 Jahren nicht von ihr gehört.

Alles ist gut

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Ich habe im Kuweit-Krieg meine rechte Hand verloren. Lange war ich deswegen unglücklich und gereizt. Weil mir eine Hand fehlte, konnte ich keine Arbeit finden, meine Familie musste aber essen und die Miete bezahlen – diese Zeit war sehr schwer. Damals fuhr ich eines Tages mit einem Bus von Bagdad nach Mossul. Ein Mann saß neben mir. Er sah, dass es mir nicht gut ging. Er fragte, was mit mir los sei und wo ich hinfahre. Ich antwortete ihm nicht, ich war zu gereizt. Er fragte mich ein zweites Mal, diesmal fragte er mich aber auch, warum ich so gereizt sei. Ich sagte ihm, dass ich meine Hand verloren habe, und der Mann erzählte mir daraufhin eine Geschichte: Ein König hatte einen Minister. Dieser Minister sagte immer, dass alles gut sei. Nach ein paar Monaten verlor der König bei einem Unfall einen Finger. Der Minister sagte zum König: „Alles ist gut.“ Der König wurde daraufhin sehr böse. Was erlaubte sich dieser Minister? Erbost ließ der König ihn ins Gefängnis stecken. Jeden Freitag aber ging der König auf Reisen. Und so kam er einmal in ein Dorf, auf dessen Platz die Menschen einen Götzen anbeteten. Als sie den König sahen, wollten sie ihn ihrem Gott opfern. Doch dann merkten sie, dass dem König ein Finger fehlte. Um ihrem Gott nichts Unperfektes zu schenken, ließen sie wieder von dem König ab. Als er wieder in seinem Palast war, erinnerte der König sich daran, was sein Minister gesagt hatte: Alles ist gut. Am Ende hatte der Minister recht gehabt, der fehlende Finger hatte sein Leben gerettet. Und so holte der König den Minister wieder aus dem Gefängnis. Er fragte den Mann, was er Gutes darin gesehen habe, dass er im Gefängnis war, und der Minister sagte: „Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, wäre ich mit Ihnen zusammen gereist, und dann wäre ich geopfert worden. Alles ist also gut.“

Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, sagte der Mann im Bus zu mir: „Gott hat Ihnen zwei Hände gegeben. Sie können auch mit einer Hand Arbeit finden, denn wo man nicht zwei Hände braucht, braucht man den Kopf. Danken Sie Gott für seine Güte.“ Ich dankte Gott für den Verstand, den er mir gegeben hat. Für die beiden Augen und Ohren und für die zwei Füße und zwei Hände. Eine hatte ich verloren, aber die andere habe ich noch. Und dank Gott habe ich hier in Deutschland auch eine gute Arbeit gefunden. Wenn ich also darüber nachdenke, dass ich meine Hand verloren habe, dann denke ich, dass es Gottes Wille war. Wenn schlechtes Wetter ist, sage ich: Alles gut. Wenn gutes ist, sage ich: Alles gut. Wenn ich verkaufe, sage ich: Alles gut. Wenn ich nicht verkaufe, sage ich: Alles gut.

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