Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Umzug

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ernst Köppel

Meine lieben Kundinnen und Kunden, wie Sie wissen, wollte ich ja nach sieben Jahren den Stachus verlassen, weil es mir an meinem Platz zu laut, dreckig und zu kalt geworden ist. Jetzt hat sich eine neue Situation ergeben: Der Marco Veneruso, einer unserer Verkäufer im Rollstuhl, hat aufgehört und ich darf jetzt an seinem Platz verkaufen. Deshalb werde ich von nun an vermehrt an meinem neuen Platz am Vinzenzmurr stehen. Falls Sie mich suchen sollten, wird Toni, der neue Verkäufer an meinem alten Platz, Ihnen gern sagen, wo ich stecke. Ich hoffe, dass Sie mir weiter treu bleiben. Mal sehen, ob ich auf dem neuen Platz genauso viel erlebe wie vor der Stadtsparkasse! Ein kleiner Tapetenwechsel innerhalb des Stachus tut jedenfalls gut. Und Gott sei Dank muss ich auch an meinem neuen Platz nicht draußen stehen. Wenn ich mich eingearbeitet habe, werde ich wieder mehr Artikel schreiben. Viele von Ihnen hatten mich darum gebeten. Jetzt gilt es erst mal, mich vor dem Vinzenzmurr zu etablieren, und ich hoffe auf einen baldigen Ratsch mit Ihnen!

Die erste Wohnung

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Sanda Boca

Vor zwei Wochen hat die BISS mir dabei geholfen, eine Wohnung zu finden. Es ist meine erste eigene Wohnung überhaupt. Davor habe ich immer auf der Straße gelebt, erst in Rumänien, dann hier in Deutschland, im Winter in der Notaufnahme, im Sommer immer draußen, so ging das jahrelang. Immer musste ich Angst haben, dass die Polizei kommt und mich vertreibt. Und wenn ich in der Notunterkunft geschlafen habe, musste ich mir immer ein Zimmer mit anderen teilen. Es hat gestunken, die Leute haben gepfurzt und geschnarcht. Aber jetzt habe ich ja eine eigene Wohnung! Als ich eingezogen bin, hatte ich nur einen Koffer dabei, mehr habe ich ja nicht, zum Glück hat die BISS mir auch ein paar Möbel besorgt. Sogar Cora, meine liebe Hündin, hat ein eigenes kleines Bettchen bekommen. Nach der Arbeit komme ich jetzt nach Hause, in mein Zuhause, dann schaue ich ein bisschen fern, ich entspanne mich oder ich schlafe. Am meisten freue ich mich aber über die Dusche. Die benutze nämlich nur ich allein.

Zeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang „Butzi“ Kurz

Zeit, was ist das? Man kennt sie von der Uhr. Die Stunden und Minuten gehen manchmal so schnell vorbei wie Sekunden. Bei mir ist es jedenfalls so. Auch das Gegenteil kann vorkommen. Stunden und Minuten wollen dann nicht vergehen, man meint, es seien Monate oder Jahre. Ich bin römisch­katholisch und mit meinen Glaubensbrüdern- und ­schwestern warte ich auf die Erlösung. Doch der Christus ist noch nicht wiedergekommen und das lange Warten ist kaum zu ertragen, die Erde ist oft die Hölle, Menschen sterben und es wird getrauert. Dennoch lebe ich gern und wenn ich daran denke, wie viel Zeit mir noch bleibt, bekomme ich Angstzustände. Was also ist Zeit?

München ist meine Familie

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Tibor Adamec

Am 1. August bin ich 80 Jahre alt geworden. Im Rahmen dieses Geburtstags gab es eine Feier für mich von der BISS- Redaktion an meinem Standplatz am Marienplatz ­Untergeschoss. Es waren die BISS-Redaktion anwesend, Vertreter von Zeitungen und Fernsehen und sogar auch der Landesbischof Dr. Heinrich Bedford­-Strohm. Ich kannte ihn von einem vorherigen Besuch, und damals sagte er mir, dass er unbedingt zu meinem Geburtstag kommen wolle. Und tatsächlich: Er kam. Ich war natürlich sehr überrascht. Dass eine so hohe Persönlichkeit mir die Ehre erwiesen hat, bei meinem Geburtstag zu erscheinen, so etwas ist mir noch nie passiert in meinem Leben. Es waren auch zwei Musiker dabei, einer mit Gitarre und einer mit Geige, sie spielten slowakische und ungarische Volksmusik aus meiner alten Heimat. Ich durfte mir ein Lied wünschen, und Landesbischof Bedford­-Strohm hat sich sogar die Geige geben lassen und mir auch ein Ständchen gespielt. Auch in den Tagen und Wochen nach meinem Geburtstag wurde mir noch tagtäglich zu meinem Geburtstag gratuliert, von Kunden, von Bekannten und von Menschen, die mich kennen, weil sie jeden Tag an meinem Standplatz vorbeikommen. Ich habe auch viele Geschenke bekommen, es gab Süßigkeiten, Getränke, Blumen und eine Torte, aber am meisten habe ich mich über die Zuwendung der Leute und ihre Aufmerksamkeit gefreut. Meine Position als BISS-Verkäufer ist in der Gesellschaft nicht so hoch, darum war es ein tolles Gefühl, so geehrt zu werden. Als ich 1993 angefangen habe, die BISS zu verkaufen, war ich einer der ersten Verkäufer überhaupt, und heute gehöre ich zu den Dienstältesten. Es gibt Kunden, die schon seit Jahrzehnten bei mir die BISS kaufen, so sind viele Freundschaften entstanden. Ich bin ein Einzelkind, und meine Eltern sind schon lange tot, ich habe keine Verwandten mehr und keine Familie in München. Darum freut es mich so sehr, dass ich so viele Glückwünsche bekommen habe. Diese Zuwendung ist ein Balsam für die Seele, und dafür möchte ich mich vielmals und herzlich bedanken.

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