Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

München ist meine Familie

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Tibor Adamec

Am 1. August bin ich 80 Jahre alt geworden. Im Rahmen dieses Geburtstags gab es eine Feier für mich von der BISS- Redaktion an meinem Standplatz am Marienplatz ­Untergeschoss. Es waren die BISS-Redaktion anwesend, Vertreter von Zeitungen und Fernsehen und sogar auch der Landesbischof Dr. Heinrich Bedford­-Strohm. Ich kannte ihn von einem vorherigen Besuch, und damals sagte er mir, dass er unbedingt zu meinem Geburtstag kommen wolle. Und tatsächlich: Er kam. Ich war natürlich sehr überrascht. Dass eine so hohe Persönlichkeit mir die Ehre erwiesen hat, bei meinem Geburtstag zu erscheinen, so etwas ist mir noch nie passiert in meinem Leben. Es waren auch zwei Musiker dabei, einer mit Gitarre und einer mit Geige, sie spielten slowakische und ungarische Volksmusik aus meiner alten Heimat. Ich durfte mir ein Lied wünschen, und Landesbischof Bedford­-Strohm hat sich sogar die Geige geben lassen und mir auch ein Ständchen gespielt. Auch in den Tagen und Wochen nach meinem Geburtstag wurde mir noch tagtäglich zu meinem Geburtstag gratuliert, von Kunden, von Bekannten und von Menschen, die mich kennen, weil sie jeden Tag an meinem Standplatz vorbeikommen. Ich habe auch viele Geschenke bekommen, es gab Süßigkeiten, Getränke, Blumen und eine Torte, aber am meisten habe ich mich über die Zuwendung der Leute und ihre Aufmerksamkeit gefreut. Meine Position als BISS-Verkäufer ist in der Gesellschaft nicht so hoch, darum war es ein tolles Gefühl, so geehrt zu werden. Als ich 1993 angefangen habe, die BISS zu verkaufen, war ich einer der ersten Verkäufer überhaupt, und heute gehöre ich zu den Dienstältesten. Es gibt Kunden, die schon seit Jahrzehnten bei mir die BISS kaufen, so sind viele Freundschaften entstanden. Ich bin ein Einzelkind, und meine Eltern sind schon lange tot, ich habe keine Verwandten mehr und keine Familie in München. Darum freut es mich so sehr, dass ich so viele Glückwünsche bekommen habe. Diese Zuwendung ist ein Balsam für die Seele, und dafür möchte ich mich vielmals und herzlich bedanken.

Herbst

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Uschi Grassl

Nun ist er da, der Herbst, feuchte Kühle umgibt uns frühmorgens, graue Nebelschwaden durchziehen das Land. Die Felder sind abgeerntet, und die letzten Sommerblumen verblühen. Herbstzeitlosestrahlen mit ihren zarten violetten Blüten. Wir freuen uns an den Hagebutten und sammeln Eicheln und Kastanien, aus denen wir kleine Tiere basteln können an den lang werdenden Winterabenden. In München findet das Oktoberfest statt. Fesch brezeln sich Mädchen und Frauen noch einmal auf mit ihren Zopffrisuren und den prachtvollen Dirndln. Und die Männer ziehen noch einmal ihre Lederhosen und ihre Janker an. Auf den Wiesen auf dem Land sehe ich Kinder, die ihre Drachen steigen lassen. Das erinnert mich an meine Kindheit, heute kann man die Drachen fertig kaufen, wir haben sie noch selbst gebaut. Spaß hat das gemacht, und stolz ließen wir sie dann in den Himmel steigen. Ich sehe die abgeernteten Obstbäume und habe wehmütige Gedanken. War es nicht erst gestern, als sie blühten? Die Blätter der Laubbäume sind bunt, welch Farbenspiel, doch bald werden sie ihre Pracht verlieren, dort, wo ich gehe, wird sich bald der Schnee ausbreiten. Und so freue ich mich schon jetzt, dass nach dem Winter der Frühling kommt.

Meine Hunde und ich

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Eberhard Stephan

Ich wollte schon seit langer Zeit einen Hund haben, damit ich nicht mehr so allein bin. Also habe ich mir Windsor gekauft. Den Namen hatte ihm die Züchterin gegeben. Windsor war ein Shih Tzu, ein tibetischer Tempelhund. Mir gefiel diese Rasse, sie sind nicht zu groß und nicht zu klein und haben einen guten Charakter. Windsor und ich verstanden uns gut, und als er vor ein paar Jahren starb, kam Sherry zu mir, wieder ein Shih Tzu, wieder von der gleichen Züchterin, die ihm auch seinen Namen gegeben hat. Sherry ist ein guter Zuhörer, ich spreche viel mit ihm und habe ihn auch immer dabei. Wenn wir an meinem Standplatz sind, dann liegt Sherry ruhig auf seiner Decke. Manchmal schaut er sich die Passanten an, manchmal isst er, manchmal schläft er. Sherry spielt gern Fußball, ich muss ihm dann den Ball hinschießen und er jagt ihn. Ansonsten ist er aber ein ruhiger Typ, und nur wenn ich „Platz“ sage oder „Sitz“, wird er ärgerlich. Er lässt sich eben nicht gern herumkommandieren. Aber das ist in Ordnung. Ich mag das schließlich auch nicht.

Meine Frau

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Vor 33 Jahren habe ich mich mit meiner Frau verlobt. Ich lebte damals in Bagdad, sie in Kirkuk. Ich hielt um ihre Hand an und fuhr sie dann jeden Monat einmal besuchen. Meine zukünftige Frau schimpfte immer und wollte, dass ich ihr Geschenke mache. Zurück in Bagdad, war ich froh, meine Ruhe zu haben. Heute weiß ich, dass meine Frau mich nicht heiraten wollte. Ihre Eltern sagten aber, sie müsse. Auch ich wollte die Verlobung wieder lösen, aber im Irak geht das nicht. Also haben wir geheiratet und vier Kinder bekommen. Meine Frau arbeitet heute jeden Tag zwei Stunden, dann kommt sie nach Hause, sie kocht, putzt, wäscht und geht einkaufen. Wenn ich nach Hause komme, ist meine Frau immer genervt und müde. Wir essen nicht mehr zusammen und sehen uns jeden Tag vielleicht eine Stunde. Einmal dachte ich, dass ich mich gern verlieben würde. Ich habe eine Frau kennengelernt, die auch Bücher liebt. Wir sind nur platonisch befreundet, ich fragte sie aber eines Tages, ob sie verheiratet sei. Sie sagte, ja, aber Kinder habe sie keine. Da dankte ich Gott für meine Frau, die mir vier Kinder geschenkt hat. Ein anderes Mal dachte ich, dass ich eine hübsche Frau finden will, so schön wie die eines Freundes. Doch eines Tages kam dieser Freund zu mir. Er war genervt und müde und erklärte mir, dass seine Frau ständig neue Kleider wolle. Da dachte ich: Auch diese Frau wäre nicht die richtige für mich. Da beschloss ich, meiner Frau einen goldenen Ring als Geschenk zu kaufen. Meine Frau war überrascht. „Ich danke dir, Habibi, mein Schatz“, sagte sie zu mir. „Habibi“, dieses Wort habe ich seit 33 Jahren nicht von ihr gehört.

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