Pflegeleicht

Frauen aus Osteuropa arbeiten vermehrt als Pflegerinnen in Privathaushalten. Agenturen vermitteln sie nach Deutschland und statten sie mit einem nach deutschem Recht gültigen Arbeitsvertrag aus. Doch oft arbeiten die Frauen deutlich mehr als die vorgeschriebene Stundenzahl, ihr Gehalt liegt dann deutlich unter dem Mindestlohn, die Freizeit ist knapp. Wie geht es diesen Frauen?

Von LINUS FREYMARK

Illustration LORENZO GRITTI

In dem Zimmer im Dachgeschoss steht ein Foto. Ein kleiner Junge ist darauf zu sehen, er trägt eine Mütze, lacht in die Kamera. Der Junge ist zwei Jahre alt. Jeden Abend klappt seine Mutter, die in dem Zimmer wohnt, ihren Laptop auf und wartet, bis das Gesicht des Jungen auf dem Display erscheint. „Draga mea“, sagt sie dann zu ihm, mein Schatz. „Mama“, antwortet der Junge auf dem Bildschirm. Mutter und Sohn, 1.500 Kilometer voneinander getrennt. Der Junge in dem kleinen Dorf in Rumänien, eine Autostunde von Bukarest entfernt. Die Frau in dem Dachgeschoss eines Hauses im Münchner Westen. Jeden Tag skypen sie miteinander. Am Ende des Gesprächs, wenn es spät ist und der Junge von seiner Oma, bei der er lebt, ins Bett gebracht werden soll, drückt Liana Stancescu* ihre Hand gegen die Linse der Webcam. Der Junge macht dasselbe. Das mit der Hand ist ihr Ritual. Ihr Ritual für die Zeit, in der die Mutter nicht bei ihrem Sohn sein kann. Wie viele Frauen aus Polen, Bulgarien, Ungarn oder eben Rumänien arbeitet Liana Stancescu, 31, als ausländische Pflegekraft in Deutschland. Es gibt Experten, die sagen, ohne diese Arbeitskräfte aus Osteuropa wäre das Pflegesystem in den deutschen Großstädten nicht mehr aufrechtzuerhalten. Manche von ihnen arbeiten in Pflegeheimen, andere wie Liana Stancescu als private Pflegerinnen. Manche nennen das auch 24-Stunden-Pflegekraft.
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