„I will be with you, whatever“

KUNSTAKTION IM ÖFFENTLICHEN RAUM ZUM 25-JÄHRIGEN JUBILÄUM VON BISS

Zum 25-jährigen Jubiläum der Münchner Straßenzeitung BISS errichtet das renommierte britische Künstlerduo Ivan Morison und Heather Peak von Studio Morison unter dem Titel „I will be with you, whatever“ ein Kunstwerk in Form eines Pavillons um das Reiterstandbild von Maximilian I. am Wittelsbacherplatz. Es handelt sich um eine temporäre Skulptur, die von 30. Juni bis Oktober 2018 dort stehen wird. In dieser Zeit finden am Wittelsbacherplatz Veranstaltungen sowohl mit hochkarätigen Künstlern als auch mit den Münchner Bürgerinnen und Bürgern statt

von Karin Lohr

Das war der erste Entwurf des Pavillons, noch aus Papier              

WIE ALLES BEGANN

Angefangen hat alles im Jahr 2016 als studentisches Projekt der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg. Die Idee, ein Projekt für das 25-jährige Jubiläum von BISS zu entwickeln, hatten Frau Prof. Gudrun Müllner und Joerg Jahn, zwei Profis mit langer Erfahrung in der professionellen Werbung, die für BISS die allererste Kampagne im Jahr 1998 entwickelt haben. Wie für einen „echten“ Kunden informierten sich die Studierenden zuerst vor Ort, was genau die Münchner Straßenzeitung macht. Sie nahmen an einer BISS-Stadtführung teil, redeten mit den Verkäufern und stellten viele kluge Fragen. Zum Abschluss des Semesters präsentierten die zukünftigen Werber und Gestalter in Arbeitsgruppen ihre Vorschläge. Wir waren beeindruckt, wie engagiert die Studierenden an das Projekt herangegangen sind und was sie sich alles haben einfallen lassen. Festgehalten hat BISS an dem Vorschlag, eine künstlerische Aktion im öffentlichen Raum weiterzuverfolgen.

DER ÖFFENTLICHE RAUM

Für BISS als Straßenzeitung spielt der öffentliche Raum eine besonders wichtige Rolle. Im Unterschied zu konventionellen Organisationen findet bei einer Straßenzeitung das betriebliche Geschehen größtenteils auf der Straße statt. Unsere Verkäufer stehen immer in der Öffentlichkeit, wenn sie verkaufen. Es ist für sie an ihren Standplätzen enorm wichtig, dass sie die Zeitung gefahrlos anbieten können. Es gibt zunehmend Großstädte, in denen Menschen gar nicht stehen könnten, weil sie in Gefahr gerieten, von Autos überfahren, für Verbrecher gehalten bzw. selbst ausgeraubt zu werden. Und schon länger entwickeln sich Innenstädte dahin gehend, dass nicht nur obdachlose Menschen, sondern überhaupt alle, die nicht andauernd „shoppen“ können oder wollen, keinen Platz mehr finden, ohne konsumieren zu müssen. Das liegt auch an den steigenden Mieten und dem Zwang zur totalen kommerziellen Verwertung von Raum, für den München leider das Negativbeispiel schlechthin ist. Für BISS ist der öffentliche Raum ein hohes Gut, das es zu erhalten gilt. Auch dafür wollen wir mit unserer Aktion ein Zeichen setzen.

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Erinnerungen an die Obdachlosigkeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Ich bin seit 2005 bei der BISS. Davor habe ich lange auf der Straße gelebt, von Mitte der 1990er-Jahre bis fast 2000. Wenn ich nun zur Abtei St. Bonifaz gehe, um dort meine BISS-Hefte abzuholen, dann kommen immer wieder Erinnerungen an diese Zeit hoch. Denn dort sehe ich immer viele bedürftige Menschen, die auf eine warme Suppe warten. Ich weiß ganz genau, wie das ist. Ich war selbst mit einiger Regelmäßigkeit bei der Essensausgabe. Was sich heute verändert hat: Ich sehe viel mehr Leute und auch viel mehr Frauen, die regelmäßig nach St. Bonifaz kommen. Woher das kommt, weiß ich nicht. Ich sehe auch viele Italiener, meine Landsleute, darunter viele junge Menschen. Das macht mich sehr traurig. Ich hoffe, dass sie alle ihren Weg ins Leben wiederfinden können. Ich habe ihn gefunden dank BISS, und heute lebe ich in einer eigenen Wohnung mit meinen zwei Freundinnen, die immer für mich da sind (manche Stammkunden kennen sie schon: Die Freundinnen heißen „Carmensita“ und „Contessa“ und sind zwei Café-Mokka- Maschinen, eine für ein bis zwei Tassen, die andere für vier bis fünf).

BISS-Ausgabe April 2018 | Lebensweisen

Cover des BISS-Magazins April 2018

Thema | Lebensweisen: Die Art, wie wir leben wollen oder müssen, ändert sich im Lauf der Zeit. Mit Mut und Unterstützung können wir unsere Lebensphasen aktiv gestalten | 6 Wohnen im Alter Es gibt Alternativen dazu, alleine oder im Pflegeheim zu leben | 12 Dick und ausgegrenzt: Übergewichtige Menschen begegnen vielen Vorurteilen | 14 Sinti und Roma: Seit Generationen am Rande der Gesellschaft | 18 Arm und erschöpft: Prof. Dr. Ronald Lutz im Interview | 20 1. BISS Jugendmedienpreis| Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Freunde und Gönner | 26 Patenuhren | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll CHRISTOPH GURK

DANIEL FISCHER, 38, ZWEIRADMECHANIKER BEI DYNAMO

ROSAMUNDE BAUER (36), NÄHERIN BEI PULPO

SAM MONTAG (41), MITARBEITERIN BEI PULPO, DOLMETSCHTE GEBÄRDENSPRACHE

DANIEL FISCHER: Ich fahre gerne Rad. Noch lieber repariere ich sie aber. Nach der Gehörlosenschule habe ich trotzdem Schuhmacher gelernt. Auf der Berufsschule habe ich Rosi kennengelernt: Sie ist auch gehörlos und bald waren wir ein Paar.

ROSAMUNDE BAUER: Ich habe damals eine Ausbildung zur Täschnerin gemacht. Dann kam unser Sohn zur Welt, und danach war es schwer, eine feste Anstellung zu finden. Als es mit Pulpo losging, hat mir mein Mann davon erzählt.

DF: Pulpo kannte ich durch meine Arbeit. Nach meiner Ausbildung fand ich eine Stelle, nach ein paar Jahren schloss der Betrieb aber. Durch die Arbeitsagentur kam ich zum Dynamo Fahrradservice: Gefördert von der Stadt München, arbeiten hier Menschen, die langzeitarbeitslos und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Wir reparieren und richten Fahrräder. Und statt die alten Schläuche wegzuschmeißen, kommen sie zu Pulpo.

RB: Wir gehören zum Netzwerk Geburt und Familie und sind wie Dynamo ein sozialer Betrieb. Wir nähen Taschen und Accessoires aus recycelten Fahrradschläuchen. BISS hat für mich eine Patenschaft übernommen, das gefällt mir!

DF: Ich bin jetzt schon fast zwölf Jahre bei Dynamo, wie die Zeit vergeht. Rosi und ich haben immer mal wieder überlegt, nach Thüringen zurückzugehen, aber da gibt es kein Dynamo und kein Pulpo. Was ich am liebsten mache? Alles! Denn Fahrräder habe ich ja schon immer gern repariert. Und jetzt ist mein Hobby eben mein Beruf.