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Bei Anruf Abzocke

Von CHRISTINE AUERBACH
Illustration FILIP FRÖHLICH

Ihnen kann das nicht passieren?
Bis vor Kurzem dachte das unser Vertriebsleiter Johannes Denninger auch

Es ist Freitagmorgen. Februar. Ich habe frei. Nichts vor, außer mittags für meine Frau und einen Freund zu kochen. Die Sonne scheint. Herrlich. Ich beschließe, eine Radtour zu machen, bevor ich mich an den Herd stelle. Noch schnell ins Bad, und dann los. Ich bin gut gelaunt. Das Festnetztelefon klingelt: „Hallo, hier ist Microsoft“, sagt eine Frauenstimme in schlechtem Englisch und redet weiter. Ich verstehe sie nicht, sage „Sorry“ und lege auf. Das war das einzig Richtige, was ich in den folgenden Stunden gemacht habe. Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Wenige Minuten später klingelt das Telefon wieder: „Hallo, hier ist Microsoft.“ Diesmal eine Männerstimme in besserem Englisch. Genau hier hätte alles noch gut werden können. Ich hätte die Radtour gemacht, die Sonne genossen und danach für alle gekocht. Wenn ich genau wie vorher aufgelegt hätte. Habe ich aber nicht. „Ihr Computer ist gehackt worden“, sagt die Stimme. „Wir wollen Ihnen helfen, ihn zu reparieren.“ Von 9.30 bis 13.00 Uhr, das sind dreieinhalb Stunden, werde ich ab jetzt mit „Mister Microsoft“ telefonieren. Er sagt mir, dass er in London sitzt und dort für Microsoft arbeitet. Ich will eine Legitimation von ihm, einen lichten Moment hatte ich also, aber darauf sind die Abzocker natürlich vorbereitet. Er schickt mir eine E-Mail mit einer Büroadresse. Ich glaube ihm und erlaube, dass er sich auf meinen Computer schaltet – von da an bewegt er meine Maus. Mein Gott, Hennes! Eine E-Mail! Die hätte jeder schreiben können. Auf meinem Bildschirm öffnen sich Excel-Tabellen. Viele, viele Zahlen, dann sagt er, mein Computer sei 436mal gehackt worden. Von nun an gibt er mir das Gefühl, dass nur er und ich zusammen das Schlimmste jetzt noch verhindern können. Ich, Hennes Denninger, rette den Computer von mir und meiner Frau vor den Hackern! Mir ist völlig klar, ich muss das mit ihm durchziehen. Wir legen los. Besser gesagt, Mister Microsoft legt los. Ich sitze nur noch da und sehe zu, wie er sich durch meinen Rechner wühlt, denn ich habe ihm ja den Zugang zu allen Ordnern und Informationen gegeben. „Wie wählen Sie sich beim Online- Banking in Ihre Konten ein?“, fragt er recht bald. Ich sage ihm, dass ich die TANs mit einem TAN-Generator generiere, einem Extrakästchen, das ich von der Bank bekommen habe. Aber dieses Kästchen sei recht langsam. Genau das wird am Ende mein Glück sein.

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Hochzeitsreise, Teil 2

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Dirk Schuchardt

Beim zweiten Teil unserer Hochzeitsreise in Wien hatten wir Pech mit dem Wetter. So besuchten wir erst das Möbelmuseum und dann das Uhren- und Feuerwehrmuseum. Besonders Letzteres war für unsere Kinder ein besonderes Highlight. Sie konnten sehen, wie die Menschen in der Vergangenheit Feuer gelöscht und Leben gerettet haben. Am Wiener Rathaus besuchten wir den Weihnachtsmarkt, der, anders als in München, bis zum ersten Januar in Betrieb bleibt. Diesen Markt besuchten wir auch am Silvestermorgen. Von dort aus folgten wir der sogenannten Silvestermeile durch die Innenstadt. Alle paar Meter waren Bühnen aufgebaut, dazwischen Getränke- und Imbissstände. Die zu einer Spirale geschnittene und frittierte Kartoffel ist eine Spezialität und schmeckt wie Chips. Als wir an einer Boutique für Damen vorbeikamen, beschloss ich, meiner Frau, die ja am 09.01. Geburtstag feiern würde, eine neue Handtasche zu kaufen. Meine Frau freute sich riesig. Wir wurden mit Sekt empfangen, es war ja Silvester. Nachdem meine Frau sich für eine Handtasche entschieden hatte, machten wir uns so gegen 13 Uhr auf den Weg zurück zu unserem Hostel. Man hatte uns nämlich empfohlen, spätestens am Nachmittag nach Hause zu gehen, da die Silvestermeile völlig überfüllt sein würde. Womit die Tippgeber Recht behalten sollten. Der Heimweg wurde wegen der Menge an Menschen sehr schwierig. Wir ließen den Tag dann ruhig mit unseren Kindern ausklingen. Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach München. Damit war die Hochzeitsreise beendet und uns bleiben nur die schönen Erinnerungen daran, und für Sie, meine Leser, eine schöne Geschichte.

Hey guys!


Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Als sich BISS vor zwei Jahren entschieden hat, für sein 25-jähriges Jubiläum mit den britischen Künstlern von Studio Morison zusammenzuarbeiten, war das britische Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union schon gelaufen. Schon damals wollten wir unsere Verbundenheit zeigen und für ein gemeinschaftliches Handeln in Europa ein Zeichen setzen. Das Jubiläumsmotto „I will be with you, whatever“ passte zum erklärten Brexit perfekt, denn dass Großbritannien, egal was passiert, immer zu Europa gehören wird, stand für uns fest. Wir haben zwei Jahre lang unsere britischen Partner von ihrer besten Seite kennengelernt – verlässlich, klug, witzig, unprätentiös und sich leidenschaftlich für die gemeinsame Sache einsetzend, den spektakulären Pavillon am Münchner Wittelsbacherplatz. Schon einmal war BISS gemeinsam mit den Briten ein Coup gelungen, als eine Handvoll engagierter Straßenzeitungen 1994, unter der Federführung von „The Big Issue“ aus Großbritannien, das Internationale Netzwerk der Straßenzeitungen, kurz INSP, gründete. In den folgenden 25 Jahren sind dem INSP über 100 Straßenzeitungen aus aller Welt beigetreten, die sich regelmäßig treffen und darüber beraten, wie man als Straßenzeitung armen und obdachlosen Menschen am besten helfen kann. Einig sind sich alle Straßenzeitungen, dass man über die Ursachen von Armut berichten und aufklären will. Und dass Armut weltweit nur bekämpft werden kann, wenn sozial benachteiligte Menschen Zugang zu Bildung haben, sie für ihre Arbeit fair entlohnt werden und bezahlbaren Wohnraum finden. Wir BISSler sind einen Schritt weitergegangen und stellen unsere Verkäufer, die anderswo keine Arbeit finden, fest an. Dafür werben wir, auch dieses Jahr, wenn sich im Juni der INSP in Hannover treffen wird. Bei BISS arbeiten Verkäufer aus vielen europäischen Ländern: natürlich aus Deutschland, aber auch aus Österreich, Italien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Tschechien, Kroatien, der Slowakei und sogar einer aus Lettland. Einen britischen Verkäufer hatten wir noch nicht, eigentlich schade. Eine gute Sache hat das britische Brexit-Chaos bewirkt, denn es macht den Menschen in Europa bewusst, dass freie Grenzen und ein friedliches Miteinander nicht selbstverständlich sind, sondern dass man sich rechtzeitig dafür einsetzen muss. Wir werden unsere Leute ermuntern, am 26. Mai für ein demokratisches und solidarisches Europa wählen zu gehen. Ob die Briten mitwählen, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest – but hey guys, we won’t let you down!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe April 2019 | Barrierefrei?

Cover des BISS-Magazins April 2019

Thema | Schwellen des Lebens | Geschichten über ganz reale Barrieren und Übergänge in unserem Leben, die uns Angst machen | 6 Der letzte Umzug: Ins Pflegeheim zu ziehen, ist für viele ältere Menschen ein schwerer Schritt | 12 Mit Handicap unterwegs: Der Weg durch die Stadt mit Hindernissen und Hilfen | 16 Selbstschutz: Rettungssanitäter lernen, sich  zu verteidigen | 20 Palliativversorgung: Hermann Reigber über die Phase zwischen Leben und Tod | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persön liche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Die gemeinsame Sprache

Protokoll Christine Auerbach; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

IGOR VLAD: Ich stamme aus einer rumänischen Familie, die unter Stalin nach Sibirien geschickt wurde. Als Stalin tot war, wurde meine Familie
rehabilitiert und ist in die Region Moldau zurückgegangen. Ich blieb in Omsk, diente dann 25 Jahre in der russischen Armee. Deshalb spreche ich Russisch, obwohl ich rumänische Wurzeln habe.

TATJANA DUBS: Und deshalb können wir uns unterhalten. Ich stamme aus Karaganda in Kasachstan, aber lebe seit 2003 in Deutschland. Bei Dynamo Fahrradservice habe ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und später noch die Ausbildereignung bei der IHK abgeschlossen.

Tatjana Dubs (33), Innendienstmitarbeiterin bei BISS e. V. und Igor Vlad (80), BISS-Verkäufer am Ostbahnhof

IV: Ich bin viel kürzer in Deutschland, nämlich erst seit drei Jahren. Als ich von BISS gehört habe, bin ich hierhergekommen ins Büro, um nach Arbeit zu fragen.

TD: Herr Vlad ist einer von drei Verkäufern, mit denen ich russisch reden kann.

IV: Für mich war das besonders am Anfang sehr hilfreich, ist es aber immer noch. Und es macht mir Spaß, im fremden Land die Sprache zu sprechen, die ich als meine Muttersprache betrachte.

TD: Mir macht das auch Spaß. Dabei ist Russisch viel schwieriger als Deutsch. Ich habe zwar viele Kurse besucht, aber das Sprechen hier vor allem im Alltag gelernt.

IV: Ich finde, die beiden Sprachen sind gleich schwierig. Ich denke, es gibt nichts, das man nicht mit Disziplin erreichen kann. Trotzdem habe ich immer noch ein kleines deutsch- russisches Wörterbuch dabei beim Verkaufen. Und bald kommt auch mein Sohn nach Deutschland, darauf freu ich mich. Dann kann ich zumindest auch mit ihm russisch reden.