Internationales Treffen der Straßenzeitungen in Manchester

127 Delegierte aus 28 Ländern trafen sich zum diesjährigen INSP-Kongress in Manchester. Vier Tage lang wurden Konzepte diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Kooperationen vereinbart.

Einmal im Jahr treffen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Straßenzeitungen, um über Herausforderungen zu sprechen, Lösungsstrategien zu entwickeln, sich persönlich auszutauschen und immer auch, um sich Mut zuzusprechen. Der diesjährige Kongress fand in Manchester statt. Manchester versteht sich als Arbeiterstadt, als Keimzelle gesellschaftlicher Umbrüche – die Industrialisierung Englands nahm hier ihren Anfang. Die Innenstadt Manchesters, noch vor zwanzig, dreißig Jahren ein Moloch aus Dreck und Ruß, ist in den vergangenen Jahren für Spekulanten und Investoren interessant geworden. Ähnlich wie in deutschen Innenstädten steigen die Mieten sprunghaft an. „Big Issue North“, die Straßenzeitung für den Norden Englands, versucht seit 25 Jahren, obdachlosen Menschen eine Perspektive, insbesondere durch die Möglichkeit, selbst Geld zu verdienen, zu bieten. Als eine der ältesten und größten Straßenzeitungen hat sich „Big Issue North“ dieses Jahr bereit erklärt, den Kongress zu organisieren. Wie schon auf den früheren INSP-Kongressen ist es den Organisatoren auch dieses Jahr wieder gelungen, hochkarätige Redner einzuladen. Sie kommen, weil sie die Arbeit der Straßenzeitungen schätzen und die Chance nutzen, vor weltweit gut vernetzten Multiplikatoren zu sprechen. Den Auftakt machte Prof. Richard Wilkinson. Er sprach über die Auswirkungen auf alle Mitglieder einer Gesellschaft, wenn die Schere zwischen Arm und Reich sich zu weit öffnet. Neil McInroy, Leiter eines Thinktanks, der weltweit Kommunen berät, legte seinen Fokus auf die Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft. Sein Credo: Denke global und weltoffen, kaufe lokal und stelle sicher, dass Unternehmen, vor allem Großunternehmen und Großverdiener, ihre Steuern zahlen. Über ein sehr konkretes und in zunehmendem Maße unkontrollierbares Problem unterhielten sich der Chefredakteur von „Big Issue North“, Kevin Gopal, und Michael Linnell. Linnell organisierte mehr als 30 Jahre lang Anti-Drogen-Kampagnen und koordiniert nun Englands „DrugWatch“-Programm. Linnel schilderte auf sehr eindrucksvolle Weise, welche Gefahren in den chemischen Drogen liegen, die auf der Straße billig zu bekommen, deren Zusammensetzung und Wirkung jedoch weder von den Konsumenten noch von den Ärzten und Therapeuten vorhersehbar sind. Ein absolutes Highlight des Kongresses sind die INSP-Awards, die in verschiedenen Kategorien wie Fotografie, Cover, Design und Kampagne vergeben werden. Ausgezeichnet werden herausragende Beiträge, die für alle anderen Zeitungen Vorbild und Inspiration sein können. Es ist beeindruckend, zu sehen, mit welchem Engagement und mit welcher Kreativität Journalisten und Designer aus Mexiko, Slowenien und anderen Ländern mit teils schwierigen lokalen Bedingungen brillante Ergebnisse erzielen. Viele Teilnehmer sehen sich nur einmal im Jahr an diesen vier Tagen. Die Freundschaften und Kooperationen, die in diesen Tagen geschlossen werden, wirken aber weit darüber hinaus. Nach vielen Umarmungen fahren alle wieder nach Hause und werden versuchen, für die Verkäufer und Leser eine noch bessere Zeitschrift zu machen.

Von MARGIT ROTH

Feste Arbeitsplätze für Straßenzeitungsverkäufer – ein bisschen was geht immer!

BISS-Kooperation mit Straßenzeitung „Kralji ulice“ in Slowenien und „Lice v lice“ in Mazedonien

Im Grunde genommen habe ich es den INSP-Straßenzeitungen zu verdanken, dass ich die meisten Staaten Osteuropas und des ehemaligen Jugoslawiens genau auf einer Landkarte platzieren kann. Denn auf jedem der INSP-Treffen der vergangenen Jahre fielen sie positiv auf, die smarten und sehr engagierten Mitarbeiter der Straßenzeitungen vom „Balkan“, wie wir untereinander gelegentlich scherzten. So waren als Erstes die Kollegen von „Lice v lice“ in Mazedonien ernsthaft daran interessiert, einen oder besser noch zwei ihrer Verkäufer fest anzustellen. Im Vorfeld ging es lange Zeit hin und her, per E-Mail und in ausführlichen Gesprächen, insbesondere über die eher schwierigen sozialrechtlichen Rahmenbedingungen in Mazedonien. So wie wir es verstanden haben, verliert ein Mensch dort sofort alle Sozialleistungen, wenn er eine bezahlte Arbeit annimmt. Das gilt auch, wenn er zunächst nur einen geringen Betrag hinzuverdient und zumindest für den Übergang beide Einkommensquellen bräuchte. Trotzdem ging das Projekt im vergangenen Jahr voran, und es wurde ein Verkäufer fest angestellt. In diesem Jahr folgte die Straßenzeitung „Kralji ulice“ in Slowenien, die inzwischen sogar zwei Verkäufer fest angestellt hat. In Slowenien sind die Rahmenbedingungen besser, denn das Land gehört zur EU, und Ljubljana, der Standort der Straßenzeitung, ist eine prosperierende Stadt mit viel Tourismus und Kultur. Darüber hinaus hat die slowenische Straßenzeitung eine vergleichsweise stabile verkaufte Auflage von 16.000 Exemplaren monatlich und ist gut in das Hilfesystem vor Ort eingebunden. Allen Beteiligten geht es vor allem darum, dass die Straßenzeitung in ihrem Land praktische Erfahrungen mit der Festanstellung ihrer Verkäufer macht. Das BISS-Modell dient dabei als Orientierung, muss aber in dem jeweiligen Land im Detail gestaltet werden. Was jedoch alle Straßenzeitungen in der Welt gemeinsam haben, sind ihre Verkäufer. Es sind Menschen, die in einer extremen Notlage Hilfe brauchen. Manche bleiben nur kurze Zeit, für viele jedoch bleibt der Verkauf der Straßenzeitung die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für diesen Personenkreis müssen die Straßenzeitungen richtige Arbeitsplätze schaffen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen Obdachlosigkeit und Ausgrenzung nicht verlieren wollen. Wir BISSler freuen uns sehr darüber, unsere Projektpartner unterstützen zu können. Mittel- bis langfristig bauen wir darauf, dass sich wie in München auch in den anderen Ländern Paten, die einen Teil der Lohnkosten übernehmen, für die dort angestellten Verkäufer finden werden.

Summary in English for our friends in Skopje and in Ljubljana:

The Munich streetpaper BISS proudly presents a cooperation with the streetpapers „Lice v lice“ in Mazedonia and „Kralji ulice“ in Slowenia. Until now BISS is the only streetpaper, which employs most of the vendors. With the support of BISS „Lice v lice“ and „Kralji ulice“ started a project to test employment amongst their vendors. This should bring poor and homeless people back into society and offer them not only an income, but also the opportunity of contact and communication.

Von KARIN LOHR

Meine Hunde und ich

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Eberhard Stephan

Ich wollte schon seit langer Zeit einen Hund haben, damit ich nicht mehr so allein bin. Also habe ich mir Windsor gekauft. Den Namen hatte ihm die Züchterin gegeben. Windsor war ein Shih Tzu, ein tibetischer Tempelhund. Mir gefiel diese Rasse, sie sind nicht zu groß und nicht zu klein und haben einen guten Charakter. Windsor und ich verstanden uns gut, und als er vor ein paar Jahren starb, kam Sherry zu mir, wieder ein Shih Tzu, wieder von der gleichen Züchterin, die ihm auch seinen Namen gegeben hat. Sherry ist ein guter Zuhörer, ich spreche viel mit ihm und habe ihn auch immer dabei. Wenn wir an meinem Standplatz sind, dann liegt Sherry ruhig auf seiner Decke. Manchmal schaut er sich die Passanten an, manchmal isst er, manchmal schläft er. Sherry spielt gern Fußball, ich muss ihm dann den Ball hinschießen und er jagt ihn. Ansonsten ist er aber ein ruhiger Typ, und nur wenn ich „Platz“ sage oder „Sitz“, wird er ärgerlich. Er lässt sich eben nicht gern herumkommandieren. Aber das ist in Ordnung. Ich mag das schließlich auch nicht.

Meine Frau

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Vor 33 Jahren habe ich mich mit meiner Frau verlobt. Ich lebte damals in Bagdad, sie in Kirkuk. Ich hielt um ihre Hand an und fuhr sie dann jeden Monat einmal besuchen. Meine zukünftige Frau schimpfte immer und wollte, dass ich ihr Geschenke mache. Zurück in Bagdad, war ich froh, meine Ruhe zu haben. Heute weiß ich, dass meine Frau mich nicht heiraten wollte. Ihre Eltern sagten aber, sie müsse. Auch ich wollte die Verlobung wieder lösen, aber im Irak geht das nicht. Also haben wir geheiratet und vier Kinder bekommen. Meine Frau arbeitet heute jeden Tag zwei Stunden, dann kommt sie nach Hause, sie kocht, putzt, wäscht und geht einkaufen. Wenn ich nach Hause komme, ist meine Frau immer genervt und müde. Wir essen nicht mehr zusammen und sehen uns jeden Tag vielleicht eine Stunde. Einmal dachte ich, dass ich mich gern verlieben würde. Ich habe eine Frau kennengelernt, die auch Bücher liebt. Wir sind nur platonisch befreundet, ich fragte sie aber eines Tages, ob sie verheiratet sei. Sie sagte, ja, aber Kinder habe sie keine. Da dankte ich Gott für meine Frau, die mir vier Kinder geschenkt hat. Ein anderes Mal dachte ich, dass ich eine hübsche Frau finden will, so schön wie die eines Freundes. Doch eines Tages kam dieser Freund zu mir. Er war genervt und müde und erklärte mir, dass seine Frau ständig neue Kleider wolle. Da dachte ich: Auch diese Frau wäre nicht die richtige für mich. Da beschloss ich, meiner Frau einen goldenen Ring als Geschenk zu kaufen. Meine Frau war überrascht. „Ich danke dir, Habibi, mein Schatz“, sagte sie zu mir. „Habibi“, dieses Wort habe ich seit 33 Jahren nicht von ihr gehört.

Alles ist gut

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Ich habe im Kuweit-Krieg meine rechte Hand verloren. Lange war ich deswegen unglücklich und gereizt. Weil mir eine Hand fehlte, konnte ich keine Arbeit finden, meine Familie musste aber essen und die Miete bezahlen – diese Zeit war sehr schwer. Damals fuhr ich eines Tages mit einem Bus von Bagdad nach Mossul. Ein Mann saß neben mir. Er sah, dass es mir nicht gut ging. Er fragte, was mit mir los sei und wo ich hinfahre. Ich antwortete ihm nicht, ich war zu gereizt. Er fragte mich ein zweites Mal, diesmal fragte er mich aber auch, warum ich so gereizt sei. Ich sagte ihm, dass ich meine Hand verloren habe, und der Mann erzählte mir daraufhin eine Geschichte: Ein König hatte einen Minister. Dieser Minister sagte immer, dass alles gut sei. Nach ein paar Monaten verlor der König bei einem Unfall einen Finger. Der Minister sagte zum König: „Alles ist gut.“ Der König wurde daraufhin sehr böse. Was erlaubte sich dieser Minister? Erbost ließ der König ihn ins Gefängnis stecken. Jeden Freitag aber ging der König auf Reisen. Und so kam er einmal in ein Dorf, auf dessen Platz die Menschen einen Götzen anbeteten. Als sie den König sahen, wollten sie ihn ihrem Gott opfern. Doch dann merkten sie, dass dem König ein Finger fehlte. Um ihrem Gott nichts Unperfektes zu schenken, ließen sie wieder von dem König ab. Als er wieder in seinem Palast war, erinnerte der König sich daran, was sein Minister gesagt hatte: Alles ist gut. Am Ende hatte der Minister recht gehabt, der fehlende Finger hatte sein Leben gerettet. Und so holte der König den Minister wieder aus dem Gefängnis. Er fragte den Mann, was er Gutes darin gesehen habe, dass er im Gefängnis war, und der Minister sagte: „Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, wäre ich mit Ihnen zusammen gereist, und dann wäre ich geopfert worden. Alles ist also gut.“

Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, sagte der Mann im Bus zu mir: „Gott hat Ihnen zwei Hände gegeben. Sie können auch mit einer Hand Arbeit finden, denn wo man nicht zwei Hände braucht, braucht man den Kopf. Danken Sie Gott für seine Güte.“ Ich dankte Gott für den Verstand, den er mir gegeben hat. Für die beiden Augen und Ohren und für die zwei Füße und zwei Hände. Eine hatte ich verloren, aber die andere habe ich noch. Und dank Gott habe ich hier in Deutschland auch eine gute Arbeit gefunden. Wenn ich also darüber nachdenke, dass ich meine Hand verloren habe, dann denke ich, dass es Gottes Wille war. Wenn schlechtes Wetter ist, sage ich: Alles gut. Wenn gutes ist, sage ich: Alles gut. Wenn ich verkaufe, sage ich: Alles gut. Wenn ich nicht verkaufe, sage ich: Alles gut.