BISS-Ausgabe Januar 2017 | Neuanfang

Cover des BISS-Magazins Januar 2017

Cover des BISS-Magazins
Januar 2017

Thema | Neues Jahr neues Glück! Gute Vorsätze, neue Wohnung, neuer Job? Im Januar herrscht Aufbruchstimmung. Und manchmal klappt ein richtiger Neuanfang | 6 Nach dem Knast: Wenn man Türen wieder selbst aufmachen kann | 12 Interview: Psychotherapeut Martin Pröstler erklärt, wie Vorsätze umsetzbar werden | 14 Hoffnung und Hindernis: Junge Flüchtlinge auf dem Weg in eine Zukunft | 18 Die BISS-WG Neustart in den eigenen vier Wänden | 23 Essen ist Heimat: Kroatischer Apfelkuchen aus Dinkas Heimat |  Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Unser Projekt | 31 Adressen

 

 

 

 

 

Käufer & Verkäufer

_mg_0070_sw1Christian Protzek ( links ) ( 55 ) arbeitet als Elektroplaner in der Automobilwirtschaft

An Herrn Kurz bewundere ich am meisten seine Freundlichkeit. Er grüßt einfach alle – egal, ob sie nun eine Zeitung kaufen oder nicht. Er macht den Eindruck, als ob man mit ihm Pferde stehlen könnte. Wenn wir ins Gespräch kommen, lasse ich auch manchmal ein paar U-Bahnen sausen, weil ich mich so gern mit ihm unterhalte. Schon das erste Gespräch mit ihm war offen, und inzwischen sind unsere Themen wirklich tief geworden. Es ist ein richtiger Austausch entstanden auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Auch wenn es Zeiten gibt, in denen man ihm ansieht, dass es ihm gerade nicht so gut geht, spürt man doch die Lebenslust durch, die er hat. Er war ja auch schon viel unterwegs in seinem Leben. Auch dass er so viel in der Schreibwerkstatt schreibt, bewundere ich. Seine Texte dort sind wirklich stark.

Wolfgang „Butzi“ Kurz ( rechts ) ( 58 ) BISS-Verkäufer an den U-Bahnhöfen Silberhornstraße und Neuperlach Süd

Ich verkaufe die BISS an der Silberhornstraße und in Neuperlach Süd. Beim Verkaufen gefällt mir am meisten der Umgang mit den verschiedenen Menschen – ich verurteile niemanden, egal, ob er Moslem, Christ oder Orthodoxer ist, schwarz oder weiß. Bei mir sind alle gleich. Denselben Respekt wünsche ich mir von den anderen. Zu Herrn Protzek sage ich oft, er ist ein richtiger Haudegen. Und er meint immer, ich soll so bleiben, wie ich bin. Herr Protzek kennt mich schon sehr gut und weiß, wenn es mir einmal schlecht geht. Wir reden auch manchmal über unsere Enkel. In meiner Freizeit bin ich gern an ruhigen Plätzen wie dem Hachinger Bach oder ich schreibe. Zum Beispiel ja auch für die BISS-Schreibwerkstatt. Vielleicht übernehme ich auch bald einige der Stadtführungstouren von BISS. Denn auf BISS bin ich wirklich stolz. Ich habe auch einen guten Draht zu Gott. Auch wenn ich nicht in Geld schwimme, bin ich eigentlich Millionär – denn ich bin gesund.

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: Christine Auerbach

Die BISS-WG

Der Immobilien- und Wohnungsmarkt in München ist eine prekäre Angelegenheit. Zu wenig bezahlbarer Wohnraum macht es vor allem Bürgern in sozialen Schwierigkeiten sehr schwer, eine Wohnung zu bekommen. Mit einer Wohngemeinschaft will der Verein BISS, unterstützt von der Stiftung BISS, obdachlose BISS-Verkäufer von der Straße holen, mittelfristig wieder in den Wohnungsmarkt und langfristig in die Gesellschaft eingliedern. Die WG ist ein Pilotprojekt und eine Herzensangelegenheit aller verantwortlichen Akteure

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Foto HANNES ROHRER
Text BARBARA OFF

Ende Oktober 2016. Ein prachtvoller, sonniger Herbsttag mit leuchtenden gelben Blättern in der Gartenstadt Solln. Auf dem Klingelschild stehe „BISS“, heißt es in der Wegbeschreibung. Also nicht zu verfehlen. Zwei rumänische BISS-Verkäufer, Vertreter von BISS e. V. und der Stiftung BISS, ein Übersetzer, ein Fotograf und eine Journalistin treffen sich in einer 3-Zimmer-Wohnung in einem der Wohnblocks. Heute ist offizielle Schlüsselübergabe. Die BISS-Verkäufer Ion Plesa und Cuza Dragomir ziehen in die neu gegründete BISS-WG ein – das jüngste Projekt der Stiftung BISS in Zusammenarbeit mit dem BISS e. V.

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Das Leiden eines (werdenden) Blinden

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Hans Pütz

Ich habe früher auch viel in der Schreibwerkstatt geschrieben, und immer wieder fragen mich Kunden, warum ich das nicht mehr tue. Ich will es Ihnen erklären: Vor eineinhalb Jahren haben die Ärzte bei mir Makulophatie entdeckt. Ich bin Diabetiker, und das hat dazu geführt, dass meine Augen so schlecht geworden sind. Ich sehe auf beiden Augen nur noch 20 Prozent. Alles ist verschwommen, wie wenn die Welt hinter Nebel liegen würde. Zu Hause habe ich eine gute Bekannte, die mir im Alltag hilft, wenn ich Briefe bekomme oder wenn ich Anträge ausfüllen muss. Sie hat mir auch geholfen, den Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Den Rest bekomme ich alleine hin, es gibt Tricks: Wenn man zum Beispiel ein Glas Wasser füllt, dann hält man einen Finger an den Rand des Glases und spürt, wenn es voll ist. Ich habe zu Hause mindestens zehn Lupen liegen, und meinen Fernseher muss ich ganz nah ans Bett rücken, damit ich etwas sehe. Beim Verkaufen habe ich manchmal Probleme, das Kleingeld auseinanderzuhalten. Aber mit der Zeit weiß man, wie groß die Münzen sind und wie sie sich anfühlen. Es ist anstrengend für mich, die Leute zu erkennen, auch wenn sie schon seit Jahren zu mir kommen. Ich bin ja schon seit über 20 Jahren bei der BISS, doch viele Kunden wissen nicht, das ich fast blind bin. Wenn ich es ihnen dann sage, sind sie überrascht und wollen mir helfen. Manche Leute wundern sich, dass ich öfter nicht an meinem Standplatz bin. Das liegt an meinen Terminen beim Augenarzt. Zu Weihnachten und für das nächste Jahr wünsche ich mir, dass ich besser sehen kann, und ein paar neue Augen.