BISS / : Seite 2

Vom Säen und Ernten

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Zugegeben, auf den ersten Blick hätte der Mann, der vor ein paar Wochen an einem trüben Tag im Untergeschoss der Münchner Freiheit die BISS zum Kauf anbot, auch Mitarbeiter eines nahöstlichen Geheimdienstes sein können: verspiegelte Sonnenbrille, hochgestellter Mantelkragen und die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Selbst ich habe ihn erst aus unmittelbarer Nähe als unseren Verkäufer Herrn K. erkannt, als ich ihn angesprochen habe, warum er denn seinen Verkäuferausweis nicht sichtbar trägt. Im Falle von Herrn K. gab es eine harmlose Erklärung, denn an seinem Ausweis war das Bändel abgerissen, was man vor Ort, zumindest provisorisch, mittels einer Paketschnur aus dem nahe gelegenen Kaufhaus reparieren konnte. Trotzdem hatte die Leserin, die auf den vermeintlichen Betrüger hinweisen wollte, recht gehabt, uns anzurufen. Denn leider passiert es immer wieder, dass Betrüger aus dem guten Ruf von BISS Kapital schlagen wollen. Zu diesen Betrügern gehören die falschen „Spendensammlerinnen“, die meist zu zweit mit einer Unterschriftenliste Menschen auf der Straße und in Cafés ansprechen. Und dazu gehören diejenigen, die sich widerrechtlich die aktuelle Ausgabe besorgen und vortäuschen, legale BISS-Verkäufer zu sein. Diese Betrüger schädigen alle: die Menschen, die helfen wollen, und den BISS-Verkäufer, der sich bemüht, aber keine Zeitung verkaufen kann (siehe Seite 25 in dieser Ausgabe). Wir hören von Straßenzeitungen in anderen Städten, dass auch dort Trittbrettfahrer profitieren wollen, besonders gravierend beim Berliner „Straßenfeger“, der 2018 sein Erscheinen einstellte. Nun zeichnet BISS eine sehr intensive Verkäuferbetreuung aus, dazu gehören die monatlichen Treffen mit allen Verkäufern sowie viele Einzelgespräche und Beratungen. Vor allem aber ist unser Sozialarbeiter oft auf der Straße unterwegs und spricht mit den Verkäufern an ihren Standplätzen. Er erfährt so von kleinen und größeren Nöten. Unseren Verkäufern gebührt aller Respekt, denn sie sind es, die sich jeden Tag aufs Neue bemühen, persönliche Schwierigkeiten zu überwinden. Deshalb sollen sie auch die Früchte ihrer Mühen ernten, das ist nur gerecht. Sie, liebe BISS-Leser, können Ihren Teil dazu beitragen, indem Sie bitte nur bei Verkäufern kaufen, die ihren Verkäuferausweis sichtbar tragen. Einige von ihnen tragen seit Kurzem eine rote Weste. Wenn sich das bewährt, werden wir nach und nach unseren „Außendienst“ damit ausstatten. Die Verkäufer wären dann fast wie rote Blumen – größere und kleinere –, die an vielen Orten in der Stadt blühen. Eine ganz schöne Vorstellung, oder?

Herzlichst

Geschäftsführerin Karin Lohr

Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe Mai 2019 | Hilfe annehmen

Cover des BISS-Magazins Mai 2019

Thema | Helfen lassen | Von anderen Hilfe anzunehmen ist ein erster wichtiger Schritt raus aus vielen schwierigen Situationen | 6 Straßenambulanz: Wenn der Arzt zum obdachlosen Patienten kommt | 12 Alkoholismus: Interview mit Prof. Dr. Ulrich Zimmermann | 16 Lohnlücke: Frauen bekommen weniger Lohn und weniger Rente | 18 Soziale Ängste: Wenn andere Menschen Angst auslösen | 24 Abgezockt: Jeder kann Opfer von Telefonbetrügern werden | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Strickmützen

Protokoll KARIN LOHR

CHRISTA SCHONSCHECK: Ich habe schon immer gern
gestrickt, anfangs nur für den Privatgebrauch. Und dann habe ich für eine Bekannte eine Trachtenjacke gemacht, seitdem hat sie mir immer Wolle geschenkt, die ich dann weiterverarbeitet habe – sehr hochwertiges Material, ganze Berge von Wolle waren das.

PIETRO DORIGO: Frau Schonscheck kauft schon lange bei mir die BISS. Einmal ist mir der Hut aufgefallen, den sie getragen hat, und so sind wir ins Reden gekommen. An meinem Standplatz in Pasing ist es gut, wenn ich im Herbst und Winter eine Mütze trage, so erkälte ich mich auch nicht. Die Mützen sind ein bisschen zu meinem Markenzeichen geworden.

Pietro Dorigo (65), angestellter BISS-Verkäufer, der in Pasing „bella figura“ macht, und Christa Schonscheck (74), gebürtige Münchnerin, die Lieblingsmützen strickt

CS: Zuletzt habe ich zehn Jahre am Weihnachtsmarkt in Obermenzing Stricksachen verkauft. Das mag ich jetzt aber nicht mehr machen. Das hat alles so einen Eventcharakter bekommen. Die BISS kenne ich von Anfang an, der bleibe ich in jedem Fall treu.

PD: Aktuell habe ich fünf Mützen, die sie gemacht hat. Ich mag alle Farben, bloß nicht Schwarz. Am liebsten sind mir rosa- oder roséfarbene Mützen, ich finde das zu meinem dunklen Mantel eine schöne Kombination. Es ist fast schade, dass ab Mai keine Mützen mehr getragen werden. Ich habe schon daran gedacht, dass auch im Sommer eine ganz dünne Kopfbedeckung angenehm wäre.

CS: Aus feiner Wolle und in Rosa, warum nicht?

Bei Anruf Abzocke

Von CHRISTINE AUERBACH
Illustration FILIP FRÖHLICH

Ihnen kann das nicht passieren?
Bis vor Kurzem dachte das unser Vertriebsleiter Johannes Denninger auch

Es ist Freitagmorgen. Februar. Ich habe frei. Nichts vor, außer mittags für meine Frau und einen Freund zu kochen. Die Sonne scheint. Herrlich. Ich beschließe, eine Radtour zu machen, bevor ich mich an den Herd stelle. Noch schnell ins Bad, und dann los. Ich bin gut gelaunt. Das Festnetztelefon klingelt: „Hallo, hier ist Microsoft“, sagt eine Frauenstimme in schlechtem Englisch und redet weiter. Ich verstehe sie nicht, sage „Sorry“ und lege auf. Das war das einzig Richtige, was ich in den folgenden Stunden gemacht habe. Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Wenige Minuten später klingelt das Telefon wieder: „Hallo, hier ist Microsoft.“ Diesmal eine Männerstimme in besserem Englisch. Genau hier hätte alles noch gut werden können. Ich hätte die Radtour gemacht, die Sonne genossen und danach für alle gekocht. Wenn ich genau wie vorher aufgelegt hätte. Habe ich aber nicht. „Ihr Computer ist gehackt worden“, sagt die Stimme. „Wir wollen Ihnen helfen, ihn zu reparieren.“ Von 9.30 bis 13.00 Uhr, das sind dreieinhalb Stunden, werde ich ab jetzt mit „Mister Microsoft“ telefonieren. Er sagt mir, dass er in London sitzt und dort für Microsoft arbeitet. Ich will eine Legitimation von ihm, einen lichten Moment hatte ich also, aber darauf sind die Abzocker natürlich vorbereitet. Er schickt mir eine E-Mail mit einer Büroadresse. Ich glaube ihm und erlaube, dass er sich auf meinen Computer schaltet – von da an bewegt er meine Maus. Mein Gott, Hennes! Eine E-Mail! Die hätte jeder schreiben können. Auf meinem Bildschirm öffnen sich Excel-Tabellen. Viele, viele Zahlen, dann sagt er, mein Computer sei 436mal gehackt worden. Von nun an gibt er mir das Gefühl, dass nur er und ich zusammen das Schlimmste jetzt noch verhindern können. Ich, Hennes Denninger, rette den Computer von mir und meiner Frau vor den Hackern! Mir ist völlig klar, ich muss das mit ihm durchziehen. Wir legen los. Besser gesagt, Mister Microsoft legt los. Ich sitze nur noch da und sehe zu, wie er sich durch meinen Rechner wühlt, denn ich habe ihm ja den Zugang zu allen Ordnern und Informationen gegeben. „Wie wählen Sie sich beim Online- Banking in Ihre Konten ein?“, fragt er recht bald. Ich sage ihm, dass ich die TANs mit einem TAN-Generator generiere, einem Extrakästchen, das ich von der Bank bekommen habe. Aber dieses Kästchen sei recht langsam. Genau das wird am Ende mein Glück sein.

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Hochzeitsreise, Teil 2

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Dirk Schuchardt

Beim zweiten Teil unserer Hochzeitsreise in Wien hatten wir Pech mit dem Wetter. So besuchten wir erst das Möbelmuseum und dann das Uhren- und Feuerwehrmuseum. Besonders Letzteres war für unsere Kinder ein besonderes Highlight. Sie konnten sehen, wie die Menschen in der Vergangenheit Feuer gelöscht und Leben gerettet haben. Am Wiener Rathaus besuchten wir den Weihnachtsmarkt, der, anders als in München, bis zum ersten Januar in Betrieb bleibt. Diesen Markt besuchten wir auch am Silvestermorgen. Von dort aus folgten wir der sogenannten Silvestermeile durch die Innenstadt. Alle paar Meter waren Bühnen aufgebaut, dazwischen Getränke- und Imbissstände. Die zu einer Spirale geschnittene und frittierte Kartoffel ist eine Spezialität und schmeckt wie Chips. Als wir an einer Boutique für Damen vorbeikamen, beschloss ich, meiner Frau, die ja am 09.01. Geburtstag feiern würde, eine neue Handtasche zu kaufen. Meine Frau freute sich riesig. Wir wurden mit Sekt empfangen, es war ja Silvester. Nachdem meine Frau sich für eine Handtasche entschieden hatte, machten wir uns so gegen 13 Uhr auf den Weg zurück zu unserem Hostel. Man hatte uns nämlich empfohlen, spätestens am Nachmittag nach Hause zu gehen, da die Silvestermeile völlig überfüllt sein würde. Womit die Tippgeber Recht behalten sollten. Der Heimweg wurde wegen der Menge an Menschen sehr schwierig. Wir ließen den Tag dann ruhig mit unseren Kindern ausklingen. Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach München. Damit war die Hochzeitsreise beendet und uns bleiben nur die schönen Erinnerungen daran, und für Sie, meine Leser, eine schöne Geschichte.