BISS-Ausgabe April 2017 | Die Welt erkunden

Cover des BISS-Magazins April 2017

Thema | Neue Welten: Vom Gärtnern, Lesen lernen und Welterkunden. Die einen lieben ihre Schrebergartenwelt, andere lernen die Welt der Bücher kennen, Jobnomaden ziehen arbeitend durch die Welt | 6 Ein Stück grünes Glück: Schrebergärten in München | 10 Analphabetismus: Zum Lesen- und Schreibenlernen ist es nie zu spät | 16 Jobnomaden: Vom Weggehen, Unterwegs  – sein und der Sehnsucht, anzukommen | 20 Fastenküche: Die Lust am Verzicht Gespräch  | 24 Radikal sozial: Alle Zweifel über BISS ausgeräumt  | Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 22 BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

 

 

Radikal sozial – der Verein BISS e.V. in München

Nach der Anzeige eines ehemaligen Verkäufers der Straßenzeitung hatte die Staatsanwaltschaft München Ermittlungen aufgenommen. Das Verfahren wurde im Oktober 2016 eingestellt, die Anschuldigungen haben sich als haltlos erwiesen

Von Karin Lohr

Foto: Hannes Rohrer

Lügengeschichten aus dem Internet

Als wir im Sommer 2014 davon hörten, dass ein ehemaliger Verkäufer der Straßenzeitung unwahre Behauptungen über BISS e.V. und aktive Mitarbeiter zu verbreiten versuchte, hat uns das nicht weiter beunruhigt. Wir wissen, dass der Herr ab dieser Zeit unzählige E-Mails an den BISS-Vorstand, Kooperationspartner, andere Straßenzeitungen und Medien verschickte. Auch dass er auf Facebook und anderen Plattformen abwertende Kommentare über BISS und frühere Kollegen und Diffamierungen hinterließ sowie Anzeigen gegen unterschiedlichste Personen androhte, ist uns bekannt. Noch dazu erhielten wir von dem Herrn zahlreiche direkte E-Mails, in denen er BISS-Mitarbeiter beschimpfte. Das ist in Zeiten elektronischer Medien jedoch kein Einzelfall. Auf eine Anzeige unsererseits wegen übler Nachrede haben wir, auch auf Anraten unseres Konsiliarpsychiaters, bewusst verzichtet, da wir dem Herrn ausdrücklich nicht das bieten wollten, was er mit seinem Verhalten erreichen wollte: Aufmerksamkeit und Beachtung. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass sich jeder selbst ein Urteil über den Realitätsgehalt der Behauptungen bilden und sie als das erkennen kann, was sie sind: „Böse Märchen“ (vgl. BISS-Ausgabe vom Februar 2016), also eine der Lügengeschichten im Internet-Zeitalter.

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Käufer & Verkäufer


Rita Seitz  ( links ) ( 54 ) Psychoanalytikerin

Sooft ich kann, fahre ich mit dem Fahrrad in meine Praxis in Dachau. Nur wenn es sehr kalt ist, nehme ich die S-Bahn. Eines Tages ging ich deshalb mit einer dicken Mütze auf dem Kopf durch den S-Bahnhof an der Donnersbergerbrücke. Die Menschen sind dort immer in Eile, und wenn es eine Betriebsstörung gibt oder eine Bahn Verspätung hat, dann ist die Stimmung oft angespannt. Inmitten all der gehetzten Menschen sah ich dann Herrn Dima stehen: Er hatte
auch eine große Mütze auf dem Kopf, so wie ich. Er lächelte und war ein menschlicher Kontrast zum seelenlosen Bahnhof. Seitdem kaufe ich bei ihm die BISS. Manchmal begrüßen wir uns, aber leider kann Herr Dima zu wenig Deutsch, als dass wir uns unterhalten könnten. Das ist schade, ich würde gern mehr über Rumänien wissen und wie Herr Dima zum Beispiel zu den Protesten in seiner Heimat steht. Vielleicht kann er ja in der Schreibwerkstatt darüber schreiben?

Florin Dima ( rechts ) ( 58 ) BISS-Verkäufer an der Donnersbergerbrücke

Als Kind habe ich von meinen Eltern gelernt, wie man Akkordeon spielt. Ich komme aus dem Süden von Rumänien, die Gegend ist sehr arm, und ich musste schon früh anfangen zu arbeiten. Ich bin Kranführer, aber bald fand ich keine Stelle mehr. Und so beschloss ich, nach Deutschland zu gehen und auf der Straße Akkordeon zu spielen. Ich strengte mich an und übte viel, weil ich wollte, dass die Leute Respekt haben vor meiner Musik. Und tatsächlich gefiel den Deutschen, wie ich spielte, und sie gaben mir Geld. Manchmal konnte ich sogar etwas nach Hause schicken. Aber ich hatte keine feste Stelle und keine Sicherheit. Dann erzählte mir ein Freund von der BISS. Ich stellte mich vor, und heute stehe ich an der Donnersbergerbrücke als BISS-Verkäufer. Ich mag meine Arbeit, ich habe eine Festanstellung und nette Kunden. Akkordeon spiele ich auch immer noch, jeden Sonntag, allerdings zu Hause und nur für mich.

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christoph Gurk

Ich werde fünfzig!

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Ercan Uzun

Vom Horoskop her bin ich Stier (erste Dekade), von Astrologie und Hellseherei aber halte ich nichts, allein daran zu glauben wäre eine Sünde. 50 Jahre sind ein Einschnitt, ein halbes Leben ist sicher vorbei, denn wer wird schon älter als 100 Jahre? Die nächsten Zeilen werde ich aber nicht dafür verschwenden, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Das Getane kann man ohnehin nicht rückgängig machen, und die Missetaten von früher kann man nur bereuen und Allah um Vergebung bitten. Deswegen gehe ich seit geraumer Zeit jeden Freitag zum Gebet in die Moschee. Arbeiten kann ich nur an der Gegenwart und an der Zukunft. Als Ehemann und Vater will ich meine Fehler von früher nicht wiederholen. Beispielsweise will ich mein schlechtes Befinden nicht mehr an Familienmitglieder oder Kunden weitergeben. Wenn jemand fragt, geht es mir deswegen immer gut. Traurig zu sein, weil ich es im Leben zu nichts Prestigeträchtigem gebracht habe, beispielsweise einem Eigenheim, bringt auch nichts. Kein Abitur geschafft zu haben oder dergleichen, allein darüber zu sinnieren ist Schwachsinn. Ich mache meine Arbeit gut, meine Beiträge in der Schreibwerkstatt verfasse ich weiterhin, meine Frau und mein Chef sind mit mir zufrieden, das zählt. Mit meiner Frau bin ich seit über 23 Jahren verheiratet, und wir haben vier Kinder. Sie sind am glücklichsten, wenn ihr Vater nicht ständig deprimiert ist, sondern ihnen im Fall des Falles zur Seite steht. In meinen Augen ist meine Sucht zu rauchen ohnehin die größte Sünde, unter der ich auch weiterhin leide. Ich rauche nunmehr seit 25 bis 30 Jahren, und mein Tod wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Folge meines Tabakkonsums sein. Gerade eben zünde ich mir wieder eine Zigarette an. Ich kann nur hoffen, dass mich irgendwann irgendetwas dazu bringt, aufzuhören. Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, wie viele Nöte andere Menschen auf der Welt erleiden, sei es im Krieg, auf der Flucht, oder körperliche Einschränkungen, weil sie auf den Rollstuhl angewiesen sind oder nicht sehen können. Aber wie heißt es? Die meisten Menschen sind nicht glücklich mit dem, was sie haben, sondern sie schielen immer nach dem, was sie nicht haben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein schönes Frühjahr, und ich hoffe, dass Sie auch weiterhin meine Beiträge lesen.