Starthilfe in den Job

Von KERSTIN GÜNTZEL
Illustration ROBERT NICOL

Die bundesweite Initiative „Joblinge“ verhilft Jugendlichen mit schwierigen Ausgangsbedingungen zur Ausbildung. Rund 70 Prozent der Teilnehmer schaffen so den Sprung ins Arbeitsleben. BISS wollte wissen, wie sich die jungen Leute während des sechsmonatigen Programms verändern, und sprach mit zwei von ihnen am Standort auf der Münchner Praterinsel – am Anfang und am Ende ihrer Zeit bei den „Joblingen“

Deutschland sucht händeringend Azubis. 2016 blieben rund 41.000 Lehrstellen unbesetzt – Höchststand seit zwanzig Jahren. In München sieht es für Lehrlinge noch rosiger aus: „Bewerber in Bayern und Baden-Württemberg haben es tendenziell sehr gut, da gibt es mehr freie Plätze als Bewerber“, sagte Andreas Pieper vom Bundesinstitut für Berufsbildung (bibb) in Bonn dem „Spiegel“. Es muss wohl ganz dumm laufen, wenn man leer ausgeht. Trotzdem gelingt es hierzulande mehr als einer halben Million Jugendlichen nicht, von der Schule in eine Ausbildung zu wechseln. Gründe dafür sind schlechte Noten, Sprachprobleme, Krisen, Drogen und das Aufwachsen in kaputten oder sozial benachteiligten Familien. Genau diesen jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren verhilft die bundesweite Initiative „Joblinge“ – in Kooperation mit der Wirtschaft und der Arbeitsagentur – zu einer Ausbildung. sie bekommen eine eins-zu-eins-Betreuung und einen ehrenamtlichen Mentor zur Seite gestellt. in den ersten sechs Wochen absolvieren die jungen Leute eine Berufsorientierungsphase. Oft hapert es anfangs an alltäglichsten Dingen, zum Beispiel morgens pünktlich da zu sein oder sich bei Krankheit abzumelden. Danach stehen Praktika auf dem Programm, die dank der Kontakte der „Joblinge“ zustande kommen oder die sich die Jugendlichen selbst suchen. meist mündet eines dieser Praktika in eine Ausbildung: die Vermittlungsquote liegt bei 70 Prozent. biss hat zwei von ihnen über mehrere Monate begleitet und mit ihnen und ihren Betreuern am Standort auf der Münchner Praterinsel gesprochen. die Entwicklung hätte unterschiedlicher kaum sein können.

„Ich will einen Sprung nach vorn machen“

Tim Maier (19)* nach sieben Tage bei den „Joblingen“:
Eine Ausbildung zu finden war für mich nicht das Problem. zweimal begann ich Lehren in der Gastronomie – und brach sie wieder ab. Im ersten Betrieb lernte ich nichts. In der zweiten Firma hatte ich Probleme mit dem Chef, einem Choleriker, der trank. Ich war damals 16, musste für ein schlechtes Gehalt sehr lange arbeiten und fühlte mich ausgebeutet. Ich versuchte, die mittlere reife nachzuholen, aber kurz davor brach ich die realschule ab. Das bereue ich. Denn ich hatte nicht mal schlechte Noten, sondern Probleme mit der Klasse und den Lehrern. Ich hätte damals an mich denken müssen – nicht an die anderen. Danach fiel ich in ein Loch, weil ich nichts durchziehe. Vor den „Joblingen“ machte ich dann ein Jahr lang Bundesfreiwilligendienst. Meine Eltern, die selbst sehr gute Berufe haben, machten sich Sorgen. Ich bekam Druck, vor allem von meinem Vater. Früher juckte mich das nicht. Jetzt schon, weil ich reifer wurde. Als mir ein Bekannter die „Joblinge“ empfahl, weil er vor fünf Jahren hier eine Ausbildung als Fliesenleger fand, ergriff ich die Chance. Mein ziel ist es ja, eine Lehre erfolgreich zu absolvieren. Am liebsten wäre mir eine Ausbildung in richtung IT, Sport oder Fotografie. Ein kaufmännischer Beruf interessiert mich auch, aber dafür fehlt mir wahrscheinlich die mittlere reife. Generell bin ich aber offen für alles. Gut finde ich bei den „Joblingen“, dass wir am Anfang gemeinsam mit Profis herausfinden können, welcher Beruf zu uns passt. Es geht um Fragen wie „Was können Sie? Was sind Ihre Wünsche? Was ist realistisch mit Ihrem Abschluss?“ Wir reden über Stärken und Werte. Wir lernen, unsere ziele auf Erreichbares herunterzubrechen, sie in kleine Schritte einzuteilen. So ist es einfacher, motiviert zu bleiben. Auch die Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche finde ich toll.

Wir Teilnehmer, für die sich „Joblinge“ anfangs grob entschieden hatten, wurden zu zwei gemeinsamen Kennenlern-Arbeitstagen im Zoo eingeladen. In Gruppen von vier bis acht Leuten bekamen wir einfache Aufgaben zugeteilt. Auch um uns zu testen, ob wir genügend Motivation mitbringen und fürs Programm geeignet sind. Mein Team musste das Känguru-Gehege mit Granulat befüllen. Das Feedback danach war mir wichtig, weil man so eine fundierte Aussage im Arbeitsleben nie kriegt. Was herauskam? Ich schätze mich wohl immer ein bisschen zu gut ein und muss realistischer werden. Im Zoo laberte ich zu viel und packte etwas zu wenig an. Meine Erwartungen an die „Joblinge“ und an mich selbst sind jedenfalls hoch. Ich hoffe auf große Veränderungen. Und möchte einen Sprung nach vorn hinein ins Berufsleben machen.

Tim Maier* nach fünf Monaten:
Tim hatte keine Probleme, einen Ausbildungsplatz als Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk mit Schwerpunkt Fleischerei zu finden. Nach kurzer Zeit beendete er seine Lehre jedoch wieder, ohne Rücksprache mit seinen Betreuern zu halten. Im Gegenteil: er kappte sogar den Kontakt zu ihnen. auch auf Nachfrage von Biss war er zu keiner Stellungnahme bereit.

Seine Betreuerin Sarina Aberl, Unternehmenskoordinatorin bei den „Joblingen“:
„Wir begleiten die Jugendlichen und auch die Unternehmen in der Ausbildung weiter. Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen ihre Ausbildung erfolgreich abschließen. Gerade die ersten sechs Monate sind entscheidend, und 80 Prozent der Teilnehmer meistern diese Zeit. Leider kommt es aber vor, dass ein Teilnehmer die Ausbildung abbricht und auch wir nicht mehr an ihn rankommen. das müssen wir akzeptieren.“

„Ich möchte Deutschland etwas zurückgeben“

Abdoullah Alboukai (24) nach sieben Tagen bei den „Joblingen“:

Es ist schwer für mich, in München wieder bei null anzufangen. Ich floh vor dem Krieg aus Damaskus. Seit Anfang 2016 bin ich in Deutschland. In Syrien war ich etabliert, arbeitete als Informatiktechniker, studierte parallel BWL, hatte ein Auto … Mir war deshalb auch von Anfang an klar: Ich muss wieder eine Ausbildung machen, um eine bessere berufliche Zukunft zu haben und nicht als Hilfsarbeiter zu enden. Ich verschickte Bewerbungen, merkte aber bald, dass ich Hilfe brauchen würde. Ein Freund empfahl mir das Programm der „Joblinge“. Er beginnt demnächst dank dieser Initiative eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement. Das wäre auch mein Ziel. Die Zeugnisanerkennungsstelle muss jedoch erst mein syrisches Abitur begutachten. Bei den „Joblingen“ sollte ich drei Berufswünsche angeben. Altenpfleger und Bierbrauer könnte ich mir außerdem vorstellen. Am Anfang in Deutschland war es mein Traum, bei Google oder Apple zu arbeiten, weil ich es als Informatiktechniker liebe, zu programmieren. Aber meine Noten in Mathe und Physik waren in Syrien nicht so gut. Und ich bräuchte ein höheres Niveau im Deutschtest. Deswegen wird das wohl nichts. Wir sind hier aber sowieso erst am Anfang der Berufsfindung. Ich weiß nicht, wohin die Reise geht. Was für mich schwierig ist? Eindeutig die Sprache. Anfangs hatte ich kurz mal das Gefühl: Ich schaffe das nicht. Ich schmeiße hin. So kriege ich nie eine Lehrstelle. Denn alle in meiner Gruppe sprechen perfekt Deutsch. Ich spürte Druck und Konkurrenz. Seit ich bei den „Joblingen“ bin, wird die Sprache aber Gott sei Dank jeden Tag besser. Zu Hause – ich wohne bei einer Seniorin in München – muss ich ja immer nur bayerisch reden (lacht). Allerdings bin ich fleißig. Mein Deutsch übe ich mit Youtube-Videos und ich lese Bücher. Das Dumme ist nur: Mein Kopf ist nicht mehr so frei wie früher, weil ich durch den Krieg und die Flucht ständig sinniere und mich nicht mehr so gut konzentrieren kann. Ich mache mir auch Sorgen um meine Familie in Damaskus. Gleichzeitig will ich das Programm unbedingt durchziehen, bin da schon fast zu verkrampft. Für mich ist das eine Riesenchance. Meine Betreuer Hakan Cankaya und Marijana Bralo unterstützen mich super dabei. Und mit den anderen Teilnehmern verstehe ich mich ebenfalls gut. Begeistert bin ich auch von unserem heutigen Besuch beim Personaldienstleister Michael Page. Dessen Mitarbeiter erarbeiteten mit uns Bewerbungsschreiben. Morgen üben sie mit uns Vorstellungsgespräche.

Die Atmosphäre in einem so großen Unternehmen gefällt mir. Die Leute sind sehr motiviert. Auch die Arbeitsweise ist ganz anders als in Syrien: weniger autoritär, demokratischer und teamorientierter. In so einer Firma hat man bestimmt gute Karrierechancen. Ich möchte mich ja weiterentwickeln. Deswegen fragte ich sofort nach einem Ausbildungsplatz. Es gab leider nur eine Stelle in Düsseldorf. Ich möchte aber in München bleiben. Bei den „Joblingen“ fühle ich mich nach dieser Woche schon sehr gut aufgehoben. Alles ist top organisiert. Negatives Feedback bekam ich noch nicht. Nur muss ich lernen, geduldiger zu werden. Auch Pünktlichkeit wird in Deutschland wichtiger genommen als in Syrien. Bis jetzt klappte das. Gestern wurde ich gelobt für meine Spontaneität und das gute Gefühl dafür, wann die Gruppe mich braucht. Es ging um englische Begriffe, und ich „rettete“ das Team mit meinem Englisch. Bei unseren Arbeitstagen im Zoo mussten wir das Elefantengehege ausmisten. Ich war überrascht, dass Frau Bralo und Herr Cankaya mitarbeiteten. Ich dachte, sie würden nur dasitzen, zuschauen und Kaffee trinken. Danach bekam ich gutes Feedback und war so glücklich, weil ich erfuhr, dass ich bei den „Joblingen“ aufgenommen bin. Sorgen mache ich mir, ob ich in Deutschland bleiben kann. Meine Zukunftschancen sind hier viel besser. Der Krieg katapultierte Syrien um hundert Jahre zurück. Jetzt hoffe ich auf eine Lehrstelle, denn mit einer guten Ausbildung habe ich mehr Chancen, in München zu bleiben.

Abdoullah Alboukai nach fünf Monaten:

Wahnsinn, wie viele Bewerbungen ich schrieb! Außerdem machte ich ein Praktikum im Büro einer Bauelektronikfirma, ein zweites als Altenpfleger und danach fünf Wochen lang ein drittes Praktikum im Einzelhandel bei einer Lebensmittelkette. demnächst habe ich ein Vorstellungsgespräch für ein Praktikum als Hotelfachmann, das dann hoffentlich in eine Ausbildung mündet. Ich bin zuversichtlich. Hier würden mir auch mein Arabisch und Englisch nützen. Wegen meiner mangelnden Deutschkenntnisse kann ich ja leider noch nicht im Büro arbeiten, was nach wie vor mein Traum wäre. Ich gab Gas in allen Jobs. deshalb bekam ich immer ein gutes Feedback. Ich wollte aber am ende in keinem dieser Berufe arbeiten. Bei der Lebensmittelkette hatte ich den Eindruck, dass der Chef mich nicht mochte, obwohl die Kollegen nett waren und mich baten zu bleiben. Außerdem finde ich die Aufgaben im Hotel spannender als im Einzelhandel. Altenpfleger ist wiederum körperlich sehr anstrengend, man trägt große Verantwortung und hat wenig Karriereperspektiven. Ich weiß: mein Ziel ist schwer zu erreichen, aber der Prozess, den ich bei den „Joblingen“ bisher durchlief, war großartig. Bewerbungsschreiben und deutsch verbesserten sich zunehmend. Ich wurde immer sicherer, je mehr Vorstellungsgespräche ich führte und je mehr ich an meinen Schwachstellen arbeitete. Meine Ausbildung werde ich deshalb genauso durchziehen. Diese Chance will ich mir nicht versauen. Deshalb muss auch die Stelle perfekt zu mir passen. Was ich bei den „Joblingen“ sonst noch über mich erfuhr? Ich hatte zumindest anfangs wenig Geduld, fällte zu spontan Entscheidungen, ohne sie vorab zu durchdenken. Ich lernte, ruhiger zu werden, mehr zu planen und zu überlegen, bevor ich handle. Einmal verspätete ich mich in der Feedbackrunde und wurde dafür kritisiert. Seitdem bin ich pünktlich. Insgesamt fühle ich mich viel selbstbewusster als noch vor fünf Monaten. Anfangs war ich zudem sehr nervös und hatte Angst vor der Zukunft. Heute bin ich entspannt und lebe ganz normal in München, gehe spazieren, treffe mich mit Kumpels … Jetzt noch die Lehre – und alles wäre perfekt.

Sarina Aberl:
„Herr Alboukai hat sich sehr gut entwickelt. Viele der ‚Joblinge‘ verändern sich um 180 Grad, wenn ihnen auf einmal jemand etwas zutraut und sie unterstützt. Hier sind auch die ehrenamtlichen Mentoren ganz wichtig. Die Teilnehmer werden nach und nach selbstsicherer und selbstbewusster. Diese Entwicklung sehen wir, wenn wir die Jugendlichen beim Start des Programms kennenlernen und sie dann in die Praxis begleiten. “

Nachtrag:
Abdoullah Alboukais Wunsch ging in Erfüllung:
er konnte im Februar eine Ausbildung als Hotelkaufmann beginnen.

Alles über die Joblinge:

(www.joblinge.de) 2007 gründeten die Boston Consulting Group und die Eberhard von Kuenheim Stiftung die „Joblinge“. Es gibt mehr als 25 Standorte in Deutschland.

DEUTSCHLANDWEIT HALFEN DIE JOBLINGE BISHER

mehr als 5.700 Jugendlichen.

Über 70 % stammen aus Hartz-IV-Familien.

Über 56 % haben einen Migrationshintergrund.

Circa 66 % sind männlich.

Knapp 50 % haben maximal Hauptschulabschluss.