Sinti und Roma

Kaum einer Ethnie wird mit so vielen Vorurteilen begegnet wie Sinti und Roma. Unsere Autorin hat in Rumänien studiert und deren Lebensumstände vor Ort kennengelernt

Von AGNES STELZER
Foto HANNES ROHRER

Petru* ist 38 Jahre alt. Er stammt aus Rumänien, ist Rom, also ein Angehöriger der Volksgruppe der Roma, und lebt seit sieben Jahren mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Deutschland. In seinem Heimatland fand er als Rom kaum Arbeit. Als Helfer auf dem Bau verdiente er 300 Euro im Monat – in Deutschland macht er die gleiche Arbeit und bekommt das Sechsfache. Doch auch davon kann er sich in seiner neuen Heimat gerade eine Einzimmerwohnung für die siebenköpfige Familie leisten. In Rumänien bekam er keine Krankenversicherung, weil er als Rom keinen Arzt fand, der ihm die nötigen Papiere ausgestellt hätte. Hier in Deutschland sind Versicherungsleistungen für angestellte Arbeitnehmer wie ihn selbstverständlich. In Rumänien herrschen auch elf Jahre nach dem EU-Beitritt vielerorts noch Korruption und Polizeiwillkür. Hier in Deutschland, so ist sich Petru sicher, kann er seinen Kindern eine bessere Zukunft mit einem geringeren Maße an Diskriminierung bieten. Wie Petru nahmen seit der EU-Erweiterung im Jahr 2007 Tausende Bulgaren und Rumänen ihr Schicksal in die Hand und zogen in Richtung Westen. Einige von ihnen gehören der größten kulturell­ethnischen Minderheit Europas an – den Sinti und Roma. 6.000 sollen es in München sein, 105.000 in Deutschland – die genauen Zahlen kennt jedoch niemand, da einige aus Angst vor Repressalien verheimlichen, Roma zu sein. Die, die nach Deutschland kommen, erhoffen sich wie Petru bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, mehr gesellschaftliche Anerkennung und nicht zuletzt mehr Unterstützung durch das staatliche Hilfesystem.


WOHER KOMMEN DIE VORURTEILE GEGENÜBER SINTI UND ROMA?

Sinti und Roma haben keinen eigenen Staat. Fälschlicherweise entstand dadurch der Eindruck von Heimatlosigkeit. Sie wurden schon Zigeuner genannt und sahen, als sie vor 600 Jahren vermutlich aufgrund von politischen und wirtschaftlichen Krisen aus dem indisch­pakistanischen Raum nach Europa kamen, anders aus als die Mehrheitsbevölkerung und wirkten bei ihrer Ankunft fremd. Es wurde ihnen verwehrt, sich innerhalb der Städte anzusiedeln, was dazu führte, dass sie außerhalb der Stadtmauern ihre Zelte aufbauten. Auch von dort vertrieb man sie und bezeichnete sie schon bald als Vagabunden. Das Vorurteil hielt sich über die Jahrhunderte, auch wenn sich die Umstände inzwischen geändert haben. Sinti und Roma waren bis ins vergangene Jahrhundert hinein Handwerker, Händler oder Künstler. Um eine größere Anzahl an Kunden zu erreichen, reisten sie umher, hatten aber immer auch einen Hauptsitz an einem festen Wohnort. Das Image des fahrenden Volkes verfestigte sich dennoch. Während des Nationalsozialismus wurden Sinti und Roma diskriminiert, verfolgt und nach Schätzungen des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma 500.000 von ihnen in Deutschland und den besetzten Gebieten ermordet. Auch heutzutage sind mit der Bezeichnung des „Zigeuners“ Schuldzuschreibungen und Stigmatisierungen verbunden.

WIE UND WO LEBEN SINTI UND ROMA HEUTE?

Prozentual gesehen leben die meisten Roma in Südosteuropa. Nachdem sich die Situation der Roma zu Zeiten Jugoslawiens dort vergleichsweise verbessert hatte, verschlechterte sie sich nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates. Im Bosnienkrieg in den neunziger Jahren kam es schließlich zu ethnischen Säuberungen. Viele Roma wurden aufgrund ihres muslimischen Glaubens umgebracht oder flohen ins Ausland. Chancen auf Asyl hatten sie in Deutschland dennoch nicht. Ein ähnliches Schicksal erlitten die Roma im Kosovo. Sie gerieten zwischen die Fronten von Albanern und Serben. Ein Drittel der kosovarischen Roma wurde vertrieben oder in Flüchtlingslagern untergebracht, die auch heute noch, fast 20 Jahre nach dem Konflikt, bestehen. In den meisten südosteuropäischen Ländern lebt ein Großteil der Roma in sogenannten Mahalas – in Siedlungen am Stadtrand. Durch Mauern, Zäune oder Flüsse von den Wohnsiedlungen der Mehrheitsgesellschaft abgegrenzt, sind die hygienischen Zustände in den Mahalas meist katastrophal – in vielen gibt es weder Strom noch fließend Wasser. Das größte Roma­-Viertel Europas befindet sich am Rande der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Es heißt Shutka und gleicht einer eigenständigen Stadt. Gegen die Diskriminierung der Roma in Serbien, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, versucht die Hip­Hop­Gruppe Gipsy Mafia aus der serbischen Stadt Zrenjanin aufmerksam zu machen. „Wir Roma wissen, was abgeht. Aber keine Zeitung, kein Reporter oder Fernsehsender veröffentlicht das. Es werden regelmäßig Mahalas überfallen. Man fährt mit dem Auto rein, schreit, schmeißt Fensterscheiben ein und wirft sogar Molotowcocktails. Aber obwohl das alles passiert, sagt man uns, wir sollen uns integrieren. Nur ist es schwer, sich irgendwie zu integrieren, wenn man aus seiner Mahala nicht rausdarf, außer wenn man zum Supermarkt muss. Und sogar da wird man schief angeguckt“, so die Musiker. In Deutschland, da sind sich die Musiker sicher, könnten die Roma aus Serbien sicherer leben. Doch durch die 2014 und 2015 gefassten Beschlüsse Deutschlands gelten die Balkanstaaten heute als „sichere Herkunftsländer“. Es ist den aus jenen Ländern stammenden Roma also nun so gut wie unmöglich, Schutz in Deutschland zu bekommen. Ein wenig besser ist die Situation für Roma aus Rumänien und Bulgarien. Nach dem Gesetz steht es ihnen als EU-Bürger zu, sich in jedem Staat der Europäischen Union niederzulassen. Trotzdem wurden zum Beispiel 2010 durch Frankreichs ehemaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy mehrere hundert Roma gegen die Vorschriften des EU-Rechts in ihre Herkunftsländer Rumänien und Bulgarien abgeschoben, nachdem ihre Siedlungen in Frankreich zwangsgeräumt worden waren. Im Normalfall können sich Roma aus Rumänien und Bulgarien also auch in Deutschland niederlassen, sofern sie einen Personalausweis besitzen – was für Roma jedoch keine Selbstverständlichkeit ist. Der 24­jährige Radu* etwa lebt im rumänischen Siebenbürgen. Als er geboren wurde, besaß seine Mutter keine Krankenversicherung, weshalb sie nach der Geburt mit dem Säugling aus dem Kreißsaal floh. Radu war also nie im Besitz einer Geburtsurkunde und kann sich deshalb auch keinen Ausweis ausstellen lassen. Der Weg in den Westen wird ihm deshalb verwehrt bleiben.

UND IN DEUTSCHLAND?

Diejenigen, die die Möglichkeit haben, nach Deutschland zu gehen, können zwar meistens ihre wirtschaftliche Lage verbessern, ein Leben frei von Diskriminierung können sie aber auch hier nicht führen. Jeder dritte Einwohner Deutschlands möchte laut einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Jahr 2014 keine Sinti oder Roma als Nachbarn, laut der „Leipziger Mitte Studie“ von 2016 sind es sogar 40 bis 60 Prozent. Den Grund dafür sehen Experten in tief verwurzelten Vorurteilen und in Unwissenheit. Es ist noch nicht lange her, da wurden selbst im Schulunterricht die „Zigeuner“ ausnahmslos als herumfahrendes Volk dargestellt, das bettelnd von Tür zu Tür geht und dem man nicht trauen darf. Zur sozialen Diskriminierung komme die strukturelle Diskriminierung, erläutert Alexander Diepold, der Geschäftsführer der Sozialeinrichtung „Madhouse“ in München. Das Vergabesystem nach Punkten des Münchner Wohnungsamts sei für viele Sinti und Roma unzugänglich. Der Antrag für Sozialwohnungen könne nur online eingereicht werden. Dabei werde vergessen, dass viele Personen über keinen eigenen Internetanschluss verfügen oder Analphabeten sind. Die Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche bestehen jedoch nicht erst, seit sich in München und anderen Großstädten die Wohnungssituation derart zugespitzt hat. Bereits vor zehn Jahren wurde bekannt, dass große Wohnbauträger 25 freigemeldete Wohnungen ausschrieben, diese jedoch ausdrücklich nicht für Sinti und Roma freigaben. So warten Sinti-­Familien in München im Normalfall dreimal länger als Mitglieder der Mehrheitsbevölkerung, bis sie eine Wohnung erhalten. Im schlimmsten Fall bedeutet das, dass Familien in Notunterkünften untergebracht werden, auch wenn die Unterkünfte für Kinder kaum geeignet sind. Die Band Gipsy Mafia versucht auf ihre Art, sich für die Rechte von Sinti und Roma einzusetzen. In ihren Liedtexten bedanken sie sich bei denjenigen Personen und Organisationen, die sich für Sinti und Roma stark machen. Dabei darf es aber nicht bleiben. Gipsy Mafia ruft alle Sinti und Roma auf, selbst aktiv zu werden und für bessere Bedingungen zu kämpfen. Für ein gutes Zusammenleben braucht es aber mehr. Traditionen, die der Integration hinderlich sind, sollten hinterfragt und, wenn nötig, auch gebrochen werden. Es sind aber nicht nur die Sinti und Roma, die sich für ein besseres Zusammenleben engagieren sollen – auch die Mehrheitsgesellschaft trägt Verantwortung, indem sie versucht mehr über die Lebenssituation der Sinti und Roma zu erfahren und Verständnis für ihre Lebensweise zu entwickeln.

*Name von der Redaktion geändert

Fotodokumentation von Hannes Rohrer

Seit 2014 begleitet Hannes Rohrer das Schülerprojekt der Waldorfschule Schwabing im rumänischen Dorf Roşia. Schon seit 2002 versucht der Verein Pro Roşia e. V. Roma­Kindern eine Schulausbildung zu ermöglichen und ihnen dadurch den Weg in ein besseres Leben zu ermöglichen. Vor vier Jahren startete der Verein zudem ein Dorfentwicklungsprojekt, um auch die Wohnsituation zu verbessern. Erste Erfolge sind inzwischen sichtbar.