Reise nach Rumänien

Einige unserer BISS-Verkäufer kommen aus Rumänien. Unser Sozialarbeiter Johannes Denninger hat zwei von ihnen auf ihrer Heimreise in den Sommerurlaub begleitet

Text & Fotos HANS ALBRECHT LUSZNAT

Es ist der 2. August um 17.30 Uhr, dritter Ferientag und Hauptreisezeit in Bayern. Unter den 48 Fahrgästen sind wir die einzigen Deutschen. Rumänien gehört nicht zu den angesagten Reisezielen der Saison, und die 46 Mitreisenden, die am Münchner Busbahnhof den Mercedesbus von Eurolines nach Bukarest besteigen, sind allesamt Heimkehrer, die in Bayern arbeiten und nun für die Sommerferien nach Hause fahren. So auch unsere zwei fest angestellten BISS-Verkäufer Dan Aranghel und Ion Plesa, die den arbeitsfreien Monat nutzen wollen, um dringende persönliche Geschäfte in ihrem Heimatland zu tätigen. Busreisen sind eine günstige Verbindungsform, und wer mit dem Auto durch Europa fährt und nur die Gebühren für Autobahn und Vignetten zusammenzählt, weiß die 65 Euro zu schätzen, die der Bus bis Sibiu, früher Hermannstadt, kostet. 22 Stunden im Sitzen, 51 Zentimeter für Sitz und Knie, das ist nicht unbedingt komfortabel, aber dann doch weniger schlimm als erwartet. Alle drei Stunden gibt es 20 Minuten Pause an einer Raststätte.

Auch als Neuling gewöhnt man sich schnell an den Rhythmus, an die Toiletten der Raststätten und die Dehn-­ und Streckübungen, die erfahrene Mitreisende machen, um den Sitzmarathon zu bewältigen. Für mich ist Rumänien ein Sehnsuchtsland. Die erste Reise dorthin habe ich bereits in den 1980er­Jahren als Fotograf noch zu Zeiten von Nicolae Ceaușescu unternommen, und als die Idee aufkam, zwei BISS-Verkäufer zu begleiten, war ich sofort dabei. Ion Plesa stammt aus der Gegend von Râmnicu Vâlcea, gut 100 Kilometer südlich von Sibiu (Hermannstadt). Er will nach seiner kranken Mutter sehen und das kleine Häuschen renovieren, das sie ihm vermacht hat. Dafür hat er sich während des BISS-Betriebsurlaubs 14 Tage Zeit genommen, um ein straffes Programm zu absolvieren. Plesa ist ein erfolgreicher BISS-Verkäufer, klein, drahtig, immer in Bewegung, freundlich und aufmerksam. Als nach einer Pause in Arad der Kollege Aranghel mit seiner Krücke nicht schnell genug vom Toilettengang zurück ist und der Bus schon wieder weiterfahren will, stoppt er ihn, noch ehe die anderen verschlafenen Mitreisenden das Fehlen bemerken. 22 Stunden nachdem unser Bus München verlassen hat, stranden wir in einem Industriegebiet beim Flughafen Sibiu mitten in Rumänien.

Rumänien liegt in Südeuropa am Schwarzen Meer, eingerahmt von fünf Nachbarstaaten, und wurde nach einer bewegten Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts ein Nationalstaat. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es recht eigenständig zum Warschauer Pakt, von dem es sich 1989 durch eine Revolution und der Hinrichtung von Nicolae Ceaușescu verabschiedete. Seit 2007 gehört Rumänien zur EU, ist fast viermal so groß wie Bayern mit knapp 20 Millionen Einwohnern. Von den deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen sind die meisten seit den 1970er­Jahren nach Deutschland und Österreich ausgewandert. Mit dem Auto eines Bekannten geht es von Sibiu aus 100 Kilometer an der Olt entlang durch die Südkarpaten, durch einen Nationalpark und alte Kurorte. Und dann stehen wir im Abendlicht bei Râmnicu Vâlcea vor dem Haus von Ion Plesa, und all die romantischen Vorstellungen, die während der langen Busreise entstanden sind, fallen schlagartig in sich zusammen: ein einstöckiger, schmuckloser Würfel mit einem Ziegeldach. Tür und Fenster sind durch einen Renovierungsanschlag verhunzt. Innen schlägt uns feuchte Luft entgegen, das Dach ist undicht und muss erneuert werden. Ein schmaler Flur, zwei Zimmer, Strom, aber kein Wasser oder Abwasser. Der kürzlich errichtete Zaun ums Grundstück ist von der Bausubstanz das Beste.

Hier zu leben, schießt mir durch den Kopf, das ist ein großer Rückschritt gegenüber Münchner Verhältnissen, und der Status Hausbesitzer in Rumänien relativiert sich. Lohnt sich das, ist gleich die erste Frage, hier an dieser Stelle, wo auch die umliegende Landschaft nicht gerade nach Verweilen schreit. Vielleicht sind ein Abriss und Neubau billiger. Für Plesa ist die Wiederinstandsetzung eine Herzensangelegenheit, etwas, das er glaubt, seiner Mutter und seiner Vergangenheit schuldig zu sein. Ob er selbst hier einmal wohnen will? Eher nicht. Immerhin ist Renovieren einfacher als neu Bauen schon wegen der Genehmigungen, und beim Wort Genehmigung ist der Rumäne im Allgemeinen erst einmal ratlos.

Was man darf und nicht darf, ist manchmal nicht so eindeutig geregelt und liegt im Ermessensspielraum, welcher sich durch Zuwendungen beeinflussen lässt. Rechtssicherheit, das spürt man, ist ein sehr hohes Gut. Im nahen Baumarkt werden Kontakte zu Handwerkern geknüpft, ein junger Bauunternehmer findet die Zeit, sich das Objekt anzuschauen und es zu begutachten. Handwerker sind schwer zu bekommen, denn die meisten arbeiten im Ausland, wo sie deutlich mehr verdienen als den rumänischen Mindestlohn von 322 Euro. Der Kostenvoranschlag ist schnell gemacht, das notwendige Material kalkuliert und die Termine abgesprochen, und Plesa kann es sich leisten, schließlich lebt er für dieses Projekt, und als erfolgreicher BISS-Verkäufer hat er gespart.

Als wir uns verabschieden, scheint alles auf einem guten Weg, und wir fahren weiter nach Bukarest, um hier Dan Aranghel wieder zu treffen. Dan steht als BISS-Verkäufer an der Münchner Freiheit und im Englischen Garten. Lange Zeit hat er auf der Straße gelebt. Jetzt bewohnt er ein winziges Zimmer in einem Wohnheim. Sein gespartes Geld schickt er zum großen Teil nach Rumänien zur Unterstützung seines Kindes. Er ist am südlichen Rand von Bukarest aufgewachsen in einem dieser typischen rumänischen Landhäuser, die Stirnseite zur Straße ausgerichtet, daneben ein Hof, mit Wein überwachsen, und hinter dem Haus der schlauchartige Garten für die Selbstversorgung mit Obst und Gemüse. Der Bruder hat das Elternhaus übernommen und Dan seinerzeit ausbezahlt. Nach Heirat, Kind und Trennung war das Geld irgendwann verbraucht, und Dan fand sich in Deutschland auf der Straße wieder. Zurückgekehrt ist er jetzt nur, um den Pass zu verlängern. Irgendwann, hofft er, kann er seine Lebenssituation so verbessern, dass er den halbwüchsigen Sohn zu sich nach Deutschland holen kann. Das ist sein Traum. Jetzt ist er erst einmal Gast im Hause des Bruders, und wir als Bekannte sind sofort ein­ geladen und werden zu einem opulenten Mahl überredet.

Gastfreundschaft wird hier auf dem Land großgeschrieben. Wir sitzen im Hof unter den Weinreben, die Temperaturen erreichen im Sommer locker 40 Grad. Alles, was auf den Tisch kommt, ist aus dem eigenen Garten, Salat und Gemüse. Hinter dem Haus gibt es einen Hühnerstall und auch einen Verschlag für zwei Schweine, die dann im Dezember vor Weihnachten geschlachtet werden. Dieser Hang zur Selbstversorgung war zu Ceaușescus Zeiten eine Notwendigkeit und wurde weitgehend beibehalten. Ich habe auch in Städten zwischen Hochhäusern Schweineställe gesehen. Dans Bruder kann in seinem Garten so viel Gemüse züchten, dass es für einen bescheidenen Handel auf dem nächsten Markt reicht. Damit gehört er zu dem Drittel der Rumänen, die von der Landwirtschaft leben.

Nachdem wir Haus und Hof besichtigt und gewürdigt haben, fahren wir zurück ins Zentrum nach Siebenbürgen, um hier alte Bekannte zu besuchen. Eine davon ist Ecaterina Sutşhu, 81 Jahre alt, wohnhaft in Copșa Mică (Kleinkopisch). Wir lesen sie förmlich von der Straße auf, als wir eine alte Frau auf zwei Gehstöcken ins Auto bitten. Jeden Tag legt sie einen halben Kilometer Strecke im Schneckentempo zurück, um im Haus ihrer Tochter eine Suppe zu essen. Ecaterina wohnt in einer acht Quadratmeter großen Wohnküche in einem Anbau eines leer stehenden Hauses, mit Strom, aber ohne Wasser, Gas oder sanitäre Einrichtungen. Aus dem Raum schlägt dem Besucher ein strenger Geruch entgegen. Mit der Gehbehinderung gelingt es ihr nicht mehr, richtig sauber zu machen. Die Wasserversorgung wird mit 5­-Liter­ Plastikflaschen aufrechterhalten, die Tochter oder Enkelin gelegentlich vorbeibringen. Dafür behält die Tochter die bescheidene Rente der Mutter ein. Ohne den vorhandenen, aber gesperrten Gasanschluss ist Heizen im Zimmer unmöglich, und es ist fraglich, ob die alte Frau hier den Winter überleben wird. Adhoc holen wir eine Mitarbeiterin der Caritas aus dem nahe gelegenen Medias, die über die Zustände zwar den Kopf schüttelt, aber die Situation ähnlich unterversorgter alter Menschen zu Genüge kennt. Und dann geht alles doch recht schnell. In Ațel (Hetzeldorf) gibt es ein Altenheim von der evangelischen Kirche in einem alten Bauernhaus. Dort kann Ecaterina ein Zimmer bekommen. Auch das kann Rumänien sein, auf der einen Seite rau und herb, auf der anderen Seite unkompliziert und hilfsbereit. Wenn ich die Sprache könnte, es wäre eine Option.