Leben in Extremen

Das Leben ist eine Achterbahn? Für Menschen mit bipolarer Störung ist das keine hohle Phrase, sondern harte Realität. Sie leiden unter dem unkontrollierbaren Wechsel zwischen den Hochgefühlen in der Manie und tiefer Traurigkeit in der Depression. Es hilft, wenn die schwere Krankheit früh erkannt wird. Doch das ist oft nicht möglich


Von  ELISA HOLZ

Foto  MAGDALENA JOOSS

Im Leben von Armin K. ist jeder Tag gleich. Spät aufstehen, frühstücken, die Zeitung lesen, eine Stunde spazieren gehen. Den Rest der Zeit schaut er fern oder surft im Internet. Gegen zwei Uhr morgens geht er zu Bett. Sein Schlaf ist ihm heilig. Aufregung, Stress oder große Gefühle versucht er, so gut es geht, zu vermeiden. „Eine unglückliche Liebe zum Beispiel wäre für mich sehr gefährlich“, sagt er. Armin K. lebt das Leben eines greisen Mannes. Dabei ist er gerade einmal 50 Jahre alt. Ein großer, kräftiger Mann mit einem jungenhaften Lachen, der viel von der Welt gesehen hat und ganz offen über sich, sein Leben und seine Krankheit spricht. „Einen gesunden Menschen würde mein Leben wahrscheinlich depressiv machen“, meint er. Ihm hingegen hilft das reizarme Leben, seine Mitte zu halten, denn Armin K. leidet, seitdem er 13 Jahre alt ist, an der sogenannten bipolaren Störung. Die bipolare Störung oder manisch­depressive Erkrankung – wie sie früher noch hieß – ist keine Seltenheit. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu drei Prozent der Bevölkerung von dieser schweren Krankheit betroffen sind, Frauen und Männer gleichermaßen. Damit leiden deutschlandweit mehr Menschen an der bipolaren Störung als an Diabetes mellitus. Die Krankheit verursacht sehr viel Leid. Im Spannungsfeld von himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt entstehen Einsamkeit, Drogensucht und Alkoholismus. Familien zerbrechen, Karrieren scheitern. Bipolare Patienten versuchen sich im Vergleich zu anderen Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen häufiger das Leben zu nehmen. Die besonders hohe Suizidrate ist Ausdruck der zerstörerischen Kraft der Krankheit, deren Wesensmerkmal der Wechsel zwischen den extremen Gefühlslagen der Manie und der Depression ist.

Die Manie kennzeichnet ein rauschhaftes Hochgefühl. Manische Menschen platzen vor kreativem Tatendrang. Sie schlafen nicht mehr, verlieren ihre Hemmungen und überschreiten gern Grenzen – ihre eigenen und die ihrer Mitmenschen. Wenn das Hoch abklingt, liegt das Leben der Betroffenen allzu oft in Trümmern: Job weg, Freunde weg, Geld weg und häufig hohe Schulden. Die Depression ist in vielfacher Hinsicht das Gegenteil der Manie, aber keinesfalls weniger zerstörerisch. Das Gefühlsleben der Betroffenen erlischt. Sie sind antriebslos, niedergeschlagen, zutiefst traurig und finden oft nicht einmal mehr die Kraft, das Bett zu verlassen, geschweige denn in die Arbeit zu gehen. Alles erscheint sinnlos und das Leben ohne Wert. Mediziner sprechen im Zusammenhang mit der bipolaren Störung von manischen und depressiven Episoden. Das klingt irgendwie harmlos nach Fernsehserie. Dabei sind diese Episoden traumatische Erfahrungen, die zwar vorübergehen, aber auch immer wiederkehren können und deshalb wie ein Damoklesschwert über dem Leben der Betroffenen hängen. Häufigkeit, Dauer und Begleiterscheinungen der Manie und auch der Depression sind von Mensch zu Mensch verschieden. Eine Manie und die Depression können sogar gleichzeitig auftreten. In diesen Fällen spricht man von gemischten Episoden, die besonders schwer zu behandeln sind. Es gibt heftige Manien mit paranoiden Wahnvorstellungen und es gibt leichtere Formen (Hypo manien), die in der Regel relativ glimpflich verlaufen. Weil die bipolare Störung eine so schwer fassbare Krankheit ist, der Krankheitsverlauf so individuell ist und die Grenzen immer fließend sind, ist die Diagnose sehr schwer zu stellen. Oft gehen mehr als zehn Jahre ins Land, bis die Krankheit zweifelsfrei erkannt wird. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) schätzt, dass überhaupt nur 15 Prozent der Erkrankten behandelt werden. Auch die Behandlung selbst ist kompliziert, der Behandlungsplan muss individuell erstellt und angepasst werden. Armin K. kann sich an seine letzte manische Phase kaum noch erinnern, weil sie schon relativ lange her ist. Schon als er 13 war, wurde ihm wegen Angstzuständen Lithium verschrieben – ein Wirkstoff, der bei einer bipolaren Störung häufig prophylaktisch zur Verhinderung oder zur Abmilderung von Depressionen und Manien eingesetzt wird. Aber je älter Armin K. wurde, desto weniger wirksam war das Medikament. Insbesondere die Depressionen wurden immer verheerender. Mit 30 brach Armin K., damals erfolgreicher Unternehmensberater, zusammen. Von seiner Erkrankung hatte er niemandem erzählt. Nicht einmal seine Mutter wusste, was in ihrem Sohn vor sich ging. „Ich dachte, ich könnte ein normales Leben führen, und habe gegen die Krankheit gelebt.“ Dass das ein Fehler ist, hat er erst gemerkt, als es schon fast zu spät war. Als ihm am Bahnhof zum ersten Mal der Gedanke an Suizid kam, packte ihn die Angst. Wäre es möglich, dass er sich gegen seinen eigentlichen Willen das Leben nimmt? „Ich konnte mir nicht mehr vertrauen“, sagt K. Noch heute blickt er zu Boden, wenn die S-Bahn aus dem Tunnel kommt.

Es dauert oft Jahre, bis Menschen, die an bipolarer Störung leiden, realisieren, was eigentlich los ist und wie gravierend die psychische Erkrankung ist, an der sie leiden. Der Arzt kann nur durch lange Gespräche zu einer Diagnose kommen. „Wir Psychiater können eben nicht einfach ein Röntgenbild machen“, sagt Thomas G. Schulze. Schulze ist Professor für Psychiatrische Phänomik und Genomik und Direktor des gleichnamigen Instituts an der Ludwig­Maximilians­Universität, Präsident der Weltgesellschaft für Psychiatrische Genetik und ein sehr beschäftigter Mann. Genauso wie er in seinem Büro zwischen der Besprechungsecke, dem Telefon und dem Computer auf seinem Schreibtisch hin­ und hereilt, bereist er die Welt. Gestern eine Konferenz in Japan, morgen eine Tagung in den USA, übermorgen ein Kongress in Ungarn. Sein rastloses Berufsleben hat er der Erforschung der bipolaren Störung gewidmet, die – wie man mittlerweile weiß – zu einem großen Teil biologische Ursachen hat. Schulze hofft, den Schlüssel zum Verständnis der Krankheit in den Genen zu finden. Aber in welchen? Als der Professor vor 20 Jahren anfing, in diesem Bereich zu forschen, ging die Wissenschaft noch von zehn bis 20 Genen aus, die ursächlich an der Entstehung der bipolaren Störung beteiligt sind. Heute ist klar, dass die bipolare Erkrankung im Zusammenspiel Hunderter, wenn nicht sogar Tausender Gene begründet ist. „Das ist wie in der Wüste. Man geht über ein paar Dünen, nur um ein paar weitere Dünen vorzufinden“, so beschreibt Schulze seine Arbeit. Das ist mühsam, aber keineswegs sinnlos. Es ist Schulzes große Hoffnung, dass man die bipolare Störung irgendwann besser prognostizieren, diagnostizieren und schlussendlich auch schneller und am besten gleich vorbeugend behandeln kann. Sei es mit Medikamenten, speziellen Therapien oder der Erziehung hin zu einem gesunden Lebenswandel.

Obwohl die bipolare Störung schon seit der Antike bekannt ist, weiß man auch heute noch relativ wenig über die Krankheit. „Deshalb müssen wir das Kind endlich beim Namen nennen“, sagt Schulze. Nur so könne man ein Bewusstsein für die Krankheit und ihre Auswirkungen schaffen. Auch aus diesem Grund hat er 2014 an seinem Institut in der Nußbaumstraße die Bipolar­Ambulanz gegründet – als Hilfsangebot für alle in Not, als begleitende medizinische Instanz für bereits diagnostizierte bipolare Patienten und als Anlaufstelle auch für Angehörige und niedergelassene Ärzte und Psychiater. „Ohne eine enge Vernetzung aller Beteiligten geht es nicht“, sagt Schulze. Insbesondere die Angehörigen und ihre Beobachtungen spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung. Er weiß aus langjähriger Erfahrung nur zu gut, welche Dramen sich in den Familien und im Freundeskreis von bipolar erkrankten Menschen abspielen können – besonders während der manischen Phasen. Ein Zustand, in dem viele Betroffene keine Krankheitseinsicht zeigen. Sie lehnen Hilfe ab und verweigern Medikamente. Schließlich fühlen sie sich großartig. In diesen Phasen müssen Außenstehende oft den schmalen Grat zwischen Hilfeleistung und Übergriff gehen. Gegen den Willen des Patienten können Ärzte nur helfen, wenn der Betroffene sich selbst oder andere gefährdet. Doch wer kann das im akuten Notfall zweifelsfrei beurteilen? Was ist noch freier Wille, wenn jemand den Zwängen einer psychotischen Manie ausgeliefert ist und von Stimmen in seinem Kopf traktiert wird? „Es ist unwahrscheinlich schwierig“, sagt Schulze.
Von den Fallstricken, die für Angehörige auf diesem schmalen Grat lauern, kann Sebastian G.* aus eigener leidvoller Erfahrung berichten. Seine Freundin war auf dem Höhepunkt einer Manie, als Sebastian G. fluchtartig die gemeinsame Wohnung verließ. Sie trafen sich nur noch einmal zur Übergabe des Wohnungsschlüssels. G. hatte einen Zeugen dabei, allein wollte er ihr nicht gegenübertreten, denn die Frau, in die er sich einst Hals über Kopf verliebt hatte, machte ihm Angst. Sebastian G., ein bodenständiger und lustiger Mann von 42 Jahren, hatte schon drei Beziehungen mit Frauen, die unter der bipolaren Störung litten. Deshalb glaubt er auch, dass viel mehr Menschen an der Krankheit leiden, als gemeinhin angenommen wird. Bei der ersten Frau konnte er sich ihre seltsamen Anwandlungen nicht erklären. Die zweite Frau redete viel über ihre Krankheit und die Auswirkungen. Auch zog sie sich während akuter Episoden zurück, um ihn zu schützen. „Diese Erfahrung hat mir geholfen, an meiner letzten Beziehung nicht zu zerbrechen“, sagt Sebastian G. Zur ersten krankheitsbedingten Krise kam es nach drei Monaten. Seine Freundin begann wie ein Wasserfall zu reden. Ihre Aufmerksamkeit war überall und nirgends. Als er eines Abends nach Hause kam, war die Küche komplett ausgeräumt. Angeblich eine Plastikphobie. Die Beziehungsgeschichte von Sebastian G. enthält viele Erlebnisse, von denen jedes für sich genommen eine Beziehung auf eine harte Probe stellen würde: Panikattacken, Übergriffe, Vorwürfe, missglückte Therapiesitzungen und seltsame Begegnungen mit Freunden, die meist nur peinlich berührt zur Seite blickten. Einmal sagte seine Freundin zu ihm: „Ich könnte dich töten.“

Was oder wer sprach da aus ihr? Sebastian G. hatte zunehmend Probleme, die Frau, die er liebte, und die Person in den akuten Phasen ihrer Krankheit zusammenzubringen. Der Umgang seiner Freundin mit ihrer Krankheit machte die Sache nicht leichter. „Sie hat mich immer im Unklaren gelassen. Die Krankheit war ihr peinlich“, sagt G. Also wurde er selbst aktiv. Er las alles, was er zu dem Thema finden konnte, begleitete seine Freundin zu Therapiesitzungen und drängte sie zu mehr Offenheit. Doch sie verdrehte die Augen, wenn er die Probleme zur Sprache brachte. Immerhin brachte er seine Freundin dazu, ihren ahnungslosen Eltern von der Krankheit zu berichten, unter der sie schon seit 20 Jahren litt. Ein Schritt in die richtige Richtung, fand er. Aber es ging nicht wirklich vorwärts. Kurz vor der endgültigen Trennung eröffnete sie ihm auf dem Höhepunkt einer manischen Phase, sie sei nie krank gewesen.

Sebastian G. musste sich schließlich eingestehen, dass er total überfordert war und im Begriff, sich selbst zu verlieren. Sein Leben war ihre Krankheit geworden. Wie es ihr heute geht? G. weiß es nicht. Er brauchte Abstand, um sich selbst wieder zu sammeln. Armin K. ist jetzt seit einigen Jahren stabil. Er hat seinen Weg zur Mitte gefunden. Dabei helfen ihm vier Tabletten am Tag, das ruhige Leben und die Selbsthilfegruppe, die er gegründet hat. Sie nennen sich „Polarbären“. Der Zulauf ist groß. Nach den wöchentlichen Sitzungen geht die Gruppe immer noch ins Wirtshaus. Es wird viel gelacht, auch wenn viele wirklich ernste Probleme haben. „Man kann ein zufriedenes Leben führen“, sagt K. heute. Aber wer ist man eigentlich als Mensch? Welche Identität entsteht im Leben zwischen zwei Extremen? Die Antwort von Armin K. lautet: „Ich bin die Krankheit.“

INFOS
Information und Beratung Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e. V., www.dgbs.de Beratungstelefon: 0700/333 444 55
Selbsthilfe In München gibt es einige Selbsthilfegruppen. Aber der Bedarf ist weit größer als das Angebot. Armin K. möchte eine zweite Gruppe auf­ bauen. Kontakt über www.diepolarbaeren­shg.de
Therapie & Studien Die Bipolar­Ambulanz des Klinikums der Universität München, Nußbaumstraße 7, 80336 München Anmeldung: Mo.–Fr. 9.00–12.00 Uhr Tel. 089/4400–53307
Literatur-Tipp: Thomas Melle: Die Welt im Rücken. Rowohlt, 2016.