Ja, ich will

Auf den Münchner Standesämtern hieß es im vergangenen Jahr 4922-mal „Ja, ich will“. Bei mehr als 1500 Paaren hatte einer oder hatten beide Partner ausländische Wurzeln. Wir haben uns umgehört, wie in München geheiratet wird und wohin es Münchner zieht, wenn sie es etwas ungewöhnlicher möchten

Text CHRISTOPH GURK

Ja, i wui! HUBERT „ERDÄPFE
KRAUT“ MITTERMEIER 50, Hochzeitslader, www.erdaepfekraut.de
Vor 120 Jahren war es in Bayern auf dem Land noch nicht so wichtig, dass alle Lesen und Schreiben können. Darum gab es den Hochzeitslader, er ist mit einem mit Bändern geschmückten Stab von Hof zu Hof gegangen und hat einen „Ladspruch“ aufgesagt: „Als Hochzeitslader wohlbekannt, bin ich vom Brautpaar ausgesandt …“ und so weiter. In dem Spruch kamen die Namen des zukünftigen Ehepaars vor, die Namen der eingeladenen Gäste und wann und wo geheiratet wird. Am Ende hat der Brautlader dann mit Kreide einen Brautstrauß an die Tür gemalt und noch mal die wichtigen Daten daruntergeschrieben, dann gab es einen Schnaps, und weiter ging’s zum nächsten Hof. Ich habe vor mehr als 30 Jahren angefangen, als Hochzeitslader und Gstanzlsänger zu arbeiten, erst nebenher, bald ist dann aber ein richtiger Beruf daraus geworden. Damals war das Einladen schon Nebensache, es ging eher um das Organisatorische und die Gstanzln. Denn das sind die anderen Aufgaben des Hochzeitsladers: Während des Festes regelt er den Ablauf, er sorgt dafür, dass die Gäste rechtzeitig zur Kirche kommen, er schaut, dass das Brautpaar fotografiert wird, er regelt, wann es die Torte gibt und wann das „Schenken“ stattfindet. Dabei wird immer ein Gast oder eine Gruppe von Gästen von den Musikanten nach vorne gespielt, dann übergeben sie den Eheleuten ein Geschenk, und der Hochzeitslader singt Gstanzl, Vierzeiler also, die auf die Gäste zugeschnitten sind. Früher gab es von ihnen immer ein Trinkgeld für den Hochzeitslader, je nachdem wie hoch das ausfiel, hat er die Gäste beim Schenken gelobt oder sich über sie lustig gemacht.

Heute geht es beim Gstanzlsingen vor allem um den Spaß. Jedes Gstanzl braucht eine interessante Idee, man muss den Leuten charmant einen Spiegel vorhalten, die Reime müssen spontan gedichtet werden, das ist die Kunst dabei. Heute mache ich den Hochzeitslader nur noch, wenn Freunde heiraten oder Verwandte mich darum bitten. Den Ablauf organisieren, alles kontrollieren: Das ist mir zu viel Stress. Dafür aber engagieren mich viele Paare als Gstanzlsänger, das zieht sich durch alle Schichten, in der Stadt, auf dem Land – es sind also längst nicht nur die klassischen Bauernhochzeiten, die gern ein bisschen bayerisches Brauchtum auf ihrer Hochzeit haben wollen.

Gardasee

Si, voglio!
DORIS LINKE plant Hochzeiten in Italien, www.hochzeitsservice-linke.de

Angefangen hat alles im Urlaub, und das gleich doppelt. Denn einmal war da die Idee, Hochzeitsplanerin zu werden. Auf die bin ich vor knapp 20 Jahren gekommen. Wir waren im Urlaub in den USA, und in einem Hotel in Florida habe ich eine Hochzeit mit einer Wedding-Planerin beobachtet. So etwas kannte ich aus Deutschland nicht, und weil ich gern organisiere, habe ich nach vielen Recherchen angefangen, so etwas auch in München anzubieten. Die Nachfrage war riesig, und bis 2005 habe ich dann Hochzeiten in ganz Deutschland und Österreich organisiert. Und dann, in einem Urlaub am Gardasee, habe ich wieder eine Hochzeit beobachtet – und gemerkt, dass es viele Leute gibt, die in Italien heiraten wollen. Also habe ich auch so einen Service mit ins Programm genommen. Leicht war das am Anfang nicht, man muss sich durch die italienische Bürokratie kämpfen, die Sprache lernen, und vieles läuft in Italien anders als bei uns. Da helfen Gelassenheit und Erfahrung. Heute organisieren wir nur noch Hochzeiten in Italien, insgesamt etwa 30 pro Jahr. Allein schaffe ich das nicht mehr, ich habe jetzt eine italienische Kollegin, die natürlich die italienische Sprache beherrscht und damit eine ideale Geschäftspartnerin ist. Wir bieten Hochzeiten in Venedig an, in Verona, Siena, Rom und natürlich am Gardasee, wo die meisten Deutschen heiraten wollen. Viele kennen die Region schon aus dem Urlaub, sie mögen das Flair und das Ambiente auch für ihre Hochzeit. Im Standesamt wird Italienisch gesprochen, da dolmetschen wir selbst oder sorgen für eine Vertretung. Nach der Hochzeit gibt es italienisches Essen, und wenn das Brautpaar es wünscht, bekommen die Gäste am Schluss noch die traditionellen italienischen Hochzeitsmandeln als Gastgeschenk. Beliebt sind auch Bootsfahrten über den Gardasee mit Stopp auf einer kleinen Insel, auf der das Brautpaar dann Kaffee trinken und die Hochzeitstorte anschneiden kann. Nur wenn das Brautpaar gern in der katholischen Kirche heiraten will, wird es etwas schwieriger. Die Pfarrer haben so viel zu tun, dass sie nur Angehörige ihrer Gemeinde trauen wollen. Aber bis jetzt haben wir auch das immer noch geschafft – schließlich ist genau das ja unser Job. Ich selbst habe vor vielen Jahren übrigens in Kiel geheiratet. Stünde ich noch einmal vor dem Ereignis, dann würde ich dies in Torri del Benaco oder Malcesine tun.

Evet, istiyorum!
PINAR SAHIN 36, türkischdeutsche Hochzeitsbloggerin, www.evetichwill.de
Wir leben heute in einer multikulturellen Gesellschaft – und das heißt auch, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich mit ihrer eigenen Tradition befassen müssen. Ich selbst zum Beispiel bin in Deutschland geboren, meine Eltern aber sind Türken. Schon meine Mutter hat bei Hochzeiten von Verwandten immer die Dekoration gemacht. Ich kannte mich also schon ein bisschen mit türkischen Hochzeiten aus. Dazu habe ich aber auch noch Veranstaltungskauffrau gelernt, und irgendwann haben Bekannte mich gefragt, ob ich ihnen nicht bei ihrer Hochzeit helfen könnte. Natürlich habe ich Ja gesagt – und natürlich kam dann bald die nächste Hochzeit. Und noch eine. Und noch eine. Ein paar Jahre lang habe ich so neben meinem Vollzeitjob bei türkischen Hochzeiten geholfen, 2008 beschloss ich dann, mich als Hochzeitsplanerin selbstständig zu machen. Weil ich aber gern den Dingen auf den Grund gehe, habe ich mich in die türkischen Hochzeitsbräuche eingelesen. Dabei habe ich gemerkt, dass es viele Missverständnisse gibt. Da ist zum Beispiel der „Gayret Kemeri“, der rote Brautgürtel, den jede türkische Braut trägt. Viele glauben, dass er ein Zeichen der Jungfräulichkeit ist. Moderne türkische Frauen finden das veraltet und wollen ihn nicht anlegen. Dabei ist Jungfräulichkeit nur ein kleiner Teil dessen, wofür der Brautgürtel steht: Der Gayret Kemeri ist vor allem auch ein Zeichen, dass die Braut eine gute Frau ist, dass sie wohlerzogen ist und fleißig. Der Vater bindet der Braut den roten Gürtel darum auch dreimal um, als Symbol dafür, wie schwer es ihm fällt, seine Tochter gehen zu lassen. Eigentlich geht es also um die Wertschätzung der Frau, nicht um die Jungfräulichkeit. Wenn ich ihnen das erkläre, tragen die Bräute den Gayret Kemeri meistens mit Stolz. Solches Wissen war noch einmal wertvoller, als ich angefangen habe, auch türkisch-deutsche Hochzeiten zu organisieren. Oft habe ich den Brautpaaren Infomaterial zusammengestellt über die verschiedenen Bräuche. Irgendwann schlug jemand vor, dass ich doch all die Texte ins Internet stellen sollte. Daraus ist „Evet – Ich will“ entstanden, ein multikulturelles Online-Hochzeitsmagazin, das ich heute hauptberuflich betreibe. Es gibt dort zum Beispiel ein Abc der türkischen genauso wie der deutschen Hochzeitsbräuche, Infos zur Planung und so weiter. Am Ende glaube ich nicht, dass eine multikulturelle Hochzeit schwieriger zu planen ist als eine deutsch-deutsche. Denn wenn ein Preuße und eine Bayerin heiraten, birgt das auch Konfliktpotenzial! Bei einer Hochzeit schließen zwei Menschen einen Bund, jeder hat seine Sichtweise, seine Familie, seine Traditionen. Das Wichtigste ist, dass man Lust hat, sich mit ihnen auseinanderzusetzen – dann kommt der Rest von ganz allein.

Ναι, θέλω! SAKIS ARAMPATZIS Fotograf, www.hawk-photo.com

Auf einer griechischen Hochzeit brauchen Sie auf jeden Fall gute Schuhe. Aber selbst die sind am Ende des Abends wahrscheinlich durchgetanzt! Seit etwa zwei Jahren arbeite ich nebenbei als Fotograf, eigentlich bin ich Manager in einem Unternehmen, aber das Fotografieren hilft mir beim Abschalten. Ich bin in München geboren, meine Eltern aber sind Griechen, und die Community hier ist recht eng, also habe ich angefangen, griechische Taufen und Hochzeiten zu fotografieren. Wenn man seinen Job gut macht, dann spricht sich das rum, und auf eine Hochzeit folgt dann die nächste. Durch den Hollywood-Film „My Big Fat Greek Wedding“ gibt es heute ziemlich viele Klischees über griechische Hochzeiten: die Aufregung, der Trubel, das Chaos. Das ist natürlich alles Übertreibung, einen wahren Kern gibt es aber trotzdem. Traditionell beginnt so ein Fest schon ein paar Tage vorher. Die Braut und der Bräutigam feiern erst mal getrennt mit ihrer Familie. Am Tag der Hochzeit werden sie dann von einer Kapelle bei sich zu Hause abgeholt und zur Kirche begleitet. In München ist das natürlich etwas schwierig, darum spielt die Band meistens im oder vor dem Haus der Braut und des Bräutigams ein paar Lieder, und dann steigen alle in ihre Autos und fahren zur Kirche. Dort warten schon die Hochzeitsgesellschaft und der Priester. Gemeinsam begrüßt man die Ikonen und geht zum Altar, dort werden dann die Ringe getauscht und die Stefana: Brautkränze, die mit einem Band verbunden sind und von den Trauzeugen mehrmals über den Köpfen des Brautpaares gekreuzt werden. Gemeinsam mit dem Priester gehen Braut und Bräutigam dann um den Altar, oft beglückwünscht man das Ehepaar noch in der Kirche, und draußen wird auch bei griechischen Hochzeiten Reis geworfen. Meistens geht es dann zur Party-Location, je nach Uhrzeit gibt es dort dann Kaffee, Kuchen und Sekt, und dann fangen die Gäste schon an zu tanzen. So geht das weiter, unterbrochen nur von Essen und vielleicht einem Video und der Hochzeitstorte. 90 Prozent der Musik sind dabei griechische Lieder, oft auch traditionelle Volkstänze. Und ja, manchmal ist da auch Sirtaki dabei, wobei das eigentlich eher ein Modetanz ist. Oft spielt der DJ den, um auch die deutschen Gäste auf die Tanzfläche zu holen. Sobald sie dann einmal dort stehen, kommen sie auch nicht mehr runter, getanzt wird bis zum Morgengrauen. Wie gesagt: Besser, Sie bringen gute Schuhe mit zu einer griechischen Hochzeit!

Da, Hoću! BOZIDAR MIKSA 45, DJ, www.dj-miksa.de
Bei kroatischen Hochzeiten gilt: Wenn die Musik mies ist, ist das Fest im Eimer. Als DJ braucht man da echtes Insiderwissen. Ich bin in der Nähe von Stuttgart geboren, meine Eltern sind beide aus Kroatien.Schon als Kind habe ich angefangen, Musik zu sammeln: Vor dem Fernseher habe ich die Hitparade mit Dieter Thomas Heck mitgeschnitten. Später habe ich dann Platten gesammelt, irgendwann kamen CDs dazu. Während des Studiums war das alles ein Hobby. Ich habe einen Abschluss in BWL, nach der Uni habe ich als Manager in der Softwarebranche gearbeitet, es war die Zeit der New Economy. Ich bin durch die halbe Welt gejettet, Headhunter haben bei mir angerufen, und ich habe gut verdient. Doch als dann die zweite Firma pleiteging, habe ich beschlossen, dass ich etwas Eigenes aufmachen will, nichts mit IT und Management, sondern etwas, das mir wirklich am Herzen liegt: die Musik. Meine Freundin hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, aber ich habe einen Business-Plan erstellt, Werbung geschaltet, und bald hatte ich meinen ersten Job bei einer Hochzeit. So ging das dann fünf bis sechs Jahre. Nebenher habe ich meine eigene Partyreihe organisiert, „edel aufgelegt“. Ich trete auch auf Firmenfeiern auf und bei anderen niveauvollen Events. Mittlerweile habe ich mir einen sehr guten Ruf erarbeitet. Irgendwann habe ich mich aber an meine kroatischen Wurzeln erinnert und angefangen, auch auf kroatischen Hochzeiten aufzulegen – und das ist, wie gesagt, eine echte Herausforderung: einmal, weil die Gäste manchmal schon nach Kaffee und Kuchen Stimmung wollen. Dann aber auch, weil Kroatien verschiedene Regionen mit ganz unterschiedlicher Musik und vielen Einflüssen aus dem ehemaligen Jugoslawien hat. Manche Wunden aus dem Krieg sind noch nicht verheilt, da muss man aufpassen, dass man nicht die falsche Musik aus der falschen Region oder mit dem falschen Text spielt. Kroatische Musik ist außerdem hochemotional. Ich als DJ bin wie ein Dirigent, ich kann die Gäste über Stunden in Richtung Höhepunkt spielen und die Stimmung nach oben oder nach unten korrigieren. Auch wenn der Sliwowitz in Strömen fließt, kann ich nichts trinken, sonst geht die Konzentration verloren. Gegen Mitternacht wird fast immer ein Spanferkel serviert, danach drehe ich noch mal auf, und dann, am Schluss, kommen die Rausschmeißer: langsame, sentimentale Balladen, die meist von Heimatliebe handeln. Bei deutschen Hochzeiten würden alle Gäste spätestens nach einem solchen Lied gehen, bei Kroaten ist das anders, die liegen sich alle in den Armen, singen laut mit und tanzen bis zum Morgengrauen.