Helfer in Not

Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre die Flüchtlingswelle nicht zu bewältigen gewesen. Die Stimmung in Deutschland hat sich geändert – und so werden fragwürdige politische Entscheidungen getroffen, die Helfer und Geflüchtete verzweifeln lassen

Text BERNHARD HIERGEIST

Foto FRITZ BECK

In Deutschland ankommen ist schwierig, darum hat sich Hamid* immer an seine „deutschen Eltern“ gehalten. Aber eines Tages sagte der 22 Jahre alte Afghane zu Tatjana Escher*: „Mama, jetzt habe ich alles gemacht, was du gesagt hast – und es geht wieder nicht weiter.“ Monatelang hatte er Bewerbungen geschrieben, Praktika gemacht, Deutsch gelernt. Hat kein Geld verdient wie andere Afghanen, sondern versucht eine Ausbildung zu machen. Und jetzt soll er zurück nach Afghanistan – wie soll das werden, ganz ohne Geld? Tatjana Escher erzählt, wie sie damals zu Hamid sagte: „Du hast recht.“ Ihr Mann und sie hätten immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, sagt sie. „Was haben wir für einen Aufwand betrieben.“ Im Herbst 2015 kam Hamid in München an. Knapp ein Jahr später nahmen das Ehepaar und seine Kinder Hamid bei sich zu Hause auf in ihrem Häuschen mit Garten in einem Münchner Vorort. Haben mit ihm gegessen, haben ferngesehen, haben natürlich auch gestritten. Bald fragte er, ob er sie Mama und Papa nennen darf. Tatjana Escher hat Hamid immer gesagt: Das wird schon, warte nur. Aber so einfach ist es nicht. „Immer werden uns neue Knüppel zwischen die Beine geschmissen.“ Und wenn es nach dem Brief geht, der Mitte März in einem großen Umschlag ankam, soll der afghanische Sohn nun aus diesem Umfeld rausgerissen werden. „Ich habe keine Ahnung, wie die Kinder das verkraften werden“, sagt Escher, „im Moment verdrängen wir das einfach.“

Diese Erfahrung machen viele Menschen in Deutschland: Was gut gemeint ist, muss nicht zwangsläufig zu einem guten Ende führen. Viele nehmen große Anstrengungen auf sich, damit sich geflüchtete Menschen in Deutschland ein Leben aufbauen können. Und vielen wird allmählich klar: In Zeiten, in denen vor allem Bayern auf Härte in der Asylpolitik setzt, könnte diese Anstrengung vergebens sein. Zurzeit werden Afghanen symbolträchtig abgeschoben. Eine Rückkehr nach Afghanistan sei zumutbar, findet der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Amnesty International dagegen warnt: Die Sicherheit von abgeschobenen Afghanen sei nicht zu gewährleisten. Hamid will nicht zurück. 2015 ist er allein aufgebrochen. Eine seiner Schwestern war noch zu klein für eine Flucht über Tausende Kilometer, deshalb blieb seine Familie in Kabul zurück. Sie haben bislang überlebt, weil sie Gefahren aus dem Weg gehen. Aber manchmal klappt auch das nicht: Der Vater wurde von den Taliban angeschossen, eine Schwester hat ein Auge verloren. Menschen können bedroht sein, auch wenn ein Land offiziell als sicher eingestuft wird. Die restriktive Politik trifft aber nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Ehrenamtliche. Sie haben sich in ihrer Freizeit engagiert, Geld ausgegeben. Nun kommen sie sich vor, als würde die Politik ihr Engagement mit Füßen treten.

Jana Weidhaase und Nadine Kriebel vom Bayerischen Flüchtlingsrat begleiten mit dem Projekt Vor Ort ehrenamtliche Helfer. Sie bekommen immer wieder Rückmeldungen, dass diesen Steine in den Weg gelegt werden. Viele hätten das Gefühl, ihre Arbeit sei politisch gar nicht erwünscht. „Es ist das Verrückteste, wenn es dann ausgerechnet die trifft, die sich hier schon ein Leben aufgebaut haben“, sagt Matthias Weinzierl vom Flüchtlingsprojekt Bellevue di Monaco. Dass alles in Bewegung gesetzt werde, um den Integrationsprozess zu stoppen, habe keinen Sinn, sagt er. Für ihn steht dahinter einfach der Wunsch mancher Politiker, sich „als Hardliner zu inszenieren“. Die 56-jährige Uli Baab ist eine kleine, resolute Frau, eine, die anpackt und immer Augen und Ohren offenhält, um Flüchtlingen in Germering zu helfen. Mit ein, zwei Anrufen, sagt sie, habe sie meistens eine improvisierte Lösung parat. Dass auch Menschen abgeschoben werden, die arbeiten und Steuern zahlen, hält Baab für Irrsinn. „Von uns kann keiner mehr nachvollziehen, was da passiert.“ Sie erzählt davon, dass manche im Helferkreis sich zurückgezogen hätten. Ob aus Ärger über fehlende Dankbarkeit oder Selbstschutz – das ist schwer zu sagen. Baab erinnert sich noch, wie das 2015 war, als am Münchner Hauptbahnhof täglich Tausende Geflüchtete ankamen – und Hunderte bereitstanden und halfen. Die staatlichen Strukturen und die großen Hilfsorganisationen hätten die Situation allein nicht meistern können. Die Lage erforderte schnelle, unkomplizierte Hilfe. „Ohne die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer hätte dies schlichtweg nicht funktioniert“, stellt Edith Petry vom Sozialreferat dazu fest. Dankbarkeit und Begeisterung waren groß. Allmählich änderte sich das.

Im August 2015 sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Die AfD saß da in drei Landesparlamenten. Im April 2017 sind es zehn. Viele Flüchtlingshelfer sprechen davon, dass sich CDU und CSU bei der Asylpolitik von der AfD treiben lassen, vor allem jetzt, wenige Monate vor der Bundestagswahl. Ein Helfer nennt es einen „Kniefall vor den Rechtspopulisten“, ausbaden müssten es zurzeit die Afghanen, vielleicht bald Gambier, Marokkaner oder Senegalesen. Maßgeblich bei der Entscheidung, ob jemand in Deutschland bleiben darf oder nicht, ist die Anhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BamF). Nicht nur bei der Arbeits- oder Wohnungssuche haben es Asylbewerber schwer, über Missstände klagen auch Helfer, die Asylbewerber zu den Anhörungen begleiten. Der Bayerische Flüchtlingsrat sammelt diese Klagen, um Schwachstellen zu dokumentieren. Zum Beispiel sei manchmal kein passender oder qualifizierter Dolmetscher anwesend, würden Aussagen falsch ins Protokoll aufgenommen oder Asylbewerber unter Druck gesetzt. Anfang Februar haben sich sogar Mitarbeiter an die BamF-Chefin Jutta Cordt gewandt. In einem Schreiben heißt es: „Es dreht sich nur noch um Zahlen. Der Mitarbeiter als Mensch spielt keine Rolle mehr, der Asylbewerber sowieso nicht.“ Arbeitet das BamF wirklich so? Und wie kann es dann sicherstellen, dass abgeschobene Bewerber keinen Gefahren ausgesetzt sind, wenn sie zurückkehren? Auf Anfrage teilt ein Sprecher der Behörde mit, jedem stehe eine Einzelfallprüfung zu, bei der kein Zeitdruck bestehe. Es gebe zwar „interne Orientierungswerte“, also dass etwa pro Tag drei Anhörungen durchgeführt oder dreieinhalb Entscheidungen getroffen würden, diese Zahlen seien aber nur als Erfahrungswerte zu verstehen und nicht als Vorgaben. Gäbe es Verständigungsprobleme mit Dolmetschern, könnten Flüchtlinge die Anhörung unterbrechen. Ob sie es auch tun, ist eine andere Frage.

Auf jeden Fall löst die harte politische Linie in der Asylpolitik unter den Geflüchteten Angst aus. Die Motivation für Deutschkurse und andere Bildungsangebote leidet stark. „Wir bemühen uns um Normalität, aber im Moment ist eben nichts normal“, sagt Michael Stenger, der Gründer der SchlaU-Schule in München, an der junge Geflüchtete unterrichtet werden. Ein normaler Schulalltag sei nicht möglich, wenn Plätze im Klassenzimmer von heute auf morgen frei werden könnten, sagt Stenger. Und manchmal verlieren Betriebe in abgelehnten Asylbewerbern Arbeitskräfte, vor allem beim Bau, Handwerk und in der Gastronomie. Abgeschoben werden soll zum Beispiel auch Ramil Bakhtari*, afghanischer Kellner im Münchner Edelrestaurant „Tantris“. Arbeit in der Gastronomie ist anstrengend, die Einsatzzeiten sind nicht gerade sehr familienfreundlich. „In der Branche sind Sie froh um jede Hand, die Sie bekommen“, erklärt Restaurantleiter Boris Häbel. Bakhtari sei eine absolut verlässliche Kraft, Teil des Teams, er habe eine eigene Wohnung und zahle Steuern. Und doch soll er Deutschland verlassen. Das „Tantris“ hat ihn bei allen Behördengängen unterstützt, es hat auch einen Anwalt eingeschaltet. Trotzdem ist da die Ungewissheit, was kommt. „Er sitzt jetzt wie auf heißen Kohlen“, sagt Häbel. Und was macht die Angst der Geflüchteten mit den Helferinnen und Helfern? „Sicherlich tragen Einzelschicksale von Flüchtlingen auch zu Enttäuschung bei“, so Edith Petry vom Sozialreferat.
Aber generell sehe man, dass das Ehrenamt in München dennoch geschätzt werde und gut funktioniere. Ähnlich klingt das beim Bayerischen Flüchtlingsrat. „Wir beobachten weniger Resignation als vielmehr eine zunehmende Politisierung der Ehrenamtlichen“, sagt Jana Weidhaase vom Projekt Vor Ort. Seit etwa einem Jahr würden immer wieder Mahnwachen oder Menschenketten organisiert, manche Helfer gäben geschlossen ihre Ehrenamtsurkunden zurück – ein Symbol, dass sie die Politik der Staatsregierung nicht gutheißen. „Noch zeigen die Ehrenamtlichen Kampfgeist“, sagt Weidhaase. Politisiert hat sich etwa Thomas Lechner. Der 55-Jährige ist Veranstalter im Münchner „Feierwerk“ und hat schon einige Male Flüchtlinge zu Anhörungen begleitet. „Das Protokoll ist das Allerwichtigste“, sagt Lechner. Es entscheidet, ob jemand in Deutschland bleiben darf oder zurück in eine potenziell gefährliche Heimat muss. Es komme auf Feinheiten an. Umso erschrockener ist Thomas Lechner, wenn er erlebt, wie leichtfertig manche Anhörer mit der Verantwortung umgingen und wie oft die Anhörungen scheiterten, obwohl Geflüchtete tatsächliche Bedrohungen schildern. Lechner schult darum Helferinnen und Helfer, wann und wie man intervenieren kann und muss. „Wir kleben nur Pflästerchen“, sagt er. Die Lösung muss eine politische sein. Seine Vision: eine Vollversammlung aller Flüchtlingshelfer aus München und Umgebung.

Eine Kundgebung auf dem Marienplatz, auf der alle gemeinsam auftreten und den Politikern zeigen, dass es noch andere gibt, die nicht ausschließlich laut polternd oder populistisch auftreten. In einem offenen Brief schreibt Lechner, es brauche einen „Aufschrei, nein, einen Aufstand der Leisen“. An einem Samstag im März treffen sich einige Dutzend Flüchtlingshelfer in der „Kranhalle“ im „Feierwerk“. Es sieht nicht so aus, als würde hier ein Aufstand organisiert. Große Kaffeekannen und offene Milchtüten sind Zeugen eines langen und anstrengenden Nachmittags. Durch einen Seiteneingang strömt sanfter Wind herein, draußen hört man Skateboards surren. Thomas Lechner leitet die Abschlussrunde und bespricht die Ergebnisse, die auf Stellwänden festgehalten wurden. Abends treten in der „Kranhalle“ Bands auf, Leute tanzen. Aber jetzt sitzen hier Flüchtlingshelfer und sprechen über vieles – nur nicht über ihre konkrete Arbeit mit Flüchtlingen. Stattdessen lernen die Helfer, dass man sich auf Demonstrationen nicht uniformieren darf, auch nicht mit Warnwesten. Oder dass auf Flugblättern immer der Verantwortliche genannt sein muss, sonst kann die Polizei sie beschlagnahmen. Viel Wissenswertes zum Veranstaltungsrecht, aber genau das ist das Problem: „Wir wollen eigentlich konkret mit Flüchtlingen arbeiten“, sagt eine Teilnehmerin, „aber wir kommen überhaupt nicht dazu.“ Vielleicht mit ein Grund, warum eine andere Helferin klagt, dass sie aus ihrem Helferkreis die Einzige sei, die zum Treffen gekommen ist. „Kann mir vielleicht jemand gut zureden?“, fragt sie, mehr erschöpft als traurig, nach einem langen Tag. Thomas Lechner antwortet: Er selbst sei – trotz aller Missstände – selten so „enthusiasmiert“ gewesen wie in der letzten Zeit. Auch dazu sei diese Veranstaltung da. „Man ist nicht allein“, sagt er. Und: „Wir wollen deutlich machen, dass wir auch Wähler sind.“

Auf die Bundestagswahl im September setzt gerade auch Familie Escher. Sie verfolgt nun Plan B: Sie hat Hamid dabei geholfen, beim Verwaltungsgericht Widerspruch gegen den Abschiebebescheid einzulegen. Mit einer Entscheidung rechnen die Eschers erst in einigen Monaten. Der Wahlkampf, der wohl im Augenblick vieles komplizierter macht, dürfte dann vorbei sein. Auch einen Plan C gibt es. Der besteht darin, Hamid zu adoptieren. Ihn würde das freuen, aber ob es etwas bringen würde, ist unklar. Die Eschers lassen es gerade von einem Anwalt prüfen. Denn wenn Hamid zwar Escher hieße, aber trotzdem nicht arbeiten dürfe, dann hätte es keinen Sinn, sagt Tatjana Escher. Sie könnten es sich schon leisten, ihn zu versorgen, klar. Aber darum geht es nicht. Hamid will – und soll – selbst dazu in der Lage sein. „Das Ziel ist, dass er hier ein ganz normales Leben leben kann.“