Glücksspielsucht – Zocken ohne Ende

Ab und an Lotto spielen, ein Rubbellos kaufen oder auf ein Pferd setzen, nur so zum Spaß – das ist kein Problem. Aber allein in Bayern sind rund 34.000 Menschen süchtig nach Glücksspielen und zocken Tag und Nacht

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Foto TOBY BINDER
Text  CLAUDIA STEINER

Hektisch blinkende Zahlen, flackernde Lichter, immer schneller werdende Klingeltöne, die einen glauben lassen, man hätte den Jackpot geknackt – selbst wenn nur ein paar Euro­Münzen in den Ausgabeschacht fallen. Geldspielautomaten sind bei Spielsüchtigen besonders beliebt. „In meinen schlimmsten Zeiten habe ich mein Monatsgehalt als Speditionskaufmann in eineinhalb Stunden verspielt“, erzählt Murat* aus München. Spiele an Geldspielautomaten sind schnell, die Geräte sind in der ganzen Stadt zu finden, der Einsatz ist variabel, und durch Fast­Gewinne wird dem Spieler vermittelt, er habe den Gewinn nur ganz knapp verpasst. Der 37 Jahre alte Murat hat jahrelang an den bunten Automaten gehangen wie ein Heroinsüchtiger an der Nadel. Er zockte bis zu zwölf Stunden am Tag, immer in der Hoffnung auf den nächsten Kick, den großen Gewinn: „Wenn ich wusste, heute kommt das Gehalt, war ich richtig aufgeregt, ich hatte ein Kribbeln im Bauch. In der Spielothek ist man mit sich und dem Spiel allein – das ist wie so ein Bündnis.“
Nach Angaben der Landesstelle für Glücksspielsucht in Bayern gibt es im Freistaat rund 34.000 pathologische Spieler, also Spielabhängige, und noch einmal 33.000 Menschen, deren Spielverhalten problematisch ist. „Grundsätzlich kann jeder von Glücksspielsucht betroffen sein, das geht vom Hartz­IV-Empfänger bis zum Manager, aber junge Männer und Personen, die vom Bildungssystem nicht erreicht wurden, sind besonders gefährdet“, so der Geschäftsführer der Landesstelle, Konrad Landgraf. Es (ver)locken nicht nur Geldspielautomaten in Spielhallen und Eckkneipen, sondern auch staatliche Casinos, wo außerdem Roulette und Blackjack geboten werden, Lotto und Toto, Pferderennen, Sportwetten, Online­Poker und mobile Glücksspiele fürs Handy.

Es ist ein Riesengeschäft – auch für den Staat. Für Anbieter von Sportwetten gilt ein einheitlicher Steuersatz von fünf Prozent des Wetteinsatzes. Und die Kommunen freuen sich über Gewerbesteuereinnahmen. Wie viel Gewerbesteuer die Stadt München durch Glücksspiel einnimmt, ist nicht bekannt – die Stadtkämmerei beruft sich auf das Steuergeheimnis.
Spielen an sich – auch um Geld – ist gesellschaftlich ja nicht einmal verpönt. Fast jeder hat schon mal ein Los an einem Stand in der Fußgängerzone gekauft, Lotto oder um ein paar Euro Schafkopf gespielt. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben bundesweit 77,6 Prozent der 16­ bis 70­Jährigen Glücksspielerfahrung, bei den Männern sind es 82,2 Prozent, bei den Frauen 73,0 Prozent. Am meisten verbreitet sind Glücksspiele über Lotto­Annahmestellen – der Anteil dieser Art von Glücksspielen betrug 2015 25,6 Prozent. „Irgendwann habe ich sicher auch mal Glück“, sagt ein älterer Mann, der in Sendling in der Schlange vor einer Lotto­Annahmestelle steht und lacht. Er spielt seit rund 30 Jahren regelmäßig Lotto. Sein höchster Gewinn: 75 Euro. Zwar setzt der Rentner keine großen Beträge ein, aber wenn er seine Einsätze von etwa fünf bis zehn Euro pro Woche summiert, dann hat der ehe malige Handwerker in seinem Leben schon mehr als 10.000 Euro verspielt. So wie er träumen Millionen vom eigenen Haus, einem größeren Auto oder einer Weltreise und tippen Woche für Woche die oft immer gleichen „persönlichen Glückszahlen“ wie etwa die Geburtstage der Kinder, kombiniert mit dem Hochzeitsdatum. Auf diese Weise werden allein bei Lotto „6 aus 49“ für eine einzige Ziehung mehr als 46 Millionen Euro eingesetzt (Beispiel November 2016) – bei einer Gewinnausschüttung von etwa 23 Millionen Euro. „Spielteilnahme erst ab 18 Jahren. Glücksspiel kann süchtig machen“, heißt es in der Werbung für das staatliche Glücksspiel.

Allerdings sind die allerwenigsten Lottospieler süchtig, denn bei Lotto ist die Ereignisfrequenz niedrig. Damit bezeichnen Experten die Zeit zwischen Einsatz, Spielausgang und der nächsten Gelegenheit zum Spiel. Weil Lotto eher gemächlich verläuft, springt im Gehirn – anders als eben beim Spiel am Spielautomaten oder Roulettetisch – das Belohnungssystem nicht so schnell an. „Lotto hat wenig Suchtpotenzial“, weiß Ralf Hermannstädter von der Fachambulanz für junge Suchtkranke der Caritas in München: „Ich hatte hier noch keinen Lotto­Süchtigen in Behandlung.“ Dafür kommen zu dem Suchtexperten Menschen, die ihre gesamte Freizeit vor Automaten zubringen, bei jeder Gelegenheit ins Casino gehen oder online Karten spielen. Online gibt es inzwischen eine riesige Auswahl an Spielen. Viele Spieler setzen sogar mehrere Monitore ein, damit sie parallel verschiedene Spiele laufen haben können. Experten gehen davon aus, dass Online­Glücksspiele künftig unter den Personen mit einem problematischen Glücksspielverhalten eine größere Rolle spielen werden. „Online­Glücksspiele bergen spezielle Risiken, was die Entwicklung eines problematischen Glücksspielverhaltens angeht. Wichtig ist daher, zukünftig den Spieler­ und Jugendschutz bei OnlineGlücksspielangeboten zu verstärken und den Markt zu regulieren“, so Landgraf.
Der 60 Jahre alte Rainer*, der seit Jahren bei der Selbsthilfegruppe Gamblers Anonymous ist, hat im Laufe seiner Suchtkarriere so ziemlich alles gespielt, was man spielen kann: „Ich war früher in Sportvereinen aktiv, hatte viele Freunde. Dann habe ich als Teenager mit dem Kartenspielen begonnen. Später habe ich auch an Geldspielautomaten, in Casinos und am PC gespielt.“ Beim Spiel durchlaufen die Süchtigen immer wieder das gleiche Gefühlschaos. „Am Anfang hat man natürlich ein Glücksgefühl, vor allem, wenn man gewinnt, aber dann verliert man“, erzählt Rainer. Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen Abhängigen von zum Beispiel Heroin und Glücksspielsüchtigen. „Während des Spielens werden im Gehirn verstärkt Dopamin und andere Glückshormone ausgeschüttet“, erklärt Suchtexperte Hermannstädter. Der Glücksspielsüchtige sei, statt von außen zugeführten Stoffen, von diesen körpereigenen Stoffen abhängig. „Sein Belohnungssystem ist gewissermaßen konditioniert auf diesen speziellen Zugang zur Belohnung, und andere Aktivitäten, die sein Belohnungssystem in der Vergangenheit aktiviert haben, verlieren zunehmend an Bedeutung.“ Irgendwann scheint das Glücksspiel das Einzige zu sein, was noch Spaß macht.
Lange Zeit war Rainer, der inzwischen seit 14 Jahren „trocken“ ist, in den roten Zahlen. Er hat fast seinen Handwerksbetrieb verloren. Wie viel Geld er über die Jahre verspielt hat, will er nicht sagen. Nur so viel: „Es hat mich sieben Jahre gekostet, um aus den Schulden rauszukommen.“ Er zahlte seine Schulden ab – Euro für Euro. Glücksspielsüchtige haben den höchsten Schuldenstand unter Süchtigen. „Spielsüchtige haben im Schnitt 24.000 Euro Schulden – mehr als Kokainsüchtige“, berichtet Landgraf von der Geschäftsstelle der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. Rainer: „Man verspricht sich selbst: Ab morgen spiele ich nicht mehr! Und dann spielt man doch wieder. Ich habe gespielt, und ich habe gelogen – jahrelang. Irgendwann hatte ich keine Freunde mehr, am Schluss war ich sehr einsam. Ich hatte Selbstmordgedanken.“ Erst als auch seine Lebensgefährtin genug hatte und drohte, ihn zu verlassen, habe er sich Hilfe gesucht. Er fand sie in der Münchner Selbsthilfegruppe Gamblers Anonymous (Anonyme Spieler), besucht seitdem regelmäßig die Meetings, in denen sich bis zu zwölf Spieler treffen, und ließ sich in Casinos sperren. Auch bei Murat gab es irgendwann nur noch die Arbeit und das Spiel: „Ich war ständig unterwegs, war permanent am Laufen, man läuft ja von Automat zu Automat. Manchmal hatte ich davon richtig Krämpfe in den Beinen. Irgendwann war ich nur noch erschöpft und habe mich und die ganze Welt verflucht.“ Gerade bei Automatenspielsucht ist die Verlockung groß: In Bayern gibt es rund 1.090 Spielhallenstandorte mit knapp 21.350 Geldspielgeräten. Viele Spielhallen in München haben von drei Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet. Spielsüchtige können also tatsächlich fast immer spielen – auch viele Kneipen haben Automaten an der Wand hängen.
Murat erinnert sich noch gut an seinen Wendepunkt: „Ich hatte mal wieder alles Geld verspielt und war bei meinen Eltern. Die haben mir dann eine Tüte mit Lebensmitteln mitgegeben, damit ich zumindest was zum Essen hatte. Das war schon krass.“ Murat ging für mehrere Wochen in eine Suchtklinik. Heute macht er viel Sport: „Das hilft mir, Stress abzubauen.“ Aber obwohl er regelmäßig zu Selbsthilfetreffen mit ehemaligen Spielern geht, zieht es ihn manchmal noch immer in die Spielhalle. „Spielen wird immer ein Problem in meinem Leben sein. Bei meinem letzten Rückfall habe ich 100 Euro verspielt. Früher hätte ich mir dann Geld besorgt und weitergespielt. Inzwischen schaffe ich es, heimzugehen.“

Aus Therapeutensicht ist ein einmaliges Spielen kein echter Rückfall, sondern nur ein „Vorfall“. Ein Rückfall ist dagegen, wenn das alte Verhaltensmuster wieder durchschlägt, sich wieder alles nur um das Spielen dreht. Stationäre Therapien, wie Murat sie gemacht hat, sind recht erfolgversprechend: Nach einer Studie des Bundesministeriums für Gesundheit erfüllen ein Jahr nach Therapieende 69 Prozent der Patienten nicht mehr die diagnostischen Kriterien des pathologischen Glücksspiels. Rainer ist glücklich, dass ihm der Ausstieg gelungen ist: „Trocken zu bleiben, das ist heute mein Kick. Ich habe den Weg zurück in die Gesellschaft geschafft – sonst hätte ich mich wohl umgebracht.“ Und Murat hat eine ganz persönliche Motivation, nicht mehr wie früher zu spielen: „Ich habe jetzt eine eineinhalb Jahre alte Tochter, für die trage ich Verantwortung.“
INFORMATIONEN UND HILFE FÜR SPIELSÜCHTIGE UND DEREN ANGEHÖRIGE
Therapieverbund Sucht/Caritas: www.staerker­alssucht.de Tel. 089 724499­100 therapieverbund@ caritasmuenchen.de
Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern: www.lsgbayern.de/ beratung­und­ behandlung/kompetenznetzwerk­gluecksspielsucht/
Anonyme Spieler www.anonyme­ spieler.org/ Tel. 0176­51727220 muenchen@anonymespieler.org
Sucht-Hotline: www.suchthotline.info Tel. 089 282822 Hotline rund um die Uhr erreichbar
Online-Selbsttest/ Glücksspiel: www.verspiel­nichtdein­leben.de/selbsttest/selbsttest­ gluecksspiel.html