Alle Menschen sollen alles verstehen

von Elke Amberg

Das wären paradiesische Zustände: Wenn alle Behörden ihre Briefe und Formulare in Leichter Sprache verfassen würden. Wenn Nachrichten und Lexika, Gebrauchsanweisungen und Arztbriefe, Mietverträge und Amtsschreiben, Bastelanleitungen und Beipackzettel von Medikamenten, wenn all die Schriftstücke, die uns das Leben schwer machen, so geschrieben wären, dass jedermann und jedefrau sie lesen können! Nie mehr müsste man in einer fremden Stadt stundenlang die Fahrkarten-Informationen studieren. Man könnte mit Ärzten auf Augenhöhe sprechen, Ausstellungen wirklich verstehen und genießen, über unsere Geschichte und andere Länder etwas erfahren … Doch davon sind wir heute weit entfernt. Wir leben zwar in einer Informationsgesellschaft, aber de facto kann ein großer Teil der Bürger nicht daran teilhaben. Denn nur lange Schachtelsätze, Beamtendeutsch, das gespickt ist mit Fremdwörtern und Fachchinesisch, gilt als gutes Deutsch. Das wird nur von den Experten selbst oder geübten Bildungsbürgern verstanden. Die anderen Leser – oder besser gesagt Nichtleser – haben sich schon lange damit abgefunden, ausgeschlossen zu sein. Manche schämen sich dafür, andere verschweigen es. Unsere Informationsgesellschaft lässt einen Teil ihrer Menschen „verhungern“ mit den einfachen Botschaften der Werbung, der Klatschpresse, der Popsongs und der Populisten!

7,5 Millionen funktionale Analphabeten

Schwer verständliche Sprache schließt nicht nur Menschen mit geistiger Behinderung aus, sondern auch Menschen, die schlecht Deutsch verstehen, wie zum Beispiel MigrantInnen, aber auch alte Menschen, Demenzkranke oder Legastheniker“, erläutert die Sozialpädagogin Christine Borucker vom Caritas-Fach-Zentrum für Leichte Sprache in Augsburg. Es gibt 7,5 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten in Deutschland, immerhin 14 Prozent der Bevölkerung. Sie können zwar Buchstaben erkennen und ein paar Wörter schreiben, verstehen jedoch längere Texte gar nicht oder nur mit großer Mühe. Doch gerade diese Menschen sind oftmals von einer guten Kommunikation mit Ämtern und Behörden abhängig: weil sie Wohngeld beantragen, ihren Rentenbescheid oder Arztbrief lesen wollen oder einen Vertrag gern erst verstehen und dann unterschreiben wollen. Zumindest die Behörden können sich in Zukunft nicht mehr hinter unverständlichen Schreiben verstecken. Denn laut Behindertengleichstellungsgesetz müssen ab 2018 Behörden ihre Formulare, Schreiben und Bescheide in Leichter Sprache ausfertigen. „Aber man muss explizit danach fragen. Man hat sogar das Recht darauf, die Texte persönlich erläutert zu bekommen“, betont Christine Borucker. Sie ist im Vorstand des bundesweiten Netzwerks Leichte Sprache (leichtesprache.org) und leitet das Fach-Zentrum für Leichte Sprache der Caritas in Augsburg. Das bundesweite Netzwerk ist die zentrale Anlaufstelle, hat Richtlinien, ein Prüfverfahren und ein Qualitätssiegel für Leichte Sprache erarbeitet und vermittelt Schulungen und Übersetzungsbüros.

Kurze Sätze ohne Komma

Was sind die Kennzeichen Leichter Sprache? Die wichtigste Regel: kurze Sätze möglichst ohne Komma. In jedem Satz wird nur eine Information gegeben. Man sollte einfache und konkrete Begriffe benutzen, zum Beispiel „Bus und Bahn“ statt „öffentlicher Nahverkehr“. Fremdwörter und Fachbegriffe müssen sofort erklärt werden, nicht erst am Textende oder im Anhang. Formulierungen im Passiv werden ins Aktiv gesetzt – aus ”Lisa wird von Markus geärgert“ wird „Markus ärgert Lisa“ – sowie Negativ-Aussagen vermieden. Genitiv und Konjunktiv-Formulierungen werden vereinfacht: „des Lehrers Haus“ etwa wird zu „das Haus vom Lehrer“. Aber Leichte Sprache ist deswegen noch keine Kindersprache, auch wenn sie für viele Leser im ersten Moment so anmutet. Auch die Gestaltung des Textes ist wichtig. Man benutzt eine einfache, schnörkellose Schriftart, die gern etwas größer sein darf. Jeder Satz sollte auf einer neuen Zeile stehen. Zusammengesetzte Wörter werden mit einem Bindestrich oder mit dem sogenannten Medio-Punkt verbunden (z. B. Ballett+Tanz+Gruppe). Gut sind auch erklärende Bilder dazu.

Geprüft von Menschen mit Lernschwierigkeiten

In Leichte Sprache zu übersetzen kann mitunter sehr schwierig sein, berichtet die Leichte-Sprache-
Übersetzerin Anne Leichtfuß. Man müsse „sehr tief in die Themen einsteigen, damit sie verständlich sind, aber trotzdem in den Nuancen richtig und stimmig“. Manchmal fallen dabei auch Informationen unter den Tisch, müssen in eine andere Reihenfolge gebracht oder vorab erläutert werden (Ein Paragraf ist ein Teil in einem Gesetz. Das Zeichen für Paragraf ist: § Jeder Paragraf hat eine Nummer.) „Man muss die Dinge klarer benennen“, erklärt Leichtfuß, und diese Unmittelbarkeit sei manchmal brutal. Die 38-Jährige ist eine der wenigen, die auch bei Veranstaltungen simultan in Leichte Sprache übersetzt. Das habe sie sich selbst beigebracht, so die Online-Redakteurin. Sie hat bei der Zeitschrift „Ohrenkuss“, einem Magazin von Menschen mit Downsyndrom, gelernt und wurde für eine ihrer übersetzten Reportagen für den Grimme-Online-Preis nominiert. Leichte Sprache funktioniert einfach anders: Ihre Einfachheit und Klarheit lassen keine Ausflüchte, Verharmlosungen, Verschleierungen oder Beschönigungen zu. Auch Zwischentöne oder Ironie funktionieren nicht. Redewendungen (Es schüttet wie aus Eimern) und bildhafte Formulierungen (Rabeneltern) dürfen nicht verwendet werden. Die Zensoren sind in diesem Fall die Nutzer selbst: „Um zu gewährleisten, dass der Text in Leichter Sprache auch von der Zielgruppe verstanden wird, muss er von Prüfern gegengelesen werden.“ Und diese Prüfer sind Menschen mit leichter geistiger Behinderung, dem Downsyndrom zum Beispiel, oder mit Lernschwierigkeiten. Das ist ein zentrales Kriterium zur Vergabe des Qualitätssiegels „Leichte Sprache“, unterstreicht Christine Borucker. Das sichert die Qualität, schafft Arbeitsplätze für Betroffene und garantiert ihnen Selbstbestimmung und Entscheidungsgewalt darüber, was verständlich ist und was nicht.

Bundestagswahl in Leichter Sprache

Die Idee einer Leichten Sprache entstand Mitte der 1970er-Jahre in den USA durch die Organisation People First. Sie wurde vom Kasseler Netzwerk „Mensch zuerst“ in Deutschland bekannt gemacht. Später ging daraus das Netzwerk Leichte Sprache hervor. Dank Aktion Mensch und dem Behindertenverband Lebenshilfe gibt es für Menschen mit geistigen Einschränkungen heute bereits einige Texte in Leichter Sprache. Diese Texte greifen unmittelbar die Themen von Menschen mit Behinderung auf und sollen sie in die Lage versetzen, ihre eigenen Rechte überhaupt wahrzunehmen. Denn behindert zu sein bedeutet oft, dass man sich in einem Dschungel von Informationen zurechtfinden muss. Seitdem Deutschland im Jahr 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, ist umfassende Inklusion der Maßstab für die deutsche Behindertenpolitik, also die Einbeziehung, das Dabeisein von Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen von Anfang an und überall. Das erfordert Barrierefreiheit nicht nur bei Straßenbahnen und Toiletten, sondern auch in der Kommunikation. In den vergangenen Jahren haben nun auch staatliche Stellen und Behörden damit begonnen, Veröffentlichungen in Leichter Sprache zu erstellen. Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein im Mai dieses Jahres wurden erstmals Wahlunterlagen in Leichter Sprache verschickt. Baden-Württemberg hat ein Handbuch zu Leichter Sprache in der Verwaltung zusammengestellt. Und zur Bundestagswahl 2017 findet man wunderbar einfache Erläuterungen im Internet: Unter der Rubrik „einfachPolitik“ erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung, wie unsere Demokratie funktioniert, welche Grundrechte wir haben und alles, was man über die Wahl am 24. September wissen muss. Die Bundesregierung erläutert, was Kanzlerin, Präsident, Bundestag und der Bundesrat eigentlich tun. Das Sozialministerium fördert Übersetzungen in Leichte Sprache und hat einen 128 Seiten langen Ratgeber zum Downloaden erstellt. Grundsätzlich empfehlenswert ist auch das Internet-Wörterbuch „Hurraki“, das ähnlich wie Wikipedia ein Wiki für Leichte Sprache zum Nachschlagen von Fachbegriffen, Fremdwörtern und Synonymen ist. Mittlerweile haben auch verschiedene Rundfunkanstalten wie der Deutschlandfunk (www.nachrichten
leicht.de), der NDR, SR und MDR damit begonnen, Nachrichten in Leichter Sprache anzubieten. „Der Bayerische Rundfunk steht allerdings noch am Anfang“, weiß Christine Borucker. Auch nur wenige Zeitungen wie die „taz“ und die „Augsburger Allgemeine“ bieten Nachrichten in Leichter Sprache an.

Mitunter werden die strengen Regeln der Leichten Sprache abgewandelt zu Einfacher Sprache. Dabei sind auch längere Sätze mit bis zu 15 Wörtern erlaubt. Ansonsten gibt es keine speziellen Regeln. Ziel der Einfachen Sprache ist es, ganz allgemein schwierige Texte der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen, egal ob hohe Literatur oder Gebrauchstexte. Viele Texte, die vorgeben, in Leichter Sprache zu sein, sind streng genommen „nur“ in Einfacher Sprache. Und hier gibt es ein breiteres Spektrum an Texten. Einige Verlage und Bibliotheken haben sich zum Beispiel darauf spezialisiert, Märchen, Krimis und Romane, Klassiker und Bestseller, aber auch Sachbücher und eine Wochenzeitung in Einfacher Sprache herauszugeben (einfachebuecher.de, naundob.de, institut-fuer-menschenrechte.de/bibliothek). Aber auch das Spektrum an Texten in Leichter Sprache fängt an, sich zu verbreitern. Nach und nach werden wichtige Themen abgedeckt: Familien-, Gesundheits- und rechtliche Informationen, Verhaltensregeln bei Krisen und Notfällen und andere Beratungsthemen. So hat die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe in Rheinland-Pfalz fünf Patientenratgeber in Leichter Sprache zu Depression, Diabetes, Epilepsie, Krebs und Rheuma veröffentlicht. Der NDR informiert über den Körper, Krankheiten und Arztbesuche. Auf der Homepage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wird in Leichter Sprache zu Rassismus, sexueller Belästigung und Hilfe bei Diskriminierung informiert. Der Frauennotruf Hannover und die Stadt Leipzig geben Infos zu häuslicher oder sexueller Gewalt in Leichter Sprache heraus. Einige Museen, wie das Deutsche Historische Museum in Berlin, aber auch Museen in Nürnberg und Augsburg, bieten Basisinfos und Führungen in Leichter Sprache an. Das Deutsche Museum in München ist leider noch nicht dafür gerüstet. Doch auch die Forschung hat sich des Themas angenommen: An der Universität Hildesheim befasst man sich mit juristischen und Verwaltungstexten. Die Leipziger Universität forscht mit Beteiligung von Menschen mit Lernschwierigkeiten darüber, wie sich Teilhabe und Zugänglichkeit durch Leichte Sprache verbessern. Wer Texte mit schwierigem Inhalt zur Abwechslung mal in Leichter oder Einfacher Sprache liest, wird sich wundern, wie klar und deutlich die Dinge dort benannt werden. Nicht nur Menschen mit Behinderung und Lernschwierigkeiten, funktionale Analphabeten, Senioren und Flüchtlinge profitieren davon, sondern wir alle. Warum also gibt es noch so wenige Übersetzungen in Leichte oder zumindest Einfache Sprache? Vielleicht weil man sich hinter Fremdwörtern besser verstecken kann, mutmaßen diejenigen, die Leichte Sprache benutzen. Oder will unsere Demokratie eigentlich gar keine mündigen Bürger, die ihre Bedürfnisse ausdrücken, ihre Rechte kennen und einfordern, was ihnen zusteht, also mitbestimmen? Sollen die „Dummen“ vielleicht dumm bleiben?

INFOS
http://www.nachrichtenleicht.de
taz – tageszeitung Beiträge zum Thema Politik in Leichter Sprache https://www.taz.de
www.NDR.de (Suchbegriff: Leichte Sprache)
www.sr.de (Suchbegriff: Leichte Sprache). Im Wörterbuch werden schwierige Begriffe erklärt.
www.mdr.de (Suchbegriff: Leichte Sprache). Nachrichten der vergangenen 7 Tage in Leichter Sprache
www.hurraki.de Wiki-Wörterbuch für Leichte Sprache
Ratgeber Sozialministerium. www.bmas.de (Suchbegriff: Leichte Sprache, kostenloser Download PDF)
Literatur http://www.einfache- buecher.de https://www.naundob.de http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/ buecher-in-der-bibliothek/