BISS-Ausgabe Oktober 2017 | Auf der Straße

Cover des BISS-Magazins Oktober 2017

Thema | Leben am Rand: Wir sehen sie nicht oder wollen sie nicht  sehen –  Obdachlose, Co-Abhängige, Menschen  mit Verständnisproblemen | 6 Auf der Straße: Womit Obdachlose täglich kämpfen und dennoch auf der Straße bleiben | 12 Co-abhängig: Sucht fesselt nicht nur die Süchtigen, sondern auch deren Angehörige | 16 Leichte Sprache: Niemand müsste ausgeschlossen werden | 22 INSP-Kongress 2017: Straßenzeitungsmacher aus 28 Ländern trafen sich in Manchester | 24 Rückblick – Ausblick: BISS in Zahlen, Daten, Fakten | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 29 Freunde und Gönner | 28 Patenuhren | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

 

 

Alle Menschen sollen alles verstehen

von Elke Amberg

Das wären paradiesische Zustände: Wenn alle Behörden ihre Briefe und Formulare in Leichter Sprache verfassen würden. Wenn Nachrichten und Lexika, Gebrauchsanweisungen und Arztbriefe, Mietverträge und Amtsschreiben, Bastelanleitungen und Beipackzettel von Medikamenten, wenn all die Schriftstücke, die uns das Leben schwer machen, so geschrieben wären, dass jedermann und jedefrau sie lesen können! Nie mehr müsste man in einer fremden Stadt stundenlang die Fahrkarten-Informationen studieren. Man könnte mit Ärzten auf Augenhöhe sprechen, Ausstellungen wirklich verstehen und genießen, über unsere Geschichte und andere Länder etwas erfahren … Doch davon sind wir heute weit entfernt. Wir leben zwar in einer Informationsgesellschaft, aber de facto kann ein großer Teil der Bürger nicht daran teilhaben. Denn nur lange Schachtelsätze, Beamtendeutsch, das gespickt ist mit Fremdwörtern und Fachchinesisch, gilt als gutes Deutsch. Das wird nur von den Experten selbst oder geübten Bildungsbürgern verstanden. Die anderen Leser – oder besser gesagt Nichtleser – haben sich schon lange damit abgefunden, ausgeschlossen zu sein. Manche schämen sich dafür, andere verschweigen es. Unsere Informationsgesellschaft lässt einen Teil ihrer Menschen „verhungern“ mit den einfachen Botschaften der Werbung, der Klatschpresse, der Popsongs und der Populisten!
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BISS-Ausgabe September 2017 | Verpasste Chancen

Cover des BISS-Magazins September 2017

Thema | Eine bessere Zukunft: über genutzte und vertane Möglichkeiten der Integration | 6 Wörthschule: Von der Mittelschule in eine gute Zukunft | 12 Enttäuschte Unternehmer: Viele Arbeitgeber hätten Flüchtlinge gern weiter beschäftigt | 16 Zwangsprostitution: Wie Frauen aus Nigeria zu Sexsklavinnen gemacht werden | 20 Gehörlos zum Triathlon: Im Wasser, auf dem Rad, beim Laufen – Sport verbindet | 24 Neues zum Hotel BISS: Warum das ehemalige Frauengefängnis Am Neudeck seit acht Jahren leer steht | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Freunde und Gönner | 27 Patenuhren | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

 

Acht Jahre Leerstand

Unser Modell: Ausbildungs- und Arbeitsplätze im Hotel BISS, dazu seniorengerechte Wohnungen

Die Münchner Straßenzeitung BISS plante einst, das ehemalige Frauengefängnis Am Neudeck 10 zu erwerben und darin Hotel BISS als Sozialunternehmen zu gründen. Nachdem 2011 nicht BISS, sondern ein kommerzieller Immobilieninvestor den Zuschlag erhielt, steht das Gebäude bis heute leer. Demnächst starten unter einem anderen Eigentümer die Renovierungsarbeiten. Was ist das für ein Bauprojekt, das nun geplant wird? Wie kam die Entscheidung gegen Hotel BISS damals zustande? Und was ist mit dem Anwesen Am Neudeck 10 seitdem passiert? Eine Spurensuche.

Foto MARGIT ROTH
Text LINUS FREYMARK

Idyllisch ist es Am Neudeck 10. Der Auer Mühlbach plätschert gemächlich vorbei, vom Großstadtlärm kriegt man in der Au sowieso nicht viel mit, hier jedoch ist es extrem ruhig. Es ist eine Wohnlage, um die man sich in München reißt, gerade hier, im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt, ist Wohnraum Luxusware. Trotzdem ist an diesem Julisonntag kein Fenster geöffnet, kein Fahrrad parkt vor dem dunklen, wenig einladenden Eingangstor: Das Gebäude steht seit mehr als acht Jahren leer. Die Geschichte des Grundstücks Am Neudeck 10 ist eine Geschichte voller falscher Entscheidungen, Missverständnisse und politischer Verirrungen. Und wie so oft, wenn etwas schiefläuft, möchte niemand dafür verantwortlich sein. Deshalb ist es eine Geschichte, die schwer nachvollziehbar ist, in der immer wieder Lücken auftauchen, die sich auch nach sorgfältiger Recherche nicht schließen lassen. Und trotzdem ist es eine Geschichte, die viel über die Gegensätze in unserer Welt erzählt. Es ist eine Geschichte, in der die Politik gesellschaftliches Engagement und Idealismus dem Verwertungsinteresse von Lobbyisten unterordnet.

AUSBILDUNGSPLÄTZE FÜR 40 JUGENDLICHE – DAS WAR DER PLAN

Die Geschichte beginnt mit einer Idee: Bereits 2001, lange vor dem Umzug des damaligen Frauengefängnisses, das bis 2009 Am Neudeck beheimatet war, plant BISS die Gründung eines erstklassigen Hotels, in dem benachteiligte Jugendliche die Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen sollen. Prominente Unterstützer wie der damalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, Sportfreunde Stiller, Uschi Glas oder Uli Hoeneß setzen sich für das Hotelprojekt ein, das in dem ehemaligen Gefängnis Am Neudeck 10 realisiert werden soll. Das Areal scheint wie geschaffen für das Projekt: Ruhig, aber zentral gelegen, würde es Platz für über 100 Hotelgäste bieten, hinzu kämen altengerechte Wohnungen und die rund 40 Ausbildungsplätze. Zudem befindet sich das Anwesen in staatlicher Hand, ein Entgegenkommen der Staatsregierung, etwa durch den Verkauf des Anwesens zu einem von unabhängigen Gutachtern festgestellten Preis, scheint zunächst möglich. Alles läuft bestens, denn die Bayerische Landesstiftung sagt zu, Hotel BISS mit 2,5 Millionen Euro zu fördern, die Landeshauptstadt München ist mit 500.000 Euro dabei, und darüber hinaus spenden begeisterte Unterstützer, nicht nur aus München, 1,5 Millionen Euro. Im Jahr 2008 wechselt der Ministerpräsident: Auf Günther Beckstein folgt Horst Seehofer.

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