Lied gut

Den Chor der Fünf Kontinente gibt es zwar erst seit zwei Jahren, dennoch finden sich jeden Montag bis zu 30 Sängerinnen und Sänger im Museum ein, um den ausländerfeindlichen Tendenzen in der Gesellschaft mit Spaß und Engagement etwas entgegenzusetzen. Willkommen sind alle, die Lust haben, in einer herzlichen und vertrauensvollen Atmosphäre miteinander zu singen.

Von ELISA HOLZ

Fotos: CONNY MIRBACH

Der interkulturelle Chor des ethnologischen Museums Fünf Kontinente will von dem künden, was in unserer Gesellschaft gerade nicht leicht zu finden ist: Verständnis, Zuversicht und Gemeinschaftsgefühl

Ben Johnson hat einen neuen Song geschrieben. Der Song handelt von der Kraft einer Liebe, die nie scheitert und nie versiegt. Es soll ein Lied der Hoffnung sein – mit viel Pop, ordentlich Soul, einem Hauch von Blues und mit Ohrwurmqualität. Geschrieben hat er den Song in einer Flüchtlingsunterkunft in Germering, in einer seiner dunkleren Stunden. „Manchmal sehe ich kaum Licht“, sagt er. Aber zumindest bei der Uraufführung des Songs auf einer der jeden Montag stattfindenden Proben des Chors der Fünf Kontinente scheinen die Schatten für den Moment verflogen. Mit einem Strahlen im Gesicht und der Gitarre vor dem Bauch erklärt Ben Tonart, Rhythmus und Text des neuen Songs. Er lacht, rückt seine große schwarze Brille zurecht und klatscht in die Hände. Er singt: „Your love, never fail, never give up …“ In dem Moment ist der Chor zugleich Publikum, künstlerischer Resonanzraum und natürlich stimmliche Begleitung – und Ben in seinem Element. Dabei ist Ben eigentlich kein gelernter Musiker, sondern Jurist. In seiner Heimat, der nicht so demokratischen Republik Kongo, war er politisch aktiv, wie er erzählt. Er engagierte sich für eine Gruppierung, die man hier vielleicht als sozialdemokratisch bezeichnen würde. Im Kongo ist das lebensgefährlich. Mit 24 Jahren wurde er von einem Kollegen verraten, entführt und saß sechs Jahre im Gefängnis – ohne Gerichtsverfahren und irgendwann auch ohne große Hoffnung. Als er 2012 überraschend freikam, war er schwer krank und „ohne einen Traum“. Ihm gelang die Flucht nach Deutschland, wo ihm nach vielen Rückschlägen vergangenes Jahr schließlich doch Asyl gewährt wurde. Seitdem lebt Ben Johnson in München. Dem Chor des Museums Fünf Kontinente ist er schon kurz nach der Gründung vor zwei Jahren beigetreten. Er sah den Aushang in der Unterkunft und rief gleich an. Am anderen Ende der Leitung meldete sich „eine gute Stimme“. Balsam für seine verletzte Seele.

Wir und ich

Die gute Stimme gehört Karin Berner. Die Sozialpsychologin arbeitet als Kulturvermittlerin im Museum Fünf Kontinente, das bis vor wenigen Jahren noch „Staatliches Museum für Völkerkunde“ hieß. Es hat
seinen Sitz in einem feudalen Palazzo an der Maximilianstraße, der ursprünglich für das Bayerische Nationalmuseum errichtet worden war. Jetzt beheimatet das Gebäude seit 1925 die mittlerweile älteste ethnologische Sammlung in Deutschland. Eine Institution, aber keine Insel. „Wir bewahren Kulturschätze aus aller Welt, aber wir müssen uns auch fragen, was das alles mit unserer Gegenwart zu tun hat“, sagt Berner. Als eine Antwort auf diese Frage hat Berner 2016 den Museumschor für Münchner und geflüchtete Menschen ins Leben gerufen. Als Reaktion auf die Zeit und – wie es mittlerweile gern dargestellt wird – die Zeitenwende im Spätsommer 2015, als jeden Tag Hunderte und Tausende geflüchteter Menschen am Münchner Hauptbahnhof ankamen. Das Team des Museums wollte damals auf keinen Fall
untätig bleiben. Schließlich zeigt das Haus nicht nur exotische Exponate aus Ozeanien, Afrika und Asien, sondern will auch „einen Beitrag leisten zum Verständnis anderer Kulturen und zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung – auch in unserem Land“, wie es im Leitbild des Museums heißt. Karin Berner hat lange überlegt, wie sie ihr theoretisches Wissen über soziale Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen, über die Mechanismen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, über die Konstitution von „Ich“ und „Wir“ praktisch anwenden kann. Schließlich kam ihr die Idee mit dem interkulturellen Chor – ihrer Vorstellung nach ein Ort der Begegnung, eine Brücke und zugleich ein Refugium. „Beim Singen kommt man sich auch ohne gute Sprachkenntnisse sehr nahe“, sagt Berner. Ein Chor ist mehr als die Summe einzelner Stimmen. Gerade geflüchteten Menschen, die politischen Verwerfungen oft hilflos ausgesetzt waren, sei dieses Gefühl von Teilhabe sehr wichtig, denn paradoxerweise entwickelt man als Teil eines Ganzen auch wieder mehr Gefühl für die eigene Persönlichkeit. Natürlich klappt das nicht immer sofort und manchmal auch gar nicht. Muslimische Frauen zum Beispiel ließen sich im Chor nur selten blicken. Öffentlich zu singen ist für Muslimas nicht immer unproblematisch. Solche Probleme will Berner keinesfalls verschweigen, denn es geht ihr ja nicht um die Projektion einer heilen Welt. Sie will ein Laboratorium schaffen, wo Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und in ganz verschiedenen Lebenslagen lernen können, miteinander umzugehen, wenn sie das wollen.

Der Zauber der Musik

„Allein ist man ein Ton, gemeinsam ein Lied.“ Den Satz haben sie sich als Motto für den Chor ausgesucht. Klingt ein bisschen nach Kalenderweisheit, ist deshalb aber noch lange nicht falsch. Für Chorleiter Yosemeh Adjei, den alle Yossi nennen, ist genau das der Zauber der Musik: „Zunächst sagt ein Ton ja nichts. Aber wenn er von zwei oder drei Stimmen gesungen wird, dann fängt es an zu schwingen. Die Musik stellt plötzlich Zusammenhänge und Verknüpfungen her. Man beginnt etwas zu verstehen.“ Erst im Herzen und dann im Kopf. Das Prinzip funktioniert bei „Stille Nacht“ genauso wie beim südafrikanischen Hit „Pata Pata“, den der Chor so gern singt. Yossi Adjei, ein Countertenor, der an der Semperoper, in den Kammerspielen und auf Festspielen in ganz Europa singt, leitet seinen interkulturellen Chor mit Spaß an der Sache und vor allem aus Überzeugung. Wer ihn auf die politische Botschaft seines bunten Ensembles anspricht, der ist gleich mittendrin im Weltgeschehen. Globalisierung, Klimawandel, Krieg, Armut, Flucht und wie alles mit allem zusammenhängt. Yossi Adjei, der Nürnberger mit ghanaischen Wurzeln, ist entsetzt über die Entwicklung der Gesellschaft in den vergangenen Jahren. Er will den Herausforderungen der Zeit konstruktiv begegnen. Den Umgang mit Migration hierzulande empfindet er als widersprüchlich: Für den globalen Handel würden alle Grenzen niedergerissen, aber die Menschen sollen bloß bleiben, wo sie sind. Für ihn ist das logisch nicht nachvollziehbar: „Wir sitzen doch alle im gleichen Boot. Wenn da jemand ein Loch in den Bug bohrt, gehen wir alle unter.“ Und es gibt immer mehr Menschen, die Löcher bohren. Selbst im wohlhabenden und beschaulichen München ist mittlerweile die Harmonie gestört. Um das zu bemerken, muss man nichts von Musik verstehen. Natürlich ist Yossi Adjei klar, dass der Chor, für den er ehrenamtlich viel Zeit aufbringt, nur ein Tropfen in der politischen Wüste namens europäische Migrationspolitik ist. „Aber hier können Menschen, die andauernd Abweisung erfahren, auch etwas mitnehmen. Das macht mir viel Freude“, sagt er. Musik und gute Laune können eben doch etwas bewirken.

Spaß gegen Rechts

„Singen ist ein Supertool, um abzuschweifen und auch mal alles zu vergessen“, sagt Yvonne Bamschoria. Die Schulsozialarbeiterin soll hier als Repräsentantin der Mehrheit im Chor zu Wort kommen: engagierte Frauen mittleren Alters. Die Mehrheitsverhältnisse im Chor sind auch das Einzige, woran der Chor ihrer Meinung nach noch arbeiten müsste: „Es könnte durchaus noch bunter sein“, findet Yvonne Bamschoria, die wie viele im Chor auch beruflich mit Flucht und Migration zu tun hat. In der zweiten Reihe singt zum Beispiel eine Mitarbeiterin des Flüchtlingsrats, davor zwei Kolleginnen der Inneren Mission und auf der Cajon, einer großen Holztrommel, sitzt eine Dame, die sich für Seenotrettung einsetzt. Sie alle wollen sich einbringen und „ein Zeichen setzen“, wie Yvonne Bamschoria sagt. Deshalb sind dem Chor öffentliche Auftritte auch ganz wichtig. Im vergangenen Sommer sind sie im Eine-Welt-Haus aufgetreten und auch beim BISS-Jubiläumsprojekt auf dem Wittelsbacherplatz. Demnächst plant der Chor eine „Tournee“ durch die Münchner Flüchtlingsunterkünfte, um neue Sängerinnen und Sänger zu gewinnen. Der Chor will nämlich nicht unter sich bleiben, auch wenn sie es zusammen ziemlich nett haben, sich zum Picknick im Englischen Garten treffen und bei Yossi zu Hause kochen. Die Atmosphäre im Chor ist herzlich und vertrauensvoll. Dieser Umgangston macht hier die Musik. Für Yvonne Bamschoria ist der Chor auch deshalb „AfD-Prävention“, wie sie sagt: „Wer sich von den Parolen dieser Partei irgendwie angesprochen fühlt, könnte sich doch mal inkognito in die letzte Reihe setzen. Schlimmstenfalls macht’s Spaß.“

Funk, Funken, Facebook

Für Ben Johnson hingegen ist der Chor viel mehr als das. Die 30 Chormitglieder sind für ihn eine Art Familie. Und Yossi ist mittlerweile der musikalische Mentor von Ben, ein enger Freund und „cooler Bruder“, wie er sagt. Im vergangenen Oktober trat Ben in Begleitung von Yossi Adjei am Klavier bei einem Songwettbewerb im Musikclub „Milla“ auf. Viele aus dem Chor waren gekommen, um Ben zu hören und ihn zu unterstützen. Die Songs auf Suaheli und Französisch kamen so gut an, dass das Publikum „Benthusiastic“, wie sich das Duo für den Abend getauft hat, ins Finale wählte. Ein echter Erfolg. Aber eigentlich will Ben gar nicht unbedingt groß rauskommen, sondern ankommen. Er genießt das Gemeinschaftsgefühl, das Musik erzeugt. Dafür hat Ben sich ein schönes Bild einfallen lassen: Musik sei sein Facebook – nur ohne irgendwelche Probleme mit Datensicherheit. Ein gutes Mittel eben, um Verbindungen herzustellen und zu festigen. Das wissen auch die Maori. Demnächst wird eine Delegation der indigenen Volksgruppe aus Neuseeland im Museum Fünf Kontinente empfangen. Und weil sich die Maori traditionell zur Begrüßung etwas vorsingen, ist vonseiten des Museums der Chor als Willkommenskomitee gefragt.
Die Kuratorin der Ausstellung hat sich das alte Volkslied „Die Gedanken sind frei“ gewünscht, was nicht bei allen im Chor Begeisterung auslöst. Zu deutsch, zu schwer vielleicht. Aber nachdem Yossi Adjei das Lied en passant für zwei Stimmen adaptierte, klang es –apropos Facebook – dann doch ergreifend aktuell. „Hat irgendwer Wunderkerzen dabei?“, fragt eine in der Runde. Natürlich nicht, dabei wären Wunderkerzen eigentlich ein ganz schönes Symbol für den Chor der Fünf Kontinente: Sie erzeugen ein wenig Licht und gelegentlich springen Funken über.