Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Protokoll: Christoph Gurk; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

Klassische Musik

WOLFGANG RÄUSCHL: Ich liebe die Oper. Das hat schon früh angefangen: Ich bin in Salzburg geboren, da kommt man an klassischer Musik nicht vorbei.

MAX WAGNER: Bei mir war das ähnlich. Als Kind habe ich abends meinem Vater heimlich beim Klavierspielen zugehört. Später habe ich selbst Klavier und Geige gelernt.

WR: Bei uns daheim gab es die Stubenmusi, zur klassischen Musik bin ich erst durch meinen Beruf gekommen: Ich habe Kellner gelernt und während der Opernfestspiele kamen die Stars immer zu uns.

Max Wagner, Chef des Gasteigs und Wolfgang Räuschl, BISS-Verkäufer

MW: Dann verbinden uns schon zwei Dinge: die Musik – und das Kellnern. So habe ich mir mein Jura- und mein Gesangsstudium finanziert. Mir hat die Arbeit immer Spaß gemacht, weil man viel über Menschen lernt.

WR: Und ich bin durch das Kellnern auch herumgekommen. Fünf Jahre war ich auf einem Schiff, Heimathafen Genua, in der freien Zeit haben wir uns Padua, Siena und Verona angeschaut. Vor ein paar Jahren war ich dann bei den Opernfestspielen.

MW: Ein tolles Erlebnis! Die Oper in Italien ist viel mehr Teil des normalen Lebens. Die Leute kennen alle Arien und die Geschichten auswendig.

WR: Seit ich die BISS verkaufe, kann ich jedes Jahr einmal nach Verona fahren und in der Arena Opern hören. Das sind meine zwei schönsten Urlaubstage. Und danach rede ich mit meinen Kunden am Gasteig darüber. Die meisten von ihnen sind schließlich ebenso musikbegeistert wie wir.

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Kochen

Protokoll CHRISTOPH GURK

Katalin Mathé (33), Mitarbeiterin im Café Netzwerk und Helga Platz-Cesena (63), betreuende Sozialpädagogin des Café Netzwerk

HELGA PLATZ-CESENA: Frau Mathé und mich verbinden viele Dinge. Einmal ist da das Kochen. Das mochte ich als Kind schon gern.

KATALIN MATHÉ: Ich komme aus Rumänien. Dort war ich Hausfrau, ich habe geputzt und gewaschen, am liebsten aber gekocht. Darum mag ich die Arbeit im Café Netzwerk.

HPC: Das Café Netzwerk ist die zweite Sache, die uns verbindet. Als ich hier angefangen habe, hatte ich drei kleine Kinder. Es gab keine Betreuungsplätze und als Sozialpädagogin habe ich keine Stelle gefunden. Alle Frauen, die hier arbeiten, haben solche Probleme.

KM: 2014 sind wir nach München gezogen. Wir wollten eine bessere Zukunft für unsere Kinder, hatten aber keine Arbeit, keine Wohnung und ich konnte kein Deutsch. Mein Mann fing an, die BISS zu verkaufen. So kam der Kontakt zum Café Netzwerk.

HPC: Frauen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt benachteiligt sind, können sich hier selbst fördern. Seit 22 Jahren bin ich nun hier, ich arbeite gerne mit unseren Frauen zusammen. Und ich koche und esse natürlich auch einfach gern!

KM: Zuerst wollte ich nur an der Spüle arbeiten. Mittlerweile mache ich auch schon die Salate. Ich mag die Arbeit, aber wenn ich nach Hause komme, bin ich müde. Trotzdem koche ich noch für meine Familie, am liebsten Nudeln mit Fleisch, denn wie gesagt: Ich koche wirklich gerne.

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DIE STADT FĂGĂRAȘ IN RUMÄNIEN

Protokoll CHRISTINE AUERBACH


WERNER SCHÜLE: Im Jahr 2014 hat mich die Organisation Diakonia nach Rumänien in die Stadt Făgăraș geschickt, denn sie haben jemanden gebraucht, der dort die Mitarbeiter einer kleinen Fahrradwerkstatt anlernt. Die Organisation bekommt gebrauchte Fahrräder aus Deutschland gespendet, macht sie wieder verkehrstüchtig und verkauft sie im Ort. Nora ist eine der Mechanikerinnen dort.

Werner Schüle (70), ehemals Radgeschäftsinhaber, jetzt Rentner und Nora Filip (48), gelernte Schusterin, jetzt Fahrrad­mechanikerin

NORA FILIP: Früher war ich Schusterin. Aber davon kann ich nicht mehr leben. Mir macht die mechanische Arbeit mit den Rädern Spaß. Schuhe repariere ich nur noch nebenher, wenn alte Stammkunden kommen.

WS: Făgăraș war früher eine Industriestadt, jetzt ist sie eher arm. Durch die Fahrradwerkstatt können Nora und noch zwei weitere Frauen ihr Einkommen sichern. Ich habe ihnen fast ohne Übersetzer beigebracht, wie man Räder repariert. Sie haben sehr schnell gelernt.

NF: Im Moment bin ich in München und schaue mir in der Fahrradwerkstatt Dynamo an, was wir bei uns in Făgăraș noch verbessern können. Bei Dynamo gibt es zum Beispiel eine Reinigungsstelle für Altteile, solch ein Gerät möchte ich auch für uns anschaffen. WS: Das Radfahren ist in Făgăraș noch nicht so verbreitet wie in München. Aber langsam kommt es auch dort. Und unsere Werkstatt ist bisher noch die einzige im Ort.

NF: Ich kann übrigens gar nicht Fahrrad fahren. Ich habe es ein paar Mal versucht, bin aber gestürzt. Aber ich versuche es bald noch einmal!



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Strickmützen

Protokoll KARIN LOHR

CHRISTA SCHONSCHECK: Ich habe schon immer gern
gestrickt, anfangs nur für den Privatgebrauch. Und dann habe ich für eine Bekannte eine Trachtenjacke gemacht, seitdem hat sie mir immer Wolle geschenkt, die ich dann weiterverarbeitet habe – sehr hochwertiges Material, ganze Berge von Wolle waren das.

PIETRO DORIGO: Frau Schonscheck kauft schon lange bei mir die BISS. Einmal ist mir der Hut aufgefallen, den sie getragen hat, und so sind wir ins Reden gekommen. An meinem Standplatz in Pasing ist es gut, wenn ich im Herbst und Winter eine Mütze trage, so erkälte ich mich auch nicht. Die Mützen sind ein bisschen zu meinem Markenzeichen geworden.

Pietro Dorigo (65), angestellter BISS-Verkäufer, der in Pasing „bella figura“ macht, und Christa Schonscheck (74), gebürtige Münchnerin, die Lieblingsmützen strickt

CS: Zuletzt habe ich zehn Jahre am Weihnachtsmarkt in Obermenzing Stricksachen verkauft. Das mag ich jetzt aber nicht mehr machen. Das hat alles so einen Eventcharakter bekommen. Die BISS kenne ich von Anfang an, der bleibe ich in jedem Fall treu.

PD: Aktuell habe ich fünf Mützen, die sie gemacht hat. Ich mag alle Farben, bloß nicht Schwarz. Am liebsten sind mir rosa- oder roséfarbene Mützen, ich finde das zu meinem dunklen Mantel eine schöne Kombination. Es ist fast schade, dass ab Mai keine Mützen mehr getragen werden. Ich habe schon daran gedacht, dass auch im Sommer eine ganz dünne Kopfbedeckung angenehm wäre.

CS: Aus feiner Wolle und in Rosa, warum nicht?

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In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persön liche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Die gemeinsame Sprache

Protokoll Christine Auerbach; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

IGOR VLAD: Ich stamme aus einer rumänischen Familie, die unter Stalin nach Sibirien geschickt wurde. Als Stalin tot war, wurde meine Familie
rehabilitiert und ist in die Region Moldau zurückgegangen. Ich blieb in Omsk, diente dann 25 Jahre in der russischen Armee. Deshalb spreche ich Russisch, obwohl ich rumänische Wurzeln habe.

TATJANA DUBS: Und deshalb können wir uns unterhalten. Ich stamme aus Karaganda in Kasachstan, aber lebe seit 2003 in Deutschland. Bei Dynamo Fahrradservice habe ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und später noch die Ausbildereignung bei der IHK abgeschlossen.

Tatjana Dubs (33), Innendienstmitarbeiterin bei BISS e. V. und Igor Vlad (80), BISS-Verkäufer am Ostbahnhof

IV: Ich bin viel kürzer in Deutschland, nämlich erst seit drei Jahren. Als ich von BISS gehört habe, bin ich hierhergekommen ins Büro, um nach Arbeit zu fragen.

TD: Herr Vlad ist einer von drei Verkäufern, mit denen ich russisch reden kann.

IV: Für mich war das besonders am Anfang sehr hilfreich, ist es aber immer noch. Und es macht mir Spaß, im fremden Land die Sprache zu sprechen, die ich als meine Muttersprache betrachte.

TD: Mir macht das auch Spaß. Dabei ist Russisch viel schwieriger als Deutsch. Ich habe zwar viele Kurse besucht, aber das Sprechen hier vor allem im Alltag gelernt.

IV: Ich finde, die beiden Sprachen sind gleich schwierig. Ich denke, es gibt nichts, das man nicht mit Disziplin erreichen kann. Trotzdem habe ich immer noch ein kleines deutsch- russisches Wörterbuch dabei beim Verkaufen. Und bald kommt auch mein Sohn nach Deutschland, darauf freu ich mich. Dann kann ich zumindest auch mit ihm russisch reden.