BISS-Ausgabe April 2019 | Barrierefrei?

Cover des BISS-Magazins April 2019

Thema | Schwellen des Lebens | Geschichten über ganz reale Barrieren und Übergänge in unserem Leben, die uns Angst machen | 6 Der letzte Umzug: Ins Pflegeheim zu ziehen, ist für viele ältere Menschen ein schwerer Schritt | 12 Mit Handicap unterwegs: Der Weg durch die Stadt mit Hindernissen und Hilfen | 16 Selbstschutz: Rettungssanitäter lernen, sich  zu verteidigen | 20 Palliativversorgung: Hermann Reigber über die Phase zwischen Leben und Tod | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Der letzte Umzug

von Gabriele Winter

Wenn im Alter die Kräfte schwinden, kann das Leben in der eigenen Wohnung gefährlich werden. Vielen Senioren fällt es jedoch schwer, ihre lieb gewonnenen Dinge und ihre Selbstständigkeit zurückzulassen und ins Pflegeheim zu ziehen. Wir haben mit Menschen in dieser Lebensphase gesprochen


Edeltraut Moser im Pflegezentrum Sendling; Foto: Olaf Unverzart

Plötzlich ging alles ganz schnell. Edeltraut Moser konnte nach einem schweren Sturz mit Kopfwunde, Oberschenkelhals- und Handgelenkbruch nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Noch im Krankenhaus kontaktierte man das Pflegezentrum Obersendling und brachte sie nach der Reha direkt dorthin. Frau Moser ist geschieden, lebte allein und konnte von Glück sagen, dass man sie überhaupt fand. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen, da hatte sie schon stundenlang blutüberströmt auf dem Fußboden gelegen. Hätte Edeltraut Moser nicht zufällig an diesem Tag einen Arzttermin gehabt, zu dem die Tochter ihrer Cousine sie abholen wollte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Auch vor dem Sturz war es Frau Moser immer schwerer gefallen, sich zu versorgen. Nach drei Infarkten waren Hausarbeit und Einkaufen eine große Belastung für sie. Seit August lebt die 93-Jährige jetzt im Pflegezentrum der Inneren Mission in Obersendling – in einem Doppelzimmer. „Das ist schon eine Umstellung, wenn man über 40 Jahre allein gewohnt hat“, meint sie. Edeltraut Moser steht auf der Warteliste für ein Einzelzimmer. „Das wird sie auch bald bekommen“, versichert ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger. Er kümmert sich um die Aufnahme der Patienten und kann nachvollziehen, dass verschiedene Charaktere nicht immer zusammenpassen. Nur musste man für Frau Moser sofort einen Platz finden, denn allein leben ging für sie nicht mehr. Während der Reha war eine gesetzliche Betreuerin für sie bestellt worden, die eine anschließende Unterbringung im Heim veranlasst hatte. Zwar ist Frau Moser völlig klar im Kopf und erzählt blumig aus ihrem Leben, nur fortbewegen kann sie sich ohne Rollator kaum noch. Früher ist sie „stundenlang an der Isar entlangspaziert“. Doch das schafft sie nicht mehr, obwohl der Fluss nicht weit entfernt liegt vom Pflegezentrum in der Baierbrunner Straße.


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BISS-Ausgabe März 2019 | Omas gegen rechts

Cover des BISS-Magazins März 2019

Thema | Lust am Widerstand | Wann immer in München für Menschenrechte und eine offene Gesellschaft demonstriert wird, sind die „Omas gegen rechts“ dabei | 6 Studieren mit Handicap: Wie steht es mit der Inklusion an den Hochschulen? | 12 Ausgeliefert: Frühere Heimkinder und ihre traumatischen Erfahrungen | 16 Haltung bewahren: Was Berufsbetreuer alles leisten müssen | 20 Sorgsamer Umgang: Wohin mit den Sachen, wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss? | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen g

Heimweh

Etwa 700.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche lebten in den Jahren 1949 bis 1975 vollständig oder zeitweise in Heimen. Was sie dort erleben und erleiden mussten, blieb viele Jahre von der Öffentlichkeit unbeachtet. Eine Studie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München dokumentiert jetzt dieses Leid und die Auswirkungen der Traumata aus der Kindheit und Jugend auf die spätere Biografie1. Die wesentlichen Erkenntnisse hat Helga Dill, eine der Mitautorinnen der Studie, für BISS zusammengefasst

Von  HELGA DILL

Illustration  BARBARA YELIN

Klaus Müller* war zwölf Jahre alt, als er 1954 in ein Heim kam. Die Eltern hatten sich getrennt. Der einflussreiche, gut situierte Vater schickte den Jungen in ein Landschulheim. Die Kinder mussten dort Gewaltmärsche machen, Prügel und andere Strafen waren an der Tagesordnung. Vor der Schule mussten schwere Garten-­, Feld­- und Küchenarbeiten erledigt werden. Als Klaus wieder einmal mit einem harten Gegenstand verprügelt wurde, lief er aus diesem Landschulheim weg. Seine Mutter nahm ihn auf. Klaus ging ins Gymnasium. Aber dieses Familienleben dauerte nur ein Jahr. Der zweite Mann der Mutter starb. Klaus musste zu seinem Vater ziehen. Der schickte den Sohn auf ein Internat, aus dem er ebenso weglief. Auf Betreiben des Vaters übernahm das Jugendamt die Regie über den jetzt 14-Jährigen, es wies ihn in ein Jugendheim ein. Klaus floh wieder, wurde in ein anderes, strengeres Heim verlegt. 1959 verfügten Vater und Jugendamt die Unterbringung des Jungen in Freistatt, einem der berüchtigtsten Heime für Jugendliche in jener Zeit. In Freistatt wurde Klaus zu einer namenlosen Nummer, Nummer 12. Zweimal pro Tag durften die Nummern auf Befehl aufs Klo. Der Schlafsaal war ein ehemaliger vergitterter Viehstall; die Hauskleidung ein grüner zerlumpter Leinenanzug, dazu Holzschuhe, die zu klein waren. Klaus musste – wie die anderen Jungen – schwere Arbeit verrichten, Torfstechen im Moor. Das Essen war karg und kaum genießbar, die Strafen sadistisch und brutal: Stehzwang beim Essen, Stehen den ganzen Tag, Kostentzug, oft tagelanges Sprechverbot, Latrinendienst oder Arrest. Die Arrestzelle, das sogenannte Besinnungsstübchen, war tagsüber mit einem Hocker möbliert, dazu gab es die Bibel zu lesen. Nachts bekam Klaus einen Strohsack und eine Decke. Die Zelle wurde mit einem eiskalten Wasserstrahl ausgespritzt, dem man nicht ausweichen konnte. Klaus versuchte abermals zu fliehen, wurde aufgegriffen und so brutal verprügelt, dass er mehrere Knochenbrüche erlitt. Ärztliche Versorgung gab es nicht. Die Folgen dieser Verletzungen spürt Klaus noch heute. Ein Diakon versorgte Klaus mit Essen und Tabak und versprach, ihn zu schützen. Dafür verlangte er Sex. Er vergewaltigte Klaus mehrfach, auch mit harten Gegenständen. Körperliche und seelische Verletzungen waren die Folge, Ekel, Scham und Widerwillen. Klaus wandte sich an den Heimleiter, erzählte von den Vergewaltigungen. Der Heimleiter bezichtigte ihn der Lüge, verpflichtete ihn zu schweigen. Weitere Repressalien folgten. Klaus durfte seiner Mutter nicht mehr schreiben. Er fühlte sich absolut ohnmächtig, ausgeliefert und dachte nur an Flucht. Im Januar 1961 wurde er endlich aus der Fürsorgeentziehung entlassen. Freistatt ist ein besonders brutales Beispiel für die Heimerziehung in der frühen Bundesrepublik. Aber Klaus ist kein Einzelfall. 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Die darin festgeschriebenen Menschenrechte galten allerdings nicht für alle. In vielen Heimen für Kinder und Jugendliche kam es zu Misshandlungen der Schutzbefohlenen, zu drakonischen körperlichen und psychischen Strafmaßnahmen, zu Demütigungen, militärischem Drill, sexueller Gewalt. Die Kinder waren diesen Übergriffen schutzlos ausgesetzt. Sie hatten keine Lobby, niemanden, der sie vertrat.

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BISS-Ausgabe Februar 2019 | Pflegeleicht?

Cover des BISS-Magazins Februar 2019

Thema | Wohin? | Wo sollen alte oder kranke Menschen am besten betreut werden? Zuhause? Im Heim? Und wohin mit den Sachen, wenn jemand stirbt oder ins Pflegeheim kommt?  Zum Wegwerfen sind sie zu schade, oft sind sie mit wertvollen Erinnerungen verbunden. | 6 Pflegeleicht: Über die Arbeitsbedingungen privater Pflegekräfte | 10 Umstritten: Das BayPsychKHG Gesetz zur Unterbringung psychisch Kranker | 14 Mietwahnsinn: Münchner berichten von ihrer Wohnungssuche | 20 Wohnungsauflösung: Wohin mit den Sachen, wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss? | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen