Gewalt gegen Frauen mit Behinderung

Text in einfacher Sprache VERENA REINHARD

Prof. Dr. Monika Schröttle

Frauen mit Behinderungen sind häufiger von Gewalt betroffen als andere Frauen – das ist noch nicht genug bekannt
Prof. Dr. Monika Schröttle hat zusammen mit Claudia Hornberg im Jahr 2012/13 eine wissenschaftliche Untersuchung geleitet. Ihr Thema: Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen in Deutschland. Dafür wurden über 1.500 Frauen mit Behinderungen befragt. Die Frauen lebten in privaten Haushalten und in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Die Untersuchung ergab: Frauen mit Behinderungen sind häufiger von Gewalt betroffen als andere Frauen. In der Kindheit, Jugend und als Erwachsene. Ungefähr vier von zehn Frauen haben als Kind oder als Frau sexuelle Gewalt erlebt. Ungefähr acht von zehn Frauen haben körperliche Gewalt als Erwachsene erlebt. Genauso viele haben psychische Gewalt erlebt.

FORMEN VON GEWALT
Die Täter sind am häufigsten die Partner oder Ex-Partner. Wie auch bei Frauen ohne Behinderung. Aber auch sehr häufig sind es Familienangehörige. Frauen mit schwereren körperlichen, Seh- und Hörbehinderungen sind auch in anderen Lebensbereichen in Gefahr. Zum Beispiel an öffentlichen Orten, im Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder in der Schule. Bei Frauen mit Behinderungen, die in Einrichtungen leben, sind die Täter häufig Mitbewohner. Aber auch Pflegekräfte und andere Unterstützungspersonen. Die häufigste Form der Gewalt ist die psychische Gewalt. Das können zum Beispiel Beleidigungen, Drohungen und Zwang sein. Sehr häufig kommt auch körperliche Gewalt vor. Viele Frauen haben auch sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung erlebt.

SCHON IN DER KINDHEIT
Frauen mit Behinderungen haben schon in der Kindheit häufiger Gewalt erlebt als andere Frauen. Am meisten körperliche und psychische Gewalt durch ihre Eltern. Aber auch sexuellen Missbrauch durch Erwachsene und durch andere Kinder und Jugendliche. Am meisten hatten das psychisch kranke und gehörlose Frauen erlebt. Und sehr häufig auch Frauen mit Seh- und Körperbehinderung. Diese Frauen sind auch als Erwachsene sehr oft von Gewalt betroffen. Genauso wie Frauen mit mehreren Behinderungen, die in privaten Haushalten leben. Und Frauen mit Lernbehinderung, die in Einrichtungen leben.

DISKRIMINIERUNG UND ABHÄNGIGKEIT FÜHREN ZU GEWALT
Diskriminieren heißt benachteiligen oder schlechter behandeln. Die befragten Frauen haben zum Beispiel diese Diskriminierungen erlebt: Sie fühlten sich belästigt, schlechter behandelt und nicht ernst genommen. Ein großes Problem ist, dass Frauen mit Behinderungen sich oft nicht so gut schützen können. Denn viele brauchen Unterstützung und sind deshalb abhängiger von anderen Menschen. Es fällt ihnen deshalb oft schwerer, sich zu wehren. Sie haben meist nicht die körperliche oder seelische Kraft. Häufig fehlen auch Vertrauenspersonen, Geld oder das Wissen, um sich aus der Gewaltsituation zu befreien. Viele haben in der Kindheit Gewalt erlebt und fühlen sich hilflos und nicht ernst genommen. Auch noch als Erwachsene. Sie trauen sich deshalb oft nicht, die Gewalttat zu melden. Die Mitarbeiter bei Polizei oder Gericht sind häufig noch nicht gut genug geschult, um den Frauen richtig zu helfen.
Aus Untersuchungen ist bekannt: Frauen, die Gewalt erlebt haben, werden häufig krank, psychisch und körperlich. Und können dadurch arm und obdachlos werden. Häufig erfahren sie noch mehr Gewalt. Besonders obdachlose Frauen müssen geschützt und unterstützt werden.

VORSORGE UND SCHUTZ
Frauen mit Behinderungen müssen die Möglichkeit haben, schnell und einfach Beratung, Unterstützung und Schutz zu bekommen. Es wurde schon einiges verbessert. Es gibt Gesetze, die Frauen vor Gewalt schützen und unterstützen sollen. Es gibt Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen und Frauen­Notrufe. In vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe gibt es zum Beispiel Selbstbestimmungskurse und Frauenbeauftragte.
Wichtig wäre es nun zu untersuchen: Werden die Frauen dadurch wirklich besser geschützt und unterstützt? Die Politik muss mit betroffenen Frauen und Einrichtungen sprechen. Und genug Geld zur Verfügung stellen. Wir alle müssen dabei mithelfen, dass Frauen mit Behinderungen wirklich ernst genommen werden. Und dass sie selbstbestimmt und ohne Gewalt leben können.

Vorsicht Betrüger

von Karin Lohr

BISS-Verkäufer präsentieren stolz die neuen Westen: Cuza Dragomir, Ernst Köppel, Ercan Uzun, Udo Güldner und Dirk Schuchardt (v.l.n.r.)

Leider kommt es vor, dass Trittbrettfahrer versuchen, BISS und seinen Verkäufern zu schaden. Sie profitieren von unserem guten Ruf und betrügen alle Menschen, die Gutes tun und anderen helfen wollen. So gibt es einzelne fremde Personen, die widerrechtlich im Besitz von Ausgaben der aktuellen BISS sind und vorgeben, BISS verkaufen zu dürfen. Diese Personen betrügen durch ihr illegales Treiben gleich zweimal: Erstens den Zeitungskäufer, der ihnen etwas abkauft in der irrtümlichen Annahme, damit einem armen oder obdachlosen Menschen zu helfen. Und zweitens schadet der Betrüger dem BISS-Verkäufer, der keine Zeitung verkaufen kann. Wenn Sie also beispielsweise in Freising die BISS kaufen, dann nicht bei dem Trittbrettfahrer ohne Legitimation, der an Markttagen vor dem Freisinger Rathaus steht, sondern bei dem Verkäufer, der einen gültigen Verkäuferausweis vorzeigen kann. Ebenfalls dreist sind Betrügerinnen unterwegs, die vorgeben, Spenden für BISS bzw. eine Suppenküche von BISS zu sammeln. In der Regel sind es zwei Frauen, die mit einer aktuellen BISS-Ausgabe und einer Unterschriftenliste Passanten in Cafés, Restaurants, Biergärten, aber auch auf der Straße direkt ansprechen und um eine Spende bitten. BISS betreibt keine Suppenküche und sammelt keine Spenden an der Haustür oder auf der Straße, das steht in jeder unserer Ausgaben. Der Verein hat Anzeige erstattet und die Polizei ermittelt. Sollte Ihnen also so jemand über den Weg laufen, geben Sie kein Geld, sondern rufen Sie die Polizei unter 110. BISS-Leser kennen und unterstützen seit 25 Jahren die Arbeit von BISS, weil sie unmittelbar an den Verkäufern sehen, dass sich der gemeinnützige Verein mit Herz und Verstand für „Bürger in sozialen Schwierigkeiten“ einsetzt. Die BISS-Verkäufer tragen mit ihrem Mut und ihrer Bereitschaft zum guten Ruf von BISS bei. Sie arbeiten oft schwer daran, persönliche Schwierigkeiten zu überwinden und ein besseres Leben zu beginnen. Die Betrüger, egal ob illegale Spendensammler oder illegale Verkäufer, leisten nichts, sondern wollen abkassieren. Also Augen auf, liebe BISS-Leserinnen und Leser, kaufen Sie die BISS nur bei unseren Verkäufern!

Bei Anruf Abzocke

Von CHRISTINE AUERBACH
Illustration FILIP FRÖHLICH

Ihnen kann das nicht passieren?
Bis vor Kurzem dachte das unser Vertriebsleiter Johannes Denninger auch

Es ist Freitagmorgen. Februar. Ich habe frei. Nichts vor, außer mittags für meine Frau und einen Freund zu kochen. Die Sonne scheint. Herrlich. Ich beschließe, eine Radtour zu machen, bevor ich mich an den Herd stelle. Noch schnell ins Bad, und dann los. Ich bin gut gelaunt. Das Festnetztelefon klingelt: „Hallo, hier ist Microsoft“, sagt eine Frauenstimme in schlechtem Englisch und redet weiter. Ich verstehe sie nicht, sage „Sorry“ und lege auf. Das war das einzig Richtige, was ich in den folgenden Stunden gemacht habe. Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Wenige Minuten später klingelt das Telefon wieder: „Hallo, hier ist Microsoft.“ Diesmal eine Männerstimme in besserem Englisch. Genau hier hätte alles noch gut werden können. Ich hätte die Radtour gemacht, die Sonne genossen und danach für alle gekocht. Wenn ich genau wie vorher aufgelegt hätte. Habe ich aber nicht. „Ihr Computer ist gehackt worden“, sagt die Stimme. „Wir wollen Ihnen helfen, ihn zu reparieren.“ Von 9.30 bis 13.00 Uhr, das sind dreieinhalb Stunden, werde ich ab jetzt mit „Mister Microsoft“ telefonieren. Er sagt mir, dass er in London sitzt und dort für Microsoft arbeitet. Ich will eine Legitimation von ihm, einen lichten Moment hatte ich also, aber darauf sind die Abzocker natürlich vorbereitet. Er schickt mir eine E-Mail mit einer Büroadresse. Ich glaube ihm und erlaube, dass er sich auf meinen Computer schaltet – von da an bewegt er meine Maus. Mein Gott, Hennes! Eine E-Mail! Die hätte jeder schreiben können. Auf meinem Bildschirm öffnen sich Excel-Tabellen. Viele, viele Zahlen, dann sagt er, mein Computer sei 436mal gehackt worden. Von nun an gibt er mir das Gefühl, dass nur er und ich zusammen das Schlimmste jetzt noch verhindern können. Ich, Hennes Denninger, rette den Computer von mir und meiner Frau vor den Hackern! Mir ist völlig klar, ich muss das mit ihm durchziehen. Wir legen los. Besser gesagt, Mister Microsoft legt los. Ich sitze nur noch da und sehe zu, wie er sich durch meinen Rechner wühlt, denn ich habe ihm ja den Zugang zu allen Ordnern und Informationen gegeben. „Wie wählen Sie sich beim Online- Banking in Ihre Konten ein?“, fragt er recht bald. Ich sage ihm, dass ich die TANs mit einem TAN-Generator generiere, einem Extrakästchen, das ich von der Bank bekommen habe. Aber dieses Kästchen sei recht langsam. Genau das wird am Ende mein Glück sein.

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BISS-Ausgabe April 2019 | Barrierefrei?

Cover des BISS-Magazins April 2019

Thema | Schwellen des Lebens | Geschichten über ganz reale Barrieren und Übergänge in unserem Leben, die uns Angst machen | 6 Der letzte Umzug: Ins Pflegeheim zu ziehen, ist für viele ältere Menschen ein schwerer Schritt | 12 Mit Handicap unterwegs: Der Weg durch die Stadt mit Hindernissen und Hilfen | 16 Selbstschutz: Rettungssanitäter lernen, sich  zu verteidigen | 20 Palliativversorgung: Hermann Reigber über die Phase zwischen Leben und Tod | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Der letzte Umzug

von Gabriele Winter

Wenn im Alter die Kräfte schwinden, kann das Leben in der eigenen Wohnung gefährlich werden. Vielen Senioren fällt es jedoch schwer, ihre lieb gewonnenen Dinge und ihre Selbstständigkeit zurückzulassen und ins Pflegeheim zu ziehen. Wir haben mit Menschen in dieser Lebensphase gesprochen


Edeltraut Moser im Pflegezentrum Sendling; Foto: Olaf Unverzart

Plötzlich ging alles ganz schnell. Edeltraut Moser konnte nach einem schweren Sturz mit Kopfwunde, Oberschenkelhals- und Handgelenkbruch nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Noch im Krankenhaus kontaktierte man das Pflegezentrum Obersendling und brachte sie nach der Reha direkt dorthin. Frau Moser ist geschieden, lebte allein und konnte von Glück sagen, dass man sie überhaupt fand. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen, da hatte sie schon stundenlang blutüberströmt auf dem Fußboden gelegen. Hätte Edeltraut Moser nicht zufällig an diesem Tag einen Arzttermin gehabt, zu dem die Tochter ihrer Cousine sie abholen wollte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Auch vor dem Sturz war es Frau Moser immer schwerer gefallen, sich zu versorgen. Nach drei Infarkten waren Hausarbeit und Einkaufen eine große Belastung für sie. Seit August lebt die 93-Jährige jetzt im Pflegezentrum der Inneren Mission in Obersendling – in einem Doppelzimmer. „Das ist schon eine Umstellung, wenn man über 40 Jahre allein gewohnt hat“, meint sie. Edeltraut Moser steht auf der Warteliste für ein Einzelzimmer. „Das wird sie auch bald bekommen“, versichert ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger. Er kümmert sich um die Aufnahme der Patienten und kann nachvollziehen, dass verschiedene Charaktere nicht immer zusammenpassen. Nur musste man für Frau Moser sofort einen Platz finden, denn allein leben ging für sie nicht mehr. Während der Reha war eine gesetzliche Betreuerin für sie bestellt worden, die eine anschließende Unterbringung im Heim veranlasst hatte. Zwar ist Frau Moser völlig klar im Kopf und erzählt blumig aus ihrem Leben, nur fortbewegen kann sie sich ohne Rollator kaum noch. Früher ist sie „stundenlang an der Isar entlangspaziert“. Doch das schafft sie nicht mehr, obwohl der Fluss nicht weit entfernt liegt vom Pflegezentrum in der Baierbrunner Straße.


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