Ins Blaue

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Mit dieser Ausgabe für Juli und August beginnt für uns BISSler endgültig der Sommer. So haben an hoffentlich vielen lauen Abenden Cafés und Biergärten geöffnet, in denen gut gelaunte Menschen sitzen. Denn dort sind auch unsere mobilen Verkäufer besonders gerne mit der Zeitung unterwegs und freuen sich über rege Geschäfte. Außerdem unternehmen wir Mitte Juli wieder unseren traditionellen Betriebsausflug, bei dem Innen- und Außendienst zusammen einen Tag ins Blaue fahren. Dieses Mal geht es in den Pfaffenwinkel, der Reisebus und das Mittagessen sind schon reserviert. Kunst und Kultur kommen natürlich auch nicht zu kurz, denn es ist eine Führung in der Wieskirche in Steingaden vorgesehen. Für die 49 angestellten BISS-Verkäufer gilt August als der Urlaubsmonat, in dem sie ihr Gehalt, auch ohne zu arbeiten, bezahlt bekommen. Für unseren Verkäufer Herrn P. und seine Frau geht die Reise dieses Jahr mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV für ein Wochenende nach Straßburg. Herr P. ist nämlich der glückliche Gewinner der Reise, die BISS unter den Verkäufern, die bei der Europawahl im Mai zur Wahl gegangen sind, ausgelobt hat. So manchen unter ihnen hat man in den Wochen vor der Wahl überzeugen können, wie wichtig unser friedliches Europa ist, das hat uns gefreut. Selbst wenn Sie dieses Jahr nicht wie Herr P. verreisen, haben wir für Sie einige schöne Überraschungen bereit. Unter dem Motto „I will be with you, whatever – 25 Jahre BISS“ zeigen wir in den Räumen des H-Teams in der Plinganserstraße die schönsten Bilder unseres Jubiläumsprojekts 2018, des spektakulären Kunstpavillons am Wittelsbacherplatz. Ab sofort können Sie auch bei dem BISS-Verkäufer Ihres Vertrauens den Katalog zum Projekt kaufen, mit tollen Fotos und vielen spannenden Interviews. Und sollten Sie zufällig mit einem Lieferwagen nach Wales fahren, in dem noch Ladefläche frei ist, könnten Sie uns einen Gefallen tun und für die Künstler von Studio Morison zwei Elemente des Kunstpavillons mitnehmen. Dass aus den vielen Begegnungen und Gesprächen in den Monaten am Wittelsbacherplatz in den Menschen etwas weitergewachsen ist, erleben wir seitdem Tag für Tag. Was aus insgesamt 24 Pavillonelementen sprießt, können Sie auf Seite 26 im Heft lesen. Allen unseren Lesern, Freunden und Unterstützern wünschen wir einen schönen, langen Sommer und freuen uns auf ein Wiedersehen im September!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Vom Säen und Ernten

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Zugegeben, auf den ersten Blick hätte der Mann, der vor ein paar Wochen an einem trüben Tag im Untergeschoss der Münchner Freiheit die BISS zum Kauf anbot, auch Mitarbeiter eines nahöstlichen Geheimdienstes sein können: verspiegelte Sonnenbrille, hochgestellter Mantelkragen und die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Selbst ich habe ihn erst aus unmittelbarer Nähe als unseren Verkäufer Herrn K. erkannt, als ich ihn angesprochen habe, warum er denn seinen Verkäuferausweis nicht sichtbar trägt. Im Falle von Herrn K. gab es eine harmlose Erklärung, denn an seinem Ausweis war das Bändel abgerissen, was man vor Ort, zumindest provisorisch, mittels einer Paketschnur aus dem nahe gelegenen Kaufhaus reparieren konnte. Trotzdem hatte die Leserin, die auf den vermeintlichen Betrüger hinweisen wollte, recht gehabt, uns anzurufen. Denn leider passiert es immer wieder, dass Betrüger aus dem guten Ruf von BISS Kapital schlagen wollen. Zu diesen Betrügern gehören die falschen „Spendensammlerinnen“, die meist zu zweit mit einer Unterschriftenliste Menschen auf der Straße und in Cafés ansprechen. Und dazu gehören diejenigen, die sich widerrechtlich die aktuelle Ausgabe besorgen und vortäuschen, legale BISS-Verkäufer zu sein. Diese Betrüger schädigen alle: die Menschen, die helfen wollen, und den BISS-Verkäufer, der sich bemüht, aber keine Zeitung verkaufen kann (siehe Seite 25 in dieser Ausgabe). Wir hören von Straßenzeitungen in anderen Städten, dass auch dort Trittbrettfahrer profitieren wollen, besonders gravierend beim Berliner „Straßenfeger“, der 2018 sein Erscheinen einstellte. Nun zeichnet BISS eine sehr intensive Verkäuferbetreuung aus, dazu gehören die monatlichen Treffen mit allen Verkäufern sowie viele Einzelgespräche und Beratungen. Vor allem aber ist unser Sozialarbeiter oft auf der Straße unterwegs und spricht mit den Verkäufern an ihren Standplätzen. Er erfährt so von kleinen und größeren Nöten. Unseren Verkäufern gebührt aller Respekt, denn sie sind es, die sich jeden Tag aufs Neue bemühen, persönliche Schwierigkeiten zu überwinden. Deshalb sollen sie auch die Früchte ihrer Mühen ernten, das ist nur gerecht. Sie, liebe BISS-Leser, können Ihren Teil dazu beitragen, indem Sie bitte nur bei Verkäufern kaufen, die ihren Verkäuferausweis sichtbar tragen. Einige von ihnen tragen seit Kurzem eine rote Weste. Wenn sich das bewährt, werden wir nach und nach unseren „Außendienst“ damit ausstatten. Die Verkäufer wären dann fast wie rote Blumen – größere und kleinere –, die an vielen Orten in der Stadt blühen. Eine ganz schöne Vorstellung, oder?

Herzlichst

Geschäftsführerin Karin Lohr

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Hey guys!


Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Als sich BISS vor zwei Jahren entschieden hat, für sein 25-jähriges Jubiläum mit den britischen Künstlern von Studio Morison zusammenzuarbeiten, war das britische Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union schon gelaufen. Schon damals wollten wir unsere Verbundenheit zeigen und für ein gemeinschaftliches Handeln in Europa ein Zeichen setzen. Das Jubiläumsmotto „I will be with you, whatever“ passte zum erklärten Brexit perfekt, denn dass Großbritannien, egal was passiert, immer zu Europa gehören wird, stand für uns fest. Wir haben zwei Jahre lang unsere britischen Partner von ihrer besten Seite kennengelernt – verlässlich, klug, witzig, unprätentiös und sich leidenschaftlich für die gemeinsame Sache einsetzend, den spektakulären Pavillon am Münchner Wittelsbacherplatz. Schon einmal war BISS gemeinsam mit den Briten ein Coup gelungen, als eine Handvoll engagierter Straßenzeitungen 1994, unter der Federführung von „The Big Issue“ aus Großbritannien, das Internationale Netzwerk der Straßenzeitungen, kurz INSP, gründete. In den folgenden 25 Jahren sind dem INSP über 100 Straßenzeitungen aus aller Welt beigetreten, die sich regelmäßig treffen und darüber beraten, wie man als Straßenzeitung armen und obdachlosen Menschen am besten helfen kann. Einig sind sich alle Straßenzeitungen, dass man über die Ursachen von Armut berichten und aufklären will. Und dass Armut weltweit nur bekämpft werden kann, wenn sozial benachteiligte Menschen Zugang zu Bildung haben, sie für ihre Arbeit fair entlohnt werden und bezahlbaren Wohnraum finden. Wir BISSler sind einen Schritt weitergegangen und stellen unsere Verkäufer, die anderswo keine Arbeit finden, fest an. Dafür werben wir, auch dieses Jahr, wenn sich im Juni der INSP in Hannover treffen wird. Bei BISS arbeiten Verkäufer aus vielen europäischen Ländern: natürlich aus Deutschland, aber auch aus Österreich, Italien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Tschechien, Kroatien, der Slowakei und sogar einer aus Lettland. Einen britischen Verkäufer hatten wir noch nicht, eigentlich schade. Eine gute Sache hat das britische Brexit-Chaos bewirkt, denn es macht den Menschen in Europa bewusst, dass freie Grenzen und ein friedliches Miteinander nicht selbstverständlich sind, sondern dass man sich rechtzeitig dafür einsetzen muss. Wir werden unsere Leute ermuntern, am 26. Mai für ein demokratisches und solidarisches Europa wählen zu gehen. Ob die Briten mitwählen, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest – but hey guys, we won’t let you down!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Geld denkt nicht


Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

In München fehlen bezahlbare Wohnungen, das ist sicher. Über den Weg, wie Wohnraum für Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen, geschaffen werden kann, wird diskutiert und auch gestritten, was erst einmal nicht schlimm ist. Und weil für uns BISSler dieses Thema schon immer eine Herzensangelegenheit ist, habe ich neulich eine Veranstaltung im Münchner Nordosten besucht, auf der es um eine Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme, kurz SEM, ging. Bei dieser sichert sich die Stadt ein Vorkaufsrecht für die Grundstücke und übernimmt die Planung und Entwicklung eines größeren Gebietes, einschließlich Wohnungen, Straßen, Infrastruktur und Grünflächen. Erwartungsgemäß war die Stimmung im Saal lebhaft, und obwohl unter den anwesenden Anwohnern mehr kritische Stimmen als Befürworter zu hören waren, lasen so manche aufmerksam die Broschüre, die Pro-SEM-Aktivisten am Eingang zum Gelände verteilt hatten. Es ist schon richtig, auf der Veranstaltung hat sich keiner lautstark für den Zuzug vieler neuer Bewohner ausgesprochen. Und diejenigen, die zukünftig dort wohnen könnten, wenn es denn Wohnungen für sie gäbe, waren ja logischerweise nicht anwesend. Es hat aber auch keiner der Anwesenden dafür plädiert, im Alter allein in einem zu großen, nicht barrierefreien Haus zu wohnen, ohne Pflegedienst, weil der keine Angestellten findet, ohne nahe gelegene Einkaufsmöglichkeit und ohne öffentliche Parks und Cafés, in denen man andere Menschen außer sich selbst treffen kann. Wir BISSler haben mit unserem an der CSU-Politik gescheiterten Vorhaben, bei dem wir das ehemalige Frauengefängnis am Neudeck in ein erstklassiges Hotel zur Ausbildung benachteiligter Jugendlicher umwandeln wollten, eine leidvolle Erfahrung gemacht. Schlimm, dass die bayerische Regierung die Immobilie einem Investor zugeschlagen hat, der sie jetzt maximal verwertet, mit Preisen von bis zu 20.000 Euro je Quadratmeter. Die CSU-Regierung hat das Interesse eines Investors vor das Gemeinwohl gestellt. Noch schlimmer, dass sie nicht aus Fehlern lernt. Ein profitorientierter Investor rechnet, denkt aber nicht an die Allgemeinheit. Die Stadt und private Bauherren haben in Zusammenarbeit mit Münchner Genossenschaften eine Reihe von beispielhaften Wohnprojekten realisiert. Dort leben Menschen mit mehr und solche mit weniger Geld zusammen. Es gibt Kitas, Schulen, Ateliers für Künstler und Grünflächen, und am Beispiel des DomagkParks endlich auch ein Mobilitätskonzept. Alles nicht perfekt, aber der Weg, der sich zu verfolgen lohnt.


Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin


Zeit statt Geld

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Anlässlich einer Veranstaltung zum Thema Zeit und Nachhaltigkeit ging es auch um die Frage, ob arme Menschen generell mehr Zeit als wohlhabende Menschen haben, was wiederum in Zeiten des allgemein beklagten Zeitmangels allen Anwesenden von Vorteil schien. Schon aus dem Bauch heraus habe ich diese Annahme kategorisch abgelehnt. Ich kenne keine armen Menschen, die Zeit und Muße haben, sondern eher solche, denen es an fast allem mangelt und die genau aus diesem Grund den ganzen Tag damit beschäftigt sind, um ihr Überleben zu kämpfen. Insbesondere obdachlose Menschen müssen sich jeden Tag aufs Neue um das Allernötigste bemühen: Hygiene, Essen, Medikamente und einen sicheren Schlafplatz für die Nacht. Selbst diejenigen, denen im System der sozialen Sicherung ein bisschen mehr zur Verfügung steht, beispielsweise eine Unterkunft oder Grundsicherung, müssen warten und sich in Geduld üben, bis von anderen über ihre Anliegen entschieden wird. Besonders eindrucksvoll beschreibt das der amerikanische Soziologe Matthew Desmond in seinem Buch „Zwangsgeräumt“. Er hat über längere Zeit in Milwaukee bitterarme Menschen und ihre Familien begleitet. Die vielen Menschen, die dort in Wohnwagenparks und Ghettos leben, sind, so scheint es, fast ausschließlich damit beschäftigt, Geld entweder für die Miete ihrer erbärmlichen Unterkünfte oder für die Kosten einer Zwangsräumung, wie die Einlagerung ihrer Möbel, beizubringen. Dort hat niemand mehr die Kraft, sich für die Erziehung und Schulbildung seiner Kinder oder gesellschaftliche Themen wie den Umweltschutz einzusetzen. Es ist darum notwendig, dass sich durch die Politik die Verhältnisse für die Menschen verbessern, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. Damit die Interessen der Schwachen nicht untergehen, braucht es unsere solidarische Unterstützung. Das haben schon die Revolutionäre um Kurt Eisner vor hundert Jahren gewusst, die 1918/1919 den Freistaat Bayern gründeten. Sie haben an der Seite der Schwächeren für Frieden und Wohnraum gekämpft und nicht aufgegeben. Bleiben wir also gemeinsam dran!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin


PS: Sollte Sie jemand in einem Restaurant, einer Bar oder auf einem Wochenmarkt mit einer Unterschriftenliste ansprechen und um eine Spende für BISS bitten, verständigen Sie die Polizei. Das sind Betrüger, denn BISS sammelt keine Spenden auf der Straße.