Was uns verbindet

DER NEUANFANG

DAN ARANGHEL, 49, BISS-VERKÄUFER AN DER MÜNCHNER FREIHEIT, UND BERNHARD CLAUS, 54, KOMMUNIKATION UND MARKETING BEI BAYERNGAS

BC: Ich weiß, wie es ist, wenn sich das Leben mit einem Schlag komplett verändert. Mit Anfang zwanzig habe ich als Heizungsbauer gearbeitet, ich war sehr sportlich und bin Motorrad gefahren. Dann hatte ich einen Unfall, mein Sehnerv wurde durchtrennt, und ich war auf einmal blind. Mein Job, der Sport, das Motorrad – all das ging nicht mehr.

DA: Mein Leben hat sich komplett verändert, als meine Frau mich verlassen hat. Eines Tages komme ich von einer Reise nach Bukarest zurück, ich will die Tür unserer Wohnung aufsperren – doch der Schlüssel passt nicht mehr. Meine Frau war mit einem anderen Mann durchgebrannt, unsere Wohnung hatte sie verkauft, mein Sohn und ich standen auf der Straße. Ich wurde fast verrückt vor Zorn und begann zu trinken. Doch dann dachte ich an meinen Sohn und beschloss, nach Deutschland zu gehen, um Geld für uns beide zu verdienen.

BC: Nach dem Unfall war es nicht einfach, den Weg zurück zu finden. Aber ich habe es geschafft, mein Abi nachgeholt und IT-Kaufmann gelernt. Jetzt arbeite ich bei Bayerngas, und so habe ich auch Herrn Aranghel kennengelernt. BISS kannte ich vorher nur vom Hören, buchstäblich, ich kann die Verkäufer am Bahnhof oder in der Fußgängerzone ja nur hören, nicht sehen. Bayerngas ist der Pate von Herrn Aranghel, er hat mir seine Geschichte
erzählt, und ich freue mich, dass wir ihn als Paten unterstützen können, sich ein neues Leben für sich und seinen Sohn aufzubauen.

DA: Als ich in Deutschland ankam, habe ich keine Arbeit gefunden. Ich musste betteln und war obdachlos, drei Jahre lang. Dann gab mir ein Verkäufer die Telefonnummer von BISS, ich stellte mich vor, und bald hatte ich meinen eigenen Verkaufsplatz. Heute bin ich festangestellt. Jeden Monat schicke ich Geld an meinen Sohn in Rumänien. In ein paar Monaten kommt er nach Deutschland. Dann ist endlich wieder alles gut.

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: CHRISTOPH GURK

Was uns verbindet

Sterne und die Zukunft

HARTMUT „JACKIE“ JACOBS, 60, BISS-VERKÄUFER AM ROSENHEIMER PLATZ, UND VOLKER PAULUS, 50, INTERNETHÄNDLER

HJJ: Volker und ich sind große Science-Fiction-Fans. Besonders gern mögen wir die Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“. Von den ersten Staffeln kennen wir bestimmt jede Folge!

VP: Uns faszinieren Reisen zu den Sternen und die Zukunft. Wir lieben darum auch Filme wie „Star Wars“ oder Dokumentationen. Etwa fünf- bis sechsmal die Woche sehen wir uns, dann schauen wir meistens gemeinsam fern.

HJJ: Angefangen hat das alles vor mehr als 20 Jahren. Ich war damals schon BISS-Verkäufer, und eines Tages kaufte Volker ein Heft von mir. Wir kamen ins Gespräch, Volker mochte meinen Hund, und ich erzählte ihm, dass mein Fernseher zu Hause nicht richtig eingestellt sei, und er bot an, ihn zu reparieren.

VP: Aus einem Besuch wurden immer mehr. Jackie und ich mögen die gleichen Dinge, wir unterhalten uns gern, und irgendwann haben wir uns jeden Tag gesehen. Jackie war damals schon krank, er konnte nicht mehr richtig gehen, und ich habe ihm geholfen. Und dann kam 2013 der Unfall, der ihn in den Rollstuhl gebracht hat.

HJJ: Damals bin ich zu Hause gestolpert. Ich habe mir mehrere Wirbel gebrochen und konnte nicht mehr aufstehen. Zwei Tage lag ich in der Wohnung, fast wäre ich verdurstet, dann kam zum Glück Volker vorbei. Er hat sofort den Krankenwagen gerufen. Zehn Monate war ich in der Klinik, irgendwann war klar, dass ich für immer im Rollstuhl sitzen muss, und dann sind auch noch mein Hund und meine Katze gestorben. Das war eine sehr schwere Zeit.

VP: Jackie ging es damals sehr schlecht, er wollte sich umbringen, aber zusammen mit seiner Tochter konnte ich ihn davon abhalten. Heute helfen wir uns gegenseitig viel.

HJJ: Und wir verbringen viel Zeit zusammen. Wir gehen spazieren, in Konzerte oder auch mal ins Kino. Was für Filme wir dann sehen? Natürlich nur Science-Fiction!

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: Christoph Gurk

Käufer & Verkäufer

Marianne Wagner ( links ) ( 58) Lektoratsassistentin aus München

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man keine Wurzeln hat. Mein Vater war Diplomat, geboren bin ich darum in Osaka, aufgewachsen aber in Mailand, Addis Abeba, New York und Hongkong. Das klingt toll, aber für uns Kinder war es nicht leicht. Alle vier Jahre mussten wir umziehen, neue Freunde suchen, uns neu eingewöhnen. Nach der Schule habe ich dann in New York gearbeitet, für mein Studium bin ich aber nach München gezogen, hier habe ich einen Sohn bekommen, Freunde gefunden und Wurzeln geschlagen. Trotzdem weiß ich immer noch genau, wie es ist, wenn man sich nirgends zu Hause fühlt. Als vor Jahren ein BISS-Verkäufer in einer Kneipe auf mich zukam, habe ich darum sofort ein Heft gekauft. So mache ich das noch heute. Ich mag die Idee hinter BISS und den sozialen Anspruch. Außerdem erfährt man in den Artikeln viel über München. Das finde ich gut, schließlich ist die Stadt ja meine Heimat.

Solomon Vantu ( rechts ) ( 30 ) BISS-Verkäufer am Goetheplatz

Ich bin Straßenzeitungsverkäufer aus Leidenschaft! Mein Deutsch zum Beispiel verdanke ich nur meinen Kunden. Denn eigentlich komme ich aus einem kleinen Dorf in Rumänien, sieben Kilometer waren es bis in die nächste Schule. Nach der 8. Klasse habe ich darum eine Schneiderlehre angefangen. Jobs aber gab es nicht, also ging ich nach Deutschland und wurde Möbelpacker, alles schwarz, irgendwann flog die Firma auf, und ich war meinen Job los. So landete ich in Berlin auf der Straße. Ich musste betteln, dann erzählte mir jemand von einer Straßenzeitung. Ich versuchte es, und die Arbeit machte mir Spaß. Durch einen Zufall kam ich dann nach München, und als ich auf der Straße einen BISS-Verkäufer gesehen habe, hab ich ihn sofort angesprochen. Seitdem verkaufe ich, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, denn wie gesagt: Ich bin Verkäufer aus Leidenschaft, und bei BISS sogar mit fester Anstellung!

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: Christoph Gurk

 

Käufer & Verkäufer

Karin Degenhardt ( links ) ( 60 ) arbeitet im Vertrieb einer Hightech-Firma

Ich glaube, die BISS bringt Glück. Vor mehr als 20 Jahren war ich in San Francisco. Dort habe ich das erste Mal eine Straßenzeitschrift gesehen. Als die BISS entstand, habe ich mir oft die neueste Ausgabe gekauft. Vor acht Jahren habe ich Krebs bekommen, das ging einigermaßen gut aus. Seitdem habe ich den Wunsch, mich zu bedanken. Also unterstütze ich die BISS, wo ich kann. Jedes Mal, wenn ich einen Verkäufer sehe, kaufe ich eine, selbst wenn ich die schon zu Hause habe. Beim Kaufen der BISS bekomme ich sehr viel zurück, zum Beispiel von Herrn Jäth. Er ist aufmerksam und ruhig inmitten der Hektik des Alltags. Er ist freundlich und zuvorkommend, die Gespräche mit ihm sind bereichernd. Seine Wünsche für einen guten Tag und für Gesundheit kommen von Herzen. Das empfinde ich als ein großes Glück.

Manfred Jäth ( rechts ) ( 66 ) BISS-Verkäufer am Rotkreuzplatz

Zwei Winter habe ich auf der Straße überstanden, teilweise bei Temperaturen bis minus 15 Grad. Gelandet bin ich dort nach dem Tod meiner Frau. Wir lebten in Hannover, sie hatte einen guten Job, ich habe vor allem den Haushalt gemacht. Dann bekam meine Frau eine Herzkrankheit und starb. Schon davor hatten wir Schulden, jetzt wurden es aber immer mehr. Ich versuchte eine Arbeit zu finden, aber ich war schon zu alt, eine Stelle fand ich nicht. Ich wusste nicht mehr weiter, und 2015 ließ ich einfach alles zurück. Ich lebte auf der Straße und sammelte Pfandflaschen, acht Stunden am Tag. Ich fuhr durch halb Deutschland auf der Suche nach Hilfe, so landete ich in München und am Ende auch bei der Schuldnerberatung. Dort wurde ich zu BISS geschickt. Jetzt habe ich endlich wieder ein Zimmer und eine Arbeit, die Folgen der letzten Jahre spüre ich aber immer noch. Meine ganze rechte Körperhälfte schmerzt vom Schlafen auf dem harten Boden in den letzten beiden Wintern.

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christoph Gurk