Käufer & Verkäufer

Miladinka Milenkovic ( rechts ) ( 83 ) steht am Hauptbahnhof

Zu BISS bin ich über eine Kollegin gekommen. Ab 2009 habe ich auf dem Königsplatz Hefte verkauft, seit 2010 stehe ich am Hauptbahnhof, an der Oberfläche, wo die Bonbongeschäfte auch sind. Weil dort viel los ist, habe ich den ganzen Tag Kunden. Viele, die auf dem Weg zur S-Bahn sind oder vom Flughafen kommen, sind dort unterwegs. Die meisten sprechen nicht viel, und das ist mir recht. Wenn sie eine Ausgabe kaufen, wollen sie manchmal vorher wissen, was im Heft steht. Ich sage dann: In jeder Ausgabe steht was anderes, aber Geschichten aus München sind immer dabei. Alles muss schnell gehen, aber ich glaube nicht, dass das woanders anders ist – am Tollwood oder an der Auer Dult, wo ich manchmal verkaufe, ist es etwas ruhiger.

Rita Wüst ( links ) ( 38 ) Seminartrainerin und Moderatorin, Schwerpunkt „Psychische Gesundheit“

Frau Milenkovic sehe ich regelmäßig, wenn ich am Hauptbahnhof vom Holzkirchner Bahnhof zu den U-Bahnen oder retour laufe. Wenn ich an ihrem Standplatz am Hauptbahnhof vorbeikomme, bin ich zwar immer gerade unterwegs wohin, zu einem Kunden oder nach Hause, und habe wenig Zeit. Aber ich nehme jeden Monat eine BISS mit und sage Hallo. Viele Jahre war die BISS Teil meines Münchner Alltags. Der Verkäufer am Marienplatz im Zwischengeschoss, aber auch andere waren für mich die vertrauten Gesichter der Stadt. Mittlerweile ist die BISS für mich Zuglektüre. Denn seit 2008 wohne ich im Landkreis Landsberg, dort gibt es das Heft nicht; seitdem muss ich das Heft bewusst kaufen. Früher habe ich das Magazin immer da gekauft, wo es gerade gepasst hat, am Marienplatz oder am Hauptbahnhof. Frau Milenkovic sehe ich am Hauptbahnhof ungefähr seit der Zeit, als ich rausgezogen bin. Ich war immer neugierig, wer sie ist. Seit ich viel außerhalb Münchens unterwegs bin, kaufe ich die BISS fast immer bei ihr – und werde häufig danach im Zug auf das Heft angesprochen.

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christine Auerbach

Käufer & Verkäufer

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Sabine Franzke ( rechts ), ( 75 ) Rentnerin Renate Laupheimer ( links , engagiert sich ebenfalls im Helferkreis)

S. Franzke: Ich engagiere mich im Helferkreis Germering. Da ich schon als Jobmentorin für Mittelschüler gearbeitet habe, kam die Idee auf, ob wir nicht auch den Asylbewerbern bei der Jobsuche helfen könnten. So habe ich Husnain getroffen. Wenn wir uns unterhalten, ist das eine Mischung aus Englisch und Deutsch. Mit seiner Behinderung und ohne Sprachkenntnisse ist es für ihn natürlich doppelt schwer, hier eine Arbeit zu finden. Viele Ideen waren nur Sackgassen. Aber er wollte unbedingt etwas tun. So sind wir auf die BISS gekommen. Husnain ist ein Kämpfer, meistert das Leben hier gut und macht so viel es geht selbständig. Er hat ein sehr einnehmendes Wesen und viel gute Laune. Das hilft ihm jetzt hoffentlich auch beim Verkaufen.

Husnain Akbar ( vorn ) ( 29 ) verkauft in Herrsching

Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich 25 Jahre in Libyen gelebt. Ursprünglich bin ich aber aus Pakistan. Meine Beine habe ich bei einem Autounfall verloren. Nach Europa bin ich mit dem Boot übers Mittelmeer gekommen. Ich bin eigentlich gelernter Goldschmied und habe zehn Jahre lang Ohrringe, Armreife und Ketten aus Gold gemacht. Hier kann ich das gerade nicht machen. Deshalb habe ich eine andere Arbeit gesucht, und jetzt bin ich der 50. angestellte Verkäufer bei BISS. Ich vermisse meine Familie sehr – aber hier bin ich freundlich und nett aufgenommen worden, sonst wäre es auch noch schwerer gewesen. In Pakistan und Lybien gibt es für Behinderte keinen Respekt, kein Leben, hier schon. Auch Projekte wie BISS gibt es dort nicht. Respektiert zu werden ist für mich das Wichtigste. Und vielleicht kann ich auch irgendwann einmal wieder als Goldschmied arbeiten. Wer weiß?

Käufer & Verkäufer

_mg_0070_sw1Christian Protzek ( links ) ( 55 ) arbeitet als Elektroplaner in der Automobilwirtschaft

An Herrn Kurz bewundere ich am meisten seine Freundlichkeit. Er grüßt einfach alle – egal, ob sie nun eine Zeitung kaufen oder nicht. Er macht den Eindruck, als ob man mit ihm Pferde stehlen könnte. Wenn wir ins Gespräch kommen, lasse ich auch manchmal ein paar U-Bahnen sausen, weil ich mich so gern mit ihm unterhalte. Schon das erste Gespräch mit ihm war offen, und inzwischen sind unsere Themen wirklich tief geworden. Es ist ein richtiger Austausch entstanden auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Auch wenn es Zeiten gibt, in denen man ihm ansieht, dass es ihm gerade nicht so gut geht, spürt man doch die Lebenslust durch, die er hat. Er war ja auch schon viel unterwegs in seinem Leben. Auch dass er so viel in der Schreibwerkstatt schreibt, bewundere ich. Seine Texte dort sind wirklich stark.

Wolfgang „Butzi“ Kurz ( rechts ) ( 58 ) BISS-Verkäufer an den U-Bahnhöfen Silberhornstraße und Neuperlach Süd

Ich verkaufe die BISS an der Silberhornstraße und in Neuperlach Süd. Beim Verkaufen gefällt mir am meisten der Umgang mit den verschiedenen Menschen – ich verurteile niemanden, egal, ob er Moslem, Christ oder Orthodoxer ist, schwarz oder weiß. Bei mir sind alle gleich. Denselben Respekt wünsche ich mir von den anderen. Zu Herrn Protzek sage ich oft, er ist ein richtiger Haudegen. Und er meint immer, ich soll so bleiben, wie ich bin. Herr Protzek kennt mich schon sehr gut und weiß, wenn es mir einmal schlecht geht. Wir reden auch manchmal über unsere Enkel. In meiner Freizeit bin ich gern an ruhigen Plätzen wie dem Hachinger Bach oder ich schreibe. Zum Beispiel ja auch für die BISS-Schreibwerkstatt. Vielleicht übernehme ich auch bald einige der Stadtführungstouren von BISS. Denn auf BISS bin ich wirklich stolz. Ich habe auch einen guten Draht zu Gott. Auch wenn ich nicht in Geld schwimme, bin ich eigentlich Millionär – denn ich bin gesund.

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: Christine Auerbach