Logo des SNS BISS ist Gründungsmitglied des Internationalen Netzwerks der Straßenzeitungen. Der INSP unterstützt seit 1994 Straßenmagazine weltweit, um Arbeit für Wohnungslose und Arme zu schaffen und fördert neue Projekte in Entwicklungsländern. Das Netzwerk verbindet 100 Straßenzeitungen in 40 Ländern der Erde. SNS – die Online-Nachrichtenagentur des INSP – trägt die besten Artikel des internationalen Straßenzeitungsjournalismus zusammen und bietet sozialkritische Nachrichten, Features und Fotos von unseren Medienpartnern Reuters und Inter Press Service. BISS veröffentlicht auch im Heft und auf der Homepage Geschichten aus dem Street News Service.

Die Unsichtbaren von Kamagasaki

big_jssue_sw1Von Margit Roth

Herr Tanaka lebt auf einem kleinen Stück Karton. Neben dem Karton stehen zwei Plastiktüten mit seinen Habseligkeiten. Mehr hat er nicht, und mehr könnte er auch nicht tragen. Den Tag verbringt Herr Tanaka meistens im Airin Welfare Center, geschützt vor Sonne, Kälte und den Blicken der Passanten. Um 18 Uhr wird das Welfare Center geschlossen. Wenn das Wetter schlecht ist, stellt sich Herr Tanaka in die Schlange, um sich ein Ticket für einen der kostenlosen Schlafplätze in einer Obdachlosenunterkunft zu besorgen. Bei gutem Wetter schläft er irgendwo dort, wo ihn niemand sieht. Das Welfare Center ist kein heimeliger Ort. In der großen Halle ist es auch tagsüber dämmrig, die Wände sind dunkelgrau, die Farbe an vielen Stellen abgeblättert. Die Tür zur Männertoilette steht offen, ein strenger Geruch liegt in der Luft. Trotz der vielen Menschen im Raum ist es unheimlich still. Sie unterhalten sich nicht, sie spielen nicht Karten und hören auch keine Musik – sie sitzen einfach nur auf ihren Kartons und starren ins Leere. Morgens in aller Frühe werden im Welfare Center die Jobs vergeben. An den Säulen hängen gelbe, orange und rote Zettel mit Angeboten. Gesucht werden junge Bauarbeiter für einen Tag oder auch für Wochen. Neben der Anzahl der Tage, für die ein Mitarbeiter gesucht wird, steht das Gehalt auf dem Zettel, meist um die 10.000 Yen am Tag, also 88 Euro, und vor allen Dingen auch, wie viel vom Gehalt bei längeren Jobs für den Schlafplatz gleich einbehalten wird. Eine Wahl haben die Arbeiter nicht – wer den Job will, muss für einen schäbigen Matratzenplatz fast ein Viertel des Lohns wieder abgeben. Früher wurde Herr Tanaka häufig von den Anwerbern ausgewählt. Er kam vom Land, war es gewohnt zu arbeiten und war sich für keine Arbeit zu schade. Die Zeiten sind vorbei – für einen 60-Jährigen hat keiner mehr Verwendung.

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Internationales Treffen der Straßenzeitungen in Griechenland

114 Delegierte aus 29 Ländern trafen sich zum diesjährigen INSP-Kongress in Athen. Fünf Tage lang wurden Konzepte diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Kooperationen vereinbart – bei sommerlichen 35 Grad und umgeben von antiker Schönheit

von Margit Roth

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Für den diesjährigen INSP-Kongress, den jährlich stattfindenden Kongress der Straßenzeitungen, hatten die Organisatoren Athen gewählt, und das aus zweierlei Gründen: Zum einen sollte es ein Zeichen der Anerkennung für die Macher der neu gegründeten Straßenzeitung „Shedia“ sein und zum anderen eine Art wirtschaftliche Unterstützung für das gebeutelte Athen. In den letzten Jahren ist viel darüber geschrieben worden, wie verheerend die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf alle Bereiche des Lebens in Griechenland sind. Wir waren darauf vorbereitet, ähnlich wie vergangenes Jahr in Seattle und das Jahr davor in Glasgow, die Folgen des Geldmangels überall zu sehen. Doch genau das Gegenteil war der Fall – Athen wirkte aufgeräumt und lebendig. Die Märkte und Geschäfte waren gut besucht, die U-Bahnen voll, und abends, wenn die Temperaturen langsam erträglicher wurden, bevölkerten Einheimische und Touristen die Kneipen und Restaurants. Inmitten der Stadt, fast unwirklich schön und völlig unbeeindruckt von den Wirren der Tagespolitik, die Akropolis. Abgesehen von gelegentlichen Streiks, funktionierte die Infrastruktur reibungslos, leer stehende Häuser oder Geschäfte sah man nur selten. Aber nicht immer entspricht das, was man sieht, den tatsächlichen Verhältnissen. Wie es um Athen bestellt ist, durften die Organisatoren und TeilnehmerInnen hautnah erfahren.

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Internationales Treffen der Straßenzeitungen in Seattle

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von Karin Lohr

Möglicherweise liegt es an meiner Erinnerung an den Spielfilm „Schlaflos in Seattle“ aus den 90er-Jahren mit Meg Ryan und Tom Hanks, dass ich mir Seattle im äußersten Nordwesten der USA als Stadt vorgestellt habe, in der es ausdauernd regnet. Tatsächlich war beim INSP-Treffen Ende Juni der Himmel jeden Tag wolkenlos, und die sommerliche Trocken- und Hitzeperiode hatte dieses Jahr deutlich zu früh eingesetzt, wie unser Gastgeber vor Ort, Tim Harris, Gründer und Chef der Straßenzeitung „Real Change“, erzählte. Wie wichtig solche äußeren Bedingungen für obdachlose Menschen sind, konnte eine Gruppe von Delegierten gleich zu Beginn des Treffens auf einer Tour in eine von mehreren Zeltstädten Seattles erleben. In „Tent City 3“ leben etwa 120 Menschen in größeren Gemeinschafts- und kleineren Campingzelten. Lance, der Sprecher der dortigen Bewohner, meinte, sie seien froh, wenigstens hier einen Platz mit ein paar Bäumen und Schatten zu haben. Die Zeltstädte Seattles existieren mit behördlicher Genehmigung auf privaten und öffentlichen Grundstücken. Alle paar Monate müssen die Zeltstädte abgebaut und an einem neuen Standort, meist am Stadtrand, wieder aufgebaut werden, und es kann gut sein, dass der neue Platz eine Wüste aus Staub und Hitze ist ohne fließendes Wasser und ohne sanitäre Anlagen, nur mit chemischen Toiletten. Und doch sind die Bewohner froh, dass sie in der Zeltstadt einen Schlafplatz gefunden haben, denn sie sind dort geschützt und sicherer vor Übergriffen. Die Innenstadt Seattles wirkt überhaupt nicht heruntergekommen, es gibt viele kleine Läden, Restaurants und Bars und als Hauptattraktion den „Pike Place Market“, einen großen Markt, auf dem vor allem Lebensmittel und Kunstgewerbe angeboten werden. Einem aufmerksamen Beobachter entgehen jedoch nicht die Schlafplätze von obdachlosen Menschen in der Anlage hinter dem Marktgelände und die Zelte und Unterstände unterhalb der Stadtautobahn, in denen viele campieren. Experten berichteten auf der Tagung, dass die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, steigt. So führen massive Kürzungen in der Gesundheitsvorsorge dazu, dass drogenabhängige und psychisch kranke Menschen nicht im System betreut werden, sondern auf der Straße landen – unter ihnen zahlreiche Kriegsveteranen, die traumatisiert aus dem Irak zurückgekommen sind. Ein paar Hundert Zeltplätze und viel zu wenige Plätze in Unterkünften, für die Menschen Schlange stehen, sind jedoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bei zuletzt offiziell gezählten 10.047 obdachlosen Menschen in King County.

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Jahreskonferenz der internationalen Straßenzeitungen in Glasgow

GlasgowText: Karin Lohr

Dieses Jahr kamen die Delegierten der weltweit im INSP (International Network of Streetpapers) organisierten Straßenzeitungen nach Glasgow in Schottland. Das Treffen dauerte insgesamt drei Tage, und es gab an jedem Tag einen anderen Themenschwerpunkt für das Forum und die kleineren Gruppenveranstaltungen. Obwohl sich die einzelnen Straßenzeitungen in ihrer Heimat in ganz unterschiedlichen Geschäftsmodellen organisieren, müssen sie vergleichbare Herausforderungen bewältigen: Wie soll man mit der Digitalisierung umgehen, wie lässt sich die Auflagenhöhe stabil halten, und wie kann man die Lage der Verkäufer nachhaltig verbessern, um nur ein paar wenige zu nennen. Aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung mit Kriegen, Hunger und Vertreibung in vielen Ländern müssen Menschen aus ihrer Heimat fliehen und tauchen auch bei den Straßenzeitungen auf: Afrikaner in Italien, Roma in ganz Westeuropa und Lateinamerikaner in den USA. Straßenzeitungen bieten die Chance auf ein kleines Einkommen, und im besten Fall
vermitteln sie die Menschen in einen Sprachkurs oder an andere Hilfsangebote, sofern sie in dem jeweiligen Land existieren. BISS ist die einzige Straßenzeitung auf der ganzen Welt, die 42 ihrer Verkäufer fest angestellt hat und weitere Arbeitsplätze mit Festanstellung bietet. Das ist einmalig, und wir stellen bei den INSP-Treffen immer unser Anstellungsmodell vor und ermutigen und unterstützen andere Straßenzeitungen, es nachzumachen. Trotz der ernsten Themen war die Stimmung bestens. Die Leute, die für Straßenzeitungen arbeiten, haben nicht resigniert und sind davon überzeugt, dass sie eine sinnvolle Arbeit leisten. Der letzte Abend ist traditionell eine festliche Veranstaltung, bei der viel miteinander geredet, gelacht und getanzt wird. Dieses Jahr standen „Ceilidh dance“, also temperamentvolle schottische Tänze auf dem Programm. Nächstes Jahr findet das Treffen in Seattle in den USA statt. Tim Harris, der Executive Director der dortigen Straßenzeitung „Real Change“, berichtete, dass in Seattle aktuell in einer Nacht mehr als 9.000 obdachlose Menschen gezählt wurden, 3.000 davon auf der Straße. Die Straßenzeitungen bleiben dran und hoffentlich auch diejenigen, die sie vor Ort unterstützen und fördern.