Nachrichten aus Griechenland

In Athen wird eine Straßenzeitung gegründet

Viele Griechen haben durch die Krise ihre WoHnung oder ihr Haus verloren. Sie schlafen in Parks wie diese Frau | Foto: Yannis Behrakis/Reuters

Viele Griechen haben durch die Krise ihre WoHnung oder ihr Haus verloren. Sie schlafen in Parks wie diese Frau | Foto: Yannis Behrakis/Reuters

Mit 350 Milliarden Euro steht Griechenland in der Kreide. Als Gegenleistung für die Finanzhilfen verlangen die internationalen Geldgeber massive Einsparungen. Dazu gehören Einschnitte im öffentlichen Dienst, die Kürzung des Mindestlohns auf 586 Euro im Monat und ein Abbau der Sozialleistungen. Der Sparkurs trifft die Ärmsten. Bis Ende 2012 müssen vermutlich rund 100 000 Geschäfte schließen, dadurch werden weitere 250 000 Menschen ihre Arbeit verlieren. Schon seit 2010 droht ein Staatsbankrott. Nach Angaben der Obdachlosenhilfsorganisation Klimaka ist die Zahl derer, die sich keine Wohnung leisten können, in den vergangenen zwei Jahren um 25 Prozent gestiegen. Eine neue Straßenzeitung will helfen. Ein Gespräch mit dem Redakteur Chris Alefantis, 45.

Herr Alefantis, was bedeutet die Finanzkrise für die Ärmsten?
Dass sie immer zahlreicher werden. Man schätzt aktuell rund 20 000 Obdachlose in Athen. Wöchentlich kommen Hunderte hinzu, alles Opfer der Finanzkrise. Das sind Menschen, die vor wenigen Monaten noch einen Job, ein Haus, eine Familie, ein normales Leben hatten. Die stehen nun komplett ohne irgendwas da. Überall ist Verzweiflung und Wut.

Wo finden diese Menschen Hilfe?
Einige staatliche und private Organisationen bieten Suppenküchen an, es gibt auch Obdachlosenunterkünfte. Etwas zu essen zu finden ist noch relativ einfach, aber es gibt insgesamt viel zu wenig Einrichtungen für die steigende Zahl von Bedürftigen hier. Im Übrigen ist es doch sehr bezeichnend, dass erst jetzt die griechische Regierung den Begriff „Obdachlosigkeit“ überhaupt definieren lässt. Bis vor wenigen Wochen existierten Obdachlose offiziell nämlich gar nicht, allenfalls Arbeitslose.

Wie viele Menschen bekommen im Moment Arbeitslosengeld?
Genaue Zahlen gibt es nicht, zumal nicht jeder Arbeitslose auch Zugang zu dieser Unterstützung hat. Die, die Arbeitslosengeld erhalten, bekommen für ein Jahr monatlich 359 Euro, der Betrag wurde vor einiger Zeit gekürzt. Davon kann natürlich niemand leben. Die Zahl der Arbeitslosen hat längst die Millionengrenze überschritten. Die Chancen, einen neuen Job zu finden, sind gleich null.

Betrifft das vor allem die Hauptstadt Athen?
Nein, Armut und Arbeitslosigkeit sind überall ein Problem. In Patras, das ist die Hauptstadt der Region Westgriechenland, nach Athen und Thessaloniki die drittgrößte Gemeinde, haben beispielsweise 22 Prozent aller Arbeitsfähigen keinen Job, in Naousa, das liegt im Norden des Landes, sogar 50 Prozent. Jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos. Sie können sich vorstellen, was es bedeutet, jung zu sein und ohne irgendeine Perspektive dazustehen. Die Menschen zwischen 20 und 30 werden allein gelassen. Viele denken ans Auswandern. Griechenland ist damit wieder da angelangt, wo es in den 50er-Jahren war, als Hunderttausende nach Australien, Kanada und Amerika emigrierten.

Gibt es außer dem Arbeitslosengeld noch eine andere Unterstützung?
Das Sozialsystem ist kollabiert. Maximal gibt es – unter bestimmten Voraussetzungen – zwölf Monate lang die besagten 359 Euro. Danach sind die Menschen auf sich allein gestellt, auch die Krankenver­sicherung ist dann weg. Bislang kam der Familie eine Schlüsselrolle zu, bedürftige Angehörige wurden mitversorgt. Aber im Moment können sich viele Familien das nicht mehr leisten, weil gleich mehrere Angehörige betroffen sind.

Und in dieser Situation soll bald die erste griechische Straßenzeitung erscheinen. Wie wird sie heißen?
In lateinischen Buchstaben „Shedia“. Auf Deutsch bedeutet das „Floß“. Wir wollen die Menschen mit dieser Straßenzeitung vom Schiffswrack der griechischen Ökonomie retten und ihnen – das ist unsere Hoffnung – ein wenig Sicherheit bieten. Am Anfang soll Shedia nur in Athen verkauft werden. Aber eher früher als später wird das Projekt auf andere größere Städte ausgedehnt.

Wer steckt hinter der Zeitung?
„Goal sti Ftohia“, das bedeutet frei übersetzt „Kick off poverty“. Unser Kernteam besteht aus einer Handvoll hingebungsvoller Menschen, die etwas verändern wollen. Auch viele Freiwillige gehören dazu. Aus verschiedenen Bereichen. Ich selbst bin Journalist. Bei uns machen aber auch Architekten und Politikwissenschaftler mit, eine Sekretärin ist dabei, ein Arzt, ein Topograf, auch ein Autohändler hilft.

Gibt es Kooperationspartner? Die orthodoxe Kirche oder die halbstaatliche Obdachlosenhilfsorganisation Klimaka?
Ja, wir werden unterstützt vom Institut für die Obdachlosen der Stadt Athen, kooperieren mit der Caritas, mit Klimaka und der Jugendhilfeorganisation Arsis. Auch das Netzwerk der internationalen Straßenzeitungen hilft uns. Leider ist die Finanzierung noch nicht ganz geklärt.

Gibt es schon Kontakte zu möglichen Verkäufern?
Seit Anfang des Jahres informieren wir in entsprechenden Einrichtungen, beispielsweise bei Leuten von einer Straßenfußballmannschaft oder in einer Unterkunft des Roten Kreuzes. Die Reaktionen sind bisher durchweg positiv. Bei einer Armutsquote von 28 Prozent ist Griechenland auch einfach reif für eine Straßenzeitung.

Deutsche Berichte unterscheiden drei gesellschaftliche Ebenen: die einfachen Leute, die Ebene der Politik und die nicht eben kleine Kaste der Superreichen. Wer trägt die Hauptschuld an der Misere?
Unser korruptes politisches System. Die Menschen hätten längst schon reagieren müssen, keine Frage. Und zugleich: Wenn man Europa als Familie betrachtet, dann ist Brüssel mit in die Pflicht zu nehmen. Die haben viel zu lange zugesehen und gewusst, dass bei uns was schiefläuft. Sie haben dem System der Korruption, der Gefälligkeiten, der Filzokratie tatenlos zugesehen. Und auch im griechischen Volk wollten einfach zu viele zu lange in dieses System eingebettet sein. Dabei muss man es bekämpfen. Das ist die eine Wahrheit.

Und die andere?
Es ist frustrierend, immer wieder europaweit in der Presse lesen zu müssen, wir Griechen seien alle faul und missbrauchten Europas Finanzhilfen. Laut den jüngsten Eurostat-Zahlen haben wir eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 42,2 Stunden. Das ist mehr als in jedem anderen europäischen Land. Meine Freunde und ich haben übrigens immer unsere Steuern bezahlt.

Von Volker Macke

BISS ist Mitglied im Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP).
Der Text auf diesen Seiten stammt aus der Straßenzeitung Asphalt, Hannover.