Ein Tag im Leben eines Straßenmagazin-Verkäufers in Malawi

Bevor Harton Banda zu Malawis Straßenzeitschrift The Big Issue kam, taumelte er von einem Unglück ins nächste. Seitdem sieht er wieder eine Perspektive für sein Leben

Banda beim Verkaufen von Malawis Straßenzeitschrift »The Big Issue«

Banda beim Verkaufen von Malawis Straßenzeitschrift »The Big Issue« | Foto: Sharon Wibabara

Als Albino geboren, hatte Banda von Anfang an eine besondere Last zu tragen. Sein ungewöhnliches Aussehen und seine blasse Hautfarbe haben ihn bereits im zarten Alter anders als andere erscheinen lassen. Und wie zu erwarten, haben unverhohlene Diskriminierungen bisher jeden seiner Schritte begleitet. „Seit ich jung war, habe ich Aufsehen erregt und Blicke von anderen Menschen angezogen“, sagt Banda. „Als ich älter wurde, stellte ich fest, dass die Menschen mich auch anders behandeln.“

Psychologen haben festgestellt, dass Diskriminierungen mit Unterstützung von geliebten Menschen verwunden werden können. Aber Banda kam nie in den Genuss eines solchen Luxus. Anders als in den meisten Fällen, wenn es um Vorurteile und Diskriminierungen geht, waren es nicht nur Fremde und Nachbarskinder, die Banda anders behandelten. Auch seine eigene Familie und die Verwandten stimmten in den Reigen ein, weil er der einzige Albino in der Familie ist. „Als er im Oktober das erste Mal zu uns kam“, erzählt Jolyne Kululange, der für die Einstellung der Verkäufer im The-Big-Issue-Büro in Malawis Hauptstadt Lilongwe zuständig ist, „erzählte er mir, wie die anderen Familienmitglieder ihm manchmal erklärten, dass er keiner von ihnen sei. Sie haben ihm immer das Gefühl gegeben, dass er nicht dazugehören würde.“ Weniger starke Charaktere wären wohl daran zugrunde gegangen. Aber Banda hat alles ertragen und sich stattdessen mit recht beeindruckendem Erfolg auf sein Studium konzentriert, bis ihn die wirtschaftlichen Umstände zum Aufhören zwangen. Das war der Zeitpunkt, als Banda bei seinem Onkel in Lilongwe einzog. Doch während sein Onkel zunächst ein zwar widerwilliger, aber dennoch geduldiger Gastgeber war, dauerte es nicht lange, bis sich Banda wieder einer harten Behandlung ausgesetzt sah. Sein Onkel machte ihm unmissverständlich klar, dass er sich einen Job suchen müsse oder er würde aus seinem Zuhause fliegen.

So suchte Banda verzweifelt einen Arbeitsplatz. Aber anders als gewöhnliche junge Jobsuchende, sah er sich mit der Tatsache konfrontiert, dass nur wenige potenzielle Arbeitgeber ihm überhaupt eine Chance gaben. „Ich war bereit, alles zu tun, um Geld zu verdienen“, erzählt Banda. „Trotz der Tatsache, dass ich einen sehr guten Abschluss habe, war ich so verzweifelt, dass ich sogar anfing, nach niederen Jobs zu suchen. Aber selbst das erwies sich als schwierig. Dabei wollte ich doch nur eine Aufgabe haben, etwas worauf ich mich beim Aufwachen morgens hätte freuen können. Ich versuchte es an den verschiedensten Stellen; bat Leute, mich zu informieren, wenn Stellen frei würden, aber ich bekam ausschließlich Absagen.“

Ohne jede Aussicht auf einen Job, kam der 26-Jährige schließlich an einem Poster vorbei, auf dem arbeitslose und obdachlose junge Menschen gesucht werden, die sich mit dem Verkauf des The Big Issue selbstständig machen möchten. Banda erwartete eigentlich nicht, dass sich seine Erfolgsaussichten ändern würden, aber dann dachte er, dass es zumindest einen Versuch wert sei. Mit seiner Bewerbung in der Hand kam er ins The-Big-Issue-Büro und war regelrecht geschockt, als man ihm sagte, dass er am nächsten Morgen mit dem Verkaufen beginnen könne. Neben Euphorie löste diese unverzügliche Aussicht auf einen Job auch ein Gefühl des Bedauerns aus, schließt Banda. „Es dauerte eine Weile, bis sich der Gedanke wirklich gesetzt hatte, aber nachdem ich realisiert hatte, was passiert war, konnte ich nicht aufhören, zu beklagen, dass ich nicht schon früher von dieser Möglichkeit gewusst hatte. Monatelang hatte ich mit der Suche nach einem Job verbracht und nur Absagen bekommen und dabei hätte es alles so leicht sein können, hätte ich nur gewusst, was The Big Issue Menschen wie mir ermöglicht.“

Der Verkauf des Magazins auf den Straßen erfordert ein dickes Fell sowie die Fähigkeit, mit Ablehnung umzugehen. Aber Banda ist an Zurückweisung gewöhnt und kann diese Erfahrung gut nutzen, seitdem er mit dem Verkauf von The Big Issue begonnen hat. Aufgrund seines andersartigen Äußeren muss sich Banda immer etwas mehr anstrengen, immer etwas mehr schwitzen, um ein Magazin zu verkaufen. Ehrlich gesagt, hat er erstmal keine Chance, wenn er sich einem potenziellen Käufer nähert. Meist winkt dieser schon ab, bevor er überhaupt einen Blick darauf geworfen hat, was Banda überhaupt verkauft. Aber Banda schüttelt diese Brüskierungen einfach ab und wendet sich dem nächsten möglichen Käufer zu, und zwar mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem er sich dem vorherigen genähert hat. Diese Einstellung hat Banda weit gebracht. Nicht nur, dass er der beste Verkäufer von The Big Issue in Lilongwe ist. In seinem dritten Monat als Verkäufer hat er sogar schon dreimal mehr Magazine verkauft als der zweitbeste Verkäufer.

„Ohne Zweifel ist er der Verkäufer, der am härtesten arbeitet“, sagt Kululange, der für die Verkäufer zuständige Koordinator. Anders als seine Mitspieler, die entlang den Straßen verkaufen und so die meisten ihrer Verkäufe in der Rush Hour erzielen, beschränkt Banda sich nicht auf einen Verkaufsplatz, sondern legt große Distanzen zurück und spannt sein Verkaufsnetz so weit wie möglich. „Sicher, ich werde häufig abgewiesen, aber ich weiß, dass ich am Ende einige Käufer finden werde. Ich versuche so viele Menschen wie möglich anzusprechen, so ist zwar das Risiko der Zurückweisung höher, gleichzeitig aber auch die Chance auf einen Verkauf.“

Da Banda ein Albino ist, ist seine Haut deutlich empfindlicher als die anderer Menschen. Auf den langen Wegen unter der sengenden Sonne ist er der ganzen gnadenlosen Kraft des Wetters ausgesetzt; seine weiße Mütze und die Sonnenbrille bieten nur einen schwachen Schutz vor der Bruthitze und den gleißenden Sonnenstrahlen. Aber er macht einfach weiter, weiß er doch, dass Jammern nichts bringt. „Egal, welche Schwierigkeiten ich haben mag, da wo ich jetzt bin, ist es besser als in der Vergangenheit“, sinniert Banda. „The Big Issue hat mein Leben dramatisch verändert. Endlich kann ich für mich selber sorgen und mich um mich kümmern, so wie es ein erwachsener Mann können sollte. Ansonsten hätte ich durch Almosen überlebt, jetzt hingegen bin ich bei meinem Onkel ausgezogen und habe mein eigenes Dach über dem Kopf. Und ich spare sogar etwas von dem verdienten Geld, denn ich habe nicht vor, für den Rest meines Lebens das Magazin zu verkaufen.“

Diese Aussagen klingen wie Musik in den Ohren von Bandas Chef. Auch wenn er über den Verlust eines solch fleißigen Verkäufers natürlich enttäuscht wäre, freut es ihn gleichzeitig zu sehen, dass Banda jetzt stark genug ist, um von einem eigenen Geschäft zu träumen. Denn schließlich ist das Aufbauen persönlicher Stärke eines der Hauptziele von The Big Issue.

Autor: Joe Opio/Street News Service
Übersetzung: Jessica Michaels