Die Unsichtbaren von Kamagasaki

big_jssue_sw1Von Margit Roth

Herr Tanaka lebt auf einem kleinen Stück Karton. Neben dem Karton stehen zwei Plastiktüten mit seinen Habseligkeiten. Mehr hat er nicht, und mehr könnte er auch nicht tragen. Den Tag verbringt Herr Tanaka meistens im Airin Welfare Center, geschützt vor Sonne, Kälte und den Blicken der Passanten. Um 18 Uhr wird das Welfare Center geschlossen. Wenn das Wetter schlecht ist, stellt sich Herr Tanaka in die Schlange, um sich ein Ticket für einen der kostenlosen Schlafplätze in einer Obdachlosenunterkunft zu besorgen. Bei gutem Wetter schläft er irgendwo dort, wo ihn niemand sieht. Das Welfare Center ist kein heimeliger Ort. In der großen Halle ist es auch tagsüber dämmrig, die Wände sind dunkelgrau, die Farbe an vielen Stellen abgeblättert. Die Tür zur Männertoilette steht offen, ein strenger Geruch liegt in der Luft. Trotz der vielen Menschen im Raum ist es unheimlich still. Sie unterhalten sich nicht, sie spielen nicht Karten und hören auch keine Musik – sie sitzen einfach nur auf ihren Kartons und starren ins Leere. Morgens in aller Frühe werden im Welfare Center die Jobs vergeben. An den Säulen hängen gelbe, orange und rote Zettel mit Angeboten. Gesucht werden junge Bauarbeiter für einen Tag oder auch für Wochen. Neben der Anzahl der Tage, für die ein Mitarbeiter gesucht wird, steht das Gehalt auf dem Zettel, meist um die 10.000 Yen am Tag, also 88 Euro, und vor allen Dingen auch, wie viel vom Gehalt bei längeren Jobs für den Schlafplatz gleich einbehalten wird. Eine Wahl haben die Arbeiter nicht – wer den Job will, muss für einen schäbigen Matratzenplatz fast ein Viertel des Lohns wieder abgeben. Früher wurde Herr Tanaka häufig von den Anwerbern ausgewählt. Er kam vom Land, war es gewohnt zu arbeiten und war sich für keine Arbeit zu schade. Die Zeiten sind vorbei – für einen 60-Jährigen hat keiner mehr Verwendung.

Die ersten Tagelöhner kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Osaka, um dort am Wiederaufbau mitzuarbeiten. Ein neuer Stadtteil, Shinsekai, sollte entstehen, und dafür brauchte man viele Arbeitskräfte. Die Immobilienblase ist schon lange geplatzt, die Tagelöhner aber sind bis heute geblieben. Offiziell gibt es diese Männer und ihre Schicksale nicht, genauso wenig wie es Kamagasaki gibt. Der Stadtteil wurde nach einem Arbeiteraufstand in den 60er-Jahren kurzerhand in Airin umbenannt. An der problematischen Lage der Tagelöhner hat sich dadurch zwar nichts geändert, die Stadtverwaltung Osakas war aber das schlechte Image, das Kamagasaki seit dem Aufstand hatte, mit einem Federstrich los. Vielleicht liegt es an der Umbenennung, vielleicht an der verkehrsgünstigen Lage – viele der primitiven Unterkünfte wurden in den letzten Jahren renoviert und werden inzwischen an preisbewusste Rucksacktouristen vermietet. Für die Betreiber ein gutes Geschäft, für die Tagelöhner ein herber Schlag. Für sie bleiben nur noch die Straße, selbst gebaute Bretterhütten auf einem der verfallenen Kinderspielplätze oder die Notunterkunft zum Schlafen. „The Big Issue Japan“ wurde 2012 von Shoji Sano und Yoko Mizukoshi gegründet, um Menschen wie Herrn Tanaka zu unterstützen und einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Das Magazin erscheint alle zwei Wochen in einer Auflage von 25.000 bis 30.000 Exemplaren. 150 Verkäufer sind in ganz Japan unterwegs, um sich damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ein Großteil der Verkäufer sind ehemalige Tagelöhner, die mit 50, 60 oder 70 Jahren kaum mehr Chancen auf einen Aushilfsjob haben. Andere hatten eine gut bezahlte Arbeit, gerieten aber durch Alkohol oder Pachinko in eine Abwärtsspirale. Pachinko ist das Lieblingsspiel der Japaner. Betritt man eine der 16.000 Pachinko-Hallen Japans, landet man in einem Paralleluniversum. Es ist unglaublich laut und grell. Hunderte von Automaten reihen sich aneinander, die Spieler, zumeist Männer, sitzen Rücken an Rücken. Sie rauchen, starren, völlig in das Spiel versunken, auf die blinkenden, dröhnenden Spielautomaten, sie sind isoliert vom Rest der Welt. Die silbernen Kugeln kaufen sie säckeweise im Eingangsbereich. Schaffen sie es, den Weg der Kugeln geschickt zu steuern, spuckt der Automat einen Teil der Kugeln wieder aus. Die gewonnenen Kugeln tragen die glücklichen Gewinner in die Shops außerhalb der Spielhallen und tauschen sie gegen Waren ein. Die Gegenstände können sie anschließend wieder zu Geld machen. Glücksspiel ist zwar verboten, durch den kleinen Umweg lässt sich das Verbot aber leicht umgehen, und alle sind zufrieden. Spielsucht ist ein Problem in Japan – neun Prozent der Männer und 1,6 Prozent der Frauen sind laut einer Statistik des japanischen Gesundheitsministeriums spielsüchtig, die meisten davon gehen in Pachinko-Hallen.

Um die 200 Milliarden Euro gaben Japaner im letzten Jahr beim Spielen aus. Der Weg von der Sucht in die Arbeitslosigkeit und dadurch schließlich in die Armut und Obdachlosigkeit kann trotz eines gut funktionierenden Sozialsystems ein sehr kurzer sein. Sozialhilfe gibt es zwar, bei vielen aber ist die Scham zu groß, um staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. „The Big Issue Japan“ versucht, ehemalige Tagelöhner und Spielsüchtige dabei zu unterstützen, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Die „The Big Issue Japan“ steht auf zwei Säulen: das Magazin und die Stiftung. Durch das Magazin haben die Verkäufer die Möglichkeit, Geld zu verdienen, die Stiftung unterstützt sie bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, kümmert sich um die psychosoziale Versorgung, bietet Sportprogramme an und macht Lobbyarbeit für die Belange sozial Benachteiligter. Übergeordnetes Ziel von „The Big Issue Japan“ ist es, Obdachlose dabei zu unterstützen, sich selbst zu helfen. Das Werkzeug dafür ist die Straßenzeitung.

Wie bei Straßenzeitungen üblich, dürfen auch die „Big Issue“-Verkäufer ungefähr die Hälfte des Verkaufspreises behalten. In einem mehrstufigen Prozess sollen sie wieder zurück in die Gesellschaft finden oder zumindest zurück in eine feste Wohnung gebracht werden. Anfangs soll ein Verkäufer 25 bis 30 Zeitungen am Tag verkaufen. So verdient er ca. 5.000 Yen, umgerechnet 44 Euro, und kann sich damit einen Schlafplatz in einer der billigen Unterkünfte, den es schon für 1.000 bis 2.000 Yen gibt, leisten. In einem zweiten Schritt soll es den Verkäufern ermöglicht werden, in ein eigenes Apartment zu ziehen und dadurch auch wieder einen festen Wohnsitz zu bekommen. Dazu muss der Verkäufer über einen Zeitraum von sieben bis acht Monaten täglich 35 bis 40 Zeitungen verkaufen, um das Geld für Kaution, Maklergebühr und das Dankesgeschenk für den Vermieter anzusparen. In Japan ist es Sitte, dass der Vermieter als kleines Dankeschön vom Mieter um die zwei Monatsmieten beim Einzug geschenkt bekommt. Zusammen mit Kaution und Provision müssen also ungefähr fünf Monatsmieten aufgebracht werden, bevor eine Wohnung bezogen werden kann.

In einem dritten Schritt sollen die Verkäufer in ein normales Angestelltenverhältnis auf dem ersten Arbeitsmarkt zurückfinden – bislang haben diesen Schritt jedoch nur einige wenige geschafft. 30 bis 40 Zeitungen am Tag in Großstädten wie Tokio, Osaka oder Kyoto klingt einfach, ist es aber nicht. Japan ist ein Land, in dem die unmittelbare Mildtätigkeit und Großzügigkeit Menschen gegenüber, die vermeintlich selbst schuld an ihrer prekären Situation sind, ausnehmend gering ist. „Geben“ besitzt in Japan keinen gesellschaftlichen Stellenwert und ist kulturell nicht verankert. Japan nimmt noch hinter Kambodscha, Rumänien und Äthiopien den 102. Platz von 140 Ländern im „World Giving Index“ ein. Das Gallup-Institut startet jedes Jahr eine weltweite Erhebung, um die Spendenbereitschaft und das ehrenamtliche Engagement im Verhältnis zum eigenen Vermögen zu erfassen. Die Liste wird von Myanmar vor den USA angeführt, Deutschland belegte 2015 Platz 20. Hinzu kommt, dass keine japanische Firma mit Armut und Versagen in Verbindung gebracht werden möchte – Werbeanzeigen zu verkaufen klappt deshalb nur in Ausnahmefällen. Gekauft wird die „Big Issue“ also selten aus Solidarität oder um Obdachlose zu unterstützen, sondern weil die Artikel im Heft unterschiedlichste Interessen bedienen: Sozialkritische Reportagen sind darin ebenso enthalten wie Literatur-, Kultur- und Veranstaltungstipps, aber auch Lifestyle-Themen und Promi-Interviews. Meinen Kollegen Tomomi Tsuchida und seine KollegInnen in Osaka besuchen zu dürfen und mitzuerleben, wie sie trotz vieler Vorurteile unermüdlich, mit viel Engagement und einer spannenden Straßenzeitung dafür kämpfen, dass Menschen wie Herr Tanaka eine Chance bekommen, war sehr beeindruckend. Denn nur wenn die Themen Obdachlosigkeit und Armut enttabuisiert und die Unsichtbaren sichtbar werden, wird sich an deren Situation etwas ändern.