Déjà-vu durch Donald Trump

Arm und obdachlos zu sein ist hart in den USA, der Weg zurück in die Gesellschaft beinahe aussichtslos. Macht Trump seine Ankündigungen wahr, werden die von Obama eingeführten Sozialreformen wie Obama care ganz oder teilweise wieder rückgängig gemacht. Unsere Kollegin Suzanne Hanney arbeitet für die Straßenzeitung „StreetWise“ in Chicago. Sie hat mit Bewohnern einer Zeltstadt gesprochen und Verantwortliche um ihre Einschätzung gebeten

Charles Holder lebt mit seiner Frau und seinem Vater unter der Brücke

Charles Holder lebt mit seiner Frau und seinem Vater unter der Brücke

Text und Foto SUZANNE HANNEY

Übersetzung STEFANIE HEIM

Die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA verunsichert die Bewohner Chicagos, die obdachlos sind oder mit Wohnungslosen arbeiten. Für manche Bürger Chicagos ist die Wahl Trumps so etwas wie ein „Déjà­vu“, wie es der amerikanische Baseball­Spieler Yogi Berra nennt. Chicago ist eine Stadt im Bundesstaat Illinois, einem demokratischen sogenannten „blue state“ in einem Meer aus repulikanisch wählenden „red states“. Die Auswertung der Wählerstimmen zeigte, dass die US-Demokratin Hillary Clinton die Wahl in Illinois gewonnen hat. In Chicago bekamen die Demokraten tendenziell schon immer mehr Wählerstimmen als im Rest des Bundesstaats, der im Gegensatz zu Chicago eher ländlich, konservativ – und republikanisch – aufgestellt ist. Clintons Mehrheit kann man deshalb auch als Reaktion auf die politischen Entwicklungen der letzten zwei Jahren werten. Vor zwei Jahren gewann der Republikaner Bruce Rauner die Wahl zum Governor von Illinois und löste damit den amtierenden Demokraten Patrick Quinn ab. Der Kolumnist Rich Miller schrieb damals im „Crain’s Chicago Business“­Magazin, dass Illinois’ Wirtschaft nach Quinns sechsjähriger Amtszeit immer noch stagniere und das Budget defizitär sei. Die Wähler hätten ihre Stimmen daher einem neuen Gesicht wie Rauner gegeben. Wie Trump ist Rauner ein milliardenschwerer Geschäftsmann und hatte vorher nie ein politisches Amt besetzt. Zudem „positionierte sich Rauner als der Mann, der Dinge ändern wird“, kommentierte das „Chicago magazine“ 2014: „Gleichzeitig vermied Rauner es, Details zu nennen, die Wähler beider Parteien hätten abschrecken können. Er beschränkte sich während seiner Kampagne auf einige wenige politische Phrasen, sprach sich für die Begrenzung von Amtszeiten und Steuersenkungen aus, ohne genauer zu erklären, was er im Gegensatz zu den (nach seinen Worten) amtierenden ‚Schwachköpfen‘ anders machen würde.“

Rauner kam mit einer „Agenda der Wende“ ins Amt, die Illinois zu einem wichtigeren Wirtschaftsstandort machen sollte. Zwei Jahre später jedoch hält er nur noch an zwei Ideen fest: dem Einfrieren der Grundsteuer und der Befristung von Amtszeiten für Politiker – der die einflussreichen Demokraten, die die staatliche Gesetzgebung in Illinois kontrollieren, niemals zustimmen würden. In der Zwischenzeit weigert sich Rauner, einen staatlichen Haushaltsplan gesetzlich festzuschreiben, und er stellt Demokraten als Politiker dar, die nur die Steuern erhöhen wollten. Dank des durch ihn verschuldeten politischen Stillstands und eines 9­Milliarden­US-Dollar­Rückstands an unbezahlten Rechnungen (noch vor einem Jahr waren es lediglich 3 Milliarden) kürte die Nachrichten­ und Meinungsmacher­Website „24/7 Wall St.“ Illinois im Dezember zum am zweitschlechtesten verwalteten Bundesstaat der USA. Was aber brachte der Wandel in Illinois für Menschen am Rande der Gesellschaft? Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass es in Illinois zwar von der Regierung geführte Pflegeheime und andere Institutionen gibt, diese aber die meiste Arbeit, die bei der Versorgung und Betreuung von Wohnungslosen, älteren Mitbürgern, Menschen im Drogenentzug, Opfern von häuslicher Gewalt und anderen anfällt, an mehr als 2.000 beauftragte Organisationen delegieren. Vergangenen April berichtete „StreetWise“, dass diese meist Non­Profit­Organisationen seit Juli 2015 keine staatlichen Zahlungen mehr erhalten haben, weil kein entsprechendes Budget vorhanden ist. Stattdessen nutzten die Organisationen ihre eigenen Rücklagen, um die Gehälter der Angestellten und Verwaltungskosten zu tragen – und „liehen“ dem Staat damit quasi Geld. The United Way of Illinois, die größte der nicht staatlichen Organisationen für Gesundheits­ und humanitäre Dienste, stellte fest, dass 85 Prozent ihrer Mitglieder gezwungen waren, die Zahl der Kunden, denen sie helfen, zu reduzieren. Im Juni drängte die Chicago Coalition for the Home less Govenor Rauner dazu, ein Dokument zu unterschreiben, das Notfallgelder in Höhe von 700 Millionen US-Dollar für die Fürsorge­Organisationen bereitstellen sollte, die elf Monate lang nicht bezahlt worden waren. Am Nachmittag des 30. Juni, dem letzten Tag des staatlichen Finanzjahres, beschloss das Parlament von Illinois ein sechsmonatiges Notfall­Budget. Diese Förderung endete jedoch am 31. Dezember. Judith Gethner ist die Geschäftsführerin der 850 Mitglieder starken Vereinigung Illinois Partners for Human Service, die für die humanitären Organisationen mit Regierung und Wirtschaft verhandelt. Judith Gethner findet, es sei zu früh, um zu erkennen, welche Politik Trump verfolgen wird. „Es ist entscheidend, dass die Fortschritte, die wir schon gemacht haben, als grundlegend anerkannt werden, um weiterzukommen“, sagte sie: „Tatsächlich brauchen die Organisationen weitere Ressourcen. Während seiner Präsidentschaftskampagne hat Trump versprochen, dass er Mittel für Einrichtungen zur Verfügung stellen wird, die sich um arme Menschen und Familien kümmern. Wir hoffen, dass Trump seine Versprechen halten und diese Menschen im ganzen Land unterstützen wird.“ Zu diesen Menschen, die dringend Hilfe benötigen, gehören auch Joseph und Maria Murray. Sie wohnen in der sogenannten Uptown Tent City, einer Zeltstadt im Norden Chicagos. Dort stehen rund 18 Zelte unter der Schnellstraßen­Überführung „Lake Shore Drive“. „Wir machen uns Sorgen, dass wir hier draußen sterben“, sagt Joseph angesichts der winterlichen Minusgrade. Im April ermöglichte es die Stadtverwaltung 75 Menschen, von der Zeltstadt in feste Unterkünfte umzuziehen. Diese Menschen hatten Glück, viele andere, die später wohnungslos wurden, haben indes das Nachsehen. Eine Zählung über einen Zeitraum von zwölf Monaten ergab, dass über 1.000 Menschen in Chicago unter Schnellstraßen und Brücken leben. Für Menschen wie die Murrays fühlt sich die Stadt nicht mehr zuständig, denn sie zogen nach dem Stichtag im April in die Zeltstadt. Für Maria Murray passt Trump ins republikanische Profil mit seinen Überlegungen, Präsident Obamas Gesundheitsreform, den „Affordable Care Act“ (kurz: ACA), rückgängig zu machen. Seit der Einführung der Reform im Jahr 2010 haben laut dem US-Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste 850.000 Menschen in Illinois eine Krankenversicherung erhalten. Einige dieser neu abgeschlossenen Versicherungen werden aus dem privaten Sektor finanziert, aber 340.000 Menschen sind durch das erweiterte Gesundheitsfürsorgeprogramm „Medicaid“ für Personen mit geringem Einkommen, Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen abgesichert, das durch die Regierung finanziert wird. „Das Gesundheitssystem ist in Gefahr, bezahlbaren Wohnraum für die untere Mittelklasse und Mittelklasse gibt es praktisch nicht mehr, der Graben zwischen den Reichen und den Armen wird immer weiter. Die Welt rückt dank neuer Technologien näher zusammen, daher sollten wir nicht in die 1950er­Jahre zurückkehren – ‚Make America Great Again‘ – zu ‚Ozzie and Harriet‘“ – eine Anspielung auf eine amerikanische Sitkom, die von 1952 bis 1966 im US-Fernsehen lief. „Wir bauen eine Mauer gegen die Zusammenarbeit“, fährt Maria Murray mit Blick auf Trumps Pläne zum Thema Immigration fort. „Wir haben Angst, und das nicht nur, weil uns etwas Neues bevorsteht. Dennoch bin ich ihm für seine Offenheit und Ehrlichkeit dankbar. Er hat uns wenigstens vorher gesagt, was er vorhat.“ „Die Reichen stehen vereint gegen die Armen – und die Reichen gewinnen“, glaubt Joseph Murray. Er wuchs in einer kleinen Stadt im Bundesstaat Massachusetts auf, wo der Bäcker einem den Laib Brot auch mal schenkte, wenn man nicht genügend Geld hatte, um zu bezahlen. „Die Leute kamen von weither an, um jemandem beim Bau eines neuen Stalls zu helfen. Das gibt es heute einfach nicht mehr. Wir müssen zu den alten Traditionen zurückkehren. Ich liebe mein Land – aber nicht, was aus ihm geworden ist.“ Louis Jones, ein weiterer Zeltstadt­Bewohner, sagt: „Sie sprechen übers Geld, nicht über Fürsorge für die allgemeine Bevölkerung. Sie wollen Obamacare (ACA) kaltmachen.“ Trotzdem sieht Jones die Nachbarschaftlichkeit, an die sich Joseph Murray erinnert, auch heute noch. Chicagoer kamen kürzlich in die Zeltstadt, um Hüte, Mäntel, Decken und Heizgeräte samt Propangas vorbeizubringen. Es gibt noch Mitmenschlichkeit trotz und vielleicht auch wegen Trump.