Logo des SNS BISS ist Gründungsmitglied des Internationalen Netzwerks der Straßenzeitungen. Der INSP unterstützt seit 1994 Straßenmagazine weltweit, um Arbeit für Wohnungslose und Arme zu schaffen und fördert neue Projekte in Entwicklungsländern. Das Netzwerk verbindet 100 Straßenzeitungen in 40 Ländern der Erde. SNS – die Online-Nachrichtenagentur des INSP – trägt die besten Artikel des internationalen Straßenzeitungsjournalismus zusammen und bietet sozialkritische Nachrichten, Features und Fotos von unseren Medienpartnern Reuters und Inter Press Service. BISS veröffentlicht auch im Heft und auf der Homepage Geschichten aus dem Street News Service.

Zu Besuch bei der Montrealer Straßenzeitung „L’Itinéraire“

Zwischen Montreal und München liegen über 6.000 Kilometer. In Montreal sind es jedoch die Gemeinsamkeiten, die zuerst ins Auge fallen. In beiden Städten wurden in den 1970er-Jahren Olympische Spiele ausgetragen, in beiden Städten wird es im Winter ziemlich kalt, und wie die BISS blickt auch die Montrealer Straßenzeitung „L’Itinéraire“ (dt. Obdachlose) auf eine fast 25-jährige Geschichte zurück. Ich bin mit der Chefredakteurin Josée Panet-Raymond verabredet, um von ihr mehr über die Situation der Obdachlosen in Montreal zu erfahren.

von Margit Roth

Wann wurde „L’Itinéraire“ gegründet?

Die ersten Anfänge gab es 1989, in einer Zeit, in der es dreimal so viele Obdachlose in Montreal gab wie heute. Ein Mitarbeiter einer Obdachloseneinrichtung ermunterte Obdachlose dazu, über ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu schreiben. Dann kam es zu einer Art Schneeball­ Effekt. Begonnen hat es also 1989 mit vier fotokopierten Seiten, 1992 wurde daraus ein kleines Journal und 1994 die Straßenzeitung „L’Itinéraire“.

Wie viele Menschen arbeiten heute für „L’Itinéraire“?

Die Straßenzeitung erscheint zweimal im Monat mit einer Auflage von jeweils ca. 15.000 Stück. Momentan sind ungefähr 120 Verkäufer in Montreal und fünf kleineren Städten im Umland unterwegs. In der Redaktion und im Café arbeiten 14 Angestellte, vier davon im Rahmen eines Reintegrationsprogramms, und viele Ehrenamtliche. Einige der Angestellten waren früher selbst obdachlos.

Wie viele Menschen leben in Montreal auf der Straße?

Laut einer Erhebung im letzten Jahr gibt es in Montreal 3.016 rough sleeper, also Menschen, die draußen schlafen. Über die tatsächlichen Zahlen lässt sich jedoch schwer etwas sagen. Besonders obdachlose Frauen kommen mal hier, mal dort irgendwo unter. Sie leben nicht auf der Straße, haben aber auch keine eigene Wohnung. Die Winter in Montreal sind sehr kalt und lang.

Dürfen Obdachlose in Montreal in der Underground City, also der Stadt unter der Stadt, oder der U-Bahn schlafen?

In Montreal gibt es vier große Notschlafstellen und einige kleinere Einrichtungen. Es gibt aber immer wieder Menschen, die es ablehnen, in diese Notunterkünfte zu gehen. Diese Menschen leiden häufig unter schweren psychische Erkrankungen und wollen auf keinen Fall in eine Notschlafstelle. Wenn die Temperaturen unter minus 20 Grad fallen, erlauben die Verkehrsbetriebe, dass Menschen dort übernachten. In sehr kalten Nächten sind städtische Angestellte und Ehrenamtliche in der Stadt unterwegs und versuchen, Obdachlose davon zu überzeugen, dass es lebensgefährlich ist, draußen zu bleiben. In einem extra dafür bereitgestellten Bus können sich Obdachlose wenigstens aufwärmen. Während wirklich kalter Phasen werden darüber hinaus zusätzliche Notschlafstellen angeboten.

Der jetzige linksliberale Premierminister Justin Trudeau ist auch in Deutschland bekannt und beliebt. Hat sich durch seine Wahl die Situation für Obdachlose in Kanada geändert?

Trudeau ist sehr viel fortschrittlicher, als es sein Vorgänger Stephen Harper von der Konservativen Partei war. Trudeau hat die Mittel für das Housing First Program spürbar erhöht. Regionalgruppen und Obdachlosenorganisationen sehen darin einen Schritt in die richtige Richtung. Aber es ist immer noch viel zu tun. In der Provinz Québec hat die Provinzregierung zwar mehr Wohnungen für Wohnungslose und Arme bereitgestellt, das angestrebte Ziel aber noch nicht erreicht. Nach der Wahl Trumps gab es zahlreiche Berichte, dass Bürger aus den USA nach Kanada auswandern.

Um welche Art von Migranten handelt es sich?

Zurzeit kommen die meisten Asylsuchenden, die aus den USA weggehen, ursprünglich aus Haiti. Sie haben Angst davor, von Trump nach Haiti zurückgeschickt zu werden. Außerdem haben wir viele Menschen aus Syrien und Somalia aufgenommen. In den Sommermonaten sind Migranten aus den USA zu Tausenden über die grüne Grenze aus dem Staat New York in die Provinz Québec gekommen. In den USA gab es Gerüchte, dass Flüchtlinge in Kanada in jedem Fall akzeptiert werden würden. Fakt ist jedoch, dass jeder Einzelfall geprüft wird und es keineswegs sicher ist, dass ein Antrag positiv beschieden wird. Momentan bekommen Migranten bei uns in jedem Fall Sozialhilfe und eine Krankenkassenkarte. Wie ihre Zukunft aussehen wird, ist jedoch noch sehr unsicher. Kanada ist ein sehr offenes Land. Wir haben beispielsweise im letzten Jahr 25.000 Syrer aufgenommen. Es wird jedoch bei jedem Migranten sehr genau geprüft, ob er oder sie zu Kanada passt. Vorbestrafte und Terroristen werden sofort des Landes verwiesen.

Verkaufen mittlerweile auch Flüchtlinge die Straßenzeitung?

Nein, bislang nicht. Das könnte sich jedoch in den nächsten Jahren ändern.

Nach vielen spannenden Begegnungen, intensiven Gesprächen, einer herzlichen Verabschiedung und dem Versprechen, sich beim nächsten ISNP-Kongress wiederzusehen, fahre ich ein wenig traurig zum Flughafen.

Internationales Treffen der Straßenzeitungen in Manchester

127 Delegierte aus 28 Ländern trafen sich zum diesjährigen INSP-Kongress in Manchester. Vier Tage lang wurden Konzepte diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Kooperationen vereinbart.

Einmal im Jahr treffen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Straßenzeitungen, um über Herausforderungen zu sprechen, Lösungsstrategien zu entwickeln, sich persönlich auszutauschen und immer auch, um sich Mut zuzusprechen. Der diesjährige Kongress fand in Manchester statt. Manchester versteht sich als Arbeiterstadt, als Keimzelle gesellschaftlicher Umbrüche – die Industrialisierung Englands nahm hier ihren Anfang. Die Innenstadt Manchesters, noch vor zwanzig, dreißig Jahren ein Moloch aus Dreck und Ruß, ist in den vergangenen Jahren für Spekulanten und Investoren interessant geworden. Ähnlich wie in deutschen Innenstädten steigen die Mieten sprunghaft an. „Big Issue North“, die Straßenzeitung für den Norden Englands, versucht seit 25 Jahren, obdachlosen Menschen eine Perspektive, insbesondere durch die Möglichkeit, selbst Geld zu verdienen, zu bieten. Als eine der ältesten und größten Straßenzeitungen hat sich „Big Issue North“ dieses Jahr bereit erklärt, den Kongress zu organisieren. Wie schon auf den früheren INSP-Kongressen ist es den Organisatoren auch dieses Jahr wieder gelungen, hochkarätige Redner einzuladen. Sie kommen, weil sie die Arbeit der Straßenzeitungen schätzen und die Chance nutzen, vor weltweit gut vernetzten Multiplikatoren zu sprechen. Den Auftakt machte Prof. Richard Wilkinson. Er sprach über die Auswirkungen auf alle Mitglieder einer Gesellschaft, wenn die Schere zwischen Arm und Reich sich zu weit öffnet. Neil McInroy, Leiter eines Thinktanks, der weltweit Kommunen berät, legte seinen Fokus auf die Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft. Sein Credo: Denke global und weltoffen, kaufe lokal und stelle sicher, dass Unternehmen, vor allem Großunternehmen und Großverdiener, ihre Steuern zahlen. Über ein sehr konkretes und in zunehmendem Maße unkontrollierbares Problem unterhielten sich der Chefredakteur von „Big Issue North“, Kevin Gopal, und Michael Linnell. Linnell organisierte mehr als 30 Jahre lang Anti-Drogen-Kampagnen und koordiniert nun Englands „DrugWatch“-Programm. Linnel schilderte auf sehr eindrucksvolle Weise, welche Gefahren in den chemischen Drogen liegen, die auf der Straße billig zu bekommen, deren Zusammensetzung und Wirkung jedoch weder von den Konsumenten noch von den Ärzten und Therapeuten vorhersehbar sind. Ein absolutes Highlight des Kongresses sind die INSP-Awards, die in verschiedenen Kategorien wie Fotografie, Cover, Design und Kampagne vergeben werden. Ausgezeichnet werden herausragende Beiträge, die für alle anderen Zeitungen Vorbild und Inspiration sein können. Es ist beeindruckend, zu sehen, mit welchem Engagement und mit welcher Kreativität Journalisten und Designer aus Mexiko, Slowenien und anderen Ländern mit teils schwierigen lokalen Bedingungen brillante Ergebnisse erzielen. Viele Teilnehmer sehen sich nur einmal im Jahr an diesen vier Tagen. Die Freundschaften und Kooperationen, die in diesen Tagen geschlossen werden, wirken aber weit darüber hinaus. Nach vielen Umarmungen fahren alle wieder nach Hause und werden versuchen, für die Verkäufer und Leser eine noch bessere Zeitschrift zu machen.

Von MARGIT ROTH

Feste Arbeitsplätze für Straßenzeitungsverkäufer – ein bisschen was geht immer!

BISS-Kooperation mit Straßenzeitung „Kralji ulice“ in Slowenien und „Lice v lice“ in Mazedonien

Im Grunde genommen habe ich es den INSP-Straßenzeitungen zu verdanken, dass ich die meisten Staaten Osteuropas und des ehemaligen Jugoslawiens genau auf einer Landkarte platzieren kann. Denn auf jedem der INSP-Treffen der vergangenen Jahre fielen sie positiv auf, die smarten und sehr engagierten Mitarbeiter der Straßenzeitungen vom „Balkan“, wie wir untereinander gelegentlich scherzten. So waren als Erstes die Kollegen von „Lice v lice“ in Mazedonien ernsthaft daran interessiert, einen oder besser noch zwei ihrer Verkäufer fest anzustellen. Im Vorfeld ging es lange Zeit hin und her, per E-Mail und in ausführlichen Gesprächen, insbesondere über die eher schwierigen sozialrechtlichen Rahmenbedingungen in Mazedonien. So wie wir es verstanden haben, verliert ein Mensch dort sofort alle Sozialleistungen, wenn er eine bezahlte Arbeit annimmt. Das gilt auch, wenn er zunächst nur einen geringen Betrag hinzuverdient und zumindest für den Übergang beide Einkommensquellen bräuchte. Trotzdem ging das Projekt im vergangenen Jahr voran, und es wurde ein Verkäufer fest angestellt. In diesem Jahr folgte die Straßenzeitung „Kralji ulice“ in Slowenien, die inzwischen sogar zwei Verkäufer fest angestellt hat. In Slowenien sind die Rahmenbedingungen besser, denn das Land gehört zur EU, und Ljubljana, der Standort der Straßenzeitung, ist eine prosperierende Stadt mit viel Tourismus und Kultur. Darüber hinaus hat die slowenische Straßenzeitung eine vergleichsweise stabile verkaufte Auflage von 16.000 Exemplaren monatlich und ist gut in das Hilfesystem vor Ort eingebunden. Allen Beteiligten geht es vor allem darum, dass die Straßenzeitung in ihrem Land praktische Erfahrungen mit der Festanstellung ihrer Verkäufer macht. Das BISS-Modell dient dabei als Orientierung, muss aber in dem jeweiligen Land im Detail gestaltet werden. Was jedoch alle Straßenzeitungen in der Welt gemeinsam haben, sind ihre Verkäufer. Es sind Menschen, die in einer extremen Notlage Hilfe brauchen. Manche bleiben nur kurze Zeit, für viele jedoch bleibt der Verkauf der Straßenzeitung die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für diesen Personenkreis müssen die Straßenzeitungen richtige Arbeitsplätze schaffen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen Obdachlosigkeit und Ausgrenzung nicht verlieren wollen. Wir BISSler freuen uns sehr darüber, unsere Projektpartner unterstützen zu können. Mittel- bis langfristig bauen wir darauf, dass sich wie in München auch in den anderen Ländern Paten, die einen Teil der Lohnkosten übernehmen, für die dort angestellten Verkäufer finden werden.

Summary in English for our friends in Skopje and in Ljubljana:

The Munich streetpaper BISS proudly presents a cooperation with the streetpapers „Lice v lice“ in Mazedonia and „Kralji ulice“ in Slowenia. Until now BISS is the only streetpaper, which employs most of the vendors. With the support of BISS „Lice v lice“ and „Kralji ulice“ started a project to test employment amongst their vendors. This should bring poor and homeless people back into society and offer them not only an income, but also the opportunity of contact and communication.

Von KARIN LOHR

„We don’t need no education? – Yes, we do!“

Text  MARGIT ROTH

Mzoxolo Mtila steht in seiner blauen Weste vor der Cape Peninsula University of Technology in Kapstadt. Seit einem Jahr verkauft er hier die „The Big Issue South Africa“. Er hofft, dass vielleicht auch seine Kinder irgendwann zu den Menschen gehören, die durch die Tür der Universität gehen können, und nicht mehr davorstehen müssen. Die Chancen dafür, und das weiß auch Mzoxolo Mtila, stehen in Südafrika auch mehr als 20 Jahre nach Ende der Apartheid schlecht. Seine Familie lebt in Centani, einem Dorf am Eastern Cape, irgendwo zwischen Port Elizabeth und Durban. Mzoxolo Mtila hat dort als Tankwart gearbeitet und hat versucht, mit seinem Gehalt seine Familie zu ernähren.

Lesen Sie weiter bei »„We don’t need no education? – Yes, we do!“«…

Déjà-vu durch Donald Trump

Arm und obdachlos zu sein ist hart in den USA, der Weg zurück in die Gesellschaft beinahe aussichtslos. Macht Trump seine Ankündigungen wahr, werden die von Obama eingeführten Sozialreformen wie Obama care ganz oder teilweise wieder rückgängig gemacht. Unsere Kollegin Suzanne Hanney arbeitet für die Straßenzeitung „StreetWise“ in Chicago. Sie hat mit Bewohnern einer Zeltstadt gesprochen und Verantwortliche um ihre Einschätzung gebeten

Charles Holder lebt mit seiner Frau und seinem Vater unter der Brücke

Charles Holder lebt mit seiner Frau und seinem Vater unter der Brücke

Text und Foto SUZANNE HANNEY

Übersetzung STEFANIE HEIM

Die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA verunsichert die Bewohner Chicagos, die obdachlos sind oder mit Wohnungslosen arbeiten. Für manche Bürger Chicagos ist die Wahl Trumps so etwas wie ein „Déjà­vu“, wie es der amerikanische Baseball­Spieler Yogi Berra nennt. Chicago ist eine Stadt im Bundesstaat Illinois, einem demokratischen sogenannten „blue state“ in einem Meer aus repulikanisch wählenden „red states“. Die Auswertung der Wählerstimmen zeigte, dass die US-Demokratin Hillary Clinton die Wahl in Illinois gewonnen hat. In Chicago bekamen die Demokraten tendenziell schon immer mehr Wählerstimmen als im Rest des Bundesstaats, der im Gegensatz zu Chicago eher ländlich, konservativ – und republikanisch – aufgestellt ist. Clintons Mehrheit kann man deshalb auch als Reaktion auf die politischen Entwicklungen der letzten zwei Jahren werten. Vor zwei Jahren gewann der Republikaner Bruce Rauner die Wahl zum Governor von Illinois und löste damit den amtierenden Demokraten Patrick Quinn ab. Der Kolumnist Rich Miller schrieb damals im „Crain’s Chicago Business“­Magazin, dass Illinois’ Wirtschaft nach Quinns sechsjähriger Amtszeit immer noch stagniere und das Budget defizitär sei. Die Wähler hätten ihre Stimmen daher einem neuen Gesicht wie Rauner gegeben. Wie Trump ist Rauner ein milliardenschwerer Geschäftsmann und hatte vorher nie ein politisches Amt besetzt. Zudem „positionierte sich Rauner als der Mann, der Dinge ändern wird“, kommentierte das „Chicago magazine“ 2014: „Gleichzeitig vermied Rauner es, Details zu nennen, die Wähler beider Parteien hätten abschrecken können. Er beschränkte sich während seiner Kampagne auf einige wenige politische Phrasen, sprach sich für die Begrenzung von Amtszeiten und Steuersenkungen aus, ohne genauer zu erklären, was er im Gegensatz zu den (nach seinen Worten) amtierenden ‚Schwachköpfen‘ anders machen würde.“

Lesen Sie weiter bei »Déjà-vu durch Donald Trump«…