Logo des SNS BISS ist Gründungsmitglied des Internationalen Netzwerks der Straßenzeitungen. Der INSP unterstützt seit 1994 Straßenmagazine weltweit, um Arbeit für Wohnungslose und Arme zu schaffen und fördert neue Projekte in Entwicklungsländern. Das Netzwerk verbindet 100 Straßenzeitungen in 40 Ländern der Erde. SNS – die Online-Nachrichtenagentur des INSP – trägt die besten Artikel des internationalen Straßenzeitungsjournalismus zusammen und bietet sozialkritische Nachrichten, Features und Fotos von unseren Medienpartnern Reuters und Inter Press Service. BISS veröffentlicht auch im Heft und auf der Homepage Geschichten aus dem Street News Service.

Déjà-vu durch Donald Trump

Arm und obdachlos zu sein ist hart in den USA, der Weg zurück in die Gesellschaft beinahe aussichtslos. Macht Trump seine Ankündigungen wahr, werden die von Obama eingeführten Sozialreformen wie Obama care ganz oder teilweise wieder rückgängig gemacht. Unsere Kollegin Suzanne Hanney arbeitet für die Straßenzeitung „StreetWise“ in Chicago. Sie hat mit Bewohnern einer Zeltstadt gesprochen und Verantwortliche um ihre Einschätzung gebeten

Charles Holder lebt mit seiner Frau und seinem Vater unter der Brücke

Charles Holder lebt mit seiner Frau und seinem Vater unter der Brücke

Text und Foto SUZANNE HANNEY

Übersetzung STEFANIE HEIM

Die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA verunsichert die Bewohner Chicagos, die obdachlos sind oder mit Wohnungslosen arbeiten. Für manche Bürger Chicagos ist die Wahl Trumps so etwas wie ein „Déjà­vu“, wie es der amerikanische Baseball­Spieler Yogi Berra nennt. Chicago ist eine Stadt im Bundesstaat Illinois, einem demokratischen sogenannten „blue state“ in einem Meer aus repulikanisch wählenden „red states“. Die Auswertung der Wählerstimmen zeigte, dass die US-Demokratin Hillary Clinton die Wahl in Illinois gewonnen hat. In Chicago bekamen die Demokraten tendenziell schon immer mehr Wählerstimmen als im Rest des Bundesstaats, der im Gegensatz zu Chicago eher ländlich, konservativ – und republikanisch – aufgestellt ist. Clintons Mehrheit kann man deshalb auch als Reaktion auf die politischen Entwicklungen der letzten zwei Jahren werten. Vor zwei Jahren gewann der Republikaner Bruce Rauner die Wahl zum Governor von Illinois und löste damit den amtierenden Demokraten Patrick Quinn ab. Der Kolumnist Rich Miller schrieb damals im „Crain’s Chicago Business“­Magazin, dass Illinois’ Wirtschaft nach Quinns sechsjähriger Amtszeit immer noch stagniere und das Budget defizitär sei. Die Wähler hätten ihre Stimmen daher einem neuen Gesicht wie Rauner gegeben. Wie Trump ist Rauner ein milliardenschwerer Geschäftsmann und hatte vorher nie ein politisches Amt besetzt. Zudem „positionierte sich Rauner als der Mann, der Dinge ändern wird“, kommentierte das „Chicago magazine“ 2014: „Gleichzeitig vermied Rauner es, Details zu nennen, die Wähler beider Parteien hätten abschrecken können. Er beschränkte sich während seiner Kampagne auf einige wenige politische Phrasen, sprach sich für die Begrenzung von Amtszeiten und Steuersenkungen aus, ohne genauer zu erklären, was er im Gegensatz zu den (nach seinen Worten) amtierenden ‚Schwachköpfen‘ anders machen würde.“

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Die Unsichtbaren von Kamagasaki

big_jssue_sw1Von Margit Roth

Herr Tanaka lebt auf einem kleinen Stück Karton. Neben dem Karton stehen zwei Plastiktüten mit seinen Habseligkeiten. Mehr hat er nicht, und mehr könnte er auch nicht tragen. Den Tag verbringt Herr Tanaka meistens im Airin Welfare Center, geschützt vor Sonne, Kälte und den Blicken der Passanten. Um 18 Uhr wird das Welfare Center geschlossen. Wenn das Wetter schlecht ist, stellt sich Herr Tanaka in die Schlange, um sich ein Ticket für einen der kostenlosen Schlafplätze in einer Obdachlosenunterkunft zu besorgen. Bei gutem Wetter schläft er irgendwo dort, wo ihn niemand sieht. Das Welfare Center ist kein heimeliger Ort. In der großen Halle ist es auch tagsüber dämmrig, die Wände sind dunkelgrau, die Farbe an vielen Stellen abgeblättert. Die Tür zur Männertoilette steht offen, ein strenger Geruch liegt in der Luft. Trotz der vielen Menschen im Raum ist es unheimlich still. Sie unterhalten sich nicht, sie spielen nicht Karten und hören auch keine Musik – sie sitzen einfach nur auf ihren Kartons und starren ins Leere. Morgens in aller Frühe werden im Welfare Center die Jobs vergeben. An den Säulen hängen gelbe, orange und rote Zettel mit Angeboten. Gesucht werden junge Bauarbeiter für einen Tag oder auch für Wochen. Neben der Anzahl der Tage, für die ein Mitarbeiter gesucht wird, steht das Gehalt auf dem Zettel, meist um die 10.000 Yen am Tag, also 88 Euro, und vor allen Dingen auch, wie viel vom Gehalt bei längeren Jobs für den Schlafplatz gleich einbehalten wird. Eine Wahl haben die Arbeiter nicht – wer den Job will, muss für einen schäbigen Matratzenplatz fast ein Viertel des Lohns wieder abgeben. Früher wurde Herr Tanaka häufig von den Anwerbern ausgewählt. Er kam vom Land, war es gewohnt zu arbeiten und war sich für keine Arbeit zu schade. Die Zeiten sind vorbei – für einen 60-Jährigen hat keiner mehr Verwendung.

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Internationales Treffen der Straßenzeitungen in Griechenland

114 Delegierte aus 29 Ländern trafen sich zum diesjährigen INSP-Kongress in Athen. Fünf Tage lang wurden Konzepte diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Kooperationen vereinbart – bei sommerlichen 35 Grad und umgeben von antiker Schönheit

von Margit Roth

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Für den diesjährigen INSP-Kongress, den jährlich stattfindenden Kongress der Straßenzeitungen, hatten die Organisatoren Athen gewählt, und das aus zweierlei Gründen: Zum einen sollte es ein Zeichen der Anerkennung für die Macher der neu gegründeten Straßenzeitung „Shedia“ sein und zum anderen eine Art wirtschaftliche Unterstützung für das gebeutelte Athen. In den letzten Jahren ist viel darüber geschrieben worden, wie verheerend die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf alle Bereiche des Lebens in Griechenland sind. Wir waren darauf vorbereitet, ähnlich wie vergangenes Jahr in Seattle und das Jahr davor in Glasgow, die Folgen des Geldmangels überall zu sehen. Doch genau das Gegenteil war der Fall – Athen wirkte aufgeräumt und lebendig. Die Märkte und Geschäfte waren gut besucht, die U-Bahnen voll, und abends, wenn die Temperaturen langsam erträglicher wurden, bevölkerten Einheimische und Touristen die Kneipen und Restaurants. Inmitten der Stadt, fast unwirklich schön und völlig unbeeindruckt von den Wirren der Tagespolitik, die Akropolis. Abgesehen von gelegentlichen Streiks, funktionierte die Infrastruktur reibungslos, leer stehende Häuser oder Geschäfte sah man nur selten. Aber nicht immer entspricht das, was man sieht, den tatsächlichen Verhältnissen. Wie es um Athen bestellt ist, durften die Organisatoren und TeilnehmerInnen hautnah erfahren.

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Internationales Treffen der Straßenzeitungen in Seattle

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von Karin Lohr

Möglicherweise liegt es an meiner Erinnerung an den Spielfilm „Schlaflos in Seattle“ aus den 90er-Jahren mit Meg Ryan und Tom Hanks, dass ich mir Seattle im äußersten Nordwesten der USA als Stadt vorgestellt habe, in der es ausdauernd regnet. Tatsächlich war beim INSP-Treffen Ende Juni der Himmel jeden Tag wolkenlos, und die sommerliche Trocken- und Hitzeperiode hatte dieses Jahr deutlich zu früh eingesetzt, wie unser Gastgeber vor Ort, Tim Harris, Gründer und Chef der Straßenzeitung „Real Change“, erzählte. Wie wichtig solche äußeren Bedingungen für obdachlose Menschen sind, konnte eine Gruppe von Delegierten gleich zu Beginn des Treffens auf einer Tour in eine von mehreren Zeltstädten Seattles erleben. In „Tent City 3“ leben etwa 120 Menschen in größeren Gemeinschafts- und kleineren Campingzelten. Lance, der Sprecher der dortigen Bewohner, meinte, sie seien froh, wenigstens hier einen Platz mit ein paar Bäumen und Schatten zu haben. Die Zeltstädte Seattles existieren mit behördlicher Genehmigung auf privaten und öffentlichen Grundstücken. Alle paar Monate müssen die Zeltstädte abgebaut und an einem neuen Standort, meist am Stadtrand, wieder aufgebaut werden, und es kann gut sein, dass der neue Platz eine Wüste aus Staub und Hitze ist ohne fließendes Wasser und ohne sanitäre Anlagen, nur mit chemischen Toiletten. Und doch sind die Bewohner froh, dass sie in der Zeltstadt einen Schlafplatz gefunden haben, denn sie sind dort geschützt und sicherer vor Übergriffen. Die Innenstadt Seattles wirkt überhaupt nicht heruntergekommen, es gibt viele kleine Läden, Restaurants und Bars und als Hauptattraktion den „Pike Place Market“, einen großen Markt, auf dem vor allem Lebensmittel und Kunstgewerbe angeboten werden. Einem aufmerksamen Beobachter entgehen jedoch nicht die Schlafplätze von obdachlosen Menschen in der Anlage hinter dem Marktgelände und die Zelte und Unterstände unterhalb der Stadtautobahn, in denen viele campieren. Experten berichteten auf der Tagung, dass die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, steigt. So führen massive Kürzungen in der Gesundheitsvorsorge dazu, dass drogenabhängige und psychisch kranke Menschen nicht im System betreut werden, sondern auf der Straße landen – unter ihnen zahlreiche Kriegsveteranen, die traumatisiert aus dem Irak zurückgekommen sind. Ein paar Hundert Zeltplätze und viel zu wenige Plätze in Unterkünften, für die Menschen Schlange stehen, sind jedoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bei zuletzt offiziell gezählten 10.047 obdachlosen Menschen in King County.

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