Im Teufelskreis

von Mauritius Much

Psychische Erkrankungen sind bei allein lebenden und wohnungslosen Frauen und Männern weit verbreitet: Viele werden wohnungslos, weil sie depressiv sind. Manche werden erst psychisch krank, weil sie kein eigenes Dach über dem Kopf mehr haben. Um sie zu behandeln und um die Hilfsangebote auszubauen, sind ein langer Atem und Hartnäckigkeit gefragt

Den einen wirft der Tod seiner Partnerin vollkommen aus der Bahn. Er wird antriebslos und depressiv. Er hat keine Motivation (Lust) mehr zu arbeiten, weshalb er seinen Job verliert. Daraufhin kann er seine Miete nicht mehr zahlen. Das führt schließlich dazu, dass er zwangsgeräumt wird und auf der Straße landet. Die andere findet keinen Weg raus aus ihrer Drogensucht. Alles Geld, was sie kriegen kann, steckt sie in neuen Stoff. Schulden bei der Familie, den Freunden und beim Vermieter gehen in die Tausende. Irgendwann verliert sie ihre Wohnung und ist obdachlos. Gleichzeitig entwickelt sie infolge ihrer Drogensucht eine Psychose. Solche Beispiele sind etwa in München bei Weitem kein Einzelfall. Im Gegenteil: Depressionen oder andere psychische Erkrankungen sind bei wohnungslosen Männern und Frauen weit verbreitet. Das zeigten in den vergangenen 25 Jahren zwei Studien, die die Situation in München beleuchteten: 1994 untersuchte Professor Manfred Fichter von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München 146 obdachlose Männer und 37 Frauen. Sie lebten entweder auf der Straße oder in Unterkünften. Laut der Fichter-Studie litten 93,2 Prozent dieser wohnungslosen Münchner im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Erkrankung und Sucht.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam knapp 20 Jahre später ein Team des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München um Professor Josef Bäuml. Zwischen Mai 2010 und Juli 2012 untersuchte es 232 Personen in München, die alle in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebracht waren. Diese SEEWOLF (kurz für Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im Großraum München) genannte Studie ergab, dass 93,3 Prozent der Obdachlosen schon einmal eine psychische Krankheit hatten. 74 Prozent sind aktuell akut behandlungsbedürftig. Bei der Fichter-Studie waren es 73,4 Prozent. Diese Zahlen unterscheiden sich deutlich von den Daten der Allgemeinbevölkerung. Dort leiden 27,7 Prozent aktuell und zwischen 40 und 50 Prozent im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Erkrankung. Besonders deutlich sind die Unterschiede zwischen wohnungslosen Kranken und Patienten mit eigenem Dach über dem Kopf, was die Persönlichkeitsstörungen angeht. So leiden 55 Prozent der untersuchten Obdachlosen aus der SEEWOLF-Studie an Schizophrenie oder dem Borderline-Syndrom. In der Allgemeinbevölkerung ist es jeder Zehnte. Bei schizophrenen Patienten ist das Verhältnis 14 zu 1. Eklatant sind ebenfalls die Differenzen bei Suchterkrankungen wie dem Alkoholismus. 74 Prozent der wohnungslosen Studienteilnehmer waren süchtig, während dies laut neuen wissenschaftlichen Erhebungen nur für drei bis fünf Prozent der Normalbevölkerung gilt. Zwei Drittel der Erkrankten haben laut der SEEWOLF-Studie psychische Probleme schon Jahre bevor sie ihre Wohnung verlieren und auf der Straße landen. „Diese psychischen Belastungen prägten ihr Leben über durchschnittlich schon sechseinhalb Jahre, bevor sie in die Wohnungslosigkeit rutschten“, erklärt Gerd Reifferscheid. Er ist Referent für Gesundheit und Suchtfragen beim Katholischen Männerfürsorgeverein München und dort auch Abteilungsleiter für die Langzeiteinrichtungen. Manche litten bereits seit 30 oder mehr Jahren an Psychosen oder Depressionen. Nur in 21,2 Prozent der Fälle entwickelten Obdachlose erst eine psychische Erkrankung, nachdem sie wohnungslos geworden waren.

Die SEEWOLF-Studie ist die bisher jüngste Untersuchung von Münchner Obdachlosen und ihren psychischen Problemen. Allerdings ist das Ende des Untersuchungszeitraums bereits fünfeinhalb Jahre her. Insofern stellt sich natürlich schon die Frage, wie aktuell die Studie heute noch ist. Denn in der Zwischenzeit hat sich die Zahl der Obdachlosen in München und auch ihre Zusammensetzung verändert. Die Personenfreizügigkeit der Europäischen Union hat dazu beigetragen, dass in München mehr Wohnungslose aus Osteuropa leben. Allerdings lagen zwischen Fichter- und SEEWOLF-Studie sogar knapp 20 Jahre. Dennoch hat sich an den hohen Zahlen kaum etwas geändert. Insofern ist davon auszugehen, dass es auch im Jahr 2019 weiter sehr viele psychisch kranke Wohnungslose in München gibt. Ludwig Mittermeier, Vorstand des Katholischen Männerfürsorgevereins München, ist sogar noch pessimistischer: „Wir bekommen von unseren Einrichtungen und von Kollegen aus anderen Heimen mit, dass gefühlt Depressionen und komplexe psychische Erkrankungen eher zunehmen. Aber das können wir empirisch nicht beweisen.“ Es gibt aber auch grundsätzliche Kritik an der SEEWOLF-Studie. Vor allem die hohen Zahlen an betroffenen Obdachlosen werden in Zweifel gezogen. Der Sozialwissenschaftler Volker Busch-Geertsma kritisiert beispielsweise in einer Rezension der Studie im „European Journal of Homelessness“, dass SEEWOLF „sehr selektiv“ und „keineswegs … repräsentativ für mehrere hunderttausend Obdachlose in Deutschland“ oder auch nur für die Wohnungslosen in München sei. Busch-Geertsma stört vor allem, dass für die Studie nur Personen in Einrichtungen befragt worden seien, von denen 50 Prozent überhaupt nur in solche Heime kämen, wenn sie „ein ernsthaftes mentales Problem“ hätten. Die hohen Zahlen von psychisch Kranken in der Studie seien somit kein Wunder.

Dagegen ist einzuwenden, dass Vergleichsstudien aus anderen Städten ähnlich hohe Zahlen haben. So haben Untersuchungen in Hamburg oder Darmstadt nahezu identische Ergebnisse ergeben – genauso wie die Fichter-Studie. Und dort wurden auch Obdachlose auf der Straße untersucht, nicht nur in Unterkünften. Gegen den Vorwurf, dass in den untersuchten Einrichtungen ohnehin sehr viele psychisch Kranke sind, wehrt sich Ludwig Mittermeier: „Das stimmt einfach nicht. Es sind keine speziellen Heime für psychisch Kranke. In den Übergangs- oder Langzeiteinrichtungen leben auch Menschen ohne psychische Probleme. Die Studie zeigt einen Querschnitt, der eine gute Aussagekraft mit sich bringt.“ Mittermeier findet auch nicht, dass die SEEWOLF-Studie verallgemeinern will. Daraus könne nicht abgeleitet werden, dass alle Wohnungslosen psychisch krank seien. „Stattdessen sagt die Studie aus“, so Mittermeier, „dass ein großer Teil der Menschen in München, die wohnungslos sind, an einer psychischen Erkrankung leidet oder litt.“ Unabhängig von der Kritik an der Studie ist jedoch unstrittig, dass psychische Krankheiten bei Obdachlosen ein ernsthaftes Problem darstellen. Deshalb hat in München vor 15 Jahren im städtischen Unterkunftsheim an der Pilgersheimer Straße eine psychiatrische Praxis für Wohnungslose eröffnet. Auch in mehreren Heimen oder Notunterkünften der Stadt, des Bezirks Oberbayern oder von Trägern wie dem Katholischen Männerfürsorgeverein gibt es psychiatrisch (psychologisch) geschultes Personal, das sich um die kranken Wohnungslosen kümmert. Entscheidend dabei ist zunächst, mit dem psychisch kranken Wohnungslosen überhaupt ins Gespräch zu kommen. Denn hat jemand erst seine Wohnung verloren und landet auf der Straße, ist es nicht leicht, Vertrauen zu ihm aufzubauen. Schließlich fühlt er sich von vielen Menschen, von Ämtern oder vom Staat enttäuscht und ist dementsprechend misstrauisch.

Die von Walter Lorenz gegründete „Möwe Jonathan“ ist dabei ganz wichtig. Dort kommen die Mitarbeiter mit Obdachlosen ins Gespräch. Sie merken, wenn jemand Hilfe psychologischer Art braucht, und verweisen ihn nicht selten an die Straßenambulanz, die dreimal die Woche dieselben Orte anfährt wie die „Möwe Jonathan“, oder gleich an die Praxis für psychisch kranke Wohnungslose. Gemeinsames Ziel aller geschulten Betreuerinnen und Betreuer ist dabei die Unterstützung der kranken Menschen, damit sie professionelle Hilfe erhalten, um ihre Beschwerden zu lindern und dort, wo es möglich ist, Heilung zu erreichen. Wenn ein Obdachloser Vertrauen gefasst hat, ist es jedoch auch noch ein langer Weg. Es vergehen oft Wochen oder Monate, bis jemand überhaupt in die Straßenambulanz einsteigt. Dann dauert es auch, bis der Patient bereit ist, in die psychiatrische Praxis für Obdachlose zu gehen oder sich in einer der Unterkünfte Hilfe von psychologisch geschultem Personal zu holen. Dort sind es zunächst Altenpfleger, Krankenschwestern und Sozialarbeiter, die über Monate das Vertrauen aufbauen. Irgendwann fragen sie, ob man einen Psychiater hinzuziehen darf. Wenn sich der Patient dann auf eine medikamentöse Behandlung oder gar auf eine Therapie einlässt, kann er sich langsam stabilisieren. Die Aufnahme in Entgiftungseinrichtungen und therapeutische Wohngruppen scheitert jedoch häufig, weil Wohnungslose mit Vorurteilen belegt sind, ein zu geringes Durchhaltevermögen aufweisen oder das psychiatrische Hilfesystem nicht ausreichend auf die oft schwierigen Personen vorbereitet ist. Ein solcher Prozess dauert jedoch (bis zu fünf) oft lange Jahre. Aber der Patient kann dabei längerfristig in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe leben oder mit etwas Glück sogar in eine eigene Wohnung ziehen. Allerdings ist das selten, weil der Wohnungsmarkt in München so angespannt ist. Dadurch fehlt auch der Wohnraum für Obdachlose. Die Folge: Sie müssen viel zu lange in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe bleiben, anstatt in eigene vier Wände ziehen zu können. Dadurch sind die Wohnplätze für Bedürftige wie psychisch kranke Obdachlose belegt. In den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe gibt es dann mehrere Hilfsangebote für Obdachlose mit psychischen Problemen. In speziellen Programmen lernen sie, wie sie mit Aggression umgehen. Auch durch Kunst- oder Ergotherapie können sie zur Ruhe kommen. Alkoholiker versuchen mit der Methode des kontrollierten Trinkens, ihren Konsum schrittweise und unter Anleitung selbst zu überprüfen, indem sie ein Tagebuch schreiben und Woche für Woche selbst planen, wie viel sie trinken. Allerdings ist der Weg raus aus Sucht und psychischer Krankheit nicht leicht. Noch mehr psychologisch geschultes Fachpersonal in den Einrichtungen würde da natürlich helfen. Aber dafür fehlt nicht selten das Geld. Sehr wichtig wäre es auch, die Prävention zu stärken. Gerade die Zahlen der SEEWOLF-Studie zeigen ja auch, dass zwei Drittel bereits psychisch krank sind, bevor sie ihre Wohnung verlieren und obdachlos werden. Doch ihnen a priori zu helfen ist nicht so einfach. Denn ihnen fehlt einfach ein Vertrauter im persönlichen Umfeld, der die Krankheit erkennt und dann Hilfe leistet. Sie haben keine Familie oder keinen Freundeskreis, die sie an die Hand nehmen und zum Psychologen fahren. Stattdessen bleiben sie mit ihren psychischen Problemen allein, weil sie aus zerrütteten Familien stammen oder in Heimen groß geworden sind und niemanden hatten, der die Krankheit erkannt hat.