„I will be with you, whatever“

KUNSTAKTION IM ÖFFENTLICHEN RAUM ZUM 25-JÄHRIGEN JUBILÄUM VON BISS

Für das 25-jährige Jubiläum von BISS haben die britischen Künstler Studio Morison eine Skulptur entworfen, die ab 30. Juni im Herzen von München auf dem Wittelsbacherplatz stehen wird.

Von DR. CAROLINE FUCHS, KURATORIN

MIT DEN MITTELN DER KUNST INMITTEN DER STADT
Als wir im Sommer 2016 anfingen, gemeinsam ein Projekt für das Jubiläumsjahr 2018 zu planen, standen die grundlegenden Eckpunkte schnell fest: Mit den Mitteln der Kunst soll die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, dass der öffentliche Raum ein hohes Gut ist, das es zu erhalten gilt. Nachdem insbesondere arme und sozial benachteiligte Menschen zunehmend aus den Innenstädten verdrängt werden, sollte das künstlerische Werk an einem zentralen Platz in München realisiert werden. Es sollte ein Symbol für die Qualität und den hohen Anspruch der Arbeit von BISS sein. Ausgehend von diesen Rahmenbedingungen ging unsere Einladung, ein Kunstwerk für BISS zu entwerfen, an das Künstlerduo Heather Peak Morison und Ivan Morison aus Großbritannien.

VOM RECHTECK ZUR SKULPTUR
Für ihre Skulpturen gehen die Künstler häufig von geometrischen Grundformen aus, die sie durch einfache Techniken in eine raffinierte Form bringen. Auch „I will be with you, whatever“ basiert auf einem schlichten Rechteck, das allein durch Faltungen sein spektakuläres Aussehen erhält. So entsteht ein Pavillon, dessen Gestalt sowohl an ein Karussell als auch an ein Bonbon erinnert und so dem Gedanken Ausdruck verleiht, dass BISS der Stadt mit diesem Kunstwerk für die 25-jährige Unterstützung danken möchte. Ausgeführt wird die Skulptur als Leichtgerüst aus Holz und Stahl, das mit einem silbernen Stoff überzogen wird. „I will be with you, whatever“ ist ein glänzendes Geschenk an die Münchnerinnen und Münchner. Die vielen Falten und Flächen seiner Form entsprechen der Vielfalt der BISS-Verkäufer und -Verkäuferinnen und BISS-Unterstützerinnen und -Unterstützer, ohne die der Verein seine wertvolle Arbeit nicht leisten könnte.

ORT DER BEGEGNUNG
Mit insgesamt vier Eingängen wird die Skulptur immer zugänglich sein und allen offenstehen. Damit schließt sie an die historische Funktion von Pavillons an, die traditionell in der Gestaltung von Plätzen, Parks und Gärten Orte der Zusammenkunft und der Erholung waren, in der heutigen Stadtgestaltung aber nur noch sehr selten eine Rolle spielen. „I will be with you, what ever“ verwandelt einen öffentlichen Platz, an dem sonst nur wenige Passanten stehen bleiben, in einen Ort des Verweilens. Dieser Idee entsprechend wird der Pavillon am Wittelsbacherplatz immer offen und begehbar sein.

SICHTBARKEIT/UNSICHTBARKEIT
Im Inneren des Pavillons wartet auf den Besucher das Reiterstandbild Maximilians I. (1573–1651), das durch die Skulptur von Studio Morison teilweise verdeckt wird. Vom Rand des Platzes wird man den Reiter immer oben aus seiner Verhüllung herausschauen sehen. Je nach Lichtverhältnissen kann tagsüber ein Großteil der Skulptur verdeckt oder auch durch den gewebten Stoff hindurch gut erkennbar sein. Nachts ist Maximilian dann durch eine Beleuchtung im Inneren des Pavillons schon aus der Ferne deutlich sichtbar. Die teilweise Verhüllung der Statue auf dem Platz versteckt in diesem Sinne die Statue nicht, sondern lenkt ganz im Gegenteil die Aufmerksamkeit erst auf sie. Dieses Spiel mit der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit des Reiterstandbildes ist eine Auseinandersetzung mit unserer Aufmerksamkeit im Alltag. Wer wie wahrgenommen wird, bestimmt unser Zusammenleben oft auf entscheidende Weise. Die Teilhabe von Menschen, die nicht im Zentrum der Gesellschaft stehen, kann von ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit abhängig sein. Genauso können unsichtbare Grenzen, Schwellen oder Hürden Menschen ausschließen. In diesem Sinne lenkt die teilweise Verhüllung von Maximilian I. die Aufmerksamkeit der Betrachterinnen und Betrachter nicht nur auf das Denkmal selbst, sondern auch auf die eigene Wahrnehmung eines jeden Einzelnen. Gleichzeitig bietet der Pavillon die Möglichkeit, den öffentlichen Raum aus einer neuen Perspektive zu erleben. Betritt man die Skulptur, verschwindet die Außenwelt wie hinter einem Schleier. Es entsteht ein Gefühl von Zurückgezogenheit, das im Gegensatz zu der Geschäftigkeit im Zentrum einer Millionenstadt steht.

EIN ZENTRALES ANLIEGEN AN EINEM ZENTRALEN ORT
Die schillernde, acht Meter hohe Skulptur wird ein Blickfang sein, ein Leuchtturm für BISS und seine Verkäuferinnen und Verkäufer. Der Ort ist dafür programmatisch gewählt. BISS gehört ins Zentrum von München genauso wie die illustre Nachbarschaft vor Ort, sei es Siemens oder das Haus Wittelsbach. Dass die Gesellschaft zum Thema Armut Position beziehen muss, wusste im Übrigen schon Maximilian I., der in seinem Testament zugunsten der Armen auf ein aufwendiges Begräbnis verzichtete (siehe BISS-Magazin 05/2018). Über seine Verhüllung tritt die Skulptur von Studio Morison also auch in einen inhaltlichen, die Jahrhunderte übergreifenden Dialog über die Frage von Macht und Sozialpolitik. Der Wittelsbacherplatz wird mit diesem Kunstwerk zu einem Ort des Austausches, der Begegnung, des Feierns genauso wie des Nachdenkens. Ein vielfältiges Begleitprogramm, das zum gemeinsamen Singen, Hören, Sehen, Diskutieren, Spielen, Sichbewegen und Feiern einlädt, wird sich mit Fragen der sozialen (Un)gerechtigkeit auseinandersetzen sowie mit unserer Rolle im öffentlichen Raum.

Studio Morison KÜNSTLER-DUO

Hinter dem Künstlerkollektiv Studio Morison stehen Ivan Morison und Heather Peak Morison, die seit 2003 zusammenarbeiten. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich an der Schnittstelle zwischen bildender Kunst, Architektur und Theater. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Auseinandersetzung mit den Orten, an denen Menschen leben, und mit den Gemeinschaften, die dort existieren oder existieren könnten. Ihre Skulpturen und Installationen im öffent lichen Raum schaffen Möglichkeiten der Zusammenkunft, des Austausches und der Begegnung. An zahlreichen Orten in Europa, den USA, Australien und Kanada waren sie schon zu sehen, unter anderem auf der Biennale in Venedig (2007) und vor der Tate Modern in London (2012–2015).

Ingvild Goetz SCHIRMHERRIN

Ingvild Goetz engagiert sich seit den frühen 1970er-Jahren für zeitgenössische Kunst. Ihre international bedeutende Sammlung konzentriert sich auf die Arte Povera, die Kunst der jeweiligen Gegenwart und Werke von ausgewählten Künstlerpersönlichkeiten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Videokunst. Seit 1993 ist ihre Sammlung in einem von Herzog & de Meuron entworfenen Museumsgebäude in München zu sehen, das sie 2014 zusammen mit ihrer Medienkunstsammlung dem Freistaat Bayern als Schenkung übergab.