Heimweh

Etwa 700.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche lebten in den Jahren 1949 bis 1975 vollständig oder zeitweise in Heimen. Was sie dort erleben und erleiden mussten, blieb viele Jahre von der Öffentlichkeit unbeachtet. Eine Studie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München dokumentiert jetzt dieses Leid und die Auswirkungen der Traumata aus der Kindheit und Jugend auf die spätere Biografie1. Die wesentlichen Erkenntnisse hat Helga Dill, eine der Mitautorinnen der Studie, für BISS zusammengefasst

Von  HELGA DILL

Illustration  BARBARA YELIN

Klaus Müller* war zwölf Jahre alt, als er 1954 in ein Heim kam. Die Eltern hatten sich getrennt. Der einflussreiche, gut situierte Vater schickte den Jungen in ein Landschulheim. Die Kinder mussten dort Gewaltmärsche machen, Prügel und andere Strafen waren an der Tagesordnung. Vor der Schule mussten schwere Garten-­, Feld­- und Küchenarbeiten erledigt werden. Als Klaus wieder einmal mit einem harten Gegenstand verprügelt wurde, lief er aus diesem Landschulheim weg. Seine Mutter nahm ihn auf. Klaus ging ins Gymnasium. Aber dieses Familienleben dauerte nur ein Jahr. Der zweite Mann der Mutter starb. Klaus musste zu seinem Vater ziehen. Der schickte den Sohn auf ein Internat, aus dem er ebenso weglief. Auf Betreiben des Vaters übernahm das Jugendamt die Regie über den jetzt 14-Jährigen, es wies ihn in ein Jugendheim ein. Klaus floh wieder, wurde in ein anderes, strengeres Heim verlegt. 1959 verfügten Vater und Jugendamt die Unterbringung des Jungen in Freistatt, einem der berüchtigtsten Heime für Jugendliche in jener Zeit. In Freistatt wurde Klaus zu einer namenlosen Nummer, Nummer 12. Zweimal pro Tag durften die Nummern auf Befehl aufs Klo. Der Schlafsaal war ein ehemaliger vergitterter Viehstall; die Hauskleidung ein grüner zerlumpter Leinenanzug, dazu Holzschuhe, die zu klein waren. Klaus musste – wie die anderen Jungen – schwere Arbeit verrichten, Torfstechen im Moor. Das Essen war karg und kaum genießbar, die Strafen sadistisch und brutal: Stehzwang beim Essen, Stehen den ganzen Tag, Kostentzug, oft tagelanges Sprechverbot, Latrinendienst oder Arrest. Die Arrestzelle, das sogenannte Besinnungsstübchen, war tagsüber mit einem Hocker möbliert, dazu gab es die Bibel zu lesen. Nachts bekam Klaus einen Strohsack und eine Decke. Die Zelle wurde mit einem eiskalten Wasserstrahl ausgespritzt, dem man nicht ausweichen konnte. Klaus versuchte abermals zu fliehen, wurde aufgegriffen und so brutal verprügelt, dass er mehrere Knochenbrüche erlitt. Ärztliche Versorgung gab es nicht. Die Folgen dieser Verletzungen spürt Klaus noch heute. Ein Diakon versorgte Klaus mit Essen und Tabak und versprach, ihn zu schützen. Dafür verlangte er Sex. Er vergewaltigte Klaus mehrfach, auch mit harten Gegenständen. Körperliche und seelische Verletzungen waren die Folge, Ekel, Scham und Widerwillen. Klaus wandte sich an den Heimleiter, erzählte von den Vergewaltigungen. Der Heimleiter bezichtigte ihn der Lüge, verpflichtete ihn zu schweigen. Weitere Repressalien folgten. Klaus durfte seiner Mutter nicht mehr schreiben. Er fühlte sich absolut ohnmächtig, ausgeliefert und dachte nur an Flucht. Im Januar 1961 wurde er endlich aus der Fürsorgeentziehung entlassen. Freistatt ist ein besonders brutales Beispiel für die Heimerziehung in der frühen Bundesrepublik. Aber Klaus ist kein Einzelfall. 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Die darin festgeschriebenen Menschenrechte galten allerdings nicht für alle. In vielen Heimen für Kinder und Jugendliche kam es zu Misshandlungen der Schutzbefohlenen, zu drakonischen körperlichen und psychischen Strafmaßnahmen, zu Demütigungen, militärischem Drill, sexueller Gewalt. Die Kinder waren diesen Übergriffen schutzlos ausgesetzt. Sie hatten keine Lobby, niemanden, der sie vertrat.

Gegen die Verwahrlosung der Jugend

Nachkriegsdeutschland. Der Krieg war vorbei. Deutschland hatte kapituliert. Die Besatzungsmächte bemühten sich um Entnazifizierung. Aber viele Institutionen und Personen konnten nahezu ungebrochen ihre Arbeit aus dem Nationalsozialismus fortsetzen. Der Neuanfang gelang nicht im Bereich der Jugendhilfe. Die pädagogischen Einrichtungen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Pädagogik und (Jugend­)Psychiatrie blieben vom nationalsozialistischen, rassistischen Geist geprägt. Die Heime waren zu 80 Prozent in kirchlicher Trägerschaft. Ordensschwestern und ­brüder arbeiteten in den Einrichtungen, zumeist ohne pädagogische Ausbildung und ohne wirksame Kontrolle. Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922, das auch im Nationalsozialismus weitgehend beibehalten wurde, galt nach wie vor. Das Hauptziel dieses Gesetzes war es, die deutsche Jugend „vor Verwahrlosung zu schützen“. Ein Großteil der ehemaligen Heimkinder ist zwischen 1940 und 1969 geboren. Das bedeutet, dass Kriegserlebnisse und unmittelbare Nachkriegserfahrungen in den meisten Lebens­ und Familiengeschichten der ehemaligen Heimkinder eine gewichtige Rolle spielen – zum Teil als selbst erlebte Kriegs­ oder Fluchterfahrung, zum Teil als direkt oder indirekt vermittelte Erfahrungen der Eltern­ und Großelterngeneration. Unvollständige Familien – heute Ausdruck des Zeitgeistes – waren damals eine Folge des Krieges. Viele Väter kamen gar nicht oder traumatisiert durch die erlebte Gewalt aus dem Krieg zurück. Flucht und Vertreibung hatten Familien auseinandergerissen. Es gab zahlreiche Kriegswaisen. Viele ehemalige Heimkinder waren Kinder alleinerziehender Mütter. Sie standen automatisch unter Amtsvormundschaft. Vor allem wenn sie unehelich geboren waren, war das Jugendamt schnell mit einer Heimunterbringung bei der Hand. Teilweise wurden die Kinder sofort nach der Geburt ins Heim gebracht. Manche Kinder lernten ihre Mütter und Väter erst nach Jahren kennen. Viele Betroffene haben schon in der Familie Gewalt erlebt. Heute sagt man dazu Kindeswohlgefährdung. Auch heute führt das zu einer Heimunterbringung. In den Jahren zwischen 1949 und 1975 war das Kindeswohl in vielen Heimen ebenso gefährdet.

Das Leben im Heim

Das Leben im Heim war bestenfalls lieblos. Die Kinder hatten keine Vertrauensperson, niemanden, der mit ihnen spielte, scherzte, lernte, sie in den Arm nahm, tröstete, ihnen das Gefühl gab, gewünscht und einzigartig zu sein. In den Augen des Heimpersonals waren die ihnen anvertrauten Kinder überwiegend negativ besetzt. Sie kamen aus „schlechten“ Familien, aus sündigen Lebensverhältnissen. Sie mussten hart angefasst werden, um auf den rechten Weg gebracht und dort gehalten werden zu können. Das pädagogische Konzept war demnach harter Drill, eingebettet in einen strikt geregelten Tagesablauf, der individuelle Bedürfnisse nicht vorsah. Die Regeln durften nicht hinterfragt werden. Aber auch das Einhalten der Regeln schützte nicht immer vor Strafe, weil oft kollektiv geschlagen wurde. Das Repertoire der Strafen liest sich wie ein Folterhandbuch: Schläge, Prügel mit Gegenständen wie Stöcken, Ruten oder Schlagringen, Spießrutenlaufen. Öffentlich inszenierte Prügelstrafen vor den Augen der anderen Kinder kamen ebenso vor wie Prügelattacken aus heiterem Himmel. In den meisten Heimen wurden Kinder eingesperrt, in kleine, dunkle Kammern, auf dem Dachboden, im Keller.

Diese Karzer wurden zusätzlich oft noch mit Angst besetzt: „Da wohnt der Teufel.“ Zu den Strafen gehörten aber auch Knien auf Holzscheiten, stundenlanges Stehen, Herumschleudern, sogar Scheinhinrichtungen. Das Essen war oft Strafe. Die Kinder mussten aufessen. Wenn sie das zum Beispiel aus Ekel nicht konnten, wurden sie gezwungen. Wenn die Kinder das Essen erbrechen mussten, mussten sie oft das Erbrochene essen. Diese Strafen waren nicht nur schmerzhaft, sie waren immer auch eine Demütigung. Zusätzliche Erniedrigung erfuhren die Kinder durch Herabsetzungen. Die Erzieherinnen und Erzieher signalisierten ihnen immer wieder, nicht zu taugen, nichts wert zu sein. Dies fand seinen für das spätere Leben folgenreichsten Niederschlag im Vorenthalten von Bildungschancen. In vielen Heimen wurden die Kinder auch unterrichtet, in der Regel nur bis zur Erfüllung der Schulpflicht. In den externen Schulen wurden die Erniedrigung und die Entmutigung aus dem Heim fortgesetzt. Die Heimkinder waren stigmatisiert. Als würden diese Misshandlungen der eigentlich schutzbedürftigen Mädchen und Jungen nicht schon genügen, um zu traumatisieren, erlebte ein Drittel der befragten Betroffenen auch sexualisierte Gewalt – durch das Heimpersonal, durch andere Kinder, aber auch durch fremde Erwachsene, die ins Heim kamen und denen die Kinder überlassen wurden. Teilweise erlebten die Kinder sexualisierte Gewalt auch in ihren Familien. Vor allem den Mädchen wurde Vergewaltigung oft als Zeichen ihrer Verdorbenheit ausgelegt. Sie waren selbst schuld, in den Augen der Erzieher, aber auch in den Augen der Gesellschaft.

Die Gesellschaft schaute weg

Die Zustände in den Heimen wurden in einer kleinen Fachöffentlichkeit ab den 1960er Jahren diskutiert. Für die mit Wirtschaftswunder und Verdrängung beschäftigte deutsche Gesellschaft waren sie kein Thema. Schläge galten sowieso noch als normal. Die an die Nazizeit erinnernden Erziehungsmethoden betrafen ja nur einen kleinen Teil der Kinder – und hatten die es nicht verdient? Erst Mitte der 1970er Jahre gab es im Zuge der Studentenbewegung eine öffentliche Empörung über die Zustände in den pädagogischen Einrichtungen. Aber es dauerte noch einmal fast ein Vierteljahrhundert, bis die Opfer Gehör fanden. Betroffene brachten eine Petition im Deutschen Bundestag ein. Daraufhin wurde 2009 ein Runder Tisch Heimerziehung (RTH) ins Leben gerufen und auf dessen Vorschlag hin ein Fonds Heimerziehung aufgelegt (für die BRD und die ehemalige DDR getrennt). Mit dem Geld sollten Folgeschäden aus der Heimerziehung gemildert und für die in den Heimen erzwungene Arbeit der Jugendlichen Rentenersatzleistungen gewährt werden. Zur Abwicklung dieser Ansprüche wurden in den Bundesländern Anlauf­ und Beratungsstellen eingerichtet, die zum einen die Ansprüche prüfen sollten, zum anderen aber auch umfassende Beratungsleistungen erbringen konnten. Die Anlauf­- und Beratungsstellen nahmen ihre Arbeit in den alten Bundesländern Anfang 2010 auf und wurden befristet bis zum 31.12.2018. Die ausgehandelten Fondsleistungen wurden von den betroffenen Aktivisten und Aktivistinnen sehr kritisch gesehen. Sie konnten sich mit ihren weitergehenden Forderungen aber nicht gegen die Trägervertreter und die Politik durchsetzen. In Bayern meldeten sich rund 3.000 Betroffene bei der Anlauf­ und Beratungsstelle. Rund 2.600 erhielten Sachleistungen in Höhe von je maximal 10.000 Euro und/oder Rentenersatzleistungen für Arbeit im Heim, für die keine Sozialversicherungsbeiträge geleistet worden waren. Die bayerische Anlauf­- und Beratungsstelle wird in verkleinerter Form weiter bestehen. Geld gibt es nicht mehr zu verteilen, aber Beratung und Unterstützung können ehemalige Heimkinder weiter erhalten.

Kann man mit diesen Kindheitserfahrungen leben, erwachsen werden, altern?

Sigrid Maier wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges als Flüchtlingskind geboren. Durch den Krieg hatte die Arztfamilie alles verloren. In Süddeutschland war die Familie „Flüchtlingspack“. Nach der Rückkehr des Vaters aus der Gefangenschaft trennten sich die Eltern. Sigrid und ihr Bruder kamen in ein kirchliches Heim. Sigrid musste sich mit 20 anderen Mädchen einen großen Schlafsaal teilen. Die Kinder bekamen wenig zu essen, nur das Nötigste an Kleidung. Sie wurden häufig geschlagen, das Essen wurde den Kindern teilweise gewaltsam eingeflößt. Die Heimkinder besuchten die Dorfschule. Sigrid, die ständig Hunger litt, aber stark war, prügelte sich für die Kinder aus dem Dorf und bekam dafür manchmal eine Semmel. Eine Heimerzieherin war zu Sigrid besonders brutal. Sigrid nahm sich vor, wie Tarzan zu werden, sich nichts anmerken zu lassen, was das Personal zu immer mehr Strafen veranlasste. Immer wieder stand die Drohung im Raum, in ein „richtig schlimmes Heim“ umziehen zu müssen. Nachts im Bett tröstete sich Sigrid mit Fantasiegeschichten und träumte sich in ein anderes Leben. Mit zehn Jahren durfte Sigrid zum Vater ziehen, der zum zweiten Mal verheiratet war. Sigrid verstand sich mit der Stiefmutter nicht und wurde als 13-Jährige wieder in ein kirchliches Heim geschickt. Dort wurde zwar nicht geprügelt, aber die Kinder mussten viel arbeiten: endlose Gänge schrubben, Plumpsklos sauber machen, in der Küche und im Garten arbeiten. Auch hier wurde damit gedroht, in ein noch schlimmeres Heim verlegt zu werden, wenn sie die Arbeit verweigerte. Sigrid absolvierte die acht Pflichtjahre der Volksschule und begann dann eine Lehre als Verkäuferin. Auf dem zweiten Bildungsweg holte sie verschiedene Abschlüsse nach und ist beruflich erfolgreich. Persönliche Beziehungen, Freundschaften sind aber schwierig. Sigrid bleibt lieber für sich. Auch in ihrer Ehe, die nach einiger Zeit geschieden wurde, lebte sie nicht mit, sondern neben ihrem Mann. Diese emotionale Distanz begleitet sie ihr ganzes Leben. Sigrid leidet seit vielen Jahren an heftigen Migräneattacken. Sie hat kaputte Füße als Folge davon, dass sie als Kind nie passende Schuhe bekam, und führt ihre Schlafstörungen darauf zurück, dass sie schon im Heim nicht schlafen konnte, um möglichst die Kontrolle zu behalten. Sigrid fürchtet sich davor, im Alter jemandem zur Last fallen zu müssen oder gar in ein Altenheim ziehen zu müssen und dann wieder der Willkür des Personals ausgeliefert zu sein. Einsamkeit, Misstrauen gegenüber Institutionen und Armut begleiten viele der ehemaligen Heimkinder ein Leben lang. Einige sind straffällig geworden, andere haben Zeiten der Obdachlosigkeit erlebt. Viele kämpfen mit psychischen Erkrankungen. Aber es gibt auch die Kämpfernaturen, die die mangelnden Bildungsabschlüsse aus der Jugend später auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt haben, die Karriere gemacht haben, die in Beziehung leben konnten. Wie stark die Heimgeschichte das weitere Leben beeinflusste, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Entscheidend ist, in welchem Alter die Kinder ins Heim kamen, wie lange sie dortbleiben mussten und welches Ausmaß an Gewalt sie erlebt haben. Kinder, die gar keinen Rückhalt, gar keine Familie hatten, liefen Gefahr, besonders der Willkür des Personals ausgeliefert zu sein. Klaus Müller hat keine Karriere gemacht. Aber er hat zusammen mit seiner Frau zahlreiche Pflegekinder aufgenommen und großgezogen. Mittlerweile gibt es Pflege­-Enkelkinder, eine große, bunte Familie. Die gesundheitlichen Folgen der Misshandlungen haben Klaus immer zu schaffen gemacht. Im Alter wird das noch spürbarer. Vor Pflegebedürftigkeit, vor erneuter Abhängigkeit hat auch er große Angst.

1 Mosser, Peter; Dill, Helga; Hackenschmied, Gerhard; Straus, Florian: Heimkinder zwischen 1949 und 1975 und die Beratungs­ und Unterstützungsarbeit der bayerischen Anlaufstelle (im Rahmen des Fonds Heimerziehung). München 2018. Eine Kurzfassung des Berichts ist als PDF unter https://www.blja.bayern.de/hilfen/ehemalige­heimkinder/ verfügbar.