Goldene Geigen

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Auch wenn kein einziger unserer Verkäufer – alle in den besten Jahren, also Ü40 – im schulpflichtigen Alter ist, begegnet uns das Thema Schule und Ausbildung öfter. Wir begleiten nicht nur die Kinder unserer Verkäufer, deren Entwicklung wir erleben, auch der kleine und größere Nachwuchs von Familien in unserem Aktionsfeld findet sich regelmäßig im BISS-Büro ein. Denn traditionell werden vorgelegte Schulzeugnisse nach folgendem bewährten Vorgehen honoriert: Für ein „sehr gut“ gibt es sechs Euro, für „gut“ immerhin vier Euro und selbst ein „befriedigend“ bringt noch zwei Euro. Aber auch eine gute Bemerkung im Zeugnis wirkt sich mit einem Aufschlag aus, sodass alles zusammen, die Belohnung und das Interesse an ihren Schulnoten, den Kindern etwas bringt und sie fürs nächste Jahr anspornt. Wenn im Laufe der Jahre aus den Kindern schon fast junge Erwachsene geworden sind, ergibt sich manchmal ein Gespräch mit unserem Sozialarbeiter, der gerade denjenigen, die sich mit dem Lernen zunächst schwertun, dazu rät, erst einmal eine berufliche Ausbildung zu machen. Genau das hat die Tochter von Herrn U., einem unserer Verkäufer, getan – sie ist jetzt fertige Kinderpflegerin und hat eine solide Basis für ihren weiteren Weg. Gerade diejenigen Eltern, die selbst erfahren haben, dass ohne Schul- und Berufsabschluss kaum Fuß zu fassen ist, wünschen sich für ihre Kinder ein besseres Leben. Der Politik kann man jedoch in Sachen Chancengleichheit nur die Note „Sechs“, ein „ungenügend“ geben, denn in Deutschland werden Kinder, denen im Elternhaus keine „goldenen Geigen“ hinterhergetragen werden, viel zu wenig unterstützt. Das ist ungerecht und schadet allen, sowohl den benachteiligten Menschen als auch dem Land, denn da geht ein Potenzial an klugen Köpfen verloren, das kann sich eine Gesellschaft bei den Herausforderungen in allen Politikbereichen – Bildung, Klima, Verkehr, Rente – nicht leisten. Dort braucht es gescheite, tatkräftige und menschenfreundliche Frauen und Männer, wie eigentlich überall im Leben. Mich begeistert es besonderes, wenn jemand in einem späten Anlauf noch einen Abschluss hinbekommt und wir gratulieren dürfen. So wie Frau H., die ihre drei Kinder alleine großgezogen hat und ihren Wunschberuf Kinderpflegerin nicht erlernen konnte. Jetzt ist sie Hauswirtschafterin, staatlich anerkannt mit Urkunde – das war für alle Beteiligten eine große Freude. Denen, die im September in der Schule oder in den Betrieben neu anfangen, wünschen wir BISSler einen guten Start!

Herzlichst Karin Lohr, Geschäftsführerin