Ruhet sanft

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

In diesem Jahr sind einige ältere BISS-Verkäufer gestorben. Schon im Januar starb Frau J., unsere langjährige Verkäuferin am Hauptbahnhof. Trotz ihrer 82 Jahre kam ihr Tod für alle, die sie kannten, überraschend. Denn wie andere wirklich hochbetagte Menschen schien Frau J. schon seit ein paar Jahren überhaupt nicht mehr zu altern. Im Gegenteil, an guten Tagen, wie auf der BISS-Weihnachtsfeier im Jahr zuvor, trug sie einen roten Pullover und war bester Laune, was sie beides um mindestens zehn Jahre jünger aussehen ließ. Unser Verkäufer Herr S. vom Sendlinger­Tor­Platz starb im Februar in Ecuador, als er seine Familie besuchte. Obwohl er krank war, hatte er bei seiner Abreise nicht mit seinem baldigen Tod gerechnet. Erst nach ein paar Wochen fanden wir mithilfe der deutschen und der italienischen Botschaft heraus, dass er nicht mehr lebte. Auf Fotos, die uns seine Tochter geschickt hat, sieht man, dass er seine letzten Tage wohl ganz zufrieden im Kreis seiner Familie verbracht hat. Seinen Münchner Kollegen und Freunden hat es geholfen, Bilder von der Beisetzung zu sehen, weil uns das erst begreifen ließ, dass er nie wieder nach München zurückkehrt. Wir korrespondieren per E-Mail mit seiner Tochter in Ecuador, auch weil wir uns dafür einsetzen, dass sie das Geld aus einem Sparvertrag ihres Vaters bekommt, für den er als angestellter Verkäufer vermögenswirksame Leistungen einbezahlt hat. Im Übrigen hatten weder Frau J. noch Herr S. ein Telefon. Wer etwas von ihnen wollte, musste sich persönlich zu ihrem jeweiligen Standplatz begeben. Gut möglich, dass die damit verbundene komplette Abwesenheit von sogenannten sozialen Medien in ihrem Leben dazu führte, dass beide trotz schwieriger Lebensumstände in ein real existierendes Netzwerk eingebunden waren. Dazu gehörten nicht nur die Kollegen von BISS, sondern auch Kunden und Bekannte, die sich kümmerten, gelegentlich kleinere Dienste übernahmen und noch Monate später anriefen und fragten, wo denn Frau J. oder Herr S. geblieben seien. Stirbt ein Verkäufer, der zu Lebzeiten die Totenfürsorge an BISS übertragen hat, kümmert sich BISS um ein Begräbnis nach den Wünschen des Verstorbenen bis hin zur Beisetzung in unserem BISS-Grab auf dem Ostfriedhof. Für unsere Verkäufer ist es eine große Erleichterung, zu wissen, dass für sie in jedem Fall eine würdevolle Trauerfeier mit Musik, Blumen und Leichenschmaus ausgerichtet wird. Am BISS-Grab brennen fast immer Kerzen, nicht nur an Allerheiligen, die zeigen, dass man die, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, nicht vergessen hat.

Herzlichst

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin