Jede dritte Ehe?

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wer wie ich in den 80er-Jahren an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Soziologie mit dem Vertiefungsfach Bevölkerungssoziologie studierte, tat das bei Professor Karl Martin Bolte. Nach Bolte, Jahrgang 1925 und mittlerweile verstorben, ist die „Bolte-Zwiebel“ benannt, eine grafische Darstellung des sozialen Aufbaus der Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik. Ich erinnere mich an Boltes angenehmen Umgangston und daran, dass er für einen Soziologen erstaunlich bodenständig und sportlich war, wie man auch bei gelegentlichen Betriebsausflügen des Forschungsbereichs feststellen konnte. Schnell vorbei war es jedoch mit Boltes Liebenswürdigkeit, wenn man in einer Vorlesung oder Prüfung ohne nachzudenken etwas behauptete, weil man das so „irgendwo“ gelesen hatte. Der Klassiker war die Aussage, jede dritte Ehe würde wieder geschieden. Ihm reichte es dann nicht, dass man beflissen zurückruderte, sondern er wollte schon genau erklärt haben, weshalb das so falsch ist. In aller Kürze für diejenigen, die das möglicherweise auch meinen oder sogar gelegentlich noch schreiben: Es wird irrtümlich die Zahl der Scheidungen in einem Jahr in Bezug gesetzt zur Zahl der Eheschließungen in dem gleichen Jahr. Es sind aber nicht dieselben Menschen, die beispielsweise 2018 heiraten und sich 2018 scheiden lassen (Hollywoodstars und Lothar Matthäus sind statistisch gesehen eher die Ausnahme und vernachlässigbar). Man weiß seit Langem, dass für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und in Europa die sogenannten Wanderungsbewegungen von Menschen entscheidend sind. Sie sind bestimmender als etwa die Entwicklung der Geburtenzahlen und der Sterblichkeit in einem Land. In der Vergangenheit und auch in der Gegenwart haben sich Menschen in Europa und auf der Welt dahin bewegt, wo sie hofften zu überleben oder ein besseres Leben führen zu können. Wenn also manche Politiker sowohl bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin als auch im bayerischen Wahlkampf wider besseres Wissen behaupten, eine „Lösung der Flüchtlingsfrage“ wäre möglich, so ist das unlauter. Natürlich muss die Politik alle Möglichkeiten nutzen, Einfluss zu nehmen, aber sie darf nicht behaupten, mit den Mitteln von gestern die Welt von vorgestern auferstehen zu lassen. Gute Politiker haben mit guten Wissenschaftlern gemeinsam, dass sie aufklärerisch und streitbar sind – nicht nur zum Wohle der Wähler ihres Wahlkreises, sondern indem sie die Menschen miteinbeziehen, die von ihren Entscheidungen betroffen sind.

Herzlichst

 

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

2018 – wir lassen uns überraschen!

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

So verlockend ein neues Jahr ist, weil noch vieles offen und daher fast alles möglich scheint, so weiß man doch, dass vor allem solche Dinge passieren werden, die man sich am Jahresanfang noch nicht vorstellen kann. Bei den eher unerfreulichen Vorkommnissen ist das ein Vorteil, denn man erfährt noch früh genug, wenn beispielsweise ein BISS-Verkäufer ernsthaft erkrankt oder ein anderer aufgrund einer persönlichen Krise plötzlich von heute auf morgen keine Zeitungen mehr verkaufen kann. Sehr viel häufiger passiert es jedoch, dass wir bei unserer alltäglichen Arbeit aufs Erfreulichste überrascht werden davon, wie gut sich arme und benachteiligte Menschen entwickeln, wenn jemand an sie glaubt und Zeit und Geld investiert, damit diese Menschen zum Zahnarzt gehen, einen Schulabschluss nachholen oder endlich in eine eigene Wohnung ziehen können. Und dann gibt es noch diejenigen Münchnerinnen und Münchner, die für nahezu jede Überraschung gut sind. Wie etwa jener BISS-Leser, der an einem Sommertag vergangenen Jahres in unser Büro in die Metzstraße kam und sagte, er hätte eine kleine Einzimmerwohnung zu vermieten, ob dafür bei uns Bedarf bestünde? Wir wären dem freundlichen Herrn fast um den Hals gefallen vor Freude, und so kam es, dass schon nach kurzer Zeit einer der Bewohner der BISS-Wohngemeinschaft in seine eigene Wohnung ziehen konnte. Bei einem unserer wichtigsten Vorhaben, armen und sozial benachteiligten Menschen zu bezahlbarem Wohnraum zu verhelfen, ziehen die Straßenzeitung BISS und die Stiftung BISS an einem Strang. Wie sehr es dabei vorwärtsgeht, können Sie in dem Beitrag „5 Wohnungen, 2 Geschichten“ (ab Seite 22) lesen. Und dann möchte ich Sie auch auf unser 25-jähriges Jubiläum in diesem Jahr aufmerksam machen. Wir arbeiten mit Volldampf an wirklich tollen Projekten und Aktionen. Eines davon ist ein Dokumentarfilm, für den der renommierte Filmemacher Wolfgang Ettlich und sein Team seit drei Jahren vier unserer Verkäufer mit der Kamera begleiten. Außerdem bereiten wir ein weiteres aufregendes Projekt vor, das noch nicht ganz spruchreif ist, weil zum jetzigen Zeitpunkt nicht alle erforderlichen Genehmigungen vorliegen. Wenn es, wie wir hoffen bald, so weit ist, werden wir wieder auf Sie zukommen, denn dieses Projekt ist für alle unsere klugen, engagierten und großzügigen Leser, Freunde und Unterstützer gedacht, mit deren Hilfe BISS in der Lage ist, alle Überraschungen zu meistern. Im Namen aller BISSler wünsche ich Ihnen ein gutes und gesundes neues Jahr 2018!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

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