Bessere Zeiten

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

München brummt: Die Einwohnerzahl steigt und im Großraum München leben mittlerweile 2,9 Millionen Menschen. Die Stadt ist ein attraktiver Standort für Unternehmen, der Arbeitsmarkt ist entsprechend gut, und die Arbeitslosenquote liegt bei unter fünf Prozent. Trotzdem bleibt ein „harter Kern“ von langzeitarbeitslosen Menschen, die zur Sicherung ihres Lebensunterhalts vom Jobcenter eine Grundsicherung für Arbeitssuchende („Hartz IV“) beziehen. Sie verfügen nicht über das Profil, das Arbeitgeber in der Regel fordern: eine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung, gute Deutsch- und IT-Kenntnisse, keine gesundheitlichen Einschränkungen, und gern sollten sie jünger als 50 Jahre und berufserfahren sein. Nun fördert die Stadt München seit Mitte der 1980er-Jahre das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm (MBQ), bei dem Menschen in einem von rund 30 sozialen Betrieben das nachholen können, was ihnen erfahrungsgemäß bei ihrem Einstieg in den Arbeitsmarkt hilft. Im besten Fall ist das ein beruflicher Abschluss, aber auch zertifizierte Teilqualifizierungen helfen weiter. Vor allem aber arbeiten und lernen die Menschen in einem betrieblichen Umfeld, in dem sie regelmäßige soziale Kontakte zu Kollegen und zu Kunden haben. Man weiß, dass das alles zusammen langfristig viel mehr bringt als beispielsweise ein zweiwöchiges Bewerbungstraining oder ein Computerkurs. Für diejenigen, die auch langfristig nur in einem geschützten Rahmen beschäftigt werden können, gäbe es einen dritten Arbeitsmarkt, wenn der erst in München richtig anlaufen würde. Den sollte der zuständige Referent zur Chefsache erklären, wie er es beim Bierpreis fürs Oktoberfest vorgemacht hat! Daher ist es ein gutes Zeichen, dass der scheidende Chef der Bundesagentur für Arbeit deutlich sagt, dass es besser ist, arbeitslosen Menschen Arbeit statt Hartz IV zu bezahlen. Sein Nachfolger, ein ausgewiesener Arbeitsmarktexperte, kündigte bei seinem Amtsantritt ein Reformprogramm an. Die Arbeitsmarktpolitik des Bundes hat in den letzten Jahren die finanziellen Mittel für langzeitarbeitslose Menschen drastisch gekürzt. Schätzungsweise nur jeder zehnte konnte überhaupt an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen, das ist viel zu wenig. Bei der Arbeitsförderung gilt, wie woanders meist auch, „viel hilft viel“, denn man muss richtig investieren in die Menschen, damit sie den Anschluss schaffen. Eine Gesellschaft muss sich dafür starkmachen, dass auch diejenigen, die aktuell arbeitslos und in einer Krise sind, auf Unterstützung und so begründet auf eine bessere Zukunft hoffen können!

Herzlichst

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Kopenhagen – Skopje – München

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Vor Kurzem habe ich im Kino den Film „Noma“ gesehen, der einen Blick hinter die Kulissen des angeblich besten Restaurants der Welt erlaubt. Mir hat er ganz gut gefallen, obwohl ich grundsätzlich bezweifle, dass ein weltbestes Restaurant überhaupt in Kopenhagen, also in Dänemark, und nicht in Italien sein kann. Bei einigen Filmszenen, als es in der Küche besonders hektisch zugeht, habe ich mich an meine Ausbildung im Hotelfach erinnert. Damals haben Küchenchefs noch mit Pfannen und Tellern geworfen. Tempi passati, wie man in Italien, wo das „Noma“ ja nicht ist, sagen würde. Der Film hat einen dramatischen Höhepunkt, als sich 63 Gäste nach einem Essen in diesem Restaurant mindestens den Magen verstimmt, wenn nicht sogar mit dem Norovirus angesteckt haben. Das Team des Sternerestaurants nimmt diesen Vorfall erst recht als Anlass, um zu zeigen, wie sauber und gründlich sie in der Küche arbeiten. Bemerkenswert finde ich, dass der Küchenchef, Sohn eines mazedonischen Einwanderers und einer dänischen Mutter, weltweit gefeiert wird dafür, dass er die nordische Küche nicht nur neu, sondern überhaupt erst erfunden hat. Nun weiß ich aufgrund unserer Kooperation mit der mazedonischen Straßenzeitung „LiceVLice“, dass Mazedoniern vieles zuzutrauen ist. Es waren die mazedonischen Kollegen, die vergangenes Jahr, unterstützt von BISS, einen ihrer Verkäufer, einen jungen Roma, fest angestellt haben. Trotz schwieriger politischer und wirtschaftlicher Bedingungen vor Ort. Die mazedonische Straßenzeitung muss jeden Monat ums Überleben kämpfen, und die Verantwortlichen sind froh, wenn wieder eine neue Ausgabe erscheinen kann. In einer davon ist als Hommage an BISS sogar unser Cover zum 20-jährigen Jubiläum mit kyrillischen Untertiteln abgedruckt. Das erwähnte Norovirus hat uns BISSler verschont. Dafür hatte uns ein ehemaliger Verkäufer angezeigt. Die Anschuldigungen haben sich als haltlos erwiesen, das Verfahren der Staatsanwaltschaft München wurde im Oktober 2016 eingestellt. Wir haben überlegt, ob wir dieses Thema überhaupt wieder aufgreifen sollen, auch weil es schon länger zurückliegt. Wir tun es jetzt (Seiten 24 bis 26), weil wir daran den ganzen Sachverhalt sowie die Grundlagen unserer Arbeit richtig darstellen und zeigen können, was wir schon immer gesagt haben: Bei BISS ist alles in Ordnung! Vor allem können wir bösen Märchen das wirkliche Leben entgegensetzen, und in dem spielen 100 Verkäufer, davon 52 fest angestellt, die Hauptrolle!

 

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

P.S. Ich wünsche Ihnen schöne Frühlingstage!

Obergrenzen

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wie in jeder Ausgabe gibt es auch in unserem Märzheft die Seite mit den Patenuhren, auf der alle angestellten Verkäufer und ihre Paten genannt sind. Es sind jetzt tatsächlich 51 Frauen und Männer, die einen festen Arbeitsvertrag mit BISS abgeschlossen haben; das ist ein neuer Rekord in der Geschichte von BISS! Die Frage nach einer Obergrenze hat sich hier noch niemand ernsthaft gestellt, denn das bringt keinen, der zu uns kommt und Hilfe in der Not sucht, weiter. Es stimmt natürlich schon, mehr Verkäufer im Außendienst bedeuten für die Mitarbeiter im Innendienst auch mehr Arbeit, weil für jeden die monatliche Abrechnung erstellt und eine MVV-Fahrkarte ausgegeben werden muss und auch sonst diverse Anliegen bearbeitet werden. Ebenfalls gut ausgelastet ist unser Sozialarbeiter, denn mit jedem Neuen wird ein individueller Hilfeplan entwickelt, wobei die Wohnungssuche und die medizinische Versorgung erfahrungsgemäß besonders dringlich sind. Bei unseren monatlichen Verkäufersitzungen haben wir uns in den vergangenen Jahren so beholfen, dass wir einfach immer noch einen weiteren Stuhl dazugestellt haben. So mancher Passant, der während des Treffens an unserem Büro im Erdgeschoss in der Metzstraße vorbeigegangen ist, wird sich wohl gewundert haben, wie viele Menschen in einem nicht sehr großen Büro Platz finden. Aber wie immer, wenn man muss, findet sich auch eine Lösung. So durften wir für unser letztes Treffen den Saal der Abtei St. Bonifaz nutzen. Das war, insbesondere für die älteren Verkäufer mit Gehhilfen und unsere beiden Rollstuhlfahrer, viel angenehmer und eine deutliche Verbesserung. BISS ist stolz, so vielen Menschen helfen zu können. Unsere Verkäufer haben Zugang zu lebensnotwendigen Hilfen, ein Einkommen und soziale Kontakte zu ihren Kunden und Kollegen. Populistische Politiker in Bayern, Europa und Amerika tun so, als könne man mit Obergrenzen, Mauern um Länder oder gar um Kontinente wirksam etwas gegen die Flucht von Millionen von Menschen aus Kriegsgebieten tun. Wo hingegen bleiben strikte Obergrenzen für Waffenexporte, Ressourcenverschwendung und Ausbeutung? Wir erwarten von einer seriösen Politik, dass sie Ursachen bekämpft, auch wenn das mühsam ist und nicht in jedem Fall gelingen kann. Dafür haben sich Politiker wählen lassen und dafür zahlen wir Bürger Steuern, und wir wollen, dass das Geld sinnvoll verwendet wird, vor allem für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen. Nicht nur im eigenen Vorgarten, sondern auf der ganzen Erde!

Herzlichst

 
 
 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Hilfe zur Selbsthilfe

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr Foto: Sascha Kletzsch

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wer in der Sozialpolitik „Hilfe zur Selbsthilfe“ fordert, bekommt in der Regel nur eifrige Zustimmung und keinen Widerspruch. Verständlich ist der Wunsch, dass Menschen wie Frau X., langzeitarbeitslos und alleinerziehende Mutter von drei halbwüchsigen Kindern, die von BISS unterstützt wird, möglichst bald aus eigener Kraft für sich und ihre Familie sorgen kann. Kommt man jedoch zu den konkreten Hilfsangeboten, durch die ein Mensch den Ausweg aus dem Fürsorgesystem finden kann, werden die Meinungen eher kontrovers. Da gibt es viele, die die staatliche Sozialpolitik bereits jetzt für überbeansprucht halten und in einer zunehmend privat organisierten Mildtätigkeit die Lösung sehen. Dazu gehören etwa die Tafeln, bei denen übrige Lebensmittel aus Supermärkten kostenlos an Bedürftige verteilt werden, aber auch Initiativen, die das Sammeln und Verwerten von Pfandflaschen auf die Beine stellen. Unserer Erfahrung nach verbessern diese Aktionen an der Lebenssituation von Menschen wie Frau X. nichts Grundlegendes. So führt eine Tüte zusätzlicher Lebensmittel pro Woche eben nicht dazu, dass Frau X. eine berufliche Weiterbildung anstrebt, die ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz jedoch deutlich verbessern würde. Im Gegenteil, Frau X. hat sich mehr schlecht als recht in ihrer Zwangslage eingerichtet, und sie aus der wieder rauszuholen wird umso schwieriger, je länger sie dauert. Und doch gibt es Möglichkeiten: Denn eine Sozialpolitik, die ihren Namen verdient, muss die armen und ausgegrenzten Menschen immer wieder ansprechen und versuchen sie zu aktivieren. Das geht nicht zum Nulltarif, denn eine gute Schulbildung, die vorbeugend wirkt, lässt sich nur mit genügend Lehrpersonal und ordentlichen Schulgebäuden realisieren. Ebenso gehört dazu eine Gesundheitspolitik, die nicht kampflos hinnimmt, dass viel zu viele Bürger aufgrund von Fehlernährung und zu wenig Bewegung immer übergewichtiger werden. Wie schlimm es wird, wenn sich die Politik aus ihrer Verantwortung stiehlt und hilfebedürftige Menschen ihrem Schicksal überlässt, beschreibt in dieser Ausgabe ab Seite 22 unsere Kollegin Suzanne Hanney von der Straßenzeitung „StreetWise“ in Chicago. In Illinois verhindert ein republikanischer Populist absichtlich einen Haushaltsplan und die Auszahlung von Geld, zum Schaden bedürftiger Menschen. Wo eine befähigende Bildungs-­ und Sozialpolitik in Deutschland bereits umgesetzt ist und wie sie noch optimiert werden kann, beschreibt der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes Georg Cremer in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Armut in Deutschland“. Wir sind froh, dass BISS dank der großzügigen Spenden seiner Paten, Freunde und Gönner armen und bedürftigen Menschen nachhaltig helfen kann. Sozialpolitik ersetzen kann das aber nicht.

Herzlichst

Karin Lohr 1

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin