Obergrenzen

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wie in jeder Ausgabe gibt es auch in unserem Märzheft die Seite mit den Patenuhren, auf der alle angestellten Verkäufer und ihre Paten genannt sind. Es sind jetzt tatsächlich 51 Frauen und Männer, die einen festen Arbeitsvertrag mit BISS abgeschlossen haben; das ist ein neuer Rekord in der Geschichte von BISS! Die Frage nach einer Obergrenze hat sich hier noch niemand ernsthaft gestellt, denn das bringt keinen, der zu uns kommt und Hilfe in der Not sucht, weiter. Es stimmt natürlich schon, mehr Verkäufer im Außendienst bedeuten für die Mitarbeiter im Innendienst auch mehr Arbeit, weil für jeden die monatliche Abrechnung erstellt und eine MVV-Fahrkarte ausgegeben werden muss und auch sonst diverse Anliegen bearbeitet werden. Ebenfalls gut ausgelastet ist unser Sozialarbeiter, denn mit jedem Neuen wird ein individueller Hilfeplan entwickelt, wobei die Wohnungssuche und die medizinische Versorgung erfahrungsgemäß besonders dringlich sind. Bei unseren monatlichen Verkäufersitzungen haben wir uns in den vergangenen Jahren so beholfen, dass wir einfach immer noch einen weiteren Stuhl dazugestellt haben. So mancher Passant, der während des Treffens an unserem Büro im Erdgeschoss in der Metzstraße vorbeigegangen ist, wird sich wohl gewundert haben, wie viele Menschen in einem nicht sehr großen Büro Platz finden. Aber wie immer, wenn man muss, findet sich auch eine Lösung. So durften wir für unser letztes Treffen den Saal der Abtei St. Bonifaz nutzen. Das war, insbesondere für die älteren Verkäufer mit Gehhilfen und unsere beiden Rollstuhlfahrer, viel angenehmer und eine deutliche Verbesserung. BISS ist stolz, so vielen Menschen helfen zu können. Unsere Verkäufer haben Zugang zu lebensnotwendigen Hilfen, ein Einkommen und soziale Kontakte zu ihren Kunden und Kollegen. Populistische Politiker in Bayern, Europa und Amerika tun so, als könne man mit Obergrenzen, Mauern um Länder oder gar um Kontinente wirksam etwas gegen die Flucht von Millionen von Menschen aus Kriegsgebieten tun. Wo hingegen bleiben strikte Obergrenzen für Waffenexporte, Ressourcenverschwendung und Ausbeutung? Wir erwarten von einer seriösen Politik, dass sie Ursachen bekämpft, auch wenn das mühsam ist und nicht in jedem Fall gelingen kann. Dafür haben sich Politiker wählen lassen und dafür zahlen wir Bürger Steuern, und wir wollen, dass das Geld sinnvoll verwendet wird, vor allem für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen. Nicht nur im eigenen Vorgarten, sondern auf der ganzen Erde!

Herzlichst

 
 
 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Hilfe zur Selbsthilfe

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr Foto: Sascha Kletzsch

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wer in der Sozialpolitik „Hilfe zur Selbsthilfe“ fordert, bekommt in der Regel nur eifrige Zustimmung und keinen Widerspruch. Verständlich ist der Wunsch, dass Menschen wie Frau X., langzeitarbeitslos und alleinerziehende Mutter von drei halbwüchsigen Kindern, die von BISS unterstützt wird, möglichst bald aus eigener Kraft für sich und ihre Familie sorgen kann. Kommt man jedoch zu den konkreten Hilfsangeboten, durch die ein Mensch den Ausweg aus dem Fürsorgesystem finden kann, werden die Meinungen eher kontrovers. Da gibt es viele, die die staatliche Sozialpolitik bereits jetzt für überbeansprucht halten und in einer zunehmend privat organisierten Mildtätigkeit die Lösung sehen. Dazu gehören etwa die Tafeln, bei denen übrige Lebensmittel aus Supermärkten kostenlos an Bedürftige verteilt werden, aber auch Initiativen, die das Sammeln und Verwerten von Pfandflaschen auf die Beine stellen. Unserer Erfahrung nach verbessern diese Aktionen an der Lebenssituation von Menschen wie Frau X. nichts Grundlegendes. So führt eine Tüte zusätzlicher Lebensmittel pro Woche eben nicht dazu, dass Frau X. eine berufliche Weiterbildung anstrebt, die ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz jedoch deutlich verbessern würde. Im Gegenteil, Frau X. hat sich mehr schlecht als recht in ihrer Zwangslage eingerichtet, und sie aus der wieder rauszuholen wird umso schwieriger, je länger sie dauert. Und doch gibt es Möglichkeiten: Denn eine Sozialpolitik, die ihren Namen verdient, muss die armen und ausgegrenzten Menschen immer wieder ansprechen und versuchen sie zu aktivieren. Das geht nicht zum Nulltarif, denn eine gute Schulbildung, die vorbeugend wirkt, lässt sich nur mit genügend Lehrpersonal und ordentlichen Schulgebäuden realisieren. Ebenso gehört dazu eine Gesundheitspolitik, die nicht kampflos hinnimmt, dass viel zu viele Bürger aufgrund von Fehlernährung und zu wenig Bewegung immer übergewichtiger werden. Wie schlimm es wird, wenn sich die Politik aus ihrer Verantwortung stiehlt und hilfebedürftige Menschen ihrem Schicksal überlässt, beschreibt in dieser Ausgabe ab Seite 22 unsere Kollegin Suzanne Hanney von der Straßenzeitung „StreetWise“ in Chicago. In Illinois verhindert ein republikanischer Populist absichtlich einen Haushaltsplan und die Auszahlung von Geld, zum Schaden bedürftiger Menschen. Wo eine befähigende Bildungs-­ und Sozialpolitik in Deutschland bereits umgesetzt ist und wie sie noch optimiert werden kann, beschreibt der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes Georg Cremer in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Armut in Deutschland“. Wir sind froh, dass BISS dank der großzügigen Spenden seiner Paten, Freunde und Gönner armen und bedürftigen Menschen nachhaltig helfen kann. Sozialpolitik ersetzen kann das aber nicht.

Herzlichst

Karin Lohr 1

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Alles neu

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr Foto: Sascha Kletzsch

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Das neue Jahr fängt auch dieses Mal am 1. Januar an, obwohl so ein Neuanfang in einem wärmeren und schöneren Monat, als es der Januar erfahrungsgemäß ist, viel einfacher wäre. Nicht ohne Grund heißt es nicht „Alles neu macht der Januar“, sondern eben „der Mai“, auf den man sich jetzt schon freuen kann, was leider die Angelegenheit nicht wesentlich beschleunigt. Zur Überbrückung der kommenden Wintermonate, so glaubt man gerne, tragen gute und vernünftige Vorsätze bei. Viel geeigneter dafür wären jedoch Pläne für schöne Reisen, abenteuerliche Vorhaben und überhaupt für solche Projekte, die eine Herausforderung sind, weil für alle Beteiligten etwas ganz Neues beginnt. So ist unsere BISS-Wohngemeinschaft, über die wir in dieser Ausgabe ausführlich berichten, nicht nur irgendein neues Projekt für BISS, sondern eine Herzensangelegenheit, bei der sich alle Akteure wünschen und nach Kräften bemühen, dass sie sich gut entwickeln wird. Am 1. November letzten Jahres sind zwei ehemals obdachlose BISS-Verkäufer in eine 3-Zimmer-Wohnung eingezogen, die von der Stiftung BISS gekauft und zu diesem Zweck vermietet wurde. Ein weiterer, ebenfalls vorher obdachloser Verkäufer kam einen Monat später hinzu, sodass es mittlerweile drei Herren sind, von denen jeder ein eigenes Zimmer bewohnt und sich mit seinen Mitbewohnern Bad und Küche teilt. Dank großzügiger Förderer konnte die Wohnung günstig erworben, hochwertig eingerichtet und wohnlich ausgestattet werden, damit sich die neuen Bewohner vom ersten Tag an wohlfühlen können. Unser Kooperationspartner, das H-Team, begleitet gemeinsam mit dem BISS-Sozialarbeiter die drei Herren unbürokratisch bei allem, was bei so einem Neustart notwendig ist: z.B. die Anmeldung beim KVR, die Pflege der gemeinschaftlich genutzten Räume sowie das Einrichten eines Dauerauftrags für die Mietzahlung. Geplant ist, dass unsere Verkäufer innerhalb eines Jahres in den sogenannten normalen Wohnungsmarkt überwechseln, wenngleich die hohen Mieten auf dem Münchner Wohnungsmarkt längst jede Normalität verloren haben. Projekte wie dieses sind bitter notwendig, denn sie bringen Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten von der Straße weg. Dass das Ganze nicht konfliktfrei verlaufen wird, ist nicht nur jenen Menschen bewusst, die irgendwann in ihrem Leben selbst in einer Wohngemeinschaft gelebt haben. Wir haben es gewagt, weil es in bestimmten Situationen notwendig ist zu handeln, auch wenn noch nicht jedes Detail festgelegt ist, und weil vom Diskutieren allein nichts vorangeht. Ihnen, liebe BISS-Leser, wünsche ich ein gutes neues Jahr, Courage und Glück bei Ihren Vorhaben!

Herzlichst

Karin Lohr 1

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

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