Hilfe zur Selbsthilfe

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr Foto: Sascha Kletzsch

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wer in der Sozialpolitik „Hilfe zur Selbsthilfe“ fordert, bekommt in der Regel nur eifrige Zustimmung und keinen Widerspruch. Verständlich ist der Wunsch, dass Menschen wie Frau X., langzeitarbeitslos und alleinerziehende Mutter von drei halbwüchsigen Kindern, die von BISS unterstützt wird, möglichst bald aus eigener Kraft für sich und ihre Familie sorgen kann. Kommt man jedoch zu den konkreten Hilfsangeboten, durch die ein Mensch den Ausweg aus dem Fürsorgesystem finden kann, werden die Meinungen eher kontrovers. Da gibt es viele, die die staatliche Sozialpolitik bereits jetzt für überbeansprucht halten und in einer zunehmend privat organisierten Mildtätigkeit die Lösung sehen. Dazu gehören etwa die Tafeln, bei denen übrige Lebensmittel aus Supermärkten kostenlos an Bedürftige verteilt werden, aber auch Initiativen, die das Sammeln und Verwerten von Pfandflaschen auf die Beine stellen. Unserer Erfahrung nach verbessern diese Aktionen an der Lebenssituation von Menschen wie Frau X. nichts Grundlegendes. So führt eine Tüte zusätzlicher Lebensmittel pro Woche eben nicht dazu, dass Frau X. eine berufliche Weiterbildung anstrebt, die ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz jedoch deutlich verbessern würde. Im Gegenteil, Frau X. hat sich mehr schlecht als recht in ihrer Zwangslage eingerichtet, und sie aus der wieder rauszuholen wird umso schwieriger, je länger sie dauert. Und doch gibt es Möglichkeiten: Denn eine Sozialpolitik, die ihren Namen verdient, muss die armen und ausgegrenzten Menschen immer wieder ansprechen und versuchen sie zu aktivieren. Das geht nicht zum Nulltarif, denn eine gute Schulbildung, die vorbeugend wirkt, lässt sich nur mit genügend Lehrpersonal und ordentlichen Schulgebäuden realisieren. Ebenso gehört dazu eine Gesundheitspolitik, die nicht kampflos hinnimmt, dass viel zu viele Bürger aufgrund von Fehlernährung und zu wenig Bewegung immer übergewichtiger werden. Wie schlimm es wird, wenn sich die Politik aus ihrer Verantwortung stiehlt und hilfebedürftige Menschen ihrem Schicksal überlässt, beschreibt in dieser Ausgabe ab Seite 22 unsere Kollegin Suzanne Hanney von der Straßenzeitung „StreetWise“ in Chicago. In Illinois verhindert ein republikanischer Populist absichtlich einen Haushaltsplan und die Auszahlung von Geld, zum Schaden bedürftiger Menschen. Wo eine befähigende Bildungs-­ und Sozialpolitik in Deutschland bereits umgesetzt ist und wie sie noch optimiert werden kann, beschreibt der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes Georg Cremer in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Armut in Deutschland“. Wir sind froh, dass BISS dank der großzügigen Spenden seiner Paten, Freunde und Gönner armen und bedürftigen Menschen nachhaltig helfen kann. Sozialpolitik ersetzen kann das aber nicht.

Herzlichst

Karin Lohr 1

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin