Die Richtigen

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wenn ich mich an die Stimmung bei bayerischen Landtagswahlen im letzten Jahrhundert erinnere, hat man sich unter Wählern auf die Frage, wen man denn wählen würde, gern mit einem Augenzwinkern zu verstehen gegeben, dass es schon „die Richtigen“ wären. Es gab unter den Zwinkerern nicht den geringsten Zweifel, dass das nur die CSU sein konnte, was den Bayern damals Wahlergebnisse wie den Russen heute bescherte. Allerdings gab es auch früher schon Abweichler wie meinen längst verstorbenen Großvater, der, obwohl weder Zahnarzt noch Unternehmensberater, nach eigenem Bekunden mindestens einmal FDP gewählt hat. Was ihm heute sicher nicht mehr passieren würde. Aus meinen früheren Zweifeln an der CSU und deren Politik ist mit unserem Vorhaben Hotel BISS fast Verzweiflung geworden. Von 2001 bis 2011 hat sich der gemeinnützige Verein BISS darum bemüht, das ehemalige Frauengefängnis am Neudeck 10 von seinem Besitzer, dem Freistaat Bayern, zu kaufen. Wir wollten das denkmalgeschützte Gebäude in ein erstklassiges Hotel zum Zweck der Ausbildung von benachteiligten jungen Erwachsenen umwandeln. Die bayerische Regierung, bestehend aus CSU und ein bisschen FDP, jedoch schlug die Immobilie 2011 in einem Bieterverfahren einem kommerziellen Investor zu (siehe Seiten 22 bis 24). Der damalige Finanzminister Markus Söder antwortete auf eine Anfrage der Stiftung BISS zum tatsächlich bezahlten Kaufpreis, man könne keine Auskunft geben, weil man nicht „vom Schutzgedanken gegenüber dem Vertragspartner“, also dem Käufer abweichen wolle. Schutzbedürftig sind jedoch nicht Investoren, sondern die Menschen, darunter vor allem diejenigen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht selber helfen können. Der bayerische Staat ist ein Rechts-, Kultur- und Sozialstaat, der dem Gemeinwohl dient. Das bestimmt die bayerische Verfassung. Wir BISSler haben also begründete Zweifel, dass sich die bayerische CSU- Regierung wirklich mit aller Kraft anstrengt, die Lebenschancen von ärmeren und schwächeren Menschen im Freistaat zu verbessern. Nicht Almosen sind gefragt, sondern die berühmte Hilfe zur Selbsthilfe, die bewirkt, dass jemand irgendwann einmal wieder ohne Unterstützung seinen Weg machen kann. Die „Richtigen“ unter den zur Wahl stehenden Politikern können also nur solche in Bayern sein, deren Handeln dazu führt, dass jeder Mensch einen Platz hat in der Gesellschaft, mit einem Dach über dem Kopf und Arbeit. Das Ziel sind gerechte Lebensverhältnisse für alle, dafür machen wir uns stark.

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Auf der Zielgeraden

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Bei Projekten, die einen langen Vorlauf und zunächst ein ungewisses Ende haben, gibt es erfahrungsgemäß einen Moment, in dem man realisiert, dass jetzt die damit verbundenen Wünsche und Erwartungen tatsächlich in Erfüllung gehen. Bei unserem Projekt zum 25-jährigen Jubiläum von BISS, der Errichtung eines Kunstwerks auf dem Wittelsbacherplatz, gab es für mich einige solche Momente, aber einer wird mir ganz besonders in Erinnerung bleiben: als der Bauleiter der Firma Lutzenberger, die die Kunstskulptur errichtet (siehe Seiten 20 und 21), präzise im Lageplan markierte, wo die Zufahrt auf die Baustelle erfolgen soll – im Herzen der Stadt. Damit wird wahr, wofür sich ein großartiges Team zwei Jahre lang engagiert eingesetzt hat: BISS hat die Chance, an einem prominenten Ort von 30. Juni bis 13. Oktober mit der Stadtgesellschaft über die Ursachen von Armut und Obdachlosigkeit ins Gespräch zu kommen. Mit den Mitteln der Kunst wollen wir ein Zeichen setzen dafür, dass eine solidarische Gesellschaft, in der auch die Schwächeren ihren Platz haben, durch ein gemeinsames und vertrauensvolles Miteinander möglich ist. Und seien Sie unbesorgt, trotz unseres anspruchsvollen Kunstprojekts heben wir nicht ab. Denn unser normaler Alltag läuft weiter. Es kommen nahezu täglich Menschen zu uns, die Arbeit, Wohnung und Hilfe in einer Krise suchen. An dem Tag, als die Zufahrt zur Baustelle festgeschrieben wurde, war auch Familie M. am Ziel ihrer langen Suche nach einer Wohnung und unterschrieb den Mietvertrag. Durch eine schwere Erkrankung des Vaters hatte die Familie mit zwei kleinen Töchtern ihr regelmäßiges Einkommen verloren und wohnte zuletzt in einer Notunterkunft in einem einzigen Zimmer. Die Chance, auf dem normalen Wohnungsmarkt fündig zu werden, war gleich null. Dank großzügiger Gönner und langjähriger Förderer von BISS, die eine größere Wohnung zu einer moderaten Miete anboten, kann die Familie, die ihr Glück kaum fassen konnte, umziehen. In den vergangenen 25 Jahren konnte BISS dank Ihrer Unterstützung vielen Menschen helfen. Deshalb, liebe Freunde, feiern Sie mit uns und unseren Verkäufern bei strahlender Laune unser spektakuläres Geburtstagsgeschenk, mit dem wir unserer Stadt und allen ihren Bürgern für ihre Treue und Großzügigkeit danken möchten. Nehmen Sie sich die Zeit und geben Sie uns die Ehre – schauen Sie diesen Sommer auf dem Wittelsbacherplatz vorbei!

Herzlichst

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Annus mirabilis

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Nur auf den ersten Blick haben Königin Elisabeth II. von England und die Münchner Straßenzeitung BISS keine Gemeinsamkeiten. Denn Königin Elisabeth, Jahrgang 1926, ist dieses Jahr im April tatsächlich schon 92 Jahre alt geworden und sie spricht in der Regel Englisch. Wohingegen wir von BISS, gegründet 1993, nahezu jugendlich frisch in diesem Jahr unser 25-jähriges Jubiläum feiern und uns meist auf Deutsch unterhalten. Beide sind wir jedoch die Ältesten – die Queen als Königin von England und BISS als professionelle Straßenzeitung Deutschlands. Und beide sind wir vor Ort die Einzigen oder besser gesagt einzigartig, die Queen in UK sowieso und BISS sogar weltweit als diejenige Straßenzeitung, die von ihren 100 Verkäufern aktuell 51 mit unbefristeten Arbeitsverträgen fest angestellt hat. Das ist ein Anlass, richtig zu feiern, und das haben wir mit der Premiere unseres Films „BISS und die Angst vorm Fliegen“, Wolfgang Ettlichs filmischer Langzeitbeobachtung von vier BISS-Verkäufern, auf dem Münchner Dokumentarfilmfestival erst begonnen! Der Film ist vom Münchner Publikum begeistert aufgenommen worden und es hat uns sehr gefreut, dass sich auch viele unserer Verkäufer den Film im Kino angesehen haben. Und es geht fulminant weiter, denn ab 12. Juni wird anlässlich des BISS-Jubiläums das Kunstwerk „I will be with you, whatever“ der britischen Künstler von Studio Morison auf dem Wittelsbacherplatz errichtet. Schon seit Wochen fertigen die Arbeiter der Firma Lutzenberger in Pfaffenhausen die 1.400 Einzelteile, die zu einer tonnenschweren Skulptur verbunden werden, die das Denkmal von Maximilian I. teilweise verhüllen wird. Das ist der Auftakt zu einem großartigen Programm mit vielen offenen Veranstaltungen, die den ganzen Sommer über auf dem Wittelsbacherplatz stattfinden werden (siehe S. 22 bis 25). Es gibt viele Gelegenheiten zu feiern, sei es das offene Singen immer donnerstags oder die Gesprächsrunden sonntags, an die eine Führung anschließen wird. Wir freuen uns auf Sie, schauen Sie doch vorbei! Zur Eröffnung am Samstag, den 30. Juni möchte ich Sie ebenfalls im Namen aller BISSler herzlich einladen. Drücken Sie mit uns die Daumen, dass es um 14 Uhr nicht regnet, oder jedenfalls nur ein bisschen. Das BISS-Jubiläumsjahr wird fantastisch, ein „annus mirabilis“ würde die Queen möglicherweise sagen, mit der uns genau betrachtet auch unser Motto „I will be with you, whatever“ verbindet. Denn aufgeben tut weder sie noch BISS, auch wenn’s mal stürmisch wird!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Kunst ist schön

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

… macht aber viel Arbeit. Das wusste schon Karl Valentin, dem dieses Bonmot zugeschrieben wird. Für unser spektakuläres Vorhaben zum 25-jährigen Jubiläum von BISS trifft das in besonderem Maße zu: Denn auf dem Wittelsbacherplatz errichtet das britische Künstlerkollektiv Studio Morison unter dem Motto „I will be with you, whatever“ eine Skulptur um das Denkmal von Kurfürst Maximilian I., der dort (im Moment noch unbehelligt) zu Pferde sitzt. Was wir in unserer Januarausgabe erst andeuten konnten, ist jetzt spruchreif. Seit Ende März liegen alle erforderlichen Genehmigungen vor. Bis es so weit war, hatten nicht nur BISS und die Künstler alle Hände voll zu tun, sondern auch die öffentliche Verwaltung, angefangen bei der Kunstkommission und der Denkmalschutzbehörde über das staatliche Bauamt, die Regierung von Oberbayern, die Lokalbaukommission und das Baureferat bis zur Branddirektion und dem Kreisverwaltungsreferat. Wir danken allen Beteiligten an dieser Stelle für die fachliche Beratung und die Unterstützung! BISS wird mit der Skulptur und vielen tollen Veranstaltungen von 30. Juni bis voraussichtlich Mitte Oktober 2018 auf dem Wittelsbacherplatz präsent sein. Über das Programm halten wir Sie im Heft und im Internet auf dem Laufenden. Unser zweites Jubiläumsprojekt ist der Dokumentarfilm „BISS und die Angst vorm Fliegen“. Der Filmemacher Wolfgang Ettlich und sein Team haben vier relativ neue BISS-Verkäufer von 2015 bis 2017 mit der Kamera begleitet und zeigen im Film, wie es jedem von ihnen ergeht. Die Premiere ist im Mai auf dem Münchner DOK.fest Premiere (Vorführtermine Seite 23). Vielleicht haben Sie Gelegenheit, ihn sich anzuschauen. Die Protagonisten sind nach Möglichkeit bei den Vorstellungen anwesend und beantworten gerne im Anschluss Ihre Fragen. So unterschiedlich unsere Projekte auch sind, sie zeigen beide, dass man Geduld haben muss, weil sich Vorhaben und Menschen entwickeln und dafür Zeit brauchen. Und man sieht, dass man mit der Unterstützung anderer weiter kommt, als man das als Einzelkämpfer tun würde. Die Künstler von Studio Morison, Heather Peak und Ivan Morison, haben ganz am Anfang mal gesagt, dass sie für BISS so wie für die Tate Modern arbeiten würden, sie würden etwas wirklich Schönes – „something really beautiful“ – schaffen. Das hat uns total überzeugt. Denn mit diesem Geschenk wollen wir unseren Dank und unsere Wertschätzung ausdrücken für die BISS-Verkäufer und überhaupt für alle Münchnerinnen und Münchner. Wir würden uns freuen, wenn Sie in diesem Sommer den Weg zum Wittelsbacherplatz fänden. Dann werden Sie mit eigenen Augen sehen, dass Kunst in diesem Fall richtig schön ist!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

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