Annus mirabilis

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Nur auf den ersten Blick haben Königin Elisabeth II. von England und die Münchner Straßenzeitung BISS keine Gemeinsamkeiten. Denn Königin Elisabeth, Jahrgang 1926, ist dieses Jahr im April tatsächlich schon 92 Jahre alt geworden und sie spricht in der Regel Englisch. Wohingegen wir von BISS, gegründet 1993, nahezu jugendlich frisch in diesem Jahr unser 25-jähriges Jubiläum feiern und uns meist auf Deutsch unterhalten. Beide sind wir jedoch die Ältesten – die Queen als Königin von England und BISS als professionelle Straßenzeitung Deutschlands. Und beide sind wir vor Ort die Einzigen oder besser gesagt einzigartig, die Queen in UK sowieso und BISS sogar weltweit als diejenige Straßenzeitung, die von ihren 100 Verkäufern aktuell 51 mit unbefristeten Arbeitsverträgen fest angestellt hat. Das ist ein Anlass, richtig zu feiern, und das haben wir mit der Premiere unseres Films „BISS und die Angst vorm Fliegen“, Wolfgang Ettlichs filmischer Langzeitbeobachtung von vier BISS-Verkäufern, auf dem Münchner Dokumentarfilmfestival erst begonnen! Der Film ist vom Münchner Publikum begeistert aufgenommen worden und es hat uns sehr gefreut, dass sich auch viele unserer Verkäufer den Film im Kino angesehen haben. Und es geht fulminant weiter, denn ab 12. Juni wird anlässlich des BISS-Jubiläums das Kunstwerk „I will be with you, whatever“ der britischen Künstler von Studio Morison auf dem Wittelsbacherplatz errichtet. Schon seit Wochen fertigen die Arbeiter der Firma Lutzenberger in Pfaffenhausen die 1.400 Einzelteile, die zu einer tonnenschweren Skulptur verbunden werden, die das Denkmal von Maximilian I. teilweise verhüllen wird. Das ist der Auftakt zu einem großartigen Programm mit vielen offenen Veranstaltungen, die den ganzen Sommer über auf dem Wittelsbacherplatz stattfinden werden (siehe S. 22 bis 25). Es gibt viele Gelegenheiten zu feiern, sei es das offene Singen immer donnerstags oder die Gesprächsrunden sonntags, an die eine Führung anschließen wird. Wir freuen uns auf Sie, schauen Sie doch vorbei! Zur Eröffnung am Samstag, den 30. Juni möchte ich Sie ebenfalls im Namen aller BISSler herzlich einladen. Drücken Sie mit uns die Daumen, dass es um 14 Uhr nicht regnet, oder jedenfalls nur ein bisschen. Das BISS-Jubiläumsjahr wird fantastisch, ein „annus mirabilis“ würde die Queen möglicherweise sagen, mit der uns genau betrachtet auch unser Motto „I will be with you, whatever“ verbindet. Denn aufgeben tut weder sie noch BISS, auch wenn’s mal stürmisch wird!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Kunst ist schön

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

… macht aber viel Arbeit. Das wusste schon Karl Valentin, dem dieses Bonmot zugeschrieben wird. Für unser spektakuläres Vorhaben zum 25-jährigen Jubiläum von BISS trifft das in besonderem Maße zu: Denn auf dem Wittelsbacherplatz errichtet das britische Künstlerkollektiv Studio Morison unter dem Motto „I will be with you, whatever“ eine Skulptur um das Denkmal von Kurfürst Maximilian I., der dort (im Moment noch unbehelligt) zu Pferde sitzt. Was wir in unserer Januarausgabe erst andeuten konnten, ist jetzt spruchreif. Seit Ende März liegen alle erforderlichen Genehmigungen vor. Bis es so weit war, hatten nicht nur BISS und die Künstler alle Hände voll zu tun, sondern auch die öffentliche Verwaltung, angefangen bei der Kunstkommission und der Denkmalschutzbehörde über das staatliche Bauamt, die Regierung von Oberbayern, die Lokalbaukommission und das Baureferat bis zur Branddirektion und dem Kreisverwaltungsreferat. Wir danken allen Beteiligten an dieser Stelle für die fachliche Beratung und die Unterstützung! BISS wird mit der Skulptur und vielen tollen Veranstaltungen von 30. Juni bis voraussichtlich Mitte Oktober 2018 auf dem Wittelsbacherplatz präsent sein. Über das Programm halten wir Sie im Heft und im Internet auf dem Laufenden. Unser zweites Jubiläumsprojekt ist der Dokumentarfilm „BISS und die Angst vorm Fliegen“. Der Filmemacher Wolfgang Ettlich und sein Team haben vier relativ neue BISS-Verkäufer von 2015 bis 2017 mit der Kamera begleitet und zeigen im Film, wie es jedem von ihnen ergeht. Die Premiere ist im Mai auf dem Münchner DOK.fest Premiere (Vorführtermine Seite 23). Vielleicht haben Sie Gelegenheit, ihn sich anzuschauen. Die Protagonisten sind nach Möglichkeit bei den Vorstellungen anwesend und beantworten gerne im Anschluss Ihre Fragen. So unterschiedlich unsere Projekte auch sind, sie zeigen beide, dass man Geduld haben muss, weil sich Vorhaben und Menschen entwickeln und dafür Zeit brauchen. Und man sieht, dass man mit der Unterstützung anderer weiter kommt, als man das als Einzelkämpfer tun würde. Die Künstler von Studio Morison, Heather Peak und Ivan Morison, haben ganz am Anfang mal gesagt, dass sie für BISS so wie für die Tate Modern arbeiten würden, sie würden etwas wirklich Schönes – „something really beautiful“ – schaffen. Das hat uns total überzeugt. Denn mit diesem Geschenk wollen wir unseren Dank und unsere Wertschätzung ausdrücken für die BISS-Verkäufer und überhaupt für alle Münchnerinnen und Münchner. Wir würden uns freuen, wenn Sie in diesem Sommer den Weg zum Wittelsbacherplatz fänden. Dann werden Sie mit eigenen Augen sehen, dass Kunst in diesem Fall richtig schön ist!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Schweigende Lämmer?

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wenn bei BISS besonders anspruchsvolle Fragen auftauchen, arbeiten wir gerne mit ausgewiesenen Experten zusammen, so im Sozialrecht, wenn beispielsweise einem hilfebedürftigen Menschen aus nicht nachvollziehbaren Gründen Leistungen gekürzt oder gestrichen werden. Oder mit tollen Architekten und Handwerkern für den Fall, dass wir wieder eine Wohnung möglichst schön, energetisch sinnvoll und kostengünstig renovieren wollen. Einer unserer Lieblingsexperten ist ein Professor für Sozialmedizin und Psychiatrie, mit dem wir regelmäßig interne Fortbildungen halten. Schon beim allerersten Treffen gelang es ihm, mit seiner Aufforderung an die Anwesenden – „Sie können mich jetzt das fragen, was Sie schon immer einen Psychiater fragen wollten“ – das Eis zu brechen, und im Laufe der Jahre hat sich eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit entwickelt. Für diese Fortbildungen bereiten die Sozialarbeiter ihre Einzelfälle vor, die mit viel Fachwissen und Erfahrung im Hintergrund intensiv in der Runde diskutiert werden. Es ist so besser zu verstehen, warum Menschen sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, aber auch, wo Grenzen liegen oder wo welche durch professionelle Helfer gesetzt werden müssen. Richtig gut finde ich, dass immer die Not der betroffenen Menschen im Mittelpunkt steht und dass der Blick auf den Einzelnen nicht abwertend, sondern wohlwollend ist. Im Übrigen verträgt unsere Gesellschaft durchaus „Verrücktes“, nicht zuletzt auch, weil die Grenze zwischen einer ausgeprägten Persönlichkeit und einer Störung häufig nicht genau zu ziehen ist. Die Folgen einer psychischen Erkrankung hängen jedoch von den Lebensumständen eines Menschen ab, denn arme und sozial benachteiligte Menschen verlieren schneller ihren Job, und wenn es ganz schlecht läuft, auch Familie, Freunde und die Wohnung. Bei BISS gelingt manchen wieder ein normales Leben, dank festen Arbeitsplätzen, Generalsanierung und unseren tollen Netzwerken, zu denen auch Käufer und Stammkunden gehören. Kürzlich haben fünf unserer Verkäufer und ein Mitarbeiter vom Innendienst in einem ganztägigen Training geübt, wie sie konfliktreiche Situationen entschärfen, mit gewaltbereiten Personen umgehen und sich selbst schützen können. Das ist von Vorteil an einem öffentlichen Arbeitsplatz, bei dem man nicht die Türe hinter sich zumachen kann. Jeder Teilnehmer bekam als Anerkennung eine Urkunde überreicht. Erfreulicherweise sind BISS-Leser dafür bekannt, zwar nicht lammfromm, aber freundliche und friedliche Menschen zu sein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Ostern und schöne Frühlingstage!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Tuttifrutti

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Einmal im Monat treffen sich alle BISS-Verkäufer zu der Verkäufersitzung und einem gemeinsamen Frühstück. Die letzten Male haben wir dafür frischen Obstsalat gemacht aus Äpfeln, Bananen, Weintrauben, und am Schluss ein bisschen Zitronensaft dazu, damit die Früchte ihre Farbe behalten und appetitlich ausschauen. Von Birnen haben wir abgesehen, die sind erfahrungsgemäß zu hart oder schon matschig, obwohl so eine schöne, reife Birne geschmacklich gut in einen Obstsalat passen würde. Wer wollte, konnte einen Bio-Naturjoghurt dazu essen, die vollfette Variante, weil die schön geschmeidig schmeckt. Warum diese Mühe, werden sich manche fragen. In erster Linie soll es unseren Verkäufern gut schmecken und für Abwechslung im Angebot sorgen. Das ist für arme und benachteiligte Menschen nicht unbedingt eine alltägliche Erfahrung, denn sie essen viel zu häufig, was billig und einfach verfügbar ist und schnell satt macht. Das Zuviel an Zucker, Fett und Zusatzstoffen macht langfristig krank, wobei arme Menschen laut einschlägigen Studien gesundheitlich schlechter gestellt sind als diejenigen, die von Kindheit an im Elternhaus und in der Schule erfahren, wie es besser geht. Im Unterschied zu früher steht man beim Einkaufen einer enormen Menge an industriell produzierten Nahrungsmitteln gegenüber. Niemand kommt jedoch mit dem Wissen zur Welt, dass etwa eine mikrowellenfertige Rinderroulade auf dem Teller bei Weitem nicht so appetitlich aussieht, wie sie auf der Packung abgebildet ist. Verbraucherinitiativen wie Foodwatch fordern eine bessere Kennzeichnung, beispielsweise eine Lebensmittelampel auf jeder Packung, die auf einen Blick zeigt, wie es mit Fett, Salz oder Geschmacksverstärkern bestellt ist. Das hat die Lebensmittelindustrie durch massive Lobbyarbeit verhindert. Manchmal scheint es, als ob nicht nur die Tiere in dem System der Massenproduktion für maximalen Profit ausgebeutet werden, sondern auch die Menschen, die erst die Produkte kaufen und danach die Medikamente, die gegen die Folgen von Fehlernährung helfen sollen. In unserer Kolumne „Was uns verbindet“ auf Seite 5 hat das Ulrike Mascher, die Präsidentin des Sozialverbandes VDK, auf den Punkt gebracht. Sie sagt, dass Politik in Wirklichkeit unser Leben bestimmt und deshalb auch so wichtig ist. Das finden wir auch, weil Politik den verbindlichen Rahmen setzt, der insbesondere die Schwächeren schützt. Handeln und entscheiden tun die Menschen dann selbst. Wie beim Obstsalat, vielleicht beim nächsten Mal mit ein paar Granatapfelkernen oder einem Minzblatt?

Herzlichst

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

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